Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 6 Min.

Ein Stück Menschheitsgeschichte: Baumhäuser


Kleiner wohnen - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 20.09.2019

Baumhäuser haben eine lange Kultur in der Menschheitsgeschichte. Ein Teil unserer Vorfahren baute schon vor vielen tausend Jahren Behausungen in Bäume. Die Höhe und das Verstecktsein zwischen den Ästen und Blättern boten Schutz vor gefährlichen Tieren und Feinden. Somit hatte das Leben in und mit den Bäumen eine existenzielle Bedeutung. Bei vielen Tierarten und bei einigen Naturvölkern ist dies auch noch heute der Fall. Später entdeckte der Mensch den Baum auch für Vergnügungs- und Freizeitzwecke. Vom lebenswichtigen Ort entwickelte sich das Haus in den Wipfeln gewissermaßen zum Luxusgut und zum Synonym ...

Artikelbild für den Artikel "Ein Stück Menschheitsgeschichte: Baumhäuser" aus der Ausgabe 1/2020 von Kleiner wohnen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Kleiner wohnen, Ausgabe 1/2020

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 6,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Kleiner wohnen. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 1/2020 von Eine Frage der Freiheit. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Eine Frage der Freiheit
Titelbild der Ausgabe 1/2020 von Wir brauchen keine Megacities, sondern ein „Internet of Spaces“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Wir brauchen keine Megacities, sondern ein „Internet of Spaces“
Titelbild der Ausgabe 1/2020 von Alles „Tiny House“ – oder was?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Alles „Tiny House“ – oder was?
Titelbild der Ausgabe 1/2020 von PR-Präsentation: Mehr als nur ein „Gartenhaus“!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
PR-Präsentation: Mehr als nur ein „Gartenhaus“!
Titelbild der Ausgabe 1/2020 von PR-Präsentation: Moderne Bauwagenromantik. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
PR-Präsentation: Moderne Bauwagenromantik
Titelbild der Ausgabe 1/2020 von PR-Präsentation: Klein, schick und meins!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
PR-Präsentation: Klein, schick und meins!
Vorheriger Artikel
Ende der Vorfahrtsstraße
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel PR-Präsentation: „Wir helfen, nicht normal zu sein&ldq…
aus dieser Ausgabe

... für Abenteuer, Romantik und Freiheit. Es wurde zum Spielort und zur attraktiven Aufgabe für Kinder und Erwachsene. Auch in der Kunst, der Literatur und im Film wurde das Baumhaus zur Kulisse für märchenhafte bis hin zu futuristischen Szenerien.

Das Baumhaus bei Pitchford Hall


Ein Baumhaus zu gestalten und zu realisieren, ist in vielen Bereichen vergleichbar mit anderen Bauaufgaben und stellt ähnliche Herausforderungen an den Planer. Die Besonderheit und das Schöne liegen bei dieser Aufgabe in der Auseinandersetzung mit den Bäumen. Die Wahrnehmung des Naturraumes und die sehr privaten Wünsche der Bauherren stellen eine weitere besondere Anforderung an den Gestalter. Es gilt einen Raum zum Wohlfühlen zu schaffen, an dem man vielleicht Behaglichkeit, Abenteuer, eine besondere Art der Privatheit und vor allem die Nähe zur Natur finden kann. Diese Räume können in den Bäumen sein, aber sie können sich auch im Wasser, in der Wüste, im Eis oder auf dem Dach eines Hochhauses in einer Metropole befinden.

Ein Blick in die Geschichte

Über viele Epochen der Geschichte hinweg wurden Baumhäuser zum lustvollen Verweilen und als Orte der Gastlichkeit gebaut. Der folgende Abschnitt gibt einen kurzen Überblick mit einigen ausgewählten Beispielen.

Es ist belegt, dass schon in der frühen Antike lebende Materialien für den Bau von Behausungen verwendet worden sind. Im alten Ägypten wurden Lauben mit Kletterpflanzen berankt, die in dem heißen und trockenen Wüstenklima Schatten spendeten. Quellen deuten darauf hin, dass auch in der römischen Antike Baumhäuser zum Vergnügen und zur Auflockerung der Villengärten gebaut wurden. In der im Jahr 79 n. Chr. verfassten Naturgeschichte Plinius' des Älteren ist von zwei Baumhäusern die Rede, die in stattlichen Platanen errichtet wurden. Der römische Kaiser Caligula besaß eines dieser beiden auf seinem Anwesen in Velitrae. Der berüchtigte Kaiser soll sein Baumhaus als „Nest“ bezeichnet und dort zu Banketten geladen haben. Das Baumhaus konnte laut der Beschreibung 15 Gästen und darüber hinaus der notwendigen Dienerschaft genügend Platz bieten. Laut Plinius' Beschreibung befand sich das zweite Baumhaus in Lycia in einem hohlen Stamm. Der Besitzer, Licinius Mucianus, der Konsul dieser Region, pflegte ebenfalls mit seinem Gefolge in dem Baum zu speisen. Licinius soll sich dort wohler gefühlt haben als in seinen prunkvollen Bauten aus Marmor.

Die Schriften des Plinius, einem der bedeutendsten Autoren der Antike, beeinflussten mit ihren Beschreibungen wiederum auch Literaten der Renaissance in Italien, die die Faszination für die luftigen Bauten teilten.

Es ist möglich, dass die Ausführungen über Baumhäuser, die der Schriftsteller Francesco Colonna in seinem 1499 veröffentlichten Roman „Hypnerotomachia Poliphili“ machte, auch den Adel und die Reichen in Italien in diesem Zusammenhang inspiriert haben. Die wohlhabende und einflussreiche Familie der Medici ließ in ihren Gärten Baumhäuser errichten. Diese Bauten wurden in der Folge vielfach bewundert und als Motiv in der Literatur und in der Kunst verarbeitet.

Schaut man von Italien nach England, findet man dort das wohl älteste noch erhaltene Baumhaus der Welt. Das Baumhaus bei Pitchford Hall, nahe Shrewsbury, fand seine erste Erwähnung 1714 und wurde seit dieser Zeit mehrfach umgebaut und renoviert. Es hat einen quadratischen Grundriss und ist in eine uralte Linde integriert.

Das Baumhausrestaurant im Parc Robinson bei Paris


Nach der ersten Blütezeit im 16. und 17. Jahrhundert wurde es zunächst ruhiger um Baumbauten. Die Wertschätzung der unberührten Natur in der Romantik verhalf dem kultivierten Leben im Baum zu einem neuen Comeback. Im 19. Jahrhundert entstand in Frankreich im Parc Robinson in der Nähe von Paris ein beeindruckendes Baumhausprojekt. Der Gastronom M. Gueusquin war begeistert von einer riesigen Kastanie und baute in diesen Baum das Restaurant Le Grand Arbre. Ein zweites Baumhaus-Restaurant namens Le Vrai Arbre entstand kurz danach gleich gegenüber.

Baumhäuser als alternative Lebensform

Unsere bauliche Umwelt ist in großem Maße von Traditionen, Normen und Gesetzen geprägt. Natürlich sind diese Werte oft sehr nützlich und haben sich an vielen Stellen bewährt. Doch immer wieder suchen Menschen nach Möglichkeiten, sich von diesen einschränkenden Rahmenbedingungen zu lösen und den Ort, an dem sie leben, frei zu gestalten. Das Leben in und mit der Natur kann dabei eine große Rolle spielen. In kaum einem anderen Land hat das freie und experimentelle sowie das naturverbundene Bauen eine größere Tradition als in Nordamerika. Die USA hat dies auch ihrem Hintergrund als Einwandererland zu verdanken, in dem sich die Menschen oft durch unkonventionelle Art ein Zuhause schaffen mussten. Die Größe dieses Landes und das immense Vorkommen an offenen Landschaftsflächen sind für ein experimentelles Bauen in der Natur beste Voraussetzungen. Der Begriff der „self made architecture“, steht frei übersetzt für eine improvisierte Form des „Häuslebauens“. Er bezeichnet eine selbstbestimmte Planungsform, die in den USA geprägt wurde und dort oft zu finden ist. Wohnhäuser mit recycelten Baumaterialien, ungewöhnliche und künstlerisch gestaltete Häuser auf dem Boden und auch auf den Bäumen gehören dazu. Die Baumhäuser, die in Kanada oder den USA gebaut wurden, unterscheiden sich von ihren europäischen Verwandten nicht selten in ihrer Größe und Bewohnbarkeit. Einige sind mehrgeschossig angelegt und lassen sich als Hauptwohnsitz ganzjährig bewohnen. Der Grund dafür, dass sogar die Baumhäuser großer und höher sind, liegt an den schon erwähnten Ausmaßen der Freiflächen des Landes, an der stellenweise lockeren Baugesetzgebung und nicht zuletzt an den vielen phantastischen Bäumen. Qualitäten, die einen Baumhausbauer in Mitteleuropa neidisch machen könnten.

Tourismus in den Bäumen

Seit einigen Jahren hat auch die Tourismusindustrie Baumhäuser für ihre Zwecke entdeckt. Der Trend zu mehr Ökologie und das größer werdende Bedürfnis nach Natur lassen die Nachfrage nach solchen exotischen Unterkünften immer größer werden. Die Spanne reicht von einfachen Herbergen in den Bäumen bis hin zu luxuriös ausgestatten Baumhäusern, die jetzt schon in vielen Teilen der Welt gebucht werden können. Die Ausstattung der Zimmer ist von der klimatischen Lage und von den Möglichkeiten abhängig, sie mit Wasser, Kanalisation und Strom zu versorgen. Viele Anbieter nutzen das sehr medienwirksame Label Baumhaus-Hotel, um Kunden zu werben. Bei genauerer Betrachtung haben nicht alle dieser Unterkünfte dieses Prädikat verdient. So manches „Baumhaus“ entpuppt sich als Häuschen auf dem Boden und steht eher zufällig in der Nähe eines Baums.

In Asien existieren einige wenige Unterkünfte in den Bäumen, die mittelbar für den Schutz des Regenwaldes genutzt werden. Mit einem behutsamen ökologischen Tourismus wird der Wert des Waldes erfahrbar gemacht und gleichzeitig Einheimischen Arbeit gegeben. Von dem erwirtschafteten Geld werden z. B. Wildhüter finanziert oder weitere Regenwaldflächen gekauft und ggf. unter Schutz gestellt.

Der Baustil der Hotels in den Bäumen variiert sehr und ist meist den alten traditionellen Bauformen des Landes angepasst oder längst vergangenen Bauepochen nachempfunden. Nicht alle öffentlichen Baumhäuser werden als Hotel genutzt. Einige Räume in den Bäumen beherbergen Restaurants oder können in Freizeitparks besichtigt oder beklettert werden. Die Möglichkeiten, spannende und auch wirtschaftlich erfolgreiche Projekte in und um Bäume zu entwickeln und auch zu realisieren, sind mannigfaltig. Man darf gespannt sein.

Das Baumhaus „Djuren“ von Architekt Andreas Wenning


Foto: Aladair Jardine

ANDREAS WENNING ist Architekt, verlegte sich 2003 ausschließlich auf den Bau von Baumhäusern und ist mittlerweile damit nicht nur in Deutschland erfolgreich: Seine architektonischen Unikate schweben auch in Baumwipfeln in Österreich, Italien, der Schweiz, der Tschechischen Republik, Ungarn, Brasilien und den USA. Er ist Autor des Buches „Baumhäuser“ – vgl. auch Literaturtipp auf Seite 26. www.baumraum.de