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Ein TROPFEN


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Madame - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 09.11.2022
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DUFT-ERWACHEN Dornröschen und Aschenput tel handeln beide vom Aufwachen. Doch wie weckt man Menschen auf, die man nicht schubsen kann und küssen schon gar nicht? Vielleicht gelingt es mit Düften.

Mit siebzehn hatte Gundula auf einer Klassenreise nach Wien das Burgtheater besucht. Seitdem wollte sie Schauspielerin werden. Es war der einzige Beruf, in dem man öffentlich kompliziert sein durfte und dafür bewundert wurde. Sie sah sich in Lichtkegeln stehen, ein Porzellangesicht, das mit Tschechow-Monologen ein paar Hundert Menschen zähmte. Nach den Vorstellungen würden sie in Kaffeehäusern sitzen und sich nach einem Leben sehnen, in dem es noch kostbare Verhängnisse gab.

Ihre Eltern wollten davon nichts wissen. Wer braucht heute noch Schauspielerinnen, sagte ihr Vater, am Ende würde ihr nichts anderes übrig bleiben, als ganz unten in einem Büro anfangen zu müssen. Doch Gundula trauerte ihnen ab, sich an einer einzigen Schauspielschule bewerben zu dürfen. Falls sie durchfiel, würde sie etwas Vernünftigeres studieren.

Ihre Prüfung war Ende Oktober. Eine Bekannte ihrer Mutter brachte sie auf die ...

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... Idee, sich für den Sommer als Prinzessin in einer Burg entlang der Märchenstraße zu bewerben, die alte war schwanger geworden. Der Besitzer des Burgrestaurants hatte zuerst Bedenken, sie war ihm zu mager und nicht blond genug. Doch sie setzte sich eine Perücke auf und führte vor, wie viel Eindruck ihr Dekolleté machte, wenn sie es ausstopfte.

Die amerikanischen Ehepaare, die sie für den Abend buchten, erhielten Rüschenkleider und Puffärmel, Goldlocken und die Gelegenheit, sich mit einer Märchenprinzessin zu unterhalten. Sie beschwatzten Gundula mit Veteranenerinnerungen und Heidelberg-Sentimentalitäten und wollten ihr Neffen in Idaho oder Oklahoma einreden. Es war verlockend. Sie mochte die Vorstellung, dass es Länder gab, die so groß waren, dass ein Mittlerer Westen in ihnen Platz fand. Wie es wohl sein mochte, endlose Landschaften, Pferdekoppeln, Sonntagsschulen, der Duft von Apple Pies? So verging der Sommer. Tagsüber wanderte sie durch den Märchenwald und hielt den Bäumen Monologe, es wurde ihr immer leichter dabei.

Nach fünf Wochen wurde sie nach einem ihrer Spaziergänge aufgeregt in Empfang genommen: Eine Japanerin hat angerufen und wollte dich gleich für sieben Abende durchbuchen. Am Montag ist sie da. Du kannst es dir noch überlegen, ich habe ihr noch nicht zugesagt. Wieso denn, sagte Gundula, was soll mir in einem Märchenschloss schon passieren?

Sie hieß Misaki und war sehr viel jünger als die ehemaligen G.I.s, mit denen sie es sonst zu tun hatte, Mitte dreißig vielleicht. Sie wirkte kultiviert, Gundula merkte es an ihrer Haut und ihren Schuhen und an einem zarten und sehr eleganten Orangensorbet-Duft.

Es ist mir eine Ehre, mit Ihnen zu Abend zu essen, sagte sie, als Gundula sich zu ihr an den Tisch setzte, es klang, als hätte sie jedes ihrer Worte in Seidenpapier verpackt. Die Ehre ist auf meiner Seite, sagte Gundula, aber ich glaube, ich bin so verlegen wie nie zuvor in meinem Leben.

Misaki lächelte. Machen Sie einfach, was Sie sonst immer machen.

Eigentlich mache ich gar nichts, sagte Gundula, ich bin bloß da. Aus irgendeinem Grund war ihr, als könnte sie ihr alles sagen.

Sie erzählte von Dornröschen, davon, wie eine Königstochter sich an einer Spindel stach und in einen tiefen Schlaf fiel und mit ihr zusammen der König, die Königin, der Hofstaat und die Pferde im Stall, selbst auf den Bäumen vor dem Schloss regte sich kein Blättchen mehr. Doch nach hundert Jahren kam ein Königssohn ins Land, an genau jenem Tag, an dem der Fluch endete, der über Dornröschen gesprochen worden war, und an dem die Dornenhecken, die ums Schloss gewachsen waren, sich in Blumen verwandelten. Als er die Türe zu der kleinen Stube öffnete, in der Dornröschen schlief, war sie so schön, dass er die Augen nicht abwenden konnte und ihr einen Kuss gab. Sie schlug die Augen auf und blickte ihn freundlich an.

Sie haben die Geschichte sehr schön erzählt, sagte Misaki, ich danke Ihnen. Und jetzt würde ich gerne schlafen gehen.

Sie stand auf und verließ den Speiseraum. Gundula war, als schlüge Scham über ihr zusammen. Was hast du gemacht, fragte der Chef. Ich weiß es doch nicht, sagte sie, ich weiß es wirklich nicht.

Am nächsten Abend saß Misaki ihr wieder gegenüber, so freundlich wie zuvor. Sie sprechen sehr gut Deutsch, sagte Gundula.

Danke, sagte Misaki, aber Sie übertreiben.

Darf ich Sie etwas fragen, bat Gundula: Warum haben Sie mich gebucht? Sie wirken ganz anders als die Touristen, mit denen ich sonst esse.

Ich wollte Märchen kennenlernen. Und ich dachte, das geht besser in einer Gegend, in der sie entstanden sind. Was haben Sie heute für mich?

Gundula erzählte von dem Schlaf, in den Schneewittchen fiel, nachdem es in einen giftigen Apfel gebissen hatte, und von seiner Erlösung, nachdem ein Sargträger gestolpert und deswegen das Apfelstück aus ihrem Hals gerutscht war.

Danke, sagte Misaki, was für eine schöne Geschichte. Ich ziehe mich jetzt zurück.

Habe ich etwas falsch gemacht?, wollte Gundula wissen.

Nein, im Gegenteil. Wir sehen uns morgen, schlafen Sie gut.

Am dritten Abend sagte Misaki, sie werde am nächsten Morgen abreisen.

Sie wollten mich doch für sieben Abende haben?

Keine Sorge, sagte sie, selbstverständlich bezahle ich alles. Aber ich weiß jetzt, was ich wissen wollte, und das habe ich Ihnen zu verdanken. Ich habe nur noch eine einzige Frage: Was ist ihr Lieblingsduft?

Ich weiß es nicht, sagte Gundula, darüber habe ich noch nie nachgedacht.

Würden Sie es für mich tun?

Warum?

Ich bin Duftforscherin, sagte Misaki, ich komponiere Düfte. Es geht mir darum, dass sie Türen öffnen, die in ein anderes Leben führen als das, in dem man gerade steckt, aber ich weiß nicht, ob ich das richtig ausdrücken kann.

Weihnachten, sagte Gundula, „das Weihnachten meiner Kindheit. Es war die Zeit, in der meine Eltern weicher als sonst wurden. Wenn wir von Winterspaziergängen ins Warme zurückkamen, duftete es nach gebrannten Mandeln, nach Keksen, nach den Zweigen auf dem Adventskranz, nach Kinderpunsch, nach Kakao. Und ein wenig auch nach dem Parfum meiner Mutter. Sie trug im Winter ein schwereres als im Sommer, es kam mir erwachsener vor. Hilft Ihnen das?

Die Märchen, die Sie mir erzählt haben, sagte Misaki, handeln beide vom Aufwachen. Einmal geschieht es durch einen Kuss, das zweite Mal durch einen Schubs, der eine Blockade löst, die daran hindert, frei zu atmen. Doch wie weckt man Menschen auf, die man nicht schubsen kann und küssen schon gar nicht? Ich versuche es mit Düften, die ich komponiere. Wahrscheinlich halten Sie mich für verrückt.

Ich bin eine Märchenprinzessin, für mich sind Wunder keine Über ra schung.

Ich bin eine Märchenprinzessin, sagte Gundula, für mich sind Wunder keine Überraschung. Und was Sie sagen, klingt schön. Ich weiß nur nicht, ob es klappt.

Manchmal ist mir, als wäre auch ich eingeschlafen, sagte Misaki. In den letzten Jahren habe ich eigentlich kaum etwas anderes gemacht, als jeden Tag morgens mit der U-Bahn ins Büro zu fahren, zehn Stunden zu arbeiten und abends wieder nach Hause zu fahren. Es war ein gutes Leben, verstehen Sie mich nicht falsch. Aber irgendwann habe ich bemerkt, dass ich die Welt wie hinter Milchglas wahrnahm. Unscharf, verschwommen, von mir getrennt, selbst meinen Mann und meinen Sohn.

Ich glaube, so geht es vielen Menschen, sagte Gundula. Mir jedenfalls geht es oft so. Wahrscheinlich ist es das, was das Leben mit einem macht.

Aber so darf es nicht sein, sagte Misaki. Man kann nicht leben, als würde man dämmern.

Und das wollen Sie mit Ihren Düften ändern?

Ja. Es ist eine Art Trick. Ich habe Ihr Gesicht beobachtet, während Sie über Weihnachten gesprochen haben. Ihre Augen haben dabei geleuchtet. Und Sie haben sich endlich nicht mehr gefragt, welchen Eindruck ich wohl von Ihnen habe und ob Sie vielleicht etwas falsch machen. Sie waren wieder in Ihrer Kindheit. Und das alles nur, weil Sie sich an einen Duft erinnert haben, der Ihnen einmal wichtig gewesen ist.

Aber was machen Sie jetzt daraus?, wollte Gundula wissen.

Mir schwebt etwas vor, sagte Misaki, und das habe ich Ihnen zu verdanken.

Ich habe Ihnen nur alte Geschichten erzählt.

Es waren Märchen, sagte Misaki, in denen Frauen aufwachen und endlich wieder in der Welt ankommen, von der sie aus irgendeinem Grund getrennt worden sind. Sie haben mir klargemacht, dass diese Welt die Kindheit sein könnte. Irgendetwas geschieht in unserem Leben, das uns einschlafen lässt, vielleicht das Erwachsenwerden. Wir sind zwar immer noch da, aber ein wenig betäubt. Bis man durch eine Winzigkeit in die Lage versetzt wird, den Schlaf abzuschütteln. Ich glaube, dass diese Winzigkeit ein Duft sein könnte. Man riecht ihn, und plötzlich ist es, als würde man nicht nur selbst, sondern auch die Welt für einen die Augen aufschlagen.

Kurz vor Weihnachten, Gundula hatte ihre Aufnahmeprüfung bestanden und war nach Wien gezogen, bekam sie ein Paket, das in Tokio aufgegeben war. Sie hatte keine Ahnung, wie Misaki herausgefunden hatte, wo sie jetzt wohnte, aber sie wunderte sich nicht.

In dem Paket waren eine Karte, auf der nur „Für eine Märchenprinzessin“ stand, und ein altmodischer Flakon mit einer zartrosafarbenen Flüssigkeit. Gundula tupfte sich einen Tropfen von ihr auf das Handgelenk und roch daran. Alles war da, wovon sie Misaki erzählt hatte: Rosenheckenduft, Weihnachtspunsch, die Wärme, die einen empfängt, wenn man aus der Winterkälte nach Hause kommt, und im Hintergrund sogar eine zarte Erinnerung an das Festtagsparfum ihrer Mutter.

Gundula hatte keine Ahnung, wie Misaki das gemacht hatte. Aber dann fiel ihr ein, dass sie auch nicht wusste, wie es Schauspielerinnen anstellen, ihr Publikum zu bezwingen. Das Theater und Masukis Düfte waren dasselbe: eine Sehnsucht, die ins eigene Leben hereinweht.

Dann musste Gundula lachen. Japaner feiern doch gar kein Weihnachten, dachte sie, wahrscheinlich habe ich das alles nur geträumt. Aber vor ihr stand der Flakon, und ihr war, als hätte die Welt die Augen aufgeschlagen für sie.

Autor Peter Praschl liebt Weihnachten, weil er gern seine zwei Töchter und seine Frau mit viel zu vielen Geschenken beglückt. Weil der Deal, dass wir uns dieses Jahr aber wirklich nichts schenken, immer gebrochen wird. Und weil es nach Apple Crumble, forsch-frischen Winter morgen und Comfort Food duftet.