Lesezeit ca. 8 Min.

»Ein schwarzer Tag in der Geschichte der Menschheit«


Logo von G Geschichte
G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 15.07.2022

BLICKPUNKT

Artikelbild für den Artikel "»Ein schwarzer Tag in der Geschichte der Menschheit«" aus der Ausgabe 8/2022 von G Geschichte. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 8/2022

Furchtbar und faszinierend: Am 26. März 1954 explodiert die Wasserstoffbombe »Castle Romeo« über dem Bikini-Atoll. Sie hat eine Sprengkraft von 11 Megatonnen TNT, so viel wie 880 Hiroshima-Bomben. Eine herkömmliche Atombombe dient als Zünder für die Kernfusion

Viele Jahre lang waren Atomwaffen kein großes Thema mehr: Während im Kalten Krieg die Gefahr der nuklearen Vernichtung über der Welt schwebte wie ein Damoklesschwert und die Führer von West und Ost immer wieder einen Finger auf dem Roten Knopf hatten, schien diese Gefahr seit dem Zerfall der Sowjetunion Anfang der 1990er-Jahre gebannt. Ein Trugschluss, wie wir nicht erst seit dem russischen Angriff auf die Ukraine wissen. Wladimir Putins kaum verhohlene Drohung mit Atomwaffen macht uns schmerzlich bewusst, dass noch immer zigtausende Atomsprengköpfe in zahllosen Bunkern der Dinge harren, die da kommen mögen – genug, um unsere Zivilisation gleich mehrfach ins Nirwana zu bomben.

Die Geschichte dieser tödlichsten aller menschengemachten Kriegswerkzeuge beginnt in den 1930er-Jahren: Der Engländer James Chadwick entdeckt das Neutron, und der aus Ungarn stammende Physiker Leó Szilárd erkennt ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von G Geschichte. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 8/2022 von Aquaman und die Anthroposophie. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Aquaman und die Anthroposophie
Titelbild der Ausgabe 8/2022 von Einwohner kamen von überall. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Einwohner kamen von überall
Titelbild der Ausgabe 8/2022 von Ergraute Kunde von uralten Zeiten. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Ergraute Kunde von uralten Zeiten
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Aquaman und die Anthroposophie
Vorheriger Artikel
Aquaman und die Anthroposophie
Einwohner kamen von überall
Nächster Artikel
Einwohner kamen von überall
Mehr Lesetipps

... die Möglichkeit einer Kettenreaktion, die durch den Beschuss von Atomkernen mit Neutronen ausgelöst wird. Den Deutschen Otto Hahn und Fritz Straßmann gelingt 1938 die erste Kernspaltung. Hahn notiert, dass Urankerne beim Beschuss mit Neutronen »zerplatzen« – eine Erkenntnis, die von den österreichischen Wissenschaftlern Lise Meitner und Otto Frisch theoretisch erklärt wird.

Forscher halten Kernwaffen anfangs für Hirngespinste

Damit scheinen nukleare Bomben zumindest in der Theorie möglich zu sein, auch wenn viele Forscher abwinken und Gedanken in diese Richtung als Hirngespinst abtun. Leó Szilárd dagegen begreift das Potenzial der neuen Entdeckung. Seine Versuche, die Forschungsergebnisse angesichts der zerstörerischen Macht einer sich selbst erhaltenden Kettenreaktion mit ungeheurer Energiefreisetzung unter Verschluss zu halten, scheitern jedoch.

Szilárd, der als Jude erst vor dem Antisemitismus des ungarischen Horthy-Regimes und dann vor der NSDAP fliehen musste, treibt der Gedanke um, was eine Atombombe in den Händen Hitlers anzurichten vermag. Er wendet sich ans Physik-Genie Albert Einstein, der ebenfalls aus Deutschland in die USA emigrieren musste, weil er Jude ist. Wenn Szilárd schon nicht verhindern kann, dass den Deutschen das Wissen über die mögliche Bombe zur Verfügung steht, so sollen diese wenigstens nicht die Ersten sein, die tatsächlich eine Kernwaffe besitzen.

Einstein, überzeugter Pazifist und Kriegsgegner, teilt die Sorge seines Kollegen. Der Nobelpreisträger unterschreibt Anfang August 1939, knapp einen Monat vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, einen Brief an US-Präsident Franklin D. Roosevelt. Der Inhalt: hochexplosiv. Darin steht, »dass es möglich werden könnte, in einer großen Menge Uran eine nukleare Kettenreaktion auszulösen, wodurch ungeheure Mengen von Energie und neuer, radiumartiger Elemente erzeugt würden«. Dann folgt ein Satz, der Roosevelt aufrüttelt: »Dieses neue Phänomen könnte zur Konstruktion von Bomben führen, und es ist denkbar – obgleich viel weniger gewiss –, dass auf diese Weise neuartige Bomben mit einem extrem hohen Zerstörungspotenzial hergestellt werden.« Einsteins Rat an den US-Präsidenten: Zeit und Geld in die Forschung zu stecken, weil in Deutschland »in diesem Moment« daran gearbeitet werde.

Roosevelt liest den Brief am 11. Oktober 1939 und beruft noch am selben Tag das »Beratende Uran-Komitee« ein, das die Kernspaltung untersuchen und die Forschung an den US-Universitäten koordinieren soll. Was gewichtig klingt, ist de facto nur eine kleine Gruppe von Menschen mit einem lächerlichen Budget von nicht einmal 6000 Dollar.

Die Kommission kommt so langsam voran, dass Einstein sich erneut einschaltet und wieder eindringlich vor der Gefahr der deutschen Forschung warnt. Diese ist tatsächlich im Uranprojekt gebündelt, genießt jedoch keine Priorität bei Hitler. Zwar sind die Voraussetzungen – Uran-Erz und »schweres Wasser« etwa – vorhanden, doch die deutschen Wissenschaftler um Werner Heisenberg und Kurt Diebner sind von der Bombe wohl so weit entfernt wie der »Führer« vom Friedensnobelpreis.

Größer und gewaltiger

Die Hiroshima-Bombe tötete sofort 70 000 bis 80 000 Menschen, war aber eine relativ kleine Kernwaffe. Die sowjetische Zar-Bombe war 4000-mal stärker und erzeugte einen 64 Kilometer hohen Atompilz

Aber schon die Gefahr deutscher Kernwaffen stimuliert das US-Atomprogramm. Die Vereinigten Staaten beginnen einen einsamen Wettlauf: Anfang Dezember 1941 wird der Grundstein für das Manhattan-Projekt gelegt, das den Bau einer Atombombe zum Ziel hat. Dafür macht die US-Regierung die damals unfassbare Summe von 1,9 Milliarden Dollar locker, was heute etwa 23 Milliarden Dollar entspricht. An über 30 Standorten – der bekannteste ist Los Alamos im Bundesstaat New Mexico – lässt sie weit mehr als 100 000 Menschen direkt oder indirekt an der zerstörerischsten Waffe der Menschheitsgeschichte arbeiten. Darunter ist die Crème de la Crème der forschenden Zunft mit Robert Oppenheimer an der Spitze. Auch Szilárd ist dabei, im Gegensatz zu Einstein.

Die USA zünden 1945 drei Atombomben — ihr gesamtes nukleares Arsenal

Das direkte Ergebnis des Manhattan-Projekts sind die Testexplosion »Trinity« am 16. Juli 1945 und die beiden Atombombenabwürfe am 6. und 9. August 1945 auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki. Einstein reagiert darauf mit: »Oh weh!« Seine und Szilárds Versuche, die US-Führung davon zu überzeugen, die verheerende Waffe nicht gegen Zivilisten einzusetzen, verhallten ungehört. »Wenn ich gewusst hätte, dass es den Deutschen nicht gelingen würde, eine Atombombe zu konstruieren, hätte ich mich von allem ferngehalten«, bereut Einstein. So aber mündet sein Brief an Roosevelt in weit mehr als 200 000 japanischen Opfern. Das Kaiserreich Japan kapituliert. Doch damit endet die Geschichte der Atombombe nicht, ganz im Gegenteil.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stehen sich die beiden Supermächte USA und Sowjetunion unversöhnlich gegenüber. Erstere wähnt sich dank der atomaren Bewaffnung im Vorteil, doch dieser hält nicht lange an. Schon 1949 zünden die Sowjets, von Spionen mit Forschungsunterlagen aus dem Westen versorgt, ihre erste Atombombe – bestückt mit Uran aus dem Erzgebirge.

Nun beginnt das, was als atomares Wettrüsten in die Geschichte eingeht: Immer größer, immer gewaltiger, immer verheerender sind die Waffen, die West und Ost entwickeln. Die Gesamtzahl der Sprengköpfe steigt rasant an, strategische und taktische Kernwaffen entstehen: Artilleriegranaten, ballistische Raketen und Torpedos, Wasserbomben, Luft-Luftund Boden-Luft-Raketen – alles, was man sich nur irgend vorstellen kann, muss nun in der Lage sein, atomare Sprengköpfe ins Ziel zu tragen.

Fetter Mann

Die 1945 über Nagasaki abgeworfene Atombombe »Fat Man« war 3,3 Meter lang und wog 4,67 Tonnen

Todbringende Tests

US-Soldaten üben 1951 in Nevada den Atomkrieg und sind ungeschützt der Radioaktivität ausgesetzt

Bombenstimmung

US-Admiral Blandy (li.), seine Frau und Admiral Lowry feiern 1946 die Kernwaffentests auf dem Bikini-Atoll

Dass damit die Gefahr des nuklearen Holocausts Tag für Tag größer wird: geschenkt. Bald stellen Wasserstoffbomben die Zerstörungskraft der über Japan abgeworfenen Bomben »Little Boy« und »Fat Man« bei Weitem in den Schatten. Höhepunkt der Entwicklung ist die 1961 von den Sowjets gezündete AN602, Deckname Wanja, später bekannt geworden als Zar-Bombe.

Ihre Sprengkraft ist so groß wie 50 Megatonnen (50 000 000 Tonnen) des Sprengstoffs TNT. Das ist das 4000-fache der Hiroshima-Bombe, die eine Sprengkraft wie 12 500 Tonnen TNT hatte.

Bis in die 1950er-Jahre verstrahlen die Militärs sorglos ihre Soldaten

Tests an mehr oder weniger abgelegenen Orten wie dem Bikini-Atoll im Pazifik, die die gesamte Gegend und sozusagen als Kollateralschaden die Bevölkerung gleich mit atomar verstrahlen, sind eher die Regel als die Ausnahme.

Neben den USA und der Sowjetunion erproben Frankreich, Großbritannien und China ihre Atomwaffen. Dass dabei bis in die 1950er-Jahre hinein auch eigene Soldaten, in grausamer Ignoranz der hochgefährlichen Radioaktivität, in geringer Entfernung zu den Explosionen positioniert werden, gehört mit zum Bild des sorglosen Umgangs mit atomaren Waffen. Fast alle dieser unglücklich Ausgewählten sterben irgendwann in ihrem oftmals dramatisch verkürzten Leben an Krebs, viele werden zudem zeugungsunfähig.

Mit der Größe der atomaren Arsenale wächst aber auch der Widerstand dagegen. Die Einsicht, dass Waffen von solch immenser Macht einer strengen Regulierung unterliegen müssen, beginnt sich durchzusetzen – nicht nur in der Zivilgesellschaft, sondern auch bei den Atommächten selbst. 1968 unterzeichnen die USA, Großbritannien und die Sowjetunion, später auch Frankreich und China den Atomwaffensperrvertrag. Der besagt, dass Atommächte keine atomaren Waffen an Drittstaaten weitergeben dürfen, und er verpflichtet sie zur Abrüstung – während Länder ohne Atombomben versichern, diese nicht zu erwerben. Dem Sperrvertrag schließen sich im Lauf der Jahre immer mehr Nationen an. Nur wenige Länder lehnen die Unterschrift ab, darunter mit Israel, Pakistan und Indien solche, die selbst über Kernwaffen verfügen. Nordkorea, ebenfalls im Besitz der Bombe, zieht die Unterschrift 2003 zurück.

Der Anfang März 1970 in Kraft getretene Sperrvertrag schränkt zwar die Verbreitung von Atomwaffen ein, erzielt bei der Abrüstung aber nicht die erhoffte Wirkung. Die Gesamtzahl der amerikanischen Atomsprengköpfe hat bereits 1967 mit etwas über 31 000 ihren Höhepunkt erreicht. Seit der Unterzeichnung des Vertrages nimmt sie trotz des NATO-Doppelbeschlusses ab, doch die UdSSR rüstet zunächst weiter auf. 1986 sitzen die Sowjets auf mehr als 40 000 Sprengköpfen. Es folgen weitere Abkommen zur Rüstungsbeschränkung und -kontrolle, und die zeigen Wirkung: Der INF-Vertrag etwa beinhaltet die Vernichtung landgestützter Flugkörper mit einer Reichweite zwischen 500 und 5500 Kilometer. Der ABM-Vertrag begrenzt Raketenabwehrsysteme, was einen atomaren Erstschlag unwahrscheinlicher macht, da sich keine Seite ausreichend vor dem Zweitschlag schützen kann. Und das START-Abkommen reduziert strategische Trägersysteme. Das Ende der Sowjetunion beschleunigt die bereits begonnene Abrüstung. Heute gibt es weltweit etwa 13 000 atomare Sprengköpfe, die überwiegende Mehrheit in den USA und in Russland (siehe Grafik links oben).

Atomares Arsenal

Die geschätzte Zahl der Atomsprengköpfe weltweit beträgt knapp 13 000. Etwa 6000 hat Russland, 5500 die USA.

Sieben weitere Länder verfügen über 20 bis 350 nukleare Sprengköpfe. Bald könnte der Iran zum Kreis der Atommächte stoßen

Statt der Kernwaffen werden die Verträge weniger

Doch diese Zahlen sind kein echter Grund zu Freude. Zum einen reicht das nukleare Potenzial noch immer aus, die Zivilisation auf dem Erdenrund zu vernichten. Zum anderen stagniert die Abrüstung, außerdem investieren die USA und Russland viel Geld in die Modernisierung ihres Atomarsenals. Die für Nuklearwaffen relevanten Verträge werden zudem sukzessive weniger: Die USA treten 2002 aus dem ABM-Vertrag aus, und der INF-Vertrag ist seit 2019 außer Kraft gesetzt, nachdem sich Washington und Moskau gegenseitig beschuldigt haben, das Abkommen zu unterlaufen.

Anfang 2021 unterzeichnen Russlands Präsident Putin und US-Präsident Joe Biden zumindest eine Verlängerung des NEW-START-Abkommens, des letzten bedeutenden Abrüstungsvertrags beider Staaten, um fünf Jahre.

Damit verhindern sie fürs Erste einen Rüstungswettlauf. Doch mehr als ein Hoffnungsschimmer ist das nicht, eher ein Aufschub.

Läuft NEW START aus und wird nicht von einem Folgevertrag abgelöst, sind weder Russland noch die USA an ein völkerrechtliches Abkommen gebunden, das die atomare Aufrüstung limitiert. Der Welt droht ein neues Wettrüsten, auch weil keiner der relevanten Staaten den 2021 in Kraft getretenen UN-Atomwaffenverbotsvertrag unterzeichnet hat.

Die traurige Wahrheit ist, dass die Welt in puncto Atomwaffen schon einmal weiter war, als sie es heute ist. Misstrauen und Heimlichkeit sind peu à peu an die Stelle von Offenheit und Vertrauen getreten. Pläne für ein NATO-Raketenabwehrsystem in Osteuropa etwa stoßen in Russland seit Jahren auf Ablehnung, während Putin sich nicht zuletzt durch den Angriffskrieg auf die Ukraine und seine atomare Drohung immer mehr vom Westen entfremdet. Eine nukleare Drohkulisse ähnlich der in den düstersten Stunden des Kalten Kriegs hängt über der Weltgemeinschaft wie eine dunkle, schwere Wolke, die von einem heftigen Gewitter kündet.

Leó Szilárd sprach schon während seiner Arbeit am Manhattan-Projekt, als ihm und dem Physiker Enrico Fermi die erste Kettenreaktion in ihrem Neutronen-Reaktor gelang, von einem »schwarzen Tag in der Geschichte der Menschheit«. Die Bomben würden Unheil über die Welt bringen, so Szilárd, »auch wenn wir sie als Erste haben und den Krieg gewinnen«. Es sind Kassandrarufe, die heute noch dieselbe Gültigkeit besitzen wie vor 80 Jahren.

DVD-TIPP

Nicholas Meyer (Regie): »The Day After«. Der US-Spielfilmklassiker von 1983 über die Folgen eines Atomkriegs. 2-Disc Special Edition ca. € 28,–