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Ein Rest Risiko


Welt am Sonntag Gesamtausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 34/2021 vom 22.08.2021

Haben Sie in den letzten Tagen oder Wochen eine Corona- Impfung bekommen?“ Diese Frage sollten Ärzte derzeit eigentlich vielen Patienten stellen. Warum, musste der Kardiologe Paul Biever erleben. Knapp 40 Jahre alt war die Frau, die vor ein paar Monaten wegen eines akuten Herzinfarkts in seine Uniklinik in Freiburg eingeliefert wurde. Ungewöhnlich jung, und irgendwie wollte nichts so recht zusammenpassen: weder Raucherin noch übergewichtig, auch sonst kaum Risikofaktoren, nicht einmal eine Gefäßverkalkung in den Herzkranzgefäßen. Stattdessen fand Biever Anzeichen einer Gerinnungsstörung, wie Mediziner sie sonst bei Sinusvenenthrombosen beobachten.

Gerade hatte sich herumgesprochen, dass Vaxzevria, der Impfstoff von Astra- Zeneca, in sehr seltenen Fällen ein solches Blutgerinnsel im Gehirn verursachen kann. Bievers Patientin hatte eine Woche vor ihrem Infarkt Vaxzevria erhalten. Zudem gab es erste ...

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... Berichte von Kollegen, dass sich ein solches Gerinnsel nicht nur im Gehirn, sondern auch in anderen Organen bilden könnte – vielleicht auch im Herz. „Wir waren also sensibilisiert“, sagt Biever. Ein Herzinfarkt als Impfkomplikation? Paul Biever meldete den Fall an das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), wie es das Infektionsschutzgesetz in Deutschland vorschreibt.

Dort werten Analysten die Berichte der Ärzte aus, ebenso die Fälle, die Betroffene und Angehörige selbst über ein Eingabeformular melden können. Zusammen mit internationalen Daten, etwa aus Israel und den USA, erhält man so ein Bild davon, welche Risiken die in Rekordzeit entwickelten Impfstoffe gegen Covid-19 bergen. Diese Analysen bilden die Grundlage für ein enormes Vertrauen – das Vertrauen von Milliarden Menschen, die sich einen solchen Impfstoff injizieren lassen.

„Keine Impfung wurde weltweit so gut nachverfolgt wie diese“, sagt Christine Falk von der Medizinischen Hochschule Hannover, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Am Freitag ist der bislang neueste Sicherheitsbericht des PEI erschienen, der die Daten bis zum 1. August umfasst. Mehr als 92 Millionen Impfdosen wurden in Deutschland in dieser Zeit injiziert. 131.671 Meldungen möglicher Impfkomplikationen hat man ausgewertet, 14.027 davon schwerwiegend.

Insgesamt sind in 1254 Verdachtsfällen die Patienten gestorben. In 48 Fällen hält das PEI einen kausalen Zusammenhang mit der jeweiligen COVID-19-Impfung für möglich oder wahrscheinlich. Oft aber lässt sich schlicht nicht sagen, ob die Impfung die Ursache war. Erhärten lässt sich ein Verdacht erst durch das Zahlenwerk der Statistiker – wenn sich bestimmte Erkrankungen nach einer Impfung häufen. In den vergangen Monaten haben die Analysten Impfkomplikationen wie die Sinusvenenthrombose durch Vektorimpfstoffe und Herzmuskelentzün- dungen bei jüngeren Patienten durch mRNA-Impfstoffe aufgedeckt. Und die Fahndung läuft weiter. Die Statistiker führen dafür sogenannte Observed-versus-Expected-Analysen durch, sie vergleichen die gemeldeten Fälle mit dem, was man auch ohne Impfungen erwarten muss. In Deutschland sind 230 verdächtige Herzinfarkte seit Beginn der Impfkampagne gemeldet worden, laut PEI-Analyse ist das aber nicht auffällig. Von 100.000 Menschen erleiden 334 pro Jahr einen Herzinfarkt. Im neuen PEI-Bericht ist allerdings ein Signal Nach einer Impfung mit Vaxzevria, dem Impfstoff von Johnson & Johnson, trat bei 86 Menschen das Guillain-Barré-Syn- drom (GBS) auf, eine Entzündung des Nervensystems, die zu Lähmungserschei- nungen führen kann. Das sind mehr Fälle, als man rein zufällig erwarten würde.

ÜBERSEHENE IMPFSCHÄDEN?

Doch werden wirklich alle Fälle potenzieller Impfkomplikationen erfasst? Paul Biever hat für seine Meldung zwei Formularseiten ausfüllen müssen, eine halbe Stunde Arbeit hat ihn das gekostet. Oft könnte das wohl kein Arzt im Klinikalltag leisten. Hellhörig wird er, wenn Patienten plötzlich seltene Krankheiten entwickeln: „Da fragt man sich immer als Mediziner, warum hat der Mensch so ein Pech gehabt?“ Ohnehin sensibilisiert seien die Ärzte bei Erkrankungen, bei denen ein kausaler Zusammenhang mit der Impfung bekannt ist. Die Erfassung von Herzmuskelentzündungen sei relativ vollständig, glaubt Biever. Aber was ist mit den häufigen Volkskrankheiten wie Infarkt oder Schlaganfall? Würde bei einem solchen Krankheitsbild jemand die Impfung als Auslöser in Erwägung ziehen, wenn andere Ursachen infrage kommen? Eher nicht, räumt der Freiburger ein. Denkbar ist daher, dass manche potenzielle Impfschäden nicht erfasst werden und es daher bislang kein Warnsignal beim PEI gibt.

„Ich glaube nicht, dass wir etwas total übersehen“, sagt Clara Lehmann, leitende Ärztin für innere Medizin am Uniklinikum Köln. „Die Ärzte sind in dieser besonderen Situation sehr aufmerksam und sensibilisiert. Und es gibt ja auch internationale Daten.“ Dennoch bleibt bei manchen Menschen ein Unbehagen. Könnte es nicht doch bislang gänzlich unerkannte Folgen geben? Diese Sorge beruht allerdings mitunter auf einem Missverständnis. Denn dass sich viele Monate oder Jahre später nach einer Impfung noch Spätfolgen manifestieren, dafür gibt es schlicht keinen Präzedenzfall.

131.671 VERDACHTSFÄLLE

von Nebenwirkungen und Schäden durch die Covid-19-Impfungen wurden in Deutschland bislang gemeldet und vom Paul-Ehrlich-Institut analysiert

Um das zu verstehen, muss man in die lange Geschichte der Impfstoffentwicklung blicken. Folgeerkrankungen wurden dabei immer wieder dokumentiert. Jede Pockenimpfung war bis zur Ausrottung der Krankheit in den 1970er-Jahren immer mit einem Gesundheitsrisiko verbunden. Die Impfung gegen Kinderlähmung führte in seltenen Fällen selbst zur Lähmung. Eine Gelbfieberimpfung kann ein Multiorganversagen oder ein Anschwellen des Gehirns auslösen. Als man 1976 gegen die damals kursierende Schweinegrippe impfte, führte der verwendete Impfstoff in seltenen Fällen zur Nervenerkrankung GBS. Die erste Schluckimpfung gegen Rotaviren wurde 1999 wieder vom Markt genommen, weil die geimpften Kinder häufiger als gewöhnlich eine Invagination erlitten, eine schmerzhafte Darmeinstülpung. Und während der Grippepandemie 2009 löste der Impfstoff Pandemrix bei einem von 55.000 Geimpften die Schlafstörung Narkolepsie aus.

2,48 MILLIARDEN MENSCHEN

wurden seit Dezember weltweit gegen Covid-19 geimpft, dabei wurden 4,8 Milliarden Impfdosen injiziert

MYTHOS SPÄTFOLGEN

Allerdings haben alle dokumentierten Fälle der Impfschäden eines gemeinsam: Sie traten innerhalb der ersten Tage oder Wochen, spätestens aber innerhalb der ersten Quartale nach der Impfung auf. Im Fall der unerwarteten Narkolepsie dauerte es zwar mehrere Monate, bis die Häufung der Fälle auffiel. „Das lag aber daran, dass die Fälle eben selten waren und man im Vergleich zur derzeitigen Pandemie bei Weitem nicht so viel geimpft hat“, sagt Klaus Stöhr. Der Epidemiologe war bei der Weltgesundheitsorganisation viele Jahre verantwortlich für die weltweite Überwachung der Influenzaviren und Impfstoffe. Bis 2017 arbeitete er in der Impfstoffentwicklung. In der Corona- Epidemie hat er vielfach das Vorgehen der deutschen Politik kritisiert.

Während der Grippewelle 2009/2010 bekamen 30 Millionen Menschen in Europa Pandemrix. Dagegen haben in der EU inzwischen 280 Millionen Menschen einen der vier zugelassenen Corona- Impfstoffe erhalten. „Wir nähern uns dem Punkt, an dem durch die schiere Anzahl der Impfdosen und dem 20. Dezember rund 200 Millionen Menschen geimpft worden. Besonders verlässlich sind dabei die Daten für die Älteren, die in Deutschland und vielen anderen Ländern zuerst geimpft wurden.

Zu den dokumentierten schwerwiegenden Impfschäden kam es immer dann, wenn das Immunsystem auf Abwege geriet. „Die Wahrscheinlichkeit ist extrem gering, aber bei jeder Impfung besteht das Risiko, dass auch Immunzellen aktiviert werden, die sich gegen körpereigene Strukturen richten“, sagt Falk. Für die neuen mRNA-Impfstoffe schätzt die Immunologin dieses Risiko geringer ein als bei den herkömmlichen Vakzinen. Denn mit der neuen Technik wird dem Immunsystem nur das Spike-Protein präsentiert, nicht ein ganzes, abgetötetes Virus mit seinen vielen Bestandteilen. Falk bezeichnet die mRNA-Impfstoffe daher auch als „saubere Impfstoffe“.

Was immer ein Impfstoff im Körper auslöst, es passiert in den ersten Wochen nach der Impfung. Dann hat das Immunsystem seine Kaskade abgearbeitet. Der Impfstoff selbst ist ohnehin längst wieder aus dem Körper verschwunden. „Es kann möglicherweise sechs bis neun Monate dauern, bis man einen Zusammenhang entdeckt“, sagt Falk. „Danach kommt aber dann nichts mehr – sogenannte Spätschäden, die sich erst Jahre später manifestieren, lassen sich nicht in einen kausalen Zusammenhang mit einer seltenen Erkrankungen immer unwahrscheinlicher wird“, sagt Stöhr. In den USA, wo wie in Deutschland die Nebenwirkungen sorgfältig analysiert werden, sind seit Impfung bringen.“ Empfehlungen für die gute Überwachung das Auffinden von weiteren

„Völlig ausschließen kann man nie etwas, ein Nullrisiko gibt es nicht“, sagt Klaus Stöhr. Doch wer davor zurückscheut, der geht, nach übereinstimmender Meinung der Fachleute, eine sehr viel realere Gefahr ein: das Risiko, sich mit dem Coronavirus zu infizieren und daran schwer zu erkranken oder zu sterben.