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Ein sanfter Hauch von Glück


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Das goldene Blatt - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 15.01.2022

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Pünktlich um acht parkte Ariane ihren Wagen vor dem dreistöckigen Klinkerbau, in dem ihr Büro untergebracht war. Der alte Hausmeister polierte gerade das Messingschild neben der Eingangstür. Asterloh und Partner, freie Architekten, verriet es. Als er sie sah, begann sein faltiges Gesicht zu strahlen. „Schönen guten Morgen, Komtess.“

Ariane lächelte. „Asterloh reicht. Guten Morgen, Herr Brandt.“

Mit diesem Job konnte er seine schmale Rente aufbessern. Und er war der tüchtigste Hausmeister, den Ariane sich denken konnte.

Durch die Büroräume zog bereits Kaffeeduft. Stella Siebert, Assistentin und guter Geist, war jeden Morgen schon vor ihr da. „Kaffee, Croissant und Terminplan liegen auf Ihrem Schreibtisch“, zählte sie auf. „Und das hier sollten Sie sich ansehen.“ Sie reichte Ariane die aufgeschlagene Zeitung.

„Vielen Dank.“ Ariane nickte und zog sich an ...

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... ihren Schreibtisch zurück. Ein rascher Blick auf die Termine sagte ihr, dass sie noch zwei Stunden Zeit hatte. So nahm sie sich die Zeitungsanzeige vor.

Es war die Ausschreibung zu einem Architektenwettbewerb. Ein brachliegendes Grundstück sollte wiederbelebt werden. Die Stadt rief dazu auf, Vorschläge zur Nutzung des weitläufigen, zentral gelegenen Areals zu unterbreiten.

Und sofort erschien vor Arianes innerem Auge das Bild einer großzügigen Grünanlage mit Sitzgruppen und Kinderspielbereichen. Dazu Wasser, am besten in Form eines naturnahen Bachlaufs, ein begehbares Schachfeld vielleicht.

Der Generationenpark – Arianes Herzensangelegenheit. Es sollte einen Ort geben, wo Alt und Jung ganz ungezwungen aufeinandertrafen, sich jeder nach seinen Bedürfnissen erholen und man ins Gespräch kommen könnte.

Als ihr Partner kurz vor neun auftauchte, hatte Ariane bereits einen ersten Entwurf im Kopf. „Es gibt Arbeit“, empfing sie ihn.

Bernd Vaast warf ihr einen vielsagenden Blick zu. „Ich kenne diesen Ausdruck. Lass mich raten. Du musst mal wieder die Welt retten.“

Ariane grinste breit. „Genau.“

Zwischen zwei Terminen nahm sie sich Zeit, das Grundstück zu besichtigen, und saß noch spät abends am Schreibtisch, wo sie Entwürfe zeichnete, korrigierte, verwarf und neu zeichnete. Es sollte perfekt sein. Vor allem so nahe wie möglich an den Bedürfnissen der Menschen. Und wo ließen die sich besser in Erfahrung bringen als bei den Menschen selbst?

„Die Frau von Asterloh! Nein, wie nett.“ Henriette Steins Gesicht leuchtete auf, als Ariane das große Wohnzimmer betrat. Sie war die älteste Teilnehmerin in einem Wohnmodell, bei dem Menschen unterschiedlichen Alters, Herkunft und Hintergrund unter einem Dach lebten und einander so etwas wie eine große Familie waren.

Ariane hatte die Einrichtung nicht nur tatkräftig unterstützt, sie kam auch regelmäßig zu Besuch, um sich zu erden und eine andere Sicht der Wirklichkeit zu finden. Und Henriette Steins Lebensklugheit war immer wieder wertvoll.

„Ich möchte Ihnen etwas zeigen“, sagte Ariane und entrollte ihre Zeichnung auf dem Tisch. „Und Ihre Meinung dazu hören.“

Die alte Dame lächelte verschmitzt. „Aber immer.“

An diesem Abend stellte Ariane den Entwurf fertig. Sie hatte jetzt rund um die Grünanlage noch kleine Wohneinheiten platziert, die sich harmonisch in die Landschaft einfügten. Und an eine Seite ein größeres Gebäude. Betreutes Wohnen, Ärztehaus, Jugendzentrum, hier war vieles denkbar.

Jetzt war sie mit dem Ergebnis zufrieden. Gerade noch rechtzeitig vor Ende der Ausschreibungsfrist. Und bereits wenige Tage darauf erhielt sie Post von der Stadt.

Ariane ließ sich nicht anmerken, wie aufgeregt sie war

„Schon nächste Woche soll ich meinen Entwurf im Rathaus präsentieren!“, Ariane strahlte.

„Das ist ja wohl das Mindeste“, brummte Bernd. „Bei der Zeit, die du damit zugebracht hast. Während einige von uns gearbeitet haben.“

Sie zwinkerte ihm zu. „Du Armer, du hast’s schon schwer.“

Bei aller Routine und Professionalität war Ariane vor dieser Präsentation doch aufgeregt. Diese Sache lag ihr wirklich am Herzen. Davon ließ sie sich jedoch nichts anmerken, als sie den kleinen Sitzungssaal im Rathaus betrat und rasch die Szenerie in sich aufnahm.

Mehrere Herren mittleren Alters in Anzügen, die sie wohlwollend musterten, dazwischen ein jüngerer Mann in teurem Poloshirt und Designerjeans, dessen Blick und Gehabe eine coole Arroganz ausstrahlten. In der Mitte des Tisches das futuristische Modell eines Klotzes aus Stahl und Glas. Ariane setzte ein Lächeln auf. Na dann.

Man stellte sich vor, die Herren Stadträte, der Leiter des Bauamtes. „Und hier die Konkurrenz, wenn Sie so wollen. Viktor Bardetzky, eigens aus Berlin angereist. Ariane von Asterloh, Lokalmatadorin.“

Der Mann schmunzelte über seinen Scherz. Ariane streckte die Hand aus, die einen Moment zwischen ihnen in der Luft hing, bevor Viktor sie ergriff und leicht drückte. „Angenehm“, murmelte er.

„Gleichfalls“, gab sie zurück.

Dann hatten sie beide Gelegenheit, ihre Vorschläge zu erläutern. Viktors Entwurf stellte ein Einkaufszentrum im großen Stil dar, eine ‚Mall‘ nach amerikanischem Vorbild, teuer und künstlich.

Während er sprach, beobachtete Ariane ihn verstohlen. Irgendetwas an ihm war nicht stimmig. Er wirkte selbst wie sein Modell. Künstlich und teuer verpackt.

Sie gab sich alle Mühe, ihr Projekt überzeugend zu präsentieren. Alle Blicke waren dabei auf sie gerichtet. Der von Viktor aber schien sie regelrecht zu durchbohren.

Anschließend plauderte man noch ein wenig, Small Talk, der nichts von der Einschätzung der Herren verriet. Nur dass die Entscheidung nicht mehr all zu lange auf sich warten ließe.

Viktor gab sich zurückhaltend. War er so überzeugt von sich, dass ihm jedes weitere Wort überflüssig erschien? Schwer einzuschätzen. Dennoch wollte Ariane noch ein wenig abklopfen, mit wem sie es hier eigentlich zu tun hatte.

„Berlin ist ja nicht gerade um die Ecke“, begann sie im Plauderton, als die Runde sich auflöste und Viktor daran ging, sein Modell einzupacken. „Sind Sie eigens für diese Veranstaltung angereist?“

„Ja.“ Er sah sie kaum an, schien ganz darauf konzentriert, das sperrige Modell vorsichtig in einem großen Karton zu verstauen.

„Erstaunlich, dass eine Ausschreibung unserer kleinen Stadt so weite Kreise zieht“, sprach Ariane weiter und verfolgte sein Tun ungeduldig. Seine demonstrative Ruhe und die Art, wie er sie überging, hatten etwas Aufreizendes.

„Nun ja“, erwiderte er endlich. „Wenn man die Augen offenhält, stößt man auf Gelegenheiten.“

„Zum Beispiel, die Provinz mit einem gigantischen Konsumtempel zu beglücken“, rutschte ihr heraus.

Viktor warf ihr einen seltsam schrägen Blick zu. „Ja, zum Beispiel“, gab er kühl zurück.

Das war unprofessionell von ihr gewesen. Aber von ihrem Projekt hätte die Stadt doch viel mehr Nutzen als von einem gläsernen Einkaufspalast! Und es bedeutete ihr so viel. Deshalb hatte sich ihr Herz auf die Zunge gedrängt. Ariane zwang sich zu einem freundlich neutralem Lächeln. „Wir werden ja sehen, wie das Urteil des Stadtrates ausfällt“, sagte sie so neutral wie möglich. „Werden sie zur Entscheidung wiederkommen?“

„Ich bleibe in der Stadt.“

Immer wieder ging ihr diese Begegnung hinterher durch den Kopf. Was für ein merkwürdiger Typ, dieser Viktor Bardetzky. Sie war sonst recht gut darin, Menschen einzuschätzen. Doch aus diesem Mann wurde sie nicht schlau.

Henriette erinnerte sich: „Ja, ich kannte mal Bardeztkys …“

Weil sie Henriette Stein versprochen hatte, sie auf dem Laufenden zu halten, stahl Ariane sich am nächsten Tag eine Stunde für einen Besuch bei ihr. Außerdem täte es gut, ihrem Unmut Luft zu machen und sich aufmuntern zu lassen.

„Er plant ein gigantisches Einkaufszentrum“, erzählte sie. „Das würde Kaufkraft abziehen, die dann in der Innenstadt fehlt. Die Leute haben deshalb ja nicht mehr Geld zum Ausgeben, nur weil es mehr Möglichkeiten dafür gibt.“

Sie sah Henriette Stein auf der Suche nach Bestätigung an, doch die alte Dame schien ganz in Gedanken versunken. „Bardetzky, sagen Sie?“, fragte sie schließlich.

Und als Ariane nickte, blinzelte sie nachdenklich. „Ich kannte mal Bardetzkys. Die wohnten draußen vor der Stadt, in einem der alten Häuser am Bahndamm. Arme Schlucker. Der Mann war bettlägerig, glaube ich, und die Frau hat mit Näharbeiten die Familie über Wasser gehalten. Auch bei uns in der Nachbarschaft. Na ja.“ Sie blinzelte wieder. „Ist aber kein so häufiger Name, oder?“

„Nein. Das nicht. Aber …“

„Die hatten auch einen Sohn“, fiel Henriette ihr ins Wort. „Vinzenz hieß der. Oder nein, Viktor.“

Ariane hob erstaunt die Augenbrauen. „Viktor. Ja, so heißt auch dieser Architekt. Das wird aber wohl nur ein Zufall sein. Er kommt schließlich aus Berlin.“

„Da gehört er auch hin. Soll er mal ruhig dort sein Einkaufsdings bauen“, brummte Henriette und zwinkerte Ariane zu. „Und Sie bauen hier unseren Park.“

Jetzt musste Ariane lachen. „Nichts lieber als das. Ihr Wort in Gottes Ohr, Frau Stein.“

Im Büro empfing Bernd sie mit einem ungeduldigen Blick die Uhr. „Jetzt aber flott“, drängte er. „Hast du den Empfang vergessen?“

Sie mussten zu einer Feierstunde, mit der ein neu restaurierter Straßenzug gleich hinter dem Münster der Öffentlichkeit übergeben werden sollte. Auch ein Projekt, in das Ariane viel Energie gesteckt hatte. Der Denkmalschutz und die Erhaltung so manch histo­ rischer Perle im Stadtbild lagen ihr auch am Herzen. Ein Anliegen, das sie mit ihrem Vater teilte. So war Ariane nicht erstaunt, ihre Eltern unter den Gästen zu entdecken.

Der Sektempfang war schon in vollem Gange. An Stehtischen unter den Arkaden des Münsterplatzes hatte der Bürgermeister eine Gruppe von Honoratioren der Stadt versammelt. Darum herum drängten sich zahlreiche Passanten und Schaulustige, und über all dem strahlte eine helle Wintersonne und rückte die frische Farbe der Fachwerkbalken und die Stuckornamente unter den Dächern ins beste Licht. Ariane trat zu ihren Eltern, gerade als der Bürgermeister das Wort an die Anwesenden richtete.

„Werden die letzten die ersten sein? Oder warum kommst du zu spät?“, raunte Gräfin Xenia ihr mit gespielter Strenge zu.

„Termine“, flüsterte Ariane und nahm sich ein Glas Orangensaft.

Graf Randolf lächelte ihr verschwörerisch zu. „Selbst schuld, wenn sie ohne dich anfangen!“

Dann lauschten sie der Rede des Bürgermeisters. Dass er ihre Beratung und Planung dankend hervorhob, tat Ariane bescheiden ab. Als er eine großzügige anonyme Spende erwähnte, die das Ganze erst ermöglicht hatte, warf Ariane ihrem Vater einen prüfenden Blick zu. Graf Randolf schmunzelte unschuldig. Anschließend wurden Häppchen gereicht, und dann rief bereits der nächste Termin.

„Ich hoffe doch, am Samstag bringst du mehr Zeit mit“, mahnte ihre Mutter beim Abschied.

„Gewiss“, versprach Ariane. „Ich bin den ganzen Tag vor Ort.“ Der traditionelle Neujahrsmarkt Ende Januar auf Gut Asterloh war eine feste Größe im Veranstaltungskalender. Und eine gute Gelegenheit, Spenden zu sammeln.

„Gut.“ Gräfin Xenia lächelte. „Und bestell bitte dringend gutes Wetter. Das ist das einzige, das ich nicht in der Hand habe.“

Alles andere würde wie immer perfekt organisiert sein. Das Rahmenprogramm, die Liste der geladenen Gäste, betucht allesamt und nicht knickerig, wenn es um wohltätige Zwecke ging, die Bewirtung und schließlich der Markt, auf dem Kunsthandwerk, fair gehandelte Waren und Produkte aus der Region angeboten wurden.

Gräfin Xenias Aufruf viel zu spenden, blieb nicht ungehört

Und der Wettergott meinte es gut. Schon am Morgen strahlte die Sonne vom Himmel und verhieß einen kalten aber herrlichen Tag.

Als Ariane wie versprochen schon früh morgens eintraf, herrschte auf dem Gut bereits rege Betriebsamkeit. Der Aufbau der Stände war in vollem Gange. Die ehemalige Scheune und der Platz davor verwandelten sich in einen bunten Basar, auf der Wiese vor dem Haupthaus war eine Bühne errichtet worden, und davor ein großes Zelt, durch das zahlreiche Kellner wuselten, um die Tische und das Büfett einzudecken.

Und inmitten dieses Treibens stand Gräfin Xenia, die scheinbar alles im Blick und auf jede Frage eine Antwort hatte. Ariane ließ sich einteilen, erledigte hier einen Handgriff und dort eine Kleinigkeit und war ansonsten einfach da.

Es wurde eine rundherum gelungene Veranstaltung. Die Bühne stand den ganzen Tag bisher unbekannten Musikern als Podium zur Verfügung. Xenia brachte junge Künstler und Förderer zusammen, und ihre Spendenaufrufe blieben wie immer nicht ungehört.

Ariane war hier und da, streifte durch die Reihen der Besucher und erwarb selbst das ein oder andere Stück an einem der Stände. Und plötzlich sah sie ihn. Er stand etwas abseits, beobachtend, als gehörte er nicht dazu. Viktor Bardetzky.

Ariane ging einer spontanen Regung folgend zu ihm hinüber. „Wie schön, Sie hier zu sehen.“ Ihr Lächeln war echt, die Irritation und der Unmut über ihr letztes Zusammentreffen verflogen.

Viktor schien das zu spüren. Seine Züge entspannten sich. „Ja. Ich, äh, es ist eine schönes Event.“

„Meine Mutter gibt sich immer große Mühe“, erzählte Ariane. „Kommen Sie, ich stelle Sie vor.“

„Nein!“ Das kam heftig, wie aus der Pistole geschossen. Ariane sah ihn überrascht an. „Ich meine … keine Umstände bitte. Sie ist sicher sehr beschäftigt“, sprach Viktor hastig weiter. „Äh, einen hübschen Schal haben Sie da.“ Er wies auf das Stück Stoff in ihrer Hand.

Ariane war noch einen Moment irritiert, dann lächelte sie wieder. „Den haben Schüler der Werkrealschule gestaltet. Möchten Sie ihnen nicht auch etwas abkaufen?“

Darauf ging Viktor bereitwillig ein, und am Stand der Schüler taute er sogar richtig auf, plauderte und scherzte mit den Kindern und kaufte schließlich eine handgezogene Kerze und eine etwas eckig geschnitzte Holzfigur. Anschließend schlenderten sie gemeinsam an den Ständen vorbei, und Ariane stellte fest, dass Viktor an diesem Tag deutlich zugänglicher schien als bei ihrer letzten Begegnung.

Vielleicht hatte er bei der Präsentation besonders unter Druck gestanden, überlegte sie, während sie ihn verstohlen von der Seite musterte. Er gab sich nicht nur lockerer, er sah auch so aus. Das Haar war weniger streng gekämmt, der angespannte Zug um den Mund verschwunden, und wenn er lächelte blitzten seine Augen wie bei einem neugierigen Jungen.

„Etwas zu trinken?“

Er nickte. „Ja. Gerne.“

Ariane lotste ihn zu dem Zelt und ließ sich zwei Gläser Fruchtwein reichen. Damit nahmen sie an einem Tisch im Eingangsbereich Platz. Von der Bühne drangen sanfte Pianoklänge herüber. Ein junges Mädchen spielte versunken und konzentriert, schien die Welt rundherum völlig vergessen zu haben.

Ariane hob ihr Glas. „Zum Wohl. Hatten Sie denn schon Gelegenheit, unser schönes Städtchen ein bisschen kennenzulernen?“

Viktor schmunzelte. „Nun, sie ist viel überschaubarer als Berlin.“ Es lag keine Ironie oder großstädtische Überheblichkeit in diesen Worten. Eher etwas wie – ja, was?

Ariane vermochte es nicht zu sagen. Dann fiel ihr etwas anderes ein. „Haben Sie eigentlich Verwandtschaft hier in der Gegend?“

Über Viktors Gesicht flog auf einmal ein seltsamer Ausdruck

Das Glas, das Viktor eben zum Mund führen wollte, verharrte einen Moment in der Luft. Dann stellte er es betont sorgfältig vor sich auf den Tisch. „Wie kommen Sie darauf?“, fragte er zurück.

„Ich hatte neulich eine Unterhaltung mit einer älteren Dame. Sie erzählte von einer Familie Bardetzky, die früher hier gewohnt hätte. Die Frau war Schneiderin oder etwas in der Art.“ Sie brach ab.

Ein eigenartiger Ausdruck ging über Viktors Gesicht, ehe es sich verschloss und zur starren Maske wurde. „Ich dachte nur … es ist ja kein so häufiger Name“, setzte sie lahm hinzu und verstummte.

Der Hauch von Vertrautheit, der sich eben noch zwischen ihnen ausgebreitet hatte, war verflogen. Hatte sie etwas Falsches gesagt? Danach war Viktor einsilbig, fast schroff und verabschiedete sich bald darauf. Nachdenklich blickte Ariane ihm nach. Was war denn nur los mit diesem Mann?

Darüber dachte sie in den nächsten Tagen oft nach. Wenn plötzlich sein Gesicht vor ihrem inneren Auge auftauchte, sein entspanntes Lächeln und das Blitzen in den Augen, vor ihrer Frage, und diese starre Maske danach. Das hatte sie sich doch nicht eingebildet, oder?

Eine Gelegenheit, dies vielleicht herauszufinden, bot sich schon wenige Tage darauf. Einer der Stadträte, dessen wohlwollende Miene sie noch deutlich vor sich sah, meldete sich bei ihr und kam auch gleich auf den Punkt: Es hätte heftige Diskussionen und deutlich geteilte Meinungen über die beiden Vorschläge gegeben, ohne dass man sich einigen konnte. Schließlich sei man bei der Frage gelandet, ob es nicht einen Kompromiss zwischen den beiden Modellen gäbe.

„Wenn der Park etwas kleiner ausfällt, kann man an den Rand bestimmt noch ein Einkaufszentrum setzen“, sagte der Mann.

Zuerst wollte Ariane dies vehement ablehnen. Doch wenn davon das Gelingen oder Scheitern ihres Vorschlags abhing, wäre ein Kompromiss besser als gar nichts. „Na ja“, räumte sie ein. „Einen kleinen Supermarkt vielleicht.“

„Wunderbar!“ Sie sah sein rundes Gesicht förmlich strahlen. „Ändern Sie die Pläne, dann kommen wir schon zusammen.“

Die Pläne ändern! Er hatte leicht reden. Es war ja nicht sein Herzblut, das in diesem Entwurf steckte. Doch vielleicht könnte sie sich ja Hilfe holen … „Ich will sehen, was sich machen lässt“, versprach sie und hatte auch schon eine Idee, wie diese Hilfe aussehen könnte.

Viktor schien überrascht, von ihr zu hören. Noch überraschter war er, als sie ihm eine Zusammenarbeit vorschlug. Schließlich willigte er aber ein, sich wenigstens einmal darüber zu unterhalten.

Sie verabredeten sich in ihrem Büro. Im Besprechungszimmer hatte Ariane ihre Pläne ausgebreitet und sich auch schon Gedanken zu den Änderungen gemacht. Und auch darüber, wie Viktor heute wohl gestimmt wäre. Sie wollte jedenfalls alles Persönliche ausklammern, strikt sachlich bleiben.

Als er auftauchte, maß sie ihn mit einem schnellen Blick und wertete es als gutes Zeichen, dass er ihr Lächeln erwiderte. Dann erzählte sie mit raschen Worten von ihrem Gespräch mit dem Stadtrat.

Viktor betrachtete derweil die Pläne auf dem Tisch. „Und nun soll daraus ein halber Park und ein halbes Einkaufszentrum werden?“, fragte er zweifelnd.

„Nein, drei Viertel Park und ein Viertel Einkaufszentrum“, konterte Ariane spontan.

Er riss den Kopf hoch und blitzte sie herausfordernd an. Schon erwartete Ariane eine heftige Erwiderung und wappnete sich innerlich dagegen – und plötzlich brachen sie beide wie auf Kommando in ein herzliches Gelächter aus.

„So“, schmunzelte Viktor, als er sich wieder gefangen hatte. „Und warum nicht andersherum?“

Auch Ariane zähmte ihr Lachen, bis nur noch ein frohes Grinsen übrigblieb. „Weil es das ist, was diese Stadt und ihre Menschen brauchen“, erklärte sie. „Einen Ort der Erholung und Entspannung. Einen Platz für Lebensqualität, die nichts kostet. Stätten, um sein Geld auszugeben, gibt es doch genug.“

In diesem Lachen hatte Ariane den echten Viktor erlebt

Er blickte sie nachdenklich an, nickte dann. „Ja“, meinte er endlich. „Da haben Sie Recht.“

Dieses gemeinsame Lachen ging Ariane später immer wieder durch den Kopf. Zum ersten Mal hatte sie das Gefühl gehabt, den echten, ungekünstelten Viktor zu erleben. Dessen Blick so voller Wärme war, dass er ihr tief in die Brust fuhr.

Er hatte versprochen, über einen neuen Entwurf nachzudenken. Und sie hatten ein nächstes Treffen vereinbart. Bei dem Gedanken daran wurde Ariane ganz leicht zumute. Sie freute sich darauf, ihn zu sehen. Den echten Viktor. Sie hatte aber keine Idee, wie sie hinter seine Fassade gelangen sollte, wenn er sich nicht freiwillig öffnete.

„Ich habe nachgedacht“, verkündete Viktor, als er wenige Tage darauf wie vereinbart bei ihr im Büro erschien. Es war schon spät, Bernd und die übrigen Mitarbeiter bereits gegangen, doch Ariane war den ganzen Tag über von einem Termin zum nächsten gehetzt.

Jetzt lächelte sie ihm zu. „Das klingt gut. Ich auch …“

„Na dann.“ Viktor deutete eine Verbeugung an. „Ladies first.“

Während Ariane nun erläuterte, wie man das Konzept ändern müsste, um Platz für Verkaufsräume zu schaffen, fühlte sie seinen Blick fest auf sich gerichtet. Sie war es gewohnt, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, doch das war kein geschäftsmäßiges Interesse, was sie in seinen Augen sah. Es war, als wäre ein Fenster geöffnet, hinter dem seine Seele lag.

Irritiert, auch weil ihr Herz rascher zu schlagen begann, brach sie ihren Vortrag ab und sah ihn fragend an. „Was meinen Sie?“

Viktor antwortete nicht gleich. Vielmehr schien er aus tiefen Gedanken aufzutauchen, so dass sie auf einmal gar nicht mehr sicher war, ob er ihr überhaupt zugehört hatte. „Ich meine, was für ein Segen es ist, dass es Sie hier gibt“, sagte er schließlich langsam.

Ariane blinzelte. „Wie bitte?“

„Sie und Ihre Familie. Wie viel Gutes Sie für diese Stadt tun.“

„Nun, ich, äh …“ Sie wusste im Moment gar nichts zu sagen. Viktor schien jedoch ohnehin noch in seinen eigenen Überlegungen gefangen, so dass sie einfach abwartete. Und tatsächlich brach er kurz darauf das Schweigen. „Sie hatten schon Recht“, sagte er. „Was meine Verwandtschaft zu den Bardetzkys angeht. Ich bin hier aufgewachsen. Es waren meine Eltern.“

Dann erzählte er. Stockend erst, bald immer flüssiger von seiner Kindheit, die sich krasser als Tag und Nacht von Arianes eigenem Heranwachsen unterschied.

Eine schäbige Mansarde in einem tristen Vorort, der Vater gezeichnet von seiner schweren Krankheit, die Mutter verzweifelt bemüht, die Familie durchzubringen. Und jeden Monat die gleiche Sorge: die Miete zu bezahlen, Essen, das Nötigste zum Leben.

Viktors Kleider waren zumeist geschenkt, Aufgetragenes aus der Nachbarschaft oder von Kunden seiner Mutter. Wenn mal ein besseres Stück dabei war, verkaufte sie es auf dem Flohmarkt.

Viktor schämte sich für ihre Armut, musste in der Schule Spott und Hänseleien der Mitschüler ertragen und kämpfte sich doch durch. Weil er schon früh wusste, dass Bildung der Schlüssel zu einem anderen Leben war. Und nicht zuletzt auch wegen der Schulspeisung für bedürftige Kinder, die die junge Gräfin Xenia von Asterloh ins Leben gerufen hatte.

„Eine warme Mahlzeit von Montag bis Freitag“, sagte er mit leiser Stimme. „Sie können es sich vielleicht nicht vorstellen, aber das war mehr, als meine Eltern oft hatten.“

Ariane hatte seinem Bericht tief berührt zugehört. Natürlich wusste sie um das Engagement ihrer Mutter für sozial Schwache, insbesondere Kinder. Doch zum ersten Mal erfuhr sie so unmittelbar, was es für die Betroffenen bedeutete.

„Was ist aus Ihren Eltern geworden?“, fragte sie nach einer Weile.

„Mein Vater lebt nicht mehr. Und meine Mutter war irgendwann am Ende ihrer Kraft, körperlich und geistig. Sie lebt heute in ihrer eigenen Welt, gut versorgt in einem freundlichen Heim. Sie freut sich, wenn ich sie besuche, auch wenn sie mich nicht immer erkennt.“

So nah bei Viktor meinte Ariane seine Wärme zu spüren

Ariane sah den Schmerz in seinen Augen, und rang mit dem Impuls, ihn spontan in den Arm zu nehmen. Stattdessen machte sie nur einen Schritt auf ihn zu und legte die Hand auf seinen Arm. „Durften sie Ihren Aufstieg noch miterleben?“, erkundigte sie sich.

Jetzt entspannte sich sein Gesicht ein wenig. „Ja, zum Teil. Bei meiner Abiturfeier wollte mein Vater unbedingt dabei sein. Ich weiß noch, dass meine Mutter alle Hebel in Bewegung gesetzt hat, um einen Rollstuhl aufzutreiben.“ Bei der Erinnerung daran glitt ein kleines Lächeln über sein Gesicht.

Ariane stand immer noch dicht neben ihm, das wurde ihr bewusst, als er jetzt den Kopf drehte und sie direkt ansah. Eine Weile waren sie sich so nahe, dass der schwache Duft seines Rasierwassers sie umfing und Ariane sogar meinte, seine Wärme auf der Haut zu spüren.

Und noch etwas anderes spürte sie, während sie sich tief in die Augen sahen und alles rundherum sich ein paar Atemzüge lang in Dunst aufzulösen schien: ein zartes Flattern in der Brust, einen sanften Hauch von Glück, der sie sacht streifte und mit einem Gefühl wie Schwerelosigkeit erfüllte.

„Nun.“ Ariane räusperte sich verwirrt, trat einen Schritt zurück und ließ die Hand sinken, die immer noch auf seinem Arm gelegen hatte. „Sie, äh, wollten mir doch noch Ihre Ideen erläutern.“

Viktor stand noch einen Moment auf der Stelle, den Blick fest in ihrem, ehe er sich blinzelnd losriss und sich wieder den Plänen auf dem Tisch zuwandte. „Ja. Das heißt – nein. Ihr Entwurf ist perfekt. Ich würde höchstens ein paar Kleinigkeiten ändern.“

Ariane grinste. „Die da wären?“ „Ich würde die Dächer alle flach machen – da könnte man Gemüsegärten anlegen. ‚Urban Gardening‘ ist in Berlin der Trend.“

Sie folgte ihm an den Tisch, wo Viktor seine Vorschläge erklärte. Ariane brachte eigene Ideen ein, und bald waren sie inmitten eines regen Gedankenaustausches.

Dabei hatte Ariane manchmal alle Mühe, sich zu konzentrieren. Viktors Blicke krochen ihr unter die Haut, sein Lächeln brachte etwas in ihr zum Klingen, das ganz und gar nicht geschäftsmäßig war und sie regelrecht beflügelte. So war es schon nach zehn, als sie das erste Mal auf die Uhr sah. Wo war nur die Zeit geblieben?

„Es ist spät geworden“, sagte Ariane. „Belassen wir es dabei. Ich werde die Pläne morgen ändern und dann dem Stadtrat präsentieren. Sie begleiten mich doch?“

„Aber ja. Sehr gerne.“ Er zögerte einen Moment, schien mit sich zu ringen und stellte die Frage dann doch: „Wartet zu Hause eigentlich jemand auf Sie?“

Ariane traf seinen Blick, und da war es wieder, dieses warme Gefühl in der Brust, für das sie keinen Namen hatte. „Nein“, antwortete sie. „Nicht, dass ich wüsste.“

Schon zwei Tage später konnten sie den neuen Entwurf im Rathaus vorstellen. Diesmal war sogar der Bürgermeister erschienen und zeigte sich sehr angetan. Anschließend berieten sich die Herren vom Stadtrat kurz und nickten das Projekt dann einstimmig ab.

Der Bürgermeister versprach, umgehend die Finanzierung zu klären, damit noch im Sommer mit dem Bau begonnen werden konnte. Dann verabschiedete er sich, und nach einer Weile mit Beglückwünschungen und höflichem Small Talk löste die Runde sich auf.

Plötzlich standen sie ganz allein auf dem Rathausflur. Ariane nestelte umständlich an ihrer Aktentasche herum. Sie wollte den Moment noch hinauszögern. Hier und jetzt wäre die Zusammenarbeit beendet. Viktor würde nach Berlin zurückgehen. Und dann?

„Wollen wir vielleicht noch irgendwo etwas trinken gehen?“ Seine Stimme klang gepresst.

Ariane nickte stumm, und schweigend verließen sie das Gebäude. Erst in dem kleinen Café ganz in der Nähe fand sie ihre Sprache wieder. „Haben Sie schon Pläne für nächste Projekte?“ Der muntere Tonfall fiel ihr schwer.

Viktor sah sie lange mit einem merkwürdigen Ausdruck an, sagte endlich: „Ich muss noch einen Umbau abschließen. Und danach …“

„Mein Leitsatz“, sagte Viktor. „Nichts ist unmöglich!“

„Ja?“ Unter seinem Blick fing ihr Herz zu stolpern an. Viktor betrachtete sie wie ein Gemälde, als wollte er jede Einzelheit in sich aufnehmen. Und was war das, was sie in seinen Augen las?

„Nichts ist unmöglich“, sagte er leise. „Dieser Leitsatz hat mir durch meine Kindheit geholfen. Vielleicht gilt er immer noch, wer weiß?“ Dabei wanderten seine Augen weiter über ihr Gesicht, und plötzlich, ganz ohne ihr Zutun, schob sich ihre Hand über den Tisch und drückte die seine. Im nächsten Moment beugte Ariane sich vor und hauchte einen sanften Kuss auf seine Lippen.

Ob sie noch etwas gesprochen hatten, konnte sie später nicht mehr sagen. Irgendwann standen sie auf dem Parkplatz. Vor seinem Wagen verharrte Viktor. „Ich muss los.“

„Ich weiß.“ Ariane nickte.

„Aber ich komme wieder.“

Sie lächelte. „Ja. Und dann?“

Plötzlich zog Viktor sie in die Arme und drückte sie an sich. Ariane lehnte sich an seine Brust. Dann sah sie hoch, hob ihm die Lippen entgegen, wollte nichts mehr denken, nur fühlen, diesen Kuss, am liebsten für immer.

Sie blickte ihm noch lange nach, als er endlich abfuhr, das Herz schwer und seltsam leicht zugleich. So viele Gedanken kreisten durch ihren Kopf und kamen doch immer wieder auf diesen einen Punkt. Nichts ist unmöglich. Das galt für die Macht der Hoffnung und der Träume. Für das ganze Leben im Grunde. Und vielleicht auch für eine junge, zarte Sehnsucht nach Liebe, die der Entfernung trotzt.

Das Piepsen ihres Handys riss sie aus ihrer Versunkenheit. Da war eine Nachricht! Ariane öffnete sie, blickte lange auf den Text und presste das Gerät dann an die Brust. ‚Nichts ist unmöglich‘, stand da. Sie hob den Kopf, fühlte ihr Herz glücklich hüpfen und lächelte versonnen in den Himmel. Ja. Warum eigentlich nicht?

ENDE

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LIEBES-ROMAN