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EIN OUIJA-BRETT MIT AUTOMATISIERTER AUSLESUNG: Ein Ouija-Brett mit automatisierter Auslesung


skeptiker - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 12.06.2020

Ein quantitativer Fortschritt, mehr aber auch nicht


Auf dem Nachrichtenportal grenzwissenschaft-aktuell.de berichtete der Autor Andreas Müller (2019) im August 2019 über ein Ouija-Brett mit einer automatisierten Aufzeichnung der Bewegungen der Teilnehmenden. Der Titel des Beitrages, „Mehr als nur Ideomotorik?“, macht neugierig auf das, was dahinter steht. Eckhard Kruse (2019a) hat das Gerät entwickelt, beschrieben und auszugsweise wenige Daten veröffentlicht, die seiner Meinung nach Ideomotorik als alleinige Ursache für die Bewegungen ausschließen. Der Begriff Ideomotorik bezeichnet winzige, unbewusste ...

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Bildquelle: skeptiker, Ausgabe 2/2020

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... und von der Vorstellung geleitete Bewegungen. Eckhard Kruse hat Informatik studiert, auf dem Gebiet der Robotik und Bildverarbeitung zum Dr.-Ing. promoviert und ist seit 2008 Professor für Angewandte Informatik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mannheim. Doch bevor ich zu seiner Erfindung und den neuen Daten komme, mache ich einen Ausflug in die Geschichte. Wer den Klugen Hans und das Ouija-Brett schon gut kennt, mag gerne die nächsten beiden Teile überschlagen und direkt auf S. 71 weiterlesen.

Der Kluge Hans

Lassen Sie mich Sie in das Berlin um die vorletzte Jahrhundertwende mitnehmen und Ihnen den Klugen Hans vorstellen (siehe Abb. S. 70). Im Hintergrund rechts steht sein Trainer, Wilhelm von Osten (1838 – 1909). Er war Volksschullehrer und hatte 1900 einen Hengst (Hans) gekauft, dem er unter anderem das Rechnen beibrachte. Zwischen 1900 und 1904 wurden Hans‘ Leistungen in Berlin unentgeltlich vorgeführt. Die Lösungen von Rechenaufgaben stampfte Hans mit seinem Huf, zuerst die Zehnerstelle, dann die Einerstelle.

Ein klassisches Ouija-Brett


Foto: Adobe Stock - euthymia

Der „kluge Hans“ wird geprüft.


Foto: Wikimedia Commons - Xocolatl. Aus: Karl Krall: Denkende Tiere (1907)

Der Großwildjäger und Abenteuerautor Carl Georg Schillings („Mit Blitzlicht und Büchse“) empfahl, eine Untersuchungskommission zum Testen von Hans‘ Leistungen zusammenzustellen. Die Leitung der Kommission erhielt der Gründer des Psychologischen Instituts Berlin, Prof. Carl Stumpf. Da Hans auch in Abwesenheit von Herrn von Osten überzufällig häufig korrekt antwortete, zog die Kommission 1904 den Schluss, dass keinerlei Tricks im Spiel waren. Aber was sonst?
Mit der Lösung dieses Rätsel wurde Stumpfs Mitarbeiter Oskar Pfungst (1874 – 1932) bekannt. Durch Blindtests fand er heraus, dass Hans nur dann überzufällig gut antwortete, wenn der Fragesteller die Antwort kannte. Wie macht man einen solchen Blindtest mit einem Pferd? Zum Beispiel, indem ihm einer eine Zahl ins linke Ohr flüstert, ein anderer ins rechte Ohr und es laut bittet, die beiden Zahlen zu addieren. Dann kann niemand außer Hans im Augenblick des Tests die richtige Antwort wissen, aber man kann sie natürlich hinterher ermitteln. Nach einer Serie weiterer Tests (unter anderem mit einer Sichtblockade zwischen Frager und Pferd) kam Pfungst (1907) zu dem Schluss, dass das kluge Tier gelernt hatte, auf kleinste Signale der Menschen in seiner Umgebung, beispielsweise eine winzige Bewegung des Kopfes kurz vor der erwarteten Antwort, zu reagieren. Diese ganz leichten, kaum zu entdeckenden Bewegungen waren den Fragern selbst nicht bewusst. Pfungst nannte sie Ausdrucksbewegungen, weil sie Ausdruck eines Gedankens oder einer Erwartung waren. Hans war also (im heutigen psychologischen Sprachgebrauch) darauf konditioniert worden, beim Entdecken einer Ausdrucksbewegung das Aufstampfen mit dem Huf einzustellen. Ins Englische wurden Ausdrucksbewegungen als ideomotor movements übersetzt und heißen somit im modernen Psychologisch ideomotorische Bewegungen. Ebenfalls gebräuchlich ist der Ausdruck Carpenter-Effekt (Carpenter 1852). Einen guten Überblick über alte und neue Theorien zu diesem Effekt liefern Shin, Proctor und Capaldi (2010). Überall dort, wo eine physisch labile Vorrichtung oder Anordnung durch minimale, den Teilnehmern unbewusste Eigenbewegungen in sichtbare Bewegungen versetzt werden kann, bietet sich der Effekt als Erklärung an: Wünschelrutengehen, Pendeln, Gläserrücken, Tischrücken, Ouija-Brett, automatisches Schreiben (mit einer Planchette), Kinesiologie und Gestützte Kommunikation (facilitated communication) (Hyman, 2007). In diesem Artikel geht es nur um das Ouija-Brett und insbesondere um eine Neuerung daran.
Doch bevor ich dazu komme, wollen Sie sicherlich wissen, was aus Hans wurde. Wilhelm von Osten vermachte Hans nach seinem Tod 1909 dem Elberfelder Kaufmann Karl Krall (zweiter v. r. in Abb. S. 70), der ähnliche Trainingsstudien auch mit anderen Pferden durchführte und fest an einen wissenschaftlichen Durchbruch glaubte (Krall 1912). Die Elberfelder Pferde fanden erwartungsgemäß auch wissenschaftliche Bewunderer, die ihnen reale Denkleistungen attestierten (Ziegler 1915). Diese vielversprechenden Forschungen wurden aber 1916 jäh abgebrochen, da die Pferde zur Teilnahme am 1. Weltkrieg requiriert wurden1. In den Kriegswirren verliert sich auch die Spur von Hans.

Das Ouija-Brett

Ein Ouija-Brett (Hexenbrett, Wahrsagebrett) können Sie für knapp über 10 Euro, aber auch aus handbearbeitetem Holz für 300 Euro erwerben. Auf ihm sind typischerweise die Zahlen von 0 bis 9, das Alphabet, die Wörter „Ja“ und „Nein“ und eine Exit-Option („Danke“) abgebildet (Abb. S. 69). Dazu gehört eine Planchette, ein dreibeiniges, leichtes und leicht zu bewegendes Tischchen (oft aus Holz und in Herzform) mit einem Loch in der Mitte oder einem Stift (Zeiger). Dieses wird auf das Ouija-Brett gestellt. Die Teilnehmenden an einer Sitzung berühren die Planchette, während sie verstorbene Angehörige, mutmaßliche Geister oder andere Entitäten befragen. Die Bewegungen der Planchette zu den aufgedruckten Symbolen hin werden als Antworten interpretiert. Manche Menschen machen dies als lustiges Partyspiel, andere als sinnstiftende Lebensberatung.
Wie lässt sich die Erklärung durch ideomotorische Bewegungen auf das Ouija-Brett anwenden? Halb bewusste oder unbewusste kleine Bewegungen der naiven Teilnehmenden, im Einzelfall sicher auch bewusstes, planmäßiges Steuern einer Person, führen zu einer Bewegung der Planchette, die bei Ja-Nein-Fragen den Erwartungen bzw. Hoffnungen der Teilnehmenden entspricht. So wird die Frage „Bist Du die Seele einer Verstorbenen?“ vermutlich zu einem „Ja“ hinführen. Fragen mit offener Antwort („Wie heißt du?“) werden spätestens ab dem ersten Buchstaben (z. B. „M“) durch die Interaktionen der Mitspielenden („Meine Uroma hieß Martha“) in eine sinnstiftende Richtung gelenkt. Buchstabierfehler werden großzügig übersehen und „Ratschläge“ erhalten durch den Barnum-Effekt2 eine hohe subjektive Gültigkeit. Bördlein (2000) berichtet, dass der Barnum-Effekt schon seit fast einem Jahrhundert in Deutschland bekannt war, wenn auch zunächst unter anderem Namen. Spätestens durch Forer (1949) wurde er auch international bekannt.

Ein Ouija-Brett mit automatisierter Aufzeichnung

Kruses (2019a) Neuerung, um die es hier geht, ist eine automatisierte Auslesung der Bewegungen der Planchette. Die Idee dahinter ist, zum einen die Datengewinnung mit dem Ouija-Brett deutlich zu beschleunigen, und zum anderen nicht nur die Endpunkte der Bewegungen aufzuzeichnen, sondern auch deren genaue Form und Geschwindigkeit. Die Interaktion mit Ouija-Brettern ist üblicherweise recht langsam. Deshalb gab es immer wieder Versuche, den Prozess durch teilweise oder vollständige Automatisierung zu beschleunigen. Typischerweise war die Absicht dahinter eher spielerisch (z. B. Macintoshs „first computerized Ouija board“ namens Gypsy 19853). Kruses Apparatur allerdings ist mehr als nur ein Spielzeug. Mit ihr kann er Daten erheben, die seiner Meinung nach die übliche ideomotorische Erklärung widerlegen. Eine Kamera beobachtet das Ouija-Brett. Auf der Planchette sind zwei farbige Markierungen angebracht, mit deren Hilfe das System Position, Bewegungsrichtung, Geschwindigkeit und Beschleunigung der Planchette ablesen kann. Ein Buchstabe wird registriert, wenn die Planchette entweder für mindestens 150 Millisekunden auf dem Buchstaben bzw. innerhalb seiner Umrandung zum Stehen kommt oder sich die Bewegungsrichtung in einem scharfen Winkel (< 90 o) innerhalb des Zielfeldes eines Buchstabens ändert. Eine Registrierung wird den Teilnehmenden sofort akustisch rückgemeldet. Ein Worterkennungsprogramm (Deutsch oder Englisch, in Abhängigkeit von den Teilnehmenden) fügt zur besseren Lesbarkeit Leerzeichen ein. Ein Beispiel einer Textnachricht ist: BEINAHE SEID IHR DAS ERSTE MAL IN KONTAKT MIT UNS UND WIR SIND FROH DASS ES DIESMAL KLAPPT ZU KOMMUNIZIEREN IHR KOENNT UNS NICHT SEHEN ABER FUEHLEN UND WIR SIND BEREITS OEFTER BEI EUCH GEWESEN UM EUCH KENNENZULERNEN UND ZU LERNEN L MIT D EUCH ZU SPRECHEN HEUTE HAT ES GEKLAPPT UND WIR DANKEN EUCH FUER DIE MOEGLICHKEIT… Das Protokoll (file) einer Sitzung enthält die Fragen der Sitzungsteilnehmer, den ausgelesenen Text und synchron dazu die Bewegungsdaten der Planchette. In einem späteren Teil der Sitzungen wurden über druckempfindliche Sensoren auch die Bewegungen der Finger aufgezeichnet.


» Unbewusste kleine Bewegungen der Teilnehmenden führen zu einer Bewegung der Planchette. «


Die berichteten Daten

Ich habe ein wenig gezögert, das Wort „Daten“ zu benutzen, weil die berichteten Daten nur ein extrem kleiner Ausschnitt aller erhobenen Daten sind und keinerlei Gründe genannt werden, warum gerade dieser kleine Ausschnitt berichtet wird und nach wel- chen Maßstäben die Datenselektion durchgeführt wurde. Die Einschätzung von Müller (2019), dass Kruses Daten den „‘ideomotorischen Effekt‘ als alleinige Erklärung für die Bewegung der Planchette in Frage stellen“, ist in meinen Augen zumindest sehr verfrüht. Die Daten sind entnommen aus insgesamt 50 Sitzungen mit insgesamt 16 verschiedenen Teilnehmenden, meistens aber nur zweien (Kruse und seine Frau), die, „während andere den Tatort gucken, … regelmäßig und freudig den Sonntagabend zur Ouija- Plauderei mit der geistigen Welt“ nutzen (Kruse 2019b). Im Einzelnen werden folgende Ergebnisse berichtet: Vier Abbildungen mit Bewegungen der Planchette (ein extrem kleiner Bruchteil aller erhobenen Bewegungsmuster). In zweien dieser Abbildungen werden Muster unter verschiedenen Bedingungen verglichen. In einer Bedingung lässt ein Teilnehmer absichtlich ein dem anderen nicht bekanntes Wort erscheinen. In einer zweiten lassen beide einen verabredeten Text erscheinen. Die dritte Bedingung ist das klassische Ouija mit unbewusster Bewegung. Die Abbildungen sollen zeigen, dass das Ausmaß der Rotation in den beiden letzten Fällen ähnlich, aber geringer als in der ersten Bedingung ist.
1. Nach ungefähr einer halben Stunde erreicht die Buchstabiergeschwindigkeit ein Maximum von 40 Zeichen pro Minute.
2. Die Buchstabiergeschwindigkeit steigt nicht wesentlich mit der Position des Zeichens im Wort. Die Idee für diese Auswertung ist, dass je später im Wort ein Buchstabe erscheint, desto sicherer der nächste Buchstabe geraten werden kann.
3. Wenn alle Teilnehmenden die Augen schließen, hört das Buchstabieren praktisch sofort auf. Mindestens eine Teilnehmerin muss die Augen geöffnet haben und auf das Brett schauen, damit ein sinnvoller bzw. überhaupt ein Text entsteht. Die Textentstehung verlangsamt sich, wenn nicht alle Teilnehmenden auf das Brett schauen.
4. Durch spätere Messungen mit druckempfindlichen Sensoren an den Fingern konnte gezeigt werden, dass sich zuerst die Finger bewegen und dann erst die Planchette.

Kruses Interpretation kommentiert

Kruse ist mit der ideomotorischen Interpretation unzufrieden. Das kann ich gut nachvollziehen, da er hierzu nur Wikipedia zitiert (Kruse 2019b) und dem kurzen Text dort keine genauere Erläuterung des Prozesses zu entnehmen ist. Warum er sich damit begnügt, statt beispielsweise Shin et al. (2010) oder Stock und Stock (2004), die er sogar zitiert, zu Rate zu ziehen, bleibt sein Geheimnis. Gegen die ideomotorische Interpretation spricht für ihn die hohe Buchstabiergeschwindigkeit (Ergebnis 2, s. o.), die geringe Abhängigkeit der Zwischenze i t e n von der Buchstabenposition (Ergebnis 3, s. o.) und der Pfad der Bewegung, der bei der Ouija-Bedingung eher dem bei gemeinsam verabredetem, bewussten Buchstabieren entspricht (Ergebnis 1, s. o.). In seiner Sicht reicht die Zeit nicht für einen unbewussten Verhandlungsprozess (negotiation process) zwischen den Teilnehmern, der zu mehr Rotationsbewegungen und weniger zielgerichteten Bewegungen führen sollte. Wenn man sich den oben zitierten Text anschaut, erkennt man, dass in vielen Fällen nicht nur der nächste Buchstabe innerhalb eines Wortes, sondern auch das nächste Wort mit guter Wahrscheinlichkeit geraten werden kann. Ich interpretiere das hohe Tempo und die zielgerichteten Bewegungen als Folge davon, dass sich die Teilnehmenden (häufig Kruse und seine Ehefrau) sehr gut kennen und im Laufe der gemeinsamen Erfahrungen mit dem Ouija-Brett eine von beiden geteilte Erwartungshaltung über den Inhalt der Botschaften entwickelt haben. Genaueres zu sagen, lässt die Datenlage nicht zu, und die wird sich nicht verbessern: „the resulting database is not intended to be published“ (Kruse 2019a, S. 264), da viele Mitteilungen zu persönlich sind. Wir müssen also einem ganz kleinen Ausschnitt aller Ergebnisse und Kruses Auswahl unser Vertrauen schenken (oder vielleicht doch eher nicht?). Ergebnis 4 passt sehr gut zu einer ideomotorischen Interpretation. Der Kommentar von Kruse (2019a, S. 270), „apparently, some hand-eye coordination is required for Ouija“ und mehr Forschung darüber sei vonnöten, befriedigt mich wenig. Ergebnis 5 ist eine erfolgreiche Replikation des Befundes von Faraday (1853), dass die Planchette sich nur dann bewegt, wenn die Finger sich bewegen. Hier hat Kruse (2019a, S. 271) eine glänzende Bestätigung der ideomotorischen Theorie geliefert („the planchette is actually moved by the sitters“), was auch Müller (2019) so sieht. Kruse (2019b, S. 1) kommentiert diesen Befund folgendermaßen: „Auch ich würde nicht behaupten wollen, dass sich die Planchette ganz von alleine, aus eigener Kraft, bewegt. Doch auch wenn sie dafür den menschlichen Körper, unsere Muskelkraft benötigt, ist es nicht weniger spannend.“ Die Planchette (die geistige Welt) übernimmt unseren Körper, um mit uns kommunizieren zu können? Mit viel Phantasie und weit über spärliche Daten hinausgehend kann man das wohl so sehen, aber ich finde die übliche Interpretation sparsamer und erheblich besser fundiert. Zusätzlich lässt sich sagen, dass in der Parapsychologie immer wieder telekinetische Effekte, etwa über Bewegungen ohne direkten menschlichen Einfluss, berichtet werden. Kruses Geister scheinen davon wenig zu halten, wenn sie die menschlichen Muskelbewegungen zur Mitteilung nutzen müssen.


» Alter Wein in neuen Schläuchen «


Fazit

Kruse (1919a) berichtet über ein technisch eindrucksvolles, aber noch nicht ganz ausgereiftes System, bei dem die Gedankenführung von Kruse weit hinter seinen technischen Fähigkeiten zurückbleibt. Ein quantitatives Mehr an Daten bleibt qualitativ dünn und ist extrem stark selegiert. Es ist alter Wein in neuen Schläuchen, der wenig Anlass dazu gibt, an der üblichen skeptischen Erklärung zu zweifeln und sie in Einzelpunkten sogar stärkt. Kruses magisches Denken zeigt sich auch gut in einem anderen Zitat: „Man denke an den stolzen medizinischen Begriff ‚spontane Remission‘, der eine medizinisch unerklärliche Heilung bezeichnet. Der Begriff „Wunderheilung“ wäre viel treffender, verursacht aber bei Wissenschaftlern pickeligen Ausschlag wegen Esoterik-Allergie.“ (Kruse 2019b, S. 1). Der Begriff „Wunder“ ist eine Scheinerklärung für Denkfaule. Wenn man sich eine leicht zu findende Seite über Spontanremission bei Krebs4 anschaut (Spontanremissionen bei anderen Krankheiten wie beispielsweise Schnupfen sind viel häufiger, werden aber eher nicht als wundersam erlebt), kann man lesen, dass auch in diesen sehr seltenen, aber gut dokumentierten Fällen die Medizin sich nicht mit einem schulterzuckenden „Wissen wir nicht, kann nur ein Wunder sein“ zufrieden gibt, sondern intensiv nach wissenschaftlichen Erklärungen sucht. Dass solche Erklärungen noch nicht befriedigend ausfallen, heißt nicht, dass es keine rationale Erklärung geben kann. Wenn ich für etwas keine rationale Erklärung habe und „Wunder“ schreie, übersehe ich, dass eine solche Erklärung vielleicht schon vorliegt, ich sie aber noch nicht kenne. Außerdem kann es sein, dass eine Erklärung ohne jeden Bezug zum Irrationalen zwar noch nicht bekannt, aber denkbar ist. Die Verwendung des Begriffes „Wunder“ markiert das Ende jeder wissenschaftlichen und intellektuellen Neugier. Das Adjektiv „unerklärlich“, also „mit dem Verstand unter keinen Umständen zu erklären“ (statt beispielsweise „bisher nicht erklärt“), ist eine arrogante Wortwahl, die impliziert, dass eine Erklärung auf rationale Weise auch in Zukunft niemandem möglich sein wird. Der Erfolg der Wissenschaft ist darin begründet, dass zumindest manche Menschen nach dem Mittelalter nicht mehr bereit waren, sich mit irrationalen Scheinerklärungen für Phänomene in ihrer Umgebung zufrieden zu geben.
Die Erklärung des Ouija-Brett-Phänomens und anderer Phänomene durch ideomotorische Bewegungen ist gut etabliert und im Wesentlichen verstanden. Kruse hat in den von ihm sehr selektiv berichteten Daten manches gefunden, was sich ohne ideomotorische Effekte kaum erklären lässt. Beispielsweise bewegen sich die Finger vor der Planchette, und ohne Blickkontakt zum Brett kommen keine Botschaften zustande. Die Inhalte der Botschaften und die Wortwahl (Neologismen) ähneln den schon seit weit über einem Jahrhundert berichteten zum Verwechseln. Das hohe Tempo der Buchstabenfolge mag sich auf die Vertrautheit der Teilnehmerinnen miteinander zurückführen lassen, aber bei nur sehr selektiv berichteten Daten sollte man das nicht über die Maße ernst nehmen. Ich sehe in dem neuen Brett einen Fortschritt in quantitativer Hinsicht, denn es liefert schneller mehr von immer den gleichen alten Daten. Eine qualitative Verbesserung, die nach neuen Erklärungen verlangt, vermag ich nicht zu erkennen.

1 Ihr Einsatz als Packpferde unter Verzicht auf die Denkleistungen zeigt die Phantasielosigkeit oder vielleicht auch nur den Skeptizismus des deutschen Militärs.
2 „Neigung von Menschen, vage und allgemeingültige Aussagen über die eigene Person so zu interpretieren, dass sie als zutreffende Beschreibung empfunden werden“ (Wikipedia). Mehr dazu bei Bördlein (2000).
3 museumoftalkingboards.com/gypsy. html, Zugriff am 27.05 2020.
4 www.krebsinformationsdienst.de/ tumorarten/grundlagen/spontanheilung.php, Zugriff am 27.05.2020

Literatur

Bördlein, C. (2000): Frühe Forschungen zum „Barnum- Effekt“, Skeptiker 13(1), 44– 45.
Carpenter, W. B. (1852): On the influence of suggestion in modifying and directing muscular movement, independently of volition, Royal Institution of Great Britain, (Proceedings), 12. March, S. 147 – 153. Online: archive.org/details/b22377074.
Faraday, M. (1853): Experimental investigation of table- moving. Athenaeum, 1340, 801 – 803.
Forer, B. R. (1949): The fallacy of personal validation: a classroom demonstration of gullibility, The Journal of Abnormal and Social Psychology, 44, 118 – 123.
Hyman, R. (2007): Ouija, dowsing and other seductions of ideomotor action. In: S. Della Sala (Hg.): Tall Tales About the Mind and Brain: Separating Fact From Fiction, Oxford University Press (2007). Gekürzte Version: www.quackwatch.org/01QuackeryRelated- Topics/ideomotor.html.
Krall, K. (1912): Denkende Tiere. Beiträge zur Tierseelenkunde auf Grund eigener Versuche. Der kluge Hans und meine Pferde Muhamed und Zarif. Engelmann, Leipzig. Online: archive.org/stream/denkendetierebei00kral/ denkendetierebei00kral_djvu.txt.
Kruse, E. (2019a): A camera-based tracking system for Ouija research, Journal of Scientific Exploration, 33, 255 – 276.
Kruse, E. (2019b): Ouija von Prof. Dr. Eckhard Kruse, Basler Psi-Veranstaltungen, Vortrag am 24.01.2019, www.bpv.ch/blog/ouija-von-prof-dr-eckhardkruse/ Müller, A. (2019): Mehr als nur Ideomotorik? Technisches Überwachungssystem liefert neue Beobachtungen zum Ouija-Bord-Effekt, 23.08.2019, www.grenzwissenschaft- aktuell.de/mehr-als-nur-ideomotorik-technisches- ueberwachungssystem-liefert-neue-beobachtungen- zum-ouija-bord-effekt20190823/.
Pfungst, O. (1907): Das Pferd des Herrn Von Osten (Der Kluge Hans): Ein Beitrag zur experimentellen Tier- und Menschen-Psychologie, Leipzig, J .A. Barth (mehrere neuere Nachdrucke).
Shin, Y. K.; Proctor, R. W.; Capaldi, E. J. (2010): A review of contemporary ideomotor theory. Psychological Bulletin, 136(6), 943 – 974.
Stock, A.; Stock, C. (2004): A short history of ideo-motor action, Psychological Research, 68, 176 – 188.
Ziegler, H. E. (1915), Die Elberfelder Pferde, in: Gesellschaft für Tierpsychologie (Hg.), Die Seele des Tieres, 1915. Online: link.springer.com/chapter/ 10.1007/978-94-017-6528-2_2.

Prof. Dr. Wolfgang Hell hat in Frankfurt und Heidelberg Physik studiert und anschließend an sein Diplom im Bereich Wahrnehmungspsychologie in Konstanz promoviert. Nach seiner Habilitation auf dem Gebiet Aufmerksamkeit, ebenfalls in Konstanz, hat er in Münster eine Professur für Angewandte Psychologie angenommen. Schon seit langem interessiert er sich für Forschungsmethodik und für normale Erklärungen für scheinbar Paranormales und ist auch nach seiner Pensionierung diesen Interessen treu geblieben. Er ist Mitglied des Wissenschaftsrats der GWUP.