Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 5 Min.

Ein schwarzer Tag für Roxane


Spiegel Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 3/2018 vom 28.05.2018

SeineEhen plante Alexander fast so kühl wie seine Feldzüge. Seine erste Frau aber sah das Thema weniger rational.


Artikelbild für den Artikel "Ein schwarzer Tag für Roxane" aus der Ausgabe 3/2018 von Spiegel Geschichte. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Spiegel Geschichte, Ausgabe 3/2018

Über diese Hochzeitsfeier werden die Menschen noch nach Jahrhunderten reden. Fünf Tage lang dauert das Fest in der persischen Königsstadt Susa im heutigen Iran, es ist wohl das kostspieligste Spektakel, zu dem Alexander der Große je hat bitten lassen: 9000 Gäste sind eingeladen, zu ihrer Unterhaltung kommen Zauberer aus Indien sowie Lauten- und Flötenspieler aus Europa.

Das riesige Festzelt wird von neun Meter hohen Säulen gehalten, die mit Gold, Silber und Edelsteinen verziert sind. ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 6,99€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Spiegel Geschichte. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 3/2018 von DER SPIEGEL GESCHICHTE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DER SPIEGEL GESCHICHTE
Titelbild der Ausgabe 3/2018 von »Die Wahrheit ist viel prosaischer«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
»Die Wahrheit ist viel prosaischer«
Titelbild der Ausgabe 3/2018 von Die Anfänge Grundlagen: Von der Erde, wie die Griechen sie sahen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die Anfänge Grundlagen: Von der Erde, wie die Griechen sie sahen
Titelbild der Ausgabe 3/2018 von Über Leichen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Über Leichen
Titelbild der Ausgabe 3/2018 von Dokument: »Gipfel der Unverschämtheit«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Dokument: »Gipfel der Unverschämtheit«
Titelbild der Ausgabe 3/2018 von Strippenzieherin. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Strippenzieherin
Vorheriger Artikel
Politik mit Bildern
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel »Tollkühn, ja sogar abwegig«
aus dieser Ausgabe

... Zwischen prachtvollen Vorhängen und auf scharlachroten und purpurnen Teppichen stehen darin – wohl eher symbolisch als für den praktischen Gebrauch – 100 Schlafgemächer für die Massenhochzeit von Susa bereit.

Als nach einheimischer Sitte die Bräute das Festzelt betreten, warten die Männer dort auf Stühlen sitzend auf sie und begrüßen sie mit einem Kuss. Die Frauen und Mädchen stammen aus dem persischen Reich, das Alexander in den Jahren zuvor erobert hat. Zu den Bräutigamen zählen rund 90 makedoni- sche Offiziere aus Alexanders Heer. Und der König selbst.

Der Herrscher heiratet an diesem Tag im Frühjahr 324 v. Chr. gleich zwei Prinzessinnen aus der altpersischen Herrscherdynastie der Achämeniden: Parysatis, jüngste Tochter des 338 v. Chr. ermordeten Königs Artaxerxes III., und Stateira, älteste Tochter des Dareios III. Der war der letzte König der Dynastie, Alexander schlug ihn neun Jahre zuvor bei Issos.

Damals hatte der Makedone Großmut bewiesen, wie Plutarch später in seinem Porträt Alexanders schreibt: Er verzichtete darauf, neben den Schätzen des Palastes auch die Ehre der Königin oder ihrer Hofdamen zu rauben. Die Frauen bekamen »nichts Schimpfliches zu hören« und blieben unberührt, obwohl »die Frau des Dareios bei Weitem die schönste von allen Königinnen war«. Sie wurde geradezu zuvorkommend behandelt: Sie durfte gefallene Perser bestatten; Alexander erlaubte ihr, Kleider und Schmuck aus seiner Beute zu nehmen, und ermöglichte ihr in den folgenden Jahren ein königliches Leben – zu seinen Bedingungen.


Alexanders Ehe mit zwei persischen Prinzessinnen weckt bei seiner Frau Roxane bittere Eifersucht.


Während er weiterzieht, lernen ihre beiden Töchter Griechisch. Mit seinem edlen Verhalten damals und jetzt mit der Hochzeit in Susa beweist der Eroberer nicht nur Großzügigkeit, sondern auch diplomatisches Gespür: Alexander, dessen gewaltiges Reich immer wieder von lokalen Aufständen erschüttert wird, will das persische Volk nicht nur beherrschen, er will es auf seiner Seite wissen. Indem er Stateira und Parysatis heiratet, kann er sich vor aller Augen als legitimer Nachfolger von Dareios III. inszenieren.

So kann er den Fehler vermeiden, den einst sein Vater Philipp II. beging, der Griechenland zwar erobert, aber nicht das Volk für sich gewonnen hatte. Alexander hatte deshalb als 20-Jähriger ein Reich geerbt, das laut Plutarch »infolge noch mangelnder Gewöhnung in voller Gärung und Bewegung« war.

Zusätzliche Stabilität im neuen Reich sollen die arrangierten Ehen zwischen makedonischen Offizieren und Adligen mit Perserinnen schaffen. Ihre Kinder sollen zu einer neuen Elite des Imperiums heranwachsen, einer Oberschicht, die beiden Kulturen verbunden sein soll, so plant es Alexander wohl. Auch die Beziehungen, die Tausende einfache Soldaten während der vorangegangenen Feldzüge mit asiatischen Frauen eingegangen waren, werden am Tag der Hochzeit von Susa offiziell als Ehen anerkannt.

Die Männer erhalten ein großzügiges Geschenk ihres Herrn; obendrein zahlt Alexander all ihre Schulden – als Lohn für die entbehrungsreichen Zeiten in seinem Gefolge. Nach jahrelangen Märschen und Leben in der Fremde kommt ein Fest gerade recht: Es soll auch die Moral der Truppen stärken, die ihm, vollkommen erschöpft, erst zwei Jahre zuvor in Indien den Dienst verweigert hatten.

Für eine Frau jedoch ist dies kein Feiertag. Denn Alexander ist bereits seit drei Jahren verheiratet, als er Stateira und Parysatis ehelicht. Seine erste Gattin Roxane, Tochter des baktrischen Fürsten Oxyartes, soll eifersüchtig gewesen sein – so sehr, dass sie Stateira ein Jahr später umbringen und in einen Brunnen werfen ließ. Kein Wunder, dass Künstler und Literaten Alexanders Ehe mit Roxane später mit Inbrunst ausgeschmückt haben. Georg Friedrich Händel und Paolo Rolli etwa dramatisieren ihre Eifersucht in der Oper »Alessandro« von 1726.

Tatsächlich liest sich die Geschichte von Alexanders und Roxanes Kennenlernen wie ein Märchen. Doch ganz ohne politisches Kalkül schloss er auch seine erste Ehe nicht. Im Jahr 327 v. Chr. machten die Sogder, das rebellische Nachbarvolk Baktriens im gebirgigen Nordosten des Perserreichs, dem Feldherrn Schwierigkeiten. Viele Einwohner flüchteten sich in eine schwer zugängliche Burg, Roxane war unter ihnen.

Steile Felswände umgaben die Festung. Es lag Schnee, die Vorräte wurden knapp. Alexander wollte, so erzählt es der römische Geschichtsschreiber Arrian, die Belagerung abbrechen, da machten die Sogder einen Fehler: Sie forderten ihn heraus. Nur Soldaten mit Flügeln könnten diese Burg erobern, höhnten sie. Und so ließ Alexander in der Nacht eine Truppe von 300 erfahrenen Männern die Festung erklimmen. Ein Sack voll Geld für den, der die Zinnen zuerst erreicht! Etwa 30 stürzten in den Tod, doch die anderen Soldaten schafften es, die Widerständler gefangen zu nehmen.

Alexander machte Oxyartes, den Anführer der Sogder, der zu ihm überlief, zu seinem Statthalter in Paropamisaden, einer großen Provinz am Hindukusch. Und er heiratete dessen Tochter Roxane. Die schönste Frau, die sie mit Ausnahme von Dareios’ Ehefrau je gesehen hätten, so sagten die Soldaten. Angeblich entflammte Alexander kurz nach der Erstürmung der Burg für sie, »als er sie schön und jugendfrisch bei einem Festmahl im Reigen tanzen sah«, wie Plutarch schreibt.

Doch auch der Biograf glaubt, dass die Ehe mit Roxane politische Zwecke hatte: »Denn die Barbaren begannen infolge der geschlossenen ehelichen Verbindung Vertrauen zu haben und vergötterten Alexander, weil er auf diesem Gebiete so außerordentlich beherrscht war und auch die einzige Frau, die ihn bezwungen hatte, nicht ohne Einhaltung der gesetzlichen Form zu berühren wagte.«

Im Jahr ihrer Heirat wurde Alexander zum ersten Mal Vater. Allerdings war es nicht seine Gemahlin, sondern seine langjährige Geliebte Barsine, die ein Kind bekam: Herakles. Kein legitimer Thronfolger, doch seine Geburt erhöhte den Druck auf Roxane, einen Sohn zu gebären. Das erste Kind, das sie vermutlich 326 v. Chr. auf dem Indienfeldzug zur Welt brachte, starb kurz nach der Geburt. So ist vorstellbar, dass auch der Wunsch nach einem Thronfolger eine Rolle spielt, als Alexander sich zwei Jahre später in Susa gleich zwei weitere Frauen nimmt. Er ist jetzt 32 Jahre alt.

Polygamie ist in dieser Zeit am makedonischen Hof und auch in Persien nichts Außergewöhnliches – schon Alexanders Vater Philipp II. hatte sieben Ehefrauen. Und schon er, berichtet der griechische Biograf Satyros, »richtete sich in seinen Eheschließungen nach dem Kriegsgeschehen«.

Indem er mehrere Frauen aus verschiedenen Regionen ehelichte, demonstriert Alexander nicht nur seine Verbundenheit mit den unterschiedlichen Völkern seines Reichs. Alexanders opulente, tagelange Feier in Susa soll den Untertanen auch unverkennbar signalisieren, dass ihr Herrscher nicht etwa geschwächt oder – wie Gerüchte immer wieder behaupteten – gar tot sei, sondern in der Blüte seines Lebens steht.

Doch die Geburt seines Sohnes Alexander IV. im Jahr darauf erlebt er nicht mehr. Und Roxane, die hochschwanger an seinem Totenbett wacht, wird später selbst Opfer einer Intrige: Als ihr Sohn Alexander IV. mit 13 Jahren das Erbe des Vaters antreten soll, lässt der Makedone Kassander, einer der Feldherren Alexanders des Großen, sie und ihren Sohn vergiften, um die Herrschaft an sich zu reißen. Das riesige Reich ist endgültig zum Zerfallen verdammt.


Mit Alexander verliert Roxane ihren Beschützer: Ein Feldherr lässt sie und ihren kleinen Sohn vergiften.