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Ein schöner Mann


Das Satiremagazin EULENSPIEGEL - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 29.07.2021

Artikelbild für den Artikel "Ein schöner Mann" aus der Ausgabe 8/2021 von Das Satiremagazin EULENSPIEGEL. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Das Satiremagazin EULENSPIEGEL, Ausgabe 8/2021

KARSTEN WEYERSHAUSEN

Es klingelte am Gartentor und ich bezog meinen Ausguck am Klofenster. »Wer isses?«, fragte meine Frau (im Folgenden, um teure Buchstaben zu sparen, »die Frau« genannt).

»So’n Arsch«, sagte ich – das ist im internen Gebrauch unser Sammelbegriff für Zeugen Jehovas, Volkssolidarität, Miele-Vertreter und Verkäufer von sogenannten Verschattungssystemen. Die klare Auskunft hindert jedoch die Frau in keinem Fall daran, die Haustür aufzureißen und zum Gatter zu fliegen. Ich trotte immer hinterdrein, um mit einem gebellten »Was ist?« jegliche Verkaufsverhandlung im Keime zu ersticken.

Die Frau drehte sich zu mir um. Sie hatte jenes Leuchten im Gesicht, das sie zum letzten Mal hatte (ebenfalls im Gesicht), als Florian Silbereisen sich verfahren hatte und am Gartentor stand und uns nach einer Hausnummer fragte.

»So ein schöner junger Mann!«, hauchte sie. Und jetzt sah ich es auch: Der Typ trug ein Antlitz vor ...

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... sich her, das in jedem gesund empfindenden Mann den Wunsch aufsteigen lässt, ihm eine auf die Zwölf zu geben oder wenigstens Augenzeuge zu sein, wenn er vor ein Straßenmöbel läuft. Aus seinem haarlosen Rosenmunde ergossen sich jene Einen-wunderschönen-guten-Tag-Girlanden, die seit dem Staatsstreich vor über dreißig Jahren unser Leben vergiften. »Worum geht’s!?«, herrschte ich ihn an – und es hätte mich nicht gewundert, wenn er sich als das Herrenunterwäschemodel aus dem Otto-Katalog geoutet hätte, das, weil der Katalog eingestellt ist, nunmehr persönlich vorbeikommen muss.

Ruckartig starrte er auf ein hauchdünnes Notebook, das er sich vor den gut definierten Bauchmuskel hielt. »Oh, oh«, rief er klagend aus, »ich sehe schon!« Und noch einmal: »Oh, das wird nicht leicht!«, und dann, mit einem Strahlen in den blitzblauen Augen: »Doch das kriegen wir hin!«

»Aber so treten Sie doch erst einmal ein«, hauchte die Frau, »für den Nachmittag ist doch Regen angesagt.« Routiniert streifte er im Flur die Schuhe ab (sie glichen jenen, die sich eigentlich nur der Jauch leisten kann) und durchschritt andachtsvoll unsere Bude, als befände er sich im Preziosenkabinett vom Grünen Gewölbe. »Käffchen?«, tirilierte es aus der Küchennische. Und »liebend gern!« flötete es zurück. Da hatten sich zwei gefunden!

Er sei vom Stromanbieter, sagte er, und ob wir schweigen könnten. Er sei nämlich quasi inkognito hier. Genau genommen sei das fast illegal. Er habe seinem Chef gesagt, Chef, da kommen Teuerungen auf die Leute zu, egal wer die Bundestagswahl gewinnt, ob nun die Grünen – »Ich weiß ja nicht, wie Sie über die Grünen …« »Hörnse bloß auf mit den Grünen!«, rief die Frau – also egal wer gewinnt: Es wird teuer, es wird verdammt teuer. Chef, habe er zum Chef gesagt, da finden sich die Leute nicht wieder, da müssen wir sozial gegensteuern. »Toll!«, sagte die Frau.

Und der Chef habe gesagt: »Mach das, Pascal!« »Pascal«, stöhnte die Frau.

Aber nur für wirklich gute, also wirklich gute Kunden. Und nun brauche er mal unser WLAN- Passwort.

Du Hund, dachte ich, die Nummer vor dem Gartentor mit deinem Notebook für die feine Dame – alles nur gespielt, mobile Daten gibt’s hier so selten wie Flugsaurier.

»Wenn ich Sie beide so anschaue«, sagte Pascal und schaute der Frau tief in die Augen, »Menschen in der Mitte des Lebens …« – »Oh, das haben Sie aber nett gesagt«, kicherte die Frau – »… haben sich auch mal was Gutes verdient: eine Strompreisgarantie mit vielen Extras. Den ganzen Ökoquatsch mit den CO 2 -Zertifikaten, den nehmen wir Ihnen ab!«

»Toll!«, sagte die Frau und ich so: »Und was soll das kosten?«

Praktisch nichts. Denn EWE habe ein System entwickelt, bei dem alle Kosten umgehend wieder an den Kunden zurückfließen. »Mal angenommen«, spekulierte Pascal, »unsere Garantie kostet Sie 200 Euro bei Ihrem Verbrauch …«

»Im Jahr«, sagte ich, und er milde lächelnd zu mir: »Wir wollen doch ernsthaft bleiben, nicht wahr?«

»Also manchmal schäme ich mich direkt für dich«, sagte die Frau (Frauen in der Mitte des Lebens neigen zum Verrat).

»Aber wie schnell ist mal ein Reißverschluss kaputt«, sagte Pascal, »dann übernehmen wir das, und zwar anstandslos.«

»Stimmt«, sagte die Frau, »die Reißverschlüsse sind immer das teuerste.«

»Oder Sie müssen den Schlüsseldienst rufen. Sie wissen doch, wie korrupt diese Schlüsseldienste sind. Aber diese Sorge sind Sie dann los. Analog verhält es sich bei Scheibenbruch infolge Einzelfeuer.«

»Und wenn die Kühltruhe auftaut, und alle Steaks fürs ganze Jahr sind hin?«, fragte die Frau.

»Sie denken mit, das merke ich sofort«, lobte Pascal. »Dann nämlich ersetzen wir die Energiekosten, die entstehen, um den Kühler wieder auf Betriebstemperatur runterzubingen. Und das ist nicht wenig.«

»Und wie ist es bei ungewollter Schwangerschaft?«, fragte ich interessiert. Die Frau merkte natürlich sofort, dass ich die Sache ins Lächerliche ziehen wollte, nur Pascal merkte es nicht: »Dann müssen wir reden, einfach reden«, sagte er. »Wie alt ist denn Ihre Tochter?«

»Wir haben nur zwei Söhne über fünfzig«, sagte ich.

»Na, dann können wir das Ungewolltschwangerschaftsentgelt unbesehen in Ihr persönliches Vertragswerk aufnehmen«, sagte Pascal. Und:

»Übrigens, wenn einer oder beide Söhne ein Fernstudium aufnehmen, bezuschussen wir das mit je 1000 Euro.« »Im Monat«, sagte ich. »Wir wollen doch ernsthaft bleiben, nicht wahr«, sagte Pascal. »Und schließlich: Wenn Sie wegen Alkohol am Steuer zum Idiotentest fahren müssen, stellen wir Ihnen für diesen Tag einen Mietwagen.«

»Was?«, rief ich. »Ohne Fahrerlaubnis hin und zurück?«

»Sehen Sie«, sagte mild lächelnd Pascal, »auch ich vermag zu scherzen.«

Aber er merke schon, wir bräuchten noch Zeit zum Nachdenken und er wolle auch unsere WLAN-Verbindung nicht über Gebühr belasten. Damit erhob er sich, duckte sich unterm Haustürbalken hindurch und schlenderte zum Gartentor hinaus.

Ich sagte zur Frau: »Ich hätte ihn fragen sollen, ob die Strompreisgarantie auch die Anwaltskosten übernimmt.«

»Wozu brauchst du denn einen Anwalt?«, fragte die Frau.

»Wenn ich die Frau erschlage, die immer ›Käffchen‹ sagt – das wird teuer.«

Da lachte die Frau, denn sie nimmt mich nicht ernst und sagte: »Gut, das mit dem Fernstudium war Scheiße. Aber ein schöner Mann, ein wirklich schöner junger Mann!«

MATTI FRIEDRICH

PS: Wenige Tage nach diesem Ereignis war im

Handelsblatt zu lesen, im nächsten Quartal sei mit einem »drastischen Einbruch« der Strompreise zu rechnen – aber keiner wisse vorerst, warum.