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Ein Traumjob unter der Lupe: Sklavenarbeit Pferdewirt


Reiter Revue International - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 22.05.2019

Ihre Liebe zu Pferden macht sie kaputt. Pferdewirte opfern sich auf. Sie sind immer erreichbar, immer da. Und leben am Existenzminimum. Für einen Job, den die meisten nicht bis zur Rente durchhalten. Wir wollten es wissen: Werden Pferdewirte ausgebeutet?


Artikelbild für den Artikel "Ein Traumjob unter der Lupe: Sklavenarbeit Pferdewirt" aus der Ausgabe 6/2019 von Reiter Revue International. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Reiter Revue International, Ausgabe 6/2019

Der Arbeitstag eines Pferdewirts kann lang werden. Teilweise bis zu 14 Stunden.


Ausbeutung und Sklavenarbeit. Die Gerüchte, die über einen ganzen Berufsstand schweben, sind schwerwiegend. Wie schlecht ist es tatsächlich um angestellte Pferdewirte bestellt? Wir wollten es genau wissen und haben uns in sozialen Netzwerken unter Pferdewirten umgehört und sie ...

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... nach ihren Arbeitsbedingungen gefragt. Rund 50 Betroffene haben sich gemeldet, darunter Azubis, Fachkräfte und Meister, und offenbaren erschreckende Zustände. Sie berichten von Sieben-Tage-Wochen, von Überstunden, die niemand zählt und einem Gehalt, das nicht einmal dem Mindestlohn entspricht. Die Stallgasse als rechtsfreier Raum. Repräsentativ ist unsere Umfrage zwar nicht. Doch eines ist klar: Es handelt sich nicht um Einzelfälle.

Privileg Pferdewirt

Es ist die Leidenschaft und die Liebe zu Pferden, die Arbeitgeber in solchen Fällen ausnutzen. Reiten zu dürfen, soll alle Strapazen des Jobs wettmachen. Mit Pferden zu arbeiten, ist ein Privileg. Überstunden, schlechte Bezahlung und harte körperliche Arbeit sind der Preis. Eine Branche, in der selbst Meister Probleme haben, finanziell über die Runden zu kommen. Die Bezahlung von Pferdewirten ist nicht bundesweit geregelt. Es gibt keinen Tarifvertrag, an den sich die Betriebe halten müssten. Es gilt allein der Mindestlohn von aktuell 9,19 Euro pro Stunde. Wohlgemerkt, das ist der Mindestlohn. Im Durchschnitt verdient ein ausgelernter Pferdewirt in Deutschland monatlich 2.000 Euro brutto. Im Süden tendenziell mehr, im Norden weniger. Die Entlohnung der Auszubildenden regeln die zuständigen Stellen der einzelnen Bundesländer. In Bayern bekommt ein Azubi im ersten Lehrjahr 690 Euro, im zweiten 760 und im dritten 820 Euro. In Rheinland-Pfalz sind es 555 Euro im ersten, 615 Euro im zweiten und 655 Euro im dritten Lehrjahr. Die übrigen Bundesländer pendeln sich irgendwo dazwischen ein. 2019 ist das Azubi-Gehalt um 20 Euro gestiegen. Steuern und Abgaben schmälern den Bruttolohn um etwa 30 Prozent. Wohnen die Azubis auf dem Betrieb, was häufig ausdrücklich erwünscht ist, zahlen sie für Verpflegung und Unterkunft laut Sozialversicherungsentgeltverordnung einen festen Satz von 412,70 Euro.

Laut Gehaltsempfehlung der Bundesvereinigung der Berufsreiter sollte ein Pferdewirt, je nach Qualifikation, Lage des Betriebs und Betriebszugehörigkeit, zwischen 1.725,84 Euro, was einem Stundenlohn von 10,03 Euro entspricht, und 2.840,40 Euro brutto verdienen, ein Pferdewirtschaftsmeister von 2.840,40 bis zu 8.100 Euro, dann liegt der Stundenlohn bei 47,09 Euro.

Dietbert Arnold ist Sachverständiger für Pferdezucht und -haltung, Berufsschullehrer für Pferdewirte und langjähriges Mitglied der Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt, kurz IG BAU. Er schildert das Problem: „Die Pferdewirte sind nicht in einer Gewerkschaft und die Arbeitgeber sind nicht in einem Arbeitgeberverband. Es können also keine Tarifabschlüsse gemacht werden. Jeder Beschäftigte in dieser Branche muss Auge in Auge mit seinem Arbeitgeber die Bedingungen klären. Das fällt vielen sehr schwer. Die Arbeitnehmer setzen sich häufig nicht durch.“

Zum Leben zu wenig

Mindestens zwölf Euro pro Stunde muss ein Arbeitnehmer mit abgeschlossener Berufsausbildung seiner Meinung nach verdienen, damit er von seinem Job leben kann – auch im Alter. Schließlich orientiert sich die Rente an dem Gehalt, das ein Arbeitnehmer im Laufe seines Berufslebens verdient hat. Bei einer 48 Stunden-Woche wären das monatlich rund 2.500 Euro brutto. „60 Stunden für 1.600 Euro brutto“, nennt Dietbert Arnold realistische Werte in der Branche und sagt: „Das ist ein Unding!“

Wie wird man Pferdewirt?

Pferdewirt ist ein staatlich geregelter Ausbildungsberuf. Die Ausbildung dauert drei Jahre. Wer bereits eine andere Berufsausbildung gemacht hat oder die Fachhochschulreife hat, kann die Ausbildung auf zwei Jahre verkürzen. Es gibt insgesamt fünf Fachrichtungen: klassische Reitausbildung, Pferdezucht, Pferdehaltung und Service, Spezialreitweisen, also Gangpferde- und Westernreiten sowie Pferderennen. Die Ausbildung läuft dual ab. Der Azubi lernt in einem anerkannten Ausbildungsbetrieb von einem Meister und besucht parallel die Berufsschule im Blockunterricht. Die Ausbildungsbetriebe werden von den zuständigen Stellen anerkannt. Das sind je nach Bundesland entweder die Landwirtschaftskammern, das Regierungspräsidium oder das Landesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Diese legen auch auch die Azubi-Gehälter fest. Wer die Abschlussprüfung besteht, ist Pferdewirt.

Im Interview: Burkhard Jung: „Es kann nicht sein, dass abends um zehn noch Pferde gesattelt werden!“

Burkhard Jung ist Vorsitzender der Bundesvereinigung der Berufsreiter im Deutschen Reiter- und Fahrer-Verband e.V., der Interessenvertretung aller Fachrichtungen im Beruf Pferdewirt und führt selbst zwei Betriebe. Er weiß um die Zustände in der Branche und appelliert an die Arbeitgeber.

Ist Ausbeutung von angestellten Pferdewirten ein Problem?

Der Betrieb ist verpflichtet, sein Anforderungsprofil an die Mitarbeiter offenzulegen und klar zu definieren. Dafür ist es wichtig, dass der Betrieb klar organisiert ist. Und da gibt es Defizite. Es gibt Betriebe, wo das Organisationstalent ein bisschen verkümmert ist. Und immer wenn ein Betrieb nicht plant und organisiert, geht das auf Kosten der Mitarbeiter. Es kann nicht sein, dass abends um zehn noch Pferde gesattelt und geritten werden müssen. Ausnahmen kann es geben, zum Beispiel wenn ein Pferd krank wird. Dann ist man natürlich verpflichtet, sich zu kümmern und da zu sein. Als Chef aber genauso wie als Mitarbeiter.

Wo fängt für Sie Ausbeutung an?

Wenn jeder versucht, für die Pferde und für den Betrieb das Beste zu tun, funktioniert das auch. Ausbeutung fängt für mich da an, wo Dinge einseitig beleuchtet und betrachtet werden. Mitarbeiter und Lehrlinge können einen Betrieb auch in Schwierigkeiten bringen. Wenn fünf Leute da sind, wo vier gebraucht werden, sind alle gerne da. Wenn aber vier gebraucht werden und zwei fehlen, ist das schwierig. Umgekehrt, wenn ein Betrieb dauerhaft versucht, mit drei Mitarbeitern hinzukommen, obwohl er vier braucht, ist das nicht in Ordnung. Jeder hat einen Anspruch auf Urlaub. Und das geht nicht, wenn permanent jemand fehlt.

Es heißt, der Job sei nichts für „Weicheier“, wie viel körperliche Kraft muss man tatsächlich mitbringen?

Wir reden hier von einem Sport, das ist nun mal Reitsport. Und der ist mit körperlichen Anstrengungen verbunden. Es gibt junge Leute, die sind diesen Belastungen nicht gewachsen. Das müssen aber nicht Belastungen sein, die über Gebühr sind. Dass ich täglich misten muss als Azubi, ist vollkommen klar. Die Boxen zu misten, Trog und Tränke zu kontrollieren beim Füttern, gehört für mich zur Versorgung des Pferdes unbedingt dazu.

Also auch „Drecksarbeit“?

Ich nenne es Arbeit an der Basis. Wenn es wirklich mal eng wird im Betrieb, habe ich überhaupt kein Problem damit, ein paar Boxen zu misten. Allein um den Mitarbeitern zu zeigen, guck mal, der Chef macht‘s auch. Ja, warum denn auch nicht?

Ist die sechs-Tage-Woche normal?

Das hängt von der Organisation des Betriebs ab. Ich habe selbst zwei Betriebe und wir haben einen Tag in der Woche frei. Wenn aber jemand gerne alle eineinhalb Wochen zwei Tage frei hätte oder generell mal frei haben möchte, ist das überhaupt kein Problem. Meine Leute klären das untereinander selbstständig. Ich misch mich da nicht ein. Wir zählen auch nicht die Urlaubstage.

Also kann es passieren, dass die Urlaubstage nicht immer alle genommen werden?

Die gesetzlich vorgeschriebenen Urlaubstage müssen genommen werden und die werden auch genommen. Das ist wieder ein Planungswille des Betriebes.

Gibt es für ein Turnierwochenende Ausgleichstage?

Das ist schwierig. Allein durch die Berufsschule ist ein Azubi im ersten Lehrjahr alle 14 Tage zwei Tage aus dem Betrieb weg. Mit seinem freien Tag sind es drei. Montags werden die Pferde in den Betrieben häufig nur locker bewegt. Das ist für einen Lehrling, der lernen will, auch nicht der wichtigste Tag. Womit wir schon beim vierten Tag sind, die der Azubi nicht im Sattel sitzt. Und wenn er dann noch einen Tag frei bekommt für ein Turnierwochenende, dann bleibt ja überhaupt keine Zeit mehr zum Reiten lernen. Die größten Defizite bei den Prüfungen haben die Azubis nicht in der Theorie, sondern in der Praxis.

Also kann auch ein Sonntag, an dem gearbeitet wird, nicht immer ausgeglichen werden?

Natürlich ist der Sonntag als freier Tag sehr beliebt, aber es können nicht alle immer den Sonntag frei haben. Die Pferde haben ja auch ihre Ansprüche. Und wenn man, nur weil man sonntags Dienst hat, noch mal zusätzlich mehr frei haben möchte, würde das nicht funktionieren.

Was darf ein Pferdwirt von seinem Beruf erwarten?

Das größtmögliche Glück! Es gibt das Sprichwort: „Wähle einen Beruf, den du liebst und du musst nie wieder arbeiten.“ Natürlich gibt es Defizite in manchen Betrieben. Aber wenn alles vernünftig geplant, geregelt und organisiert ist, bleibt immer noch Idealismus und der Wille, Einsatz zu zeigen. Wer sich um Pferde kümmern will und diesen Job erlernen will, muss empathisch sein.

Arbeiten bis spät in die Nacht. Für manche Pferdewirte Alltag. „Das kann nicht sein“, findet Burkhard Jung.


FOTO: WWW.ARND.NL FOTO: WWW.ARND.NL

Wir haben beim Deutschen Bauernverband (DBV) nachgefragt, was Azubis, ausgelernte Pferdewirte und Pferdewirtschaftsmeister durchschnittlich verdienen und wie deren Arbeits- und Urlaubszeiten geregelt sind. „Zur Bezahlung von Pferdewirten liegen uns im Berufsbildungsbereich keine umfassenden, ‚belastbaren‘ bundesweiten Informationen vor“, heißt es in der Antwort. „Für Ausbildungsvergütungen gelten in den ‚grünen Berufen‘, zu denen auch der Beruf Pferdewirt/in zählt, die entsprechenden Tarifregelungen des landwirtschaftlichen Bereichs.“ Es seien Untergrenzen zu beachten, die bei der Eintragung von Ausbildungsverträgen von den zuständigen Stellen zu prüfen seien. „Hinsichtlich der Arbeits- und Urlaubszeiten sind auch in der Berufsausbildung die entsprechenden Rechtsvorgaben einzuhalten“, heißt es weiter. Auf Nachfrage beim Gesamtverband der Deutschen Land- und Forstwirtschaftlichen Arbeitgeberverbände (GLFA), unter anderem auch danach, wie Ausbeutung in dem Beruf vorgebeugt wird, bekamen wir bis Redaktionsschluss keine Antwort.

Bei 48 Stunden ist Schluss

In Wahrheit kommt kaum ein Pferdewirt mit der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit hin. Im Pferdestall schaut man nicht auf die Uhr, so der Tenor der Pferdewirte, die sich bei uns gemeldet haben. Christiane*, eine Pferdewirtschaftsmeisterin aus Brandenburg, hatte mal damit begonnen, ein Arbeitszeitkonto zu führen und sich ihre Überstunden aufzuschreiben. „Das habe ich schnell wieder sein gelassen, weil es keinen interessiert hat“, sagt sie. „Offiziell war ich für 40 Stunden angestellt. Aber davon war ich weit entfernt.“

In Deutschland regelt das Arbeitszeitgesetz (ArbZG), dass ein Arbeitnehmer an Werktagen maximal acht Stunden arbeiten darf. Da auch der Samstag ein Werktag ist, ergibt sich daraus maximal eine 48-Stunden-Woche. Das Gesetz lässt jedoch Freiräume. In speziellen Branchen, unter anderem in der Landwirtschaft und der Tierhaltung, darf ein Arbeitstag auch bis zu zehn Stunden dauern. Allerdings nur, wenn die Arbeitswoche nach zwölf Monaten im Durchschnitt 48 Stunden beträgt. Wer Überstunden macht, muss sie also an anderer Stelle wieder abfeiern.

Gesetze missachtet

Das Gesetz verbietet Arbeit an Sonnund Feiertagen. Wieder ist die Tierhaltung eine der Branchen, die Ausnahmen zulässt. Jeder Arbeitnehmer hat jedoch einen Anspruch auf 15 arbeitsfreie Sonntage im Jahr. Für jeden Sonntag, an dem gearbeitet wird, muss der Arbeitnehmer innerhalb von zwei Wochen vorher oder nachher einen anderen Tag frei bekommen. Bei Feiertagen gilt ein Zeitraum von acht Wochen. An diese Vorgaben halten sich jedoch laut Reiter Revue-Recherchen nur wenige Betriebe.

Auch Lisa* meldete sich bei uns. Sie ist 30 Jahre alt und hat zehn Jahre als Pferdewirtin mit Schwerpunkt Zucht und Haltung gearbeitet. Als ein Kollege kündigte, stand sie sieben Tage die Woche im Stall – ohne freien Tag. Ein halbes Jahr lang hielt sie den Betrieb alleine am Laufen. 28 Fohlen kamen in dieser Zeit zur Welt. Eines zog sie mit der Flasche auf. „Wenn man sieben Tage die Woche durcharbeitet und nachts in den ersten Lebenstagen des Fohlens alle 45 Minuten der Wecker klingelt, ist das eine enorme Herausforderung.“ 1.500 Euro war ihrem Chef der unermüdliche Einsatz seiner Angestellten im Monat wert. Auch an Feiertagen und sogar Heiligabend stand Lisa für die Pferde im Stall. „Urlaub gab es nie.“ Lisa kündigte ihren Job und arbeitet heute im Einzelhandel.

Das Gesetz regelt außerdem, dass zwischen Feierabend und Arbeitsbeginn mindestens elf Stunden liegen müssen. Keine Selbstverständlichkeit. Wer gegen Mitternacht von einer Hengstschau kommt und am nächsten Morgen um sechs Uhr die Pferde fürs Turnier verlädt – so hat es eine Pferdewirtin geschildert – hat keine fünf Stunden geschlafen.

Die Liebe zu Pferden kann angestellten Pferdewirten zum Verhängnis werden.


Wer sechs Tage in der Woche arbeitet, hat Anspruch auf mindestens 24 Tage Urlaub pro Jahr. Schwierig, wenn der Arbeitgeber saisonbedingte Urlaubssperren ausspricht. So hat es Michaela* erlebt. Nach dem Abitur begann sie die Ausbildung zur Pferdewirtin in der Fachrichtung Haltung und Service in einer Reitschule in Baden-Württemberg, die auch Reiterferien anbietet. „Ich hatte eigentlich eine Sechs-Tage-Woche“, schildert sie. „In den Ferien hatten wir Urlaubssperre und durften teilweise auch sieben Tage die Woche arbeiten. Da gab es selten mal einen Tag frei, weil wir 30 Ferienkinder zu betreuen hatten.“ Im Sommer ging es bereits um fünf Uhr morgens los, „damit wir bis halb neun gemistet und gefüttert hatten und die ersten Pferde noch vor der großen Hitze reiten konnten.“ Wer die letzte Reitstunde des Tages geben musste, stand um 20 Uhr noch in der Bahn. „In den Ferien hatten wir zwei Mal pro Woche Abenddienst. Da sind wir erst um halb elf weggekommen, wenn die Kinder halbwegs Ruhe gegeben haben.“

Michaela war zu Beginn ihrer Ausbildung erst 17 Jahre alt. Für sie galt also noch das Jugendarbeitsschutzgesetz (JArbSchG). Eigentlich hätte sie maximal acht Stunden pro Tag und 40 Stunden in der Woche arbeiten dürfen. Branchenbedingt sind laut Gesetz neun Stunden Arbeit am Tag zulässig, wenn eine Arbeitswoche nach zwei Monaten unterm Strich wieder 40 Stunden beträgt. Minderjährige Arbeitnehmer müssen zwei Tage in der Woche hintereinander frei haben, ebenso am ersten Weihnachtstag, an Neujahr, Ostermontag und am 1. Mai. Darüber hinaus brauchen sie zwölf Stunden Pause zwischen Feierabend und Arbeitsbeginn. Michaelas Chef hat das nicht interessiert.

Zu Überstunden verpflichtet

Fabian Scholz ist Pferdewirtschaftsmeister mit Schwerpunkt Klassische Reitausbildung sowie Zucht und Haltung und bildet in beiden Bereichen aus. „In dem Moment, in dem man mit Tieren umgeht, gibt es Situationen, in denen man länger als die vorgeschriebene Arbeitszeit tätig sein muss“, schildert er. „Ich spreche von Turnieren, Kundenterminen oder auch Krankheit eines Pferdes. Aber dann sollten wir als Arbeitgeber versuchen, diese Zeiten an anderer Stelle wieder auszugleichen.“ Überstunden muss laut Gesetz in Deutschland niemand machen. In Ausnahmefällen hat der Arbeitnehmer seinem Arbeitgeber gegenüber die sogenannte Treuepflicht. Wenn im Stall ein Pferd krank wird, sind Überstunden legitim. Nicht in Ordnung sind Überstunden, die anfallen, wenn der Arbeitgeber mit zu wenig Personal plant.

Die Zahl der Azubis sinkt seit Jahren, die der vorzeitig gelösten Verträge hingegen steigt (s. Diagramm auf S. 26). Ein vorzeitig gelöster Vertrag muss nicht unbedingt heißen, dass der Azubi seine Ausbildung abgebrochen hat,


„Wenn man mit Tieren umgeht, gibt es Situationen, in denen man länger als die vorgeschriebene Arbeitszeit tätig sein muss. Aber dann sollten wir als Arbeitgeber diese Zeiten wieder ausgleichen.“
Fabian Scholz


Die Leidenschaft fehlt

„Für mich war es noch nie so schwer, gute Auszubildende zu finden, wie heute“, beklagt hingegen Fabian Scholz. Er vermutet, dass junge Menschen lieber studieren gehen, anstatt eine klassische Berufsausbildung zu machen. Doch nicht nur das: „Was mir fehlt, ist die Leidenschaft der jungen Leute. Das war vor Jahren anders, als die Kinder mit dem Fahrrad zum Reitstall gefahren sind, dort mitgeholfen haben, dafür dass sie dann das Pferd des Reitlehrers trockenreiten oder putzen durften. Dieses Brennen für die Kreatur Pferd fehlt mir heute ein bisschen.“

Dabei ist es genau diese Leidenschaft, die angestellten Pferdewirten zum Verhängnis werden kann, wenn sie an den falschen Arbeitgeber geraten. Das geht schon vor der Berufsausbildung los. Betriebe tarnen ihr Gesuch nach billigen Arbeitskräften hinter Stellenanzeigen für unbezahlte Praktika – mindestens für ein halbes Jahr, belohnt mit vielen Pferden und freier Unterkunft. Doch ein ungesetzliches, freiwilliges Praktikum, das länger als drei Monate dauert, ist ein reguläres steuer- und sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis. Es gilt der Mindestlohn. „Langfristige Praktika, die nicht bezahlt werden, sind Schwarzarbeit“, bringt es Dietbert Arnold auf den Punkt.

Über seine Webseite www.pferdewirtpruefung.de meldete sich im September 2015 die Mutter einer Auszubildenden bei ihm. Ihre Tochter hatte ein Jahr lang ein unbezahltes Praktikum in einem bekannten Betrieb gemacht, konnte danach eine der begehrten Ausbildungsstellen ergattern und bekam nach einer dreitägigen Krankschreibung die fristlose Kündigung. Ihre Mutter zog vor das Arbeitsgericht. Vor wenigen Tagen berichtete sie, dass sie 12.000 Euro für ihre Tochter einklagen konnte. „Die Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt bietet ihren Mitgliedern in solchen Fällen Rechtsschutz“, gibt Dietbert Arnold als Tipp und fügt hinzu: „Die Betriebe kalkulieren mit diesen billigen Arbeitskräften“, sagt er. „Mal eben 30 Boxen misten, das kann man von Anfang an.“

Billige Arbeitskräfte

Weiter sagt er: „Die Betriebe brauchen Azubis, um ihr Geschäft finanziell am Laufen zu halten. Nach Berechnungen des Bundesinstituts für Berufsbildung ist der Ertrag, den Azubis in der Pferdewirtschaft erbringen, erheblich höher als deren Aufwand.“ Dennoch seien es weniger die Überstunden oder die schlechte Bezahlung, die angehende Pferdewirte das Handtuch werfen lassen, sondern vielmehr die mangelnde Wertschätzung ihrer Arbeit und die mangelnde Ausbildung, schildert der Sachverständige. Fabian Scholz bricht eine Lanze für den Berufsstand: „Ich kenne viele Kollegen, die bereit sind, mit Herzblut junge Menschen auszubilden. Der Ausbilder muss sich seiner Pflicht und seiner Verantwortung bewusst sein, einen jungen Menschen zu formen. Und zwar so, dass dieser in seinem Berufsleben eine Zukunft hat. Und wenn ein junger Mensch dazu für verhältnismäßig wenig Geld in einem Betrieb arbeitet, ist der Ausbilder in der Position, leisten zu müssen. Als Ausbilder gebe ich alles dafür, einen jungen Menschen in seiner Lehrzeit so vorzubereiten, dass er hinterher auf dem Markt und im Beruf klarkommt und davon leben kann.“ Dass viele Azubis bereits während der Ausbildung hinschmeißen, erklärt Fabian Scholz sich dadurch, dass sie sich bereits mit falschen Vorstellungen bewerben würden. „Wir wählen schon sehr speziell aus. Die Erfahrung hat mich gelehrt, sehr schnell zu erkennen, ob jemand geeignet ist für den Beruf oder nicht“, sagt der Pferdewirtschaftsmeister.

Fegen und Misten gehören zur Pferdehaltung und somit auch zum Job dazu.


Die falschen Vorstellungen

Er glaubt, dass viele der angehenden Azubis nicht unterscheiden können zwischen Hobby und Beruf. „Es macht einen Unterschied, ob jemand sich in seiner Freizeit zum Vergnügen um ein Pferd kümmert oder sich beruflich den ganzen Tag mit Pferden beschäftigt.“ Hinzu kommt, dass den Berufseinsteigern von heute die Work-Life-Balance wichtiger geworden ist. Und die gibt es als Pferdewirt nunmal nicht in dem Maße, wie in einem klassischen Nine-to-Five-Job.

Für einen Pferdewirt spielt sich der Großteil des Tages im Stall ab. Teilweise bis zu 14 Stunden täglich. Die zweistündige Mittagspause lässt sich in Stallklamotten nur bedingt privat nutzen. Anders sieht das bei Pferdewirten aus, die auf dem Betrieb wohnen.

Ein Leben für die Pferde

Christiane wohnte lange in einer Wohnung auf dem Betrieb ihres Arbeitgebers. „Man ist nach Feierabend nach Hause gekommen und hat nur drauf gewartet, dass nochmal das Telefon klingelte oder jemand vor der Tür stand. Man hatte im Prinzip kein Privatleben. Wenn ich Urlaub hatte, bin ich weggefahren“, erzählt sie. Christiane hat als Ausbilderin gearbeitet und war in der Betriebsleitung tätig, verdiente jedoch als Meisterin keine 2.000 Euro brutto im Monat. „Ein Meister muss um die 18 bis 20 Euro pro Stunde verdienen“, ordnet Dietbert Arnold ein. Das Monatsgehalt dürfte bei einer 40-Stunden-Woche also nicht unter 3.000 Euro brutto liegen. „Bei 2.000 Euro liegt die Grenze zur Armut“, sagt er. In der Fohlensaison von März bis Juni verbrachte Christiane die Nächte am Computer. Ständig klingelte der Geburtsalarm der Stuten sie aus dem Schlaf. „Ich musste schauen, ob es losging oder ob die Stute sich nur zum Schlafen hingelegt hatte. Mein Rekord lag bei 16 Anrufen in einer Nacht.“ Am nächsten Morgen stand sie trotzdem pünktlich im Stall. Bezahlt wurde sie trotz Meisterbrief „wie ein Facharbeiter“. Gehaltserhöhungen waren nicht drin. Sie solle sich etwas Anderes suchen, wenn sie unzufrieden sei, meinte ihr Chef

Pferdewirte sind immer da für „ihre Pferde“. Der emotionale Druck ist groß.


Woher nehmen?

Der Beruf Pferdewirt schafft sich ab. Zumindest, wenn Betriebe ihre Angestellten nicht angemessen bezahlen oder versuchen, dauerhaft mit zu wenig Personal über die Runden zu kommen. Für junge Menschen ist der Beruf wenig attraktiv. In anderen Branchen lässt sich schon in der Ausbildung deutlich mehr Geld verdienen. Der deutschlandweite Fachkräftemangel macht also auch vor den Pferdewirten nicht Halt. Und am Ende wirkt sich das auf jeden aus, der sein Pferd in einem Pensionsstall untergebracht hat und der erwartet, dass sein Pferd von qualifizierten Fachkräften betreut oder ausgebildet wird. Woher nehmen? Die Betriebe müssen immer mehr auf ungelernte Kräfte zurückgreifen. Die Qualität der Betreuung sinkt. Um dem entgegenzuwirken müsste in letzter Konsequenz auch der Endverbraucher tiefer in die Tasche greifen. Wer Qualität möchte, muss dafür bezahlen. Boxenpreise, Jungpferdeaufzucht und -ausbildung sowie Pferde generell würden teurer, wenn auch der Pferdewirt ein Stück vom Kuchen abbekommen soll. Langfristig führt daran aber kein Weg vorbei, denn gute Arbeit muss belohnt werden.

Der emotionale Druck, den Pferdewirte sich selbst machen, verstärkt das Ganze. Sie fühlen sich verantwortlich für „ihre Pferde“, wollen sie nicht im Stich lassen und opfern sich auf. Im Zweifel bis zur körperlichen Erschöpfung. Kaum einer hält den Job bis zur Rente durch. Frauen dominieren den Berufszweig. Ihnen stellt sich irgendwann die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Viele Mütter finden keinen Weg zurück und beginnen einen Teilzeit-Job in einer anderen Branche.

Hinzu kommt das große Risiko, dem Pferdewirte bei ihrer täglichen Arbeit ausgesetzt sind. Das liegt in der Natur der Sache, wenn man mit 600 Kilogramm schweren Tieren arbeitet. Doch muss ein Betrieb seinen Arbeitnehmern angemessene Schutzbekleidung für die Arbeit zur Verfügung stellen. Dazu gehören neben Reithelm, Handschuhen und Sicherheitsschuhen auch Regen- und Wärmeschutzkleidung.

Die Grenze zur Ausbeutung

Die Grenze von Leidenschaft für den Beruf hin zur Ausbeutung verschwimmt in kaum einer Branche so sehr wie bei den Pferdewirten. Ohne Frage: Es gibt auch viele gute Betriebe, die ihre Mitarbeiter fair behandeln und bezahlen. Doch die schwarzen Schafe sind keine Ausnahme. Viele angestellte Pferdewirte brechen irgendwann zusammen oder kehren der Branche den Rücken.

Auch Christiane arbeitet heute woanders. Sie ist den Pferden zwar treu geblieben, doch ihr neuer Job verlangt keine Stallkleidung und keine Überstunden. „Ich muss nicht mehr morgens um sieben die Futterkelle schwingen“, sagt sie. Unterm Strich verdient sie 1.000 Euro mehr als vorher

QUELLE: BUNDESANSTALT FÜR LANDWIRTSCHAFT UND ERNÄHRUNG/EIGENE DARSTELLUNG