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Ein Stück Boheme


Weltkunst - epaper ⋅ Ausgabe 190/2021 vom 28.09.2021

KÜNSTLERBARS

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Bildquelle: Weltkunst, Ausgabe 190/2021

B Berauscht euch, Enivrez-vous, berauscht euch grenzenlos. Diesen Rat gab der große Charles Baudelaire allen, die nicht von der Last der Vergänglichkeit erdrückt werden wollten. Nachzulesen ist das Prosagedicht in »Le Spleen de Paris« – und was den Rausch betraf, war der Lyriker und Kunstkritiker Experte. Baudelaire war nicht nur Opiumfreund und Alkoholiker, er war wie Eugène Delacroix Mitglied im Pariser Club des Hachichins, der Haschischesser. Seit den Höhlenmalereien der Steinzeit sind Kunst und Bewusstseinserweiterung untrennbar miteinander verbunden. Früher gestalteten deshalb Künstlerinnen und Künstler Festumzüge, heute Bars und Restaurants, doch folgen sie dabei eigenen Gesetzen. Und so bekamen die Auftraggeber nicht immer das, was sie erhofften.

Vom Drum Café der Luma Foundation in Arles kann man das nicht sagen. Die restriktiven Öffnungszeiten (10 bis 19 Uhr) signalisieren ...

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... eingeschränkte Befähigung zum gelebten Exzess, das von Rirkrit Tiravanija konzipierte Lokal ist dennoch ein voller Erfolg (was auch an der umfangreichen Getränkekarte liegt). Lange Bänke, achteckige Tische und Holzstühle, die aussehen wie Kinderstühle – der Clou jedoch sind die Tapisserien an den Wänden, gewoben in traditioneller Art, die ein dichtes Sonnenblumenfeld darstellen, das die Hitze des Südens schon halb verdorrt zu haben scheint.

Ein Meisterwerk überraschenden Designs ist auch Jorge Pardos Düsseldorfer Rauminstallation »Ohne Titel«, die der in Los Angeles und New York lebende Künstler vor inzwischen neunzehn Jahren im K21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen am Kaiserteich aufbauen ließ. Tagsüber ein freundliches Café, wird Ohne Titel abends durch das speziell beleuchtete Acrylglas und die starken Farben an Wänden und Decke zu einem psychoaktiv wirksamen Trinkerparadies. Seit Neuestem ist Pardo auch in Berlin präsent, im Café der von David Chipperfield sanierten Neuen Nationalgalerie. Die Leuch-ten, d ie von der Decke hängen, erinnern an altbabylonische Zikkurate. Und an den Seiten schillern dreidimensionale Fliesen in Rot, Orange und Grüntönen. Wer an das Café der Nationalgalerie aus der Zeit davor denkt, wird es vor Freude nicht wiedererkennen.

Seit den Höhlenmalereien der Steinzeit sind Kunst und Bewusstseinserweiterung untrennbar verbunden.

Im Vergleich dazu war das Verhältnis von Auftraggeberwunsch und Kunstwirklichkeit in der King Cole Bar im New Yorker Hotel St. Regis nicht ganz so ungetrübt. Hinter deren Tresen wurde angeblich 1930 die Bloody Mary erfunden, es hängt dort aber auch das Gemälde eines Malers, der als Quaker ein strikter Gegner jedweden Alkoholkonsums war. Der Geschäftsmann John Jacob Astor IV, Spross der steinreichen Astor-Dynastie, wollte dennoch unbedingt ein Bild von ihm. Irgendwann hatte er eine derartige Summe auf den Tisch gelegt, dass Maxfield Parrish schwach wurde. Und fürchterlich Rache nahm. Wie Pardo war Parrish ein Meister darin, Farben leuchten zu lassen. Doch er malte eben auch John Jacob Astor IV auf dem Thron, umgeben von einem Hofstaat, der sich unverhohlen über ihn amüsiert. Das jedenfalls ist die mittlerweile gängige Interpretation, um die merkwürdig feixenden Gesichtsausdrücke der Umstehenden zu erklären. Eingeweihte kennen das Werk unter dem inoffiziellen Titel »Der königliche Furz«.

Manchmal findet man diese Art künstlerischen Eigensinn auch an unwahrscheinlichen Orten. »Zebrastraat« heißt das Konferenzzentrum im belgischen Gent, für das der französische Architekt und Künstler Didier Fiúza Faustino die XYZ Lounge entwarf – in Farbtönen, die dem Inkarnat bei Théodore Géricault gleichen. Wohl bekomm’s, kann man da nur hoffen: Das Schauspiel, das Faustino vor den Gästen im Atrium des Zebrastraat ausgebreitet hat, reicht von fleischigem Rosa bis zu dem Olivgrün der Haut der Toten auf dem Floß der Medusa.

Von David Chipperfield war bereits die Rede. Der Vielbeschäftigte zeichnet auch verantwortlich für die Erweiterung des Kunsthaus Zürich. Und für das Café, in dem Max Ernsts schwungvolles Wandbild »Pétales et jardin de la nymphe Ancolie« – 1934 für die Tanzbar des Corso-Theaters in Zürich gemalt – eine neue Heimat gefunden hat. Rosa, aber nicht fleischig, sondern grell sind die Wände, die India Mahdavi für Arbeiten von David Shrigley im Restaurant Sketch im Londoner Stadtteil Mayfair vorsah – womit sie ein wundervolles Chaos anrichtete.

Auch das Café Bravo der Institution Kunst-Werke in der Berliner Auguststraße verwirrt einen mehr, als dass es Klarheit offenbart, obwohl seine Architektur fast vollständig aus Glas ist. Aber das Glas ist verspiegelt und die Fassade gebrochen. Im Inneren ist das Café hinter der Fassade des amerikanischen Künstlers Dan Graham dann ein recht konventioneller Raum, in dem es sich gut einen Nachmittag aushalten lässt.

Chaos und Bricolage sind auch hervorstechende Merkmale von Hans Schabus’ Cafe Hansi im Wiener Mumok und der Roth Bar von Dieter, Björn und Oddur Roth bei Hauser & Wirth Somerset. Sie geben Einblicke in deren Ateliers und wie die Künstler gearbeitet haben. Sophie Taeuber-Arps Ciné- Café im ersten Stock des Gebäudekomplexes Aubette in Straßburg dagegen besticht durch eine Ordnung, wie sie wahrscheinlich nur die konkrete Kunst zu schaffen vermag. Das Original stammt aus dem Jahr 1928, und die Künstlerin sicherte sich dafür die Mitarbeit von Hans Arp und Theo van Doesburg. In den Nullerjahren wurde es aufwendig rekonstruiert. Die Grundfarben sind Rot, Gelb und Blau, dazu viel Weiß. Rechtecke, Rauten und eine erstaunliche Menge an grafischen Linien formen kunstvoll Räume im Raum.

Aus einem anderen Film kommt die Giger Bar in Chur. Ihr Urheber, der »Alien«- Ausstatter und Oscar-Preisträger HR Giger wurde dort geboren, was den Menschen in dem Hauptort des Kantons Graubünden jetzt ein besonderes Vergnügen ist. Dass die Giger Bar schon am frühen Abend schließt, darf man in dem Fall als Vorsichtsmaßnahme verstehen: So lassen sich Alpträume vermeiden. Ein fröhlicheres Flair verströmt die berühmte Bemelmans Bar in New York. Ludwig Bemelmans war Schriftsteller, Zeichner und Illustrator für Zeitschriften wie den New Yorker, als er Mitte der Vierzigerjahre den Auftrag erhielt, die Bar im Carlyle auf der Upper East Side von Manhattan auszumalen. Bemelmans schenkte ihr rundum in seinem unverwechselbaren Stil zauberhafte Figuren. Hasen beim Picknick im Grünen. Oder Elefanten auf Schlittschuhen. Wer hier nicht den harten Arbeitstag vergisst, dem hilft auch ein gepflegter Rausch nicht mehr.