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EIN SONG FÜR DEN STEHSCHLAGZEUGER


drums & percussion - epaper ⋅ Ausgabe 6/2021 vom 06.10.2021

DRUMMER

Artikelbild für den Artikel "EIN SONG FÜR DEN STEHSCHLAGZEUGER" aus der Ausgabe 6/2021 von drums & percussion. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bela, was bei deiner Art, Schlagzeug zu spielen, sogar Nichtschlagzeugern sofort auffällt: Du spielst nach wie vor live im Stehen. Woher stammt das Konzept?

Derjenige, der mich überzeugt hat, im Stehen zu spielen, war der erste Mischer von den Ärzten namens Matzke. Bei unseren ersten Konzerten habe ich von hinten am Schlagzeug sitzend über ein Mikro Ansagen gemacht – was die Leute irritiert hat: Wer spricht denn da? Wer unterhält sich da mit dem Schlagzeuger? Da kam von Matzke die Idee, dass das Schlagzeug weiter nach vorne solle. »Und wenn du im Stehen spielen würdest, könnte man dich noch viel besser sehen. Das wäre schon nicht schlecht«, meinte er. Das fand ich erst mal komisch, aber dann habe ich 1982 mein erstes Stray-Cats-Konzert gesehen. Da standen alle Musiker in einer Reihe vorne am Bühnenrand, der Schlagzeuger Slim Jim Phantom in der Mitte. Da bin ich als zugegeben ziemlich ...

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... besoffener Punkrocker im Publikum ziemlich durchgedreht. Als Slim Jim Phantom dann seine Sticks ins Publikum warf, habe ich mit einem Teddy Boy darum gekämpft, der einen halben Kopf größer war als ich – aber ich muss so manisch ausgesehen haben, dass er mich mit dem Stock hat ziehen lassen.

Ab da war klar, dass du es Slim Jim Phantom nachtust?

Es gibt eine lustige Anekdote dazu: Vor einigen Jahren war Slim Jim Phantom ohne die Stray Cats, nur mit einem Bassisten und Gitarristen, auf Tour. Er spielte im Berliner Club SO36, und dort war es nicht besonders voll. Nach der Show stand er an seinem Merch-Stand und hat T-Shirts verkauft. Da stand eine sehr angetrunkene Punkfrau neben ihm und hat ihn angegraben. Er war davon sichtlich genervt. Als ich dann erwartungsvoll vor ihm stand, mit großen Augen, weil ich ihm etwas erzählen wollte, hat er sich gleich mir zugewandt, weil er die Frau loswerden wollte. Ich begann, ihm meine Geschichte erzählen: Ich sei Schlagzeuger und hätte ihn bei den Stray Cats im Stehen spielen gesehen. Mein Set sei anders als seins aufgebaut, und ich würde auch ganz andere Musik spielen, aber ich sei jetzt in Deutschland ganz bekannt dafür, im Stehen zu spielen, und so weiter. Er guckt mich an – und dreht sich dann wieder zu der Punkfrau um [lacht]. Aber einen Tag später – vielleicht hatte ihm sein Tourmanager meinen E-Mail-Kontakt gegeben und ihm erzählt, wer ich bin – kam dann eine E-Mail von ihm. Seitdem sind wir in Kontakt und haben uns auch schon mal getroffen. Es gibt sogar ein Lied, das ich über Stehschlagzeuger geschrieben habe und das ich mit ihm im Duett machen wollte. Er sollte Schlagzeug spielen und ich singen. Es ist aber mit dem Thema eher ein Nischensong. Vielleicht ganz gut, dass er nie aufgenommen wurde [schmunzelt].

Manch einer ist sicher weniger selbstkritisch als du...

Warte ab, den Song gibt’s ja noch – vielleicht mache ich noch was Besseres draus.

Wie ist das, wenn du im Studio im Sitzen etwas eingespielt hast, das du live dann im Stehen reproduzieren musst?

Im Stehen habe ich beim Spielen mehr Gewalt, und dann ist da auf der Bühne noch Adrenalin im Spiel. Der Song »Elke« hatte seinerzeit auch Doublebassdrum, aber die war programmiert – den Trick hat wohl jeder Metaldrummer durchschaut. Aber die Liveintensität hat die vereinfachte Stehbassdrum locker wettgemacht. Da, wo es bei den Ärzte-Stücken mitunter schwierig wurde, weil da etwa Bassdrumfiguren programmiert wurden, habe ich die beim Spielen im Stehen dann etwas vereinfacht. Jetzt, wo ich als Schlagzeuger merke, dass ich tatsächlich nach so vielen Jahren noch mal besser werde, macht es mir sogar Spaß, diese schrägen Achtzigerjahre-Bassdrumpattern live zu spielen.

Wie zum Beispiel?

Das Stück »Westerland« hat eigentlich ein eher seltsam programmiertes Bassdrumpattern, das ich jetzt so live spiele. Beim neuen Album »Dunkel« gibt es – gar nicht so hörbar, höchstens mit Kopfhörer – einen Doublebassdrum-Einsatz. Da hatte Jan, also Farin Urlaub, den Wunsch, dass ich im Intro und Outro Achtelbassdrumfiguren mit großen Dynamikunterschieden spiele, so wie man es eher aus dem Jazz kennt. Dass ich kein Jazzdrummer bin, brauche ich ja nicht betonen. Das war eine Herausforderung, die ich dann mit einem Doppelpedal gelöst habe. Das werde ich live, im Stehen, nicht reproduzieren können.

DASS ICH KEIN JAZZDRUMMER BIN, BRAUCHE ICH JA NICHT BETONEN

Welches Equipment hattest du bei den Aufnahmen für »Dunkel« am Start?

Das ist im Studio immer ein Wiedersehen mit dem angehäuften Yamaha-Equipment, das ich über die Jahre benutzt habe. Daraus stellen wir meistens drei Sets zusammen, die zu den verschiedenen Stimmungen der Songs passend gemacht werden. Der Grundstock ist mein »Black Oak Custom«, das ich auf den letzten Touren benutzt habe. Mein brandneues Set, das »Absolute Hybrid Maple«, haben wir dabei aber auch schon eingeweiht. Ich freue mich sehr auf die Livetaufe damit, das Set ist ein Killer. Dazu kommt eine Armada aus Yamaha-Snares für wirklich jede Gelegenheit. Mit Paiste-Becken spiele ich, seit ich schon als Kind mit Musik angefangen habe, und weiß jedes Mal wieder, warum. Auch hier habe ich über die Jahre einen großen Fundus angesammelt. Zusammen mit meinem Techniker Herr Schmitt denken wir uns für jeden Song Variablen aus. Das macht das Album lebendiger, und ich habe einen Megaspaß an den verschiedenen Sounds. Wenn du einen so guten Mann für dein Besteck hast, dauert der Umbau auch nicht lang.

Benutzt du sonst noch Equipment ›außer der Reihe‹?

Der Drummer von The Damned hat mir mal eine Signature-Snare geschenkt, auf die alle The Damned-Cover aufgedruckt sind. Das ist eine Messingsnare, die toll klingt und die wir bei den Ärzten immer wieder mal benutzen. Neulich haben wir sie als Timbale eingesetzt. Mein »Hip Gig«-Set von Yamaha habe und spiele ich auch immer wieder leidenschaftlich gern. Das kann ich selber gut aufbauen, bei dem kleinen Set lohnt sich bei kleineren Gigs kein Drumtech. Es ist vielleicht auch ganz gesund, dass ich hin und wieder selber stimme. Das Set gibt’s allerdings gar nicht mehr zu kaufen. Auch mein Cocktail-Set habe ich noch und benutze es immer wieder mal. Ich habe noch nie was weggeschmissen. Sehr zum Leidwesen meiner Endorser [lacht].

Du bist nicht nur Musiker, sondern auch Autor, Schauspieler, Synchron- und Hörbuchsprecher. Welche Bedeutung hat das Schlagzeug da für dich?

Na ja, das Schlagzeug ist schon das Instrument, wo ich mich am sichersten fühle. Dabei gibt es schon Dinge, die mir musikalisch fremd sind und bei denen ich mich hinsetzen muss, um sie für mich herauszufinden. Auf dem letzten Album »Hell« etwa gibt es den »Woodburger«-Song von Farin Urlaub, der diese Jazzfunkparts hat – da hat er in seinem Demo Aufnahmen von einem Jazzdrummer als Vorlage genommen. Die waren für mich erst mal gar nicht nachvollziehbar. Dabei hatte ich auf der Platte wirklich viele komplizierte und gute Sachen gespielt, auf die ich stolz war, und dachte: Jetzt kann ich doch hier nicht kneifen, und wir nehmen ein Jazzsample. Da habe ich bis zum letzten Tag der Schlagzeugaufnahmen für »Hell« gekämpft, bis ich zuallerletzt Farins Schlagzeugsample so nachspielen konnte, wie er es wollte. Ich hatte mehrere Aufnahmen gemacht, die ihm alle nicht gefielen, weil ich es ein bisschen verändert hatte. Ich habe zwar nicht genau verstanden, was ich da dann eigentlich gemacht habe – also was die Bassdrum da vom Timing her in Relation zur Offbeat-Hihat und zur Snare macht, die irgendwo im Raum schwebt – aber es klingt ganz gut. Wundert mich selbst auch [lacht]. Es war mein Ehrgeiz, das so spielen zu können. Das kann ich jedem nur empfehlen: sich auch an Sachen wagen, die man eigentlich gar nicht so mag – das zeigt dir dein Instrument von einer ganz anderen Seite. Den Stolz, der damit einhergeht, vergleiche ich damit, wenn du beim Marathon nach 42 Kilometern ins Ziel läufst. Ich weiß, wovon ich spreche: Ich bin sieben Mal in meinem Leben Marathon gelaufen. Wenn du nach einem langen Leben als Schlagzeuger dann doch noch mal was machst, das du nie für möglich gehalten hättest, ist das schon ein Kick.

BIOGRAFIE

Bela B, bürgerlich Dirk Felsenheimer, kam am 14. Dezember 1962 in Berlin-Spandau auf die Welt. 1979 gründete er seine erste Band Soilent Grün, zu der alsbald Farin Urlaub stieß, der spätere Die-Ärzte-Kompagnon. Bis zu ihrer Auflösung 1982 erspielte sich die Band in der florierenden Berliner Punkszene einen Namen und veröffentlichte eine EP. Danach begann der unaufhaltsame Aufstieg von Die Ärzte, unterbrochen von einer Pause zwischen 1988 und 1993, die Bela B für diverse Projekte und ein Intermezzo mit seiner Band Depp Jones nutzte. Bela B ist auch als Schauspieler, Synchron-und Hörbuchsprecher sowie Gastsänger und Songschreiber aktiv. Als Solokünstler hat er die Alben »Bingo« (2006), »Code B« (2009), »Bye« (2013) und »Bastard« (2017) veröffentlicht. 2019 debütierte Bela B, der früher einen eigenen Comic-Verlag leitete, mit »Scharnow« als Romanautor. Heute lebt das Multitalent in Hamburg und gehört schlagzeugerisch zu den wenigen, die das Stehtrommeln pflegen. Nach sieben Jahren Pause von Die Ärzte überschlagen sich mit »Hell« (2020) und »Dunkel« (24.9.2021) nun die Veröffentlichungen.

EQUIPMENT

Drums: Yamaha »Absolute Hybrid Maple« 24˝ x 18˝ Bassdrum 12˝ x 8˝ Tom 16˝ x 15˝, 18˝ x 16˝ Floortoms 14˝ x 7˝ Oak-Snare Cymbals: Paiste »2002« 17˝ »Wild China« 14˝ »Wild Hats« 22˝ »Wild«-Ride 18˝ »Heavy Full«-Crash (»Reflector«-Serie) 20˝ »Heavy Full«-Crash (»Reflector«-Serie) 18˝ »Medium Swiss«-Crash (»Alpha«-Serie)

Hardware: Yamaha Hexrack (»Reversed Spider«)

Felle: Remo »Powerstroke 3«-Coated (Bassdrum), »Pinstripe«-Coated (Toms/Batter), »Ambassador Black Suede« (Toms/Reso), »Powerstroke 3«-Coated (Snare/Batter), »Ambassador Snare« (Snare/ Reso)

Stöcke: Rohema (Bela-B-Sig-nature-Modell)

Solche Herausforderungen suchst du aber nicht gezielt, sondern die ergeben sich wie zum Beispiel hier bei Aufnahmen?

Leider ja. Ich habe zwar seit bestimmt zehn Jahren ein E-Drumkit bei mir stehen, an dem ich immer wieder mal sitze und mir Sachen draufschaffe, aber ich brauche immer ein Ziel. Wenn ich einfach so üben will, dann nehme ich mir meist was vor, was ich dann jeden Tag machen will, und merke nach zwei Wochen: Oh, das habe ich jetzt doch nur einmal gemacht – vor zwei Wochen! Ich war immer jemand, der eine Band oder andere Musiker brauchte, um zu üben. Das ist nicht gut. Man sollte auf jeden Fall auch alleine üben können, das bringt dich allemal weiter [lacht].

Obwohl du dich am Schlagzeug am sichersten fühlst, agierst du in deinen Soloprojekten aber eher als Sänger und Gitarrist?

Na ja, das macht sich schon bemerkbar: Als ich 2006 mein erstes Soloalbum gemacht hatte, mit dem ich total zufrieden war und bin, war ich wahnsinnig aufgeregt, als ich damit auf der Bühne stand. Das ging die ganze Tournee über – es hat wirklich zehn, zwölf, dreizehn Konzerte gebraucht, bis ich die Songs halbwegs fehlerfrei auf der Gitarre durchspielen konnte. Ich konnte das eigentlich alles spielen, aber die Aufregung hat bei mir ständig dafür gesorgt, dass mich alles abgelenkt hat. Diese ständige Selbstbeobachtung als Gitarrist, Sänger und Entertainer gestaltete sich echt schwierig. Erst beim zweiten Soloalbum, 2009, war auf der Tour dann die Selbstsicherheit da. Das war ein Unterschied wie Tag und Nacht. Hingegen ist es bei mir beim Schlagzeug so, dass ich einen Song zum Warmwerden brauche, aber dann bin ich da sehr sicher.

Steht denn solo bei dir demnächst wieder was an?

Ich habe für die beiden Platten »Hell« und »Dunkel« um die 17 oder 18 Songs geschrieben. Ein paar Sachen sind übrig, die ich zurückhalte. Aber im Moment plane ich solo nichts. Wir stehen jetzt in den Startlöchern und wollen endlich mit den Ärzten touren. Wir hatten vor zwei Jahren diese tolle Europaclub-Tour und ein paar Festivalauftritte. Danach dachten wir: Okay, jetzt schnell eine neue Platte und dann schnell auf Tour! Und diese »In The Ä Tonight«-Tour ist jetzt schon um ein Jahr verschoben. Wir hoffen, sie Ende diesen Jahres noch nachholen zu können, sonst wird sie wohl gänzlich flachfallen [Anm. d. Red.: Die Tour wurde inzwischen abgesagt]. Für nächstes Jahr haben wir zum Glück zwei Touren, die anstehen: Die »Berlin MMXXII«- und die »Buffalo Bill in Rom«-Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Wenn wir nächstes Jahr auf der Bühne stehen, haben wir dann seit unserer letzten Tour drei Jahre nicht mehr gespielt.

CD-TIPP

Das Tondokument des »dritten Frühlings« der selbsternannten »Besten Band der Welt«. »Dunkel«, erschienen am 24. September, liefert in 19 Titeln aus der Feder aller drei Bandmitglieder in bester Ärzte-Manier das, was die Band berühmt gemacht hat: poppige Riffs und Hooks, knackige Beats und markige Texte – inklusive einiger musikalischer Ausflüge als Salz in der Suppe. Zitat: »Songs, die wieder in allen Töpfen wildern und doch so etwas wie die Seele der Ärzte kondensieren«.

Die drei Jahre sind ja nichts gegen die sieben Jahre lange Pause, die ihr davor eingelegt hattet. Wieso wart ihr derart lange in der Versenkung verschwunden?

2013 hatten wir die letzten Konzerte gespielt. Da stand es nicht besonders gut um die Band und um das Gefühl füreinander und zueinander. Schon die Studioaufnahmen waren ein Krampf. Bei der Albumpromo hatte sich Rod eine Schulterverletzung zugezogen, die er dann zwei Jahre lang mit sich rumgeschleppt hat, was sehr auf seine Laune gedrückt hat. Das stand alles unter einem unglücklichen Stern. Wir waren einfach an einem Punkt, wo man vielleicht mal ein Jahr Pause hätte machen sollen. Aber stattdessen haben wir einfach weitergemacht und exzessiv getourt. Danach hatten wir voneinander die Nase voll. Es ist bei den Ärzten schon seit Langem so, dass wir nach jeder Platte und nach jeder Tour wissen: Wir brauchen jetzt erst mal eine Pause. Und dann entscheiden wir, ob es weitergeht. Es kann bei den Ärzten immer passieren, dass es plötzlich vorbei ist. Wir sehen da zuallererst eine Verantwortung uns und dann den Fans gegenüber: Bevor wir eine Oldieband werden, die nur noch ihren Backkatalog verwaltet, sollen wir uns lieber auflösen. Wir existieren eh schon viel zu lange [lacht]. Als Zwanzigjähriger hätte ich mir nicht vorstellen können, dass diese Band mal 40 Jahre lang existiert. Aber nun spiele ich in dieser Band, wir haben gerade unseren dritten Frühling und ich denke: Das könnte ewig so weitergehen. Im Moment stehen alle Zeichen darauf. Wir werden sehen. Dieser Frühling ist auch musikalisch untereinander spürbar. Immerhin sind wir jetzt schon seit fast drei Jahren dabei, immer wieder Songs aufzunehmen. Jetzt haben wir mit »Dunkel« schon die zweite Platte veröffentlicht, weil wir ja nichts anderes zu tun haben [lacht].

Immerhin hast du zwischendrin noch dein Romandebüt »Scharnow« veröffentlicht. Hast du schon das nächste Buch in Planung?

Das zweite Buch ist, glaube ich, noch schwieriger als die zweite Platte einer Band. Fürs erste Buch hast du dein ganzes Leben, fürs zweite wird es jetzt da schon eng. Ich habe einige Sachen im Kopf und sammle noch Ideen. Aber es gibt noch nichts Verkündbares.

Was oder wer inspiriert dich?

Es ist immer die Haltung, die mir imponiert. Wenn ich instrumental denke, in Sachen Schlagzeug, dann kickt mich Danny Young von Gluecifer, der auch in meiner Soloband gespielt hat. Ich fand ihn immer schon toll. Er kann viel mehr, als er so zeigt – wie Phil Rudd von AC/DC. So was imponiert mir. Manchmal sind das Leute, bei denen ich gar nicht verstehe, was mich an ihnen fasziniert. Ozzy Osbourne zum Beispiel. Dessen Musik höre ich gar nicht, aber ihn als Typen finde ich einfach geil. Der hat Charisma für hundert. Farin Urlaub würde sagen: »Er ist erhaben« [lacht].

NETZ

http://www.bela-b.de, www.bademeister.com

Eure Konzerte sind schon wieder alle ausverkauft. Wie erklärst du dir diesen ungebrochenen Erfolg der Ärzte?

Wir sind nicht unbedingt musikalische Innovatoren, wie es Klaus Schulze in der elektronischen Musik war, oder Ginger Baker, was das Schlagzeug angeht. Aber wir sind unberechenbar und Innovatoren in Sachen Entertainment: in der Art, wie wir Musik und Details in der Musik instrumentalisieren, um zu entertainen – indem wir einen Punkt finden, der unterhaltsam sein kann, an den vorher noch keiner gedacht hat. Das ist, glaube ich, unser Verdienst [lacht].

Text: Cord Radke