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Ein Typ für alle Fälle


Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 06.08.2021

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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 9/2021

Auf einen Blick: Vom Reiz der Schubladen

1 Viele Wissenschaftler ordnen Naturerscheinungen in feste Kategorien oder Typen ein. In der Neuropsychologie und Hirnforschung führten derartige Versuche oft auf Abwege.

2 Neben Lern- und Charaktertypen galten etwa Geschlechterdifferenzen als naturgegeben und fest. Unterschiede zwischen Mann und Frau existieren zwar, lassen sich aber nur statistisch-dimensional beschreiben.

3 Typen erfordern eindeutige Zu- ordnungen auf Grund messbarer Kriterien. Doch man sieht es einem Gehirn nicht an, ob es einem Mann oder einer Frau gehört.

Wissenschaftler ordnen Phänomene gern in Kategorien ein. So sortieren Chemiker die Elemente nach der Zahl der Protonen je Atom, und Geologen unterscheiden Gesteine nach den Kräften, durch die sie entstanden. Botaniker gruppieren Pflanzen nach Gattungen, Familien und Arten; Politikwissenschaftler suchen definierende ...

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... Kriterien für verschiedene Staatsformen.

Die Idee, dass sich alle Dinge auf der Welt in Schubladen ordnen lassen, geht auf den antiken griechischen Philosophen Platon zurück. »Natürliche Arten« mit jeweils fundamentalen Gemeinsamkeiten zu entdecken und zu beschreiben, sei demnach Aufgabe des menschlichen Forschens. Zweieinhalb Jahrtausende später gilt das im Wesentlichen nach wie vor.

Auch Psychologie und Hirnforschung bilden da keine Ausnahmen. So gab es zahlreiche Versuche, die unterschiedlichsten Kategorien zu definieren: visuelle versus auditive Lerntypen, introvertierte versus extrovertierte Charaktere, typisch weibliches versus männliches Gehirn. Solche schablonenhaften Zuordnungen sind jedoch problematisch. Nicht nur fehlt ihnen oft eine solide wissenschaftliche Basis. Anders als chemische Elemente oder Steine beeinflusst es Menschen zudem, wenn man sie oder ihr Gehirn der einen oder der anderen Gruppe zuweist. Der Schritt vom Typ zum Stereotyp ist dabei klein.

Dennoch haben Typenlehren sowohl für Laien als auch für manche Experten einen besonderen Reiz. Warum? Die Erklärung liegt höchstwahrscheinlich in der Funktionsweise unseres Gehirns.

Frederic Vester stellte 1975 die Theorie auf, dass sich Menschen grundlegend darin unterscheiden, wie sie am effektivsten lernen. Er definierte vier Typen: auditive, visuelle, haptische und verbale Lerner. Dabei war Vester nicht etwa Pädagoge oder Psychologe, sondern Biochemiker. Seine lernpsychologischen Annahmen hatten keine empirische Grundlage, sondern entsprangen allein persönlicher Intuition.

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Vesters Buch »Denken, Lernen, Vergessen« ist bis heute ein Bestseller, und seine Theorie wird weiterhin an vielen Lehrinstituten verbreitet. Doch sie ist längst widerlegt. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass Menschen in der Regel nicht besser lernen, wenn die eingesetzte Lehrmethode ihrem angeblichen Typ entspricht. Weit effektiver ist es, beim Lernen mehrere Sinne zugleich anzusprechen. Deshalb sind didaktisch gute Lehrbücher voller Schaubilder und wer Vokabeln singt oder reimt, merkt sie sich besser.

Lebenslang konstant und angeboren?

2020 nahm ein Team um die Psychologin Susan Gelman von der University of Michigan den Mythos der Lerntypen ins Visier. Laut ihrer Untersuchung halten die meisten Verfechter diese für lebenslang konstant und vermutlich angeboren. Sie meinen zudem, die Lerntypen beeinflussen Karrierechancen und seien mit verschiedenen Hirnfunktionen verknüpft. Mit anderen Worten: Die Typen würden nicht nur etwas über das Lernen aussagen, sondern Menschen in allen möglichen Eigenschaften unterscheiden. Der Glaube an derart »essenzielle« Unterschiede kennzeichnet viele Typenlehren.

Dies gilt ebenso für den Myers-Briggs-Typenindikator (MBTI), einen beliebten Persönlichkeitstest. Das Verfahren hat eine große Fangemeinde und teilt Menschen in 16 Kategorien ein. Es wurde von Katherine Briggs und ihrer Tochter Isabel Myers entwickelt und basiert auf den Ideen des Schweizer Tiefenpsychologen Carl Gustav Jung. Laut diesem lassen sich Menschen nach vier Eigenschaften unterscheiden: Sie sind entweder introvertiert oder extrovertiert, entweder intuitiv oder an äußeren Sinneseindrücken orientiert, sie treffen Entscheidungen entweder durch Denken oder nach ihren Gefühlen und neigen entweder zu festen Urteilen oder passen diese flexibel den Gegebenheiten an. Die je weilige Kombination dieser vier Eigenschaften ergibt 16 Persönlichkeitstypen, die mit Buchstabenkürzeln benannt werden. Das Kürzel ENFJ etwa beschreibt einen extrovertierten, intuitiven, fühlenden, urteilenden Menschen.

Viele Firmen setzen den Test in Einstellungsverfahren ein oder leisten sich MBTI-Berater. Jedermann kann sich für 40 Euro auf der Website der Myers-Briggs- Stiftung testen oder für 2000 Euro in vier Tagen zum MBTI-Experten ausbilden lassen. Die Persönlichkeitstypen bestimmen angeblich, für welchen Beruf sich jemand eignet, wie er sich am Arbeitsplatz und in Beziehungen verhält, was er mag und was nicht. Das Wesen von Menschen zu verstehen, helfe dabei empathischer, erfolgreicher und glücklicher zu werden.

Wissenschaftlich betrachtet ist der Myers-Briggs-Typenindikator Unfug. Seine Erfinderinnen verstanden wenig von psychologischer Testtheorie, und ähnlich wie bei Vesters Lerntypen beschreibt die Kombination der vier Eigenschaften keine stabil reproduzierbaren Persönlichkeiten. Studien, die die Validität des Tests beweisen sollen, stammen überwiegend von der Myers- Briggs-Stiftung selbst – in unabhängigen Arbeiten fiel die Methode meist durch.

Warum ist die Idee der Persönlichkeitstypen fragwürdig? Eine Eigenschaft wie Extra- beziehungsweise Introversion in zwei feste Kategorien zu unterteilen, heißt nichts anderes, als irgendwo auf dem Spektrum zwischen gesellig und verschlossen eine Trennlinie zu setzen. Jeder Mensch links davon gilt dann als x, jeder rechts davon als y. Zwei Personen, die in einem Test zum Beispiel einen Score von 49 beziehungsweise 51 Prozent erzielen, sind sich in dieser Eigenschaft sehr ähnlich. Dennoch gehören sie unterschiedlichen Kategorien an, wenn 50 die Schwelle markiert. Die Annahme, dass sich Menschen desselben Persönlichkeitstyps ähneln und von Personen eines anderen Typs grundlegend unterscheiden, ist damit hinfällig.

Das ist ein entscheidender Unterschied zu Typen von Steinen, Elementen oder Pflanzen. Früchte mit Kerngehäuse sind Kernobst, solche mit einem Stein in der Mitte Steinobst. Hat ein Atom ein Proton im Kern, ist es Wasserstoff, bei zwei Protonen Helium. Solch eindeutige Grenzen – entweder du bist x oder du gehörst du y – existieren in Sachen Persönlichkeit nicht. Zwar könnte man die extremen Ausprägungen von Eigenschaften als Typ verstehen – jemanden, der bei jedem Test hoch extrovertiert abschneidet, könnte man einem »extrovertierten Typ« zuordnen. Doch bliebe dies eine bloße Idealisierung, keine naturgegebene Kategorie – echte Menschen befinden sich stets irgendwo auf dem Spektrum zwischen den Extremen.

Je vager, desto überzeugender

Warum ist der MBTI dennoch so beliebt? Viele Menschen glauben, dass der Test Wahrheiten über sie und andere aufdeckt. Gemäß dem so genannten Barnum-Effekt sind die Ergebnisse so allgemein und vage formuliert, dass sich viele Menschen darin wiedererkennen – ähnlich wie bei einem Horoskop.

Das US-amerikanische Brain Type Institute geht so weit, die vier Dimensionen des MBTI mit kruden Hirnfunktionen gleichzusetzen: Zum Beispiel sollen extrovertierte Menschen angeblich mehr den frontalen Bereich des Gehirns benutzen und introvertierte Menschen mehr den hinteren Teil. Das ist Pseudowissenschaft mit rein kommerziellem Interesse, die mit einem vermeintlich objektiven Anstrich daherkommt.

Geht es auch anders? Die moderne Persönlichkeitspsychologie kennt fünf große Charakterdimensionen: Offenheit für neue Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und emotionale Stabilität. Die »Big Five« beruhen auf Daten aus großen Fragebogenstudien, die sehr viele Vorlieben und Verhaltensweisen abdecken. Eigenschaften, die häufig gemeinsam vorkommen, werden statistisch zusammengefasst. Das Modell unterteilt Menschen also nicht in Typen, sondern ordnet ihnen eine Position auf dem Spektrum jeder Eigenschaft zu.

Lern- und Persönlichkeitstypen werden von Forschern heute weitgehend abgelehnt. In den Neurowissenschaften halten sich Typenlehren aber offenbar hartnäckiger, wie das Beispiel der wohl beliebtesten Typenlehre überhaupt zeigt: der Idee nämlich, Männer und Frauen hätten ein grundlegend unterschiedliches Gehirn – und der jeweilige Neurotyp sei von Geburt an durch genetische oder hormonelle Differenzen zwischen den Geschlechtern festgeschrieben.

Die britische Hirnforscherin Gina Rippon von der Aston University in Birmingham verneint das. In ihrem Buch »The gendered brain« von 2019 argumentiert sie, dass Unterschiede zwischen den Gehirnen von Männern und Frauen zwar durchaus bestehen – diese seien aber klein und zeigten sich nur im statistischen Mittel. Man könne einem Gehirn nicht ansehen, ob sein Besitzer Frau oder Mann ist.

Wer nach Studien zu Geschlechtsunterschieden im Gehirn sucht, stößt im Internet auf tausende Ergebnisse. Ältere Studien berichten oft strukturelle Abweichungen, etwa in der Dicke des Kortex oder der Größe bestimmter Areale. Diese Befunde sind heute größtenteils widerlegt, da die Studien nicht in Betracht zogen, dass Männer im Schnitt mehr Hirnmasse haben als Frauen. Außerdem wissen wir schlichtweg nicht, was es für ein Gehirn bedeutet, dass gewisse Hirnregionen ein größeres oder kleineres Volumen aufweisen. Mit funktionellen Unterschieden, etwa in der Leistungsfähigkeit bei bestimmten psychologischen Aufgaben, geht dies nicht unbedingt einher.

Darum haben Neuroforscher in den letzten Jahren vermehrt die funktionale Konnektivität des Gehirns auf Geschlechterunterschiede hin untersucht. Dabei vergleichen sie oft Tausende von Hirnverbindungen zugleich. Eine Arbeit aus dem Jahr 2015 von Wissenschaftlern der University of Pennsylvania berichtet, dass sich Männer und Frauen in 0,5 Prozent der betrachteten Konnektivität unterscheiden – das waren in dieser Studie 178 Verknüpfungen. Anhand von 25 000 Hirnverbindungen konnte ein US-amerikanisches Forscherteam 2017 mit 85-prozentiger Genauigkeit vorhersagen, ob ein Gehirn einem Mann oder einer Frau gehörte.

Mehr Ähnlichkeit als Differenzen

Im Gesamtmuster von Verknüpfungen gibt es also durchaus »typisch weibliche« und »typische männliche« Tendenzen. Anhand einzelner Parameter lassen sich Gehirne jedoch nicht nach Geschlecht unterscheiden. Außerdem sind es stets Abweichungen, die bloß im Durchschnitt über viele Gehirne sichtbar werden – sie markieren keine klar voneinander trennbaren Hirntypen. »Männliche und weibliche Gehirne ähneln einander mehr, als dass sie sich unterscheiden«, sagt Rippon.

Neben dem Gehirn haben Forscher in zahllosen Studien auch psychologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern unter die Lupe genommen. Eine Auswertung von 106 Metaanalysen mit über zwölf Millionen Probanden insgesamt kam 2015 zu dem Schluss: Geschlechtsunterschiede in psychologischen Tests existieren, sind jedoch größtenteils gering. Im Schnitt schneiden Männer etwa besser in Tests zu räumlichem Vorstellungsvermögen ab, Frauen dagegen bei verbalen Aufgaben. Doch auch das ist, wie gesagt, Statistik – eine einzelne Frau oder ein einzelner Mann kann für ihr oder sein Geschlecht untypische Fähigkeiten haben.

»Man suchte die Gründe für die geringere Stellung der Frau im Gehirn«

Gina Rippon, Aston University Birmingham

Wenn Männer und Frauen keinen unterschiedlichen Hirntyp haben – woher kommen dann solche statistischen Differenzen im Hirn und im Verhalten? Aus Genen, Hormonen oder Umwelt und Erziehung? Die Antwort: Alles zugleich, denn es lässt sich nicht voneinander trennen. Salopp gesagt: Jungen spielen lieber mit Lego, Mädchen mit Barbie-Puppen, und das wirkt sich wiederum darauf auf, wie sich ihre Gehirne und Fähigkeiten entwickeln. Doch auch die genetische und hormonelle Veranlagung prägt ihr Gehirn: etwa indem sich Schwankungen im weiblichen Menstruationszyklus auf Neurotransmittersysteme auswirken. Gleichzeitig bleibt das Gehirn ein Leben lang empfänglich für Prägungen durch die Umwelt.

Eine Reihe von Studien unterstützt diese Sichtweise. So genügten in einer von 2007 zehn Stunden Videospielen, um die Geschlechtsdifferenzen im räumlichen Vorstellungsvermögen stark zu verringern. 2012 fanden Forscher der Universität Maribor in Slowenien einen ähnlichen Effekt nach 18 Stunden Origami-Falten. Das räumliche Training wirkte sich zudem auf die beteiligten Hirnareale aus – vor allem bei Teilnehmerinnen.

2013 ließen Berliner Forscher Probanden täglich eine halbe Stunde »Super Mario« spielen. Nach zwei Monaten hatte sich die Struktur des Hippocampus und präfrontalen Kortex der Probanden messbar verändert.

Es gibt also wenig Hinweise darauf, dass Männer und Frauen mit einem grundsätzlich anderen Typ Gehirn zur Welt kommen. Warum ist diese Idee dennoch so verbreitet? »In den Anfängen der Hirnforschung hatten Frauen eine geringere gesellschaftliche Stellung. Forscher suchten die Gründe dafür im Gehirn«, erklärt Rippon. Dass das Gehirn von Mann und Frau sich grundlegend unterscheidet, wurde dabei als gegeben angenommen – und diese Idee prägt die Forschung bis heute.

Evolutionär bedingte Unterschiede?

Ein Beispiel ist die Theorie des Autismusforschers Simon Baron-Cohen, der zufolge weibliche Gehirne »auf Empathie ausgelegt« seien, männliche dagegen, »Systeme zu verstehen«. Frauen, so Baron-Cohen, seien typischerweise empathischer, während Männer Muster suchen und kausale Zusammenhänge herstellen. In jüngeren Formulierungen seiner Theorie merkt Baron-Cohen an, dass zwar manche Frauen ein für sie untypisches »systematisches Gehirn« und manche Männer ein »empathisches Gehirn« haben. An der Typenunterscheidung hält er jedoch fest.

Unterschiede zwischen den Geschlechtern begründet Baron-Cohen evolutionär: Männer waren demnach Erfinder und Jäger, konstruierten Waffen und gingen auf die Jagd – dafür brauchten sie analytische Fähigkeiten. Frauen dagegen zogen die Kinder auf und hielten die Gemeinschaft zusammen; das prägte ihre sozialen Fähigkeiten. Entsprechend haben sich ihre Gehirne unterschiedlich entwickelt.

Obwohl Baron-Cohen von angeborenen Hirntypen spricht, beruhte seine Theorie ursprünglich nicht auf neurowissenschaftlichen Befunden, sondern allein auf Fragebögen und Verhaltenstests. Erst im Nachhinein reicherte er sie mit Gehirndaten an: 2012 zeigte seine Forschungsgruppe, dass bei Menschen des »empathischen Typs« der Hypothalamus und die Basalganglien im Schnitt größer sind. Menschen des »systematischen Typs« dagegen haben einen durchschnittlich größeren dorsomedialen präfrontalen und zingulären Kortex. Was genau das für die jeweilige Hirnfunktion bedeutet, bleibt jedoch Spekulationssache.

»Weibliche Gehirne arbeiten eher empathisch, männliche systematisch«

Simon Baron-Cohen, University of Cambridge

2016 lieferte eine Studie, an der Baron-Cohen beteiligt war, stärkere Argumente: Ihr zufolge unterscheiden sich Frauen und Männer in der Funktionsweise ihres Default-Mode-Netzwerks. Dieses war bei Frauen stärker verknüpft als bei Männern und am schwächsten bei autistischen Versuchsteilnehmern, die nach Baron-Cohens Theorie dem »extrem systematischen Typ« angehören. Eine höhere Konnektivität innerhalb dieses Netzwerks ging mit besserem Abschneiden der Teilnehmer in einem Empathietest einher. Es könnte demnach ein funktioneller Marker von Baron-Cohens Typenlehre sein.

Doch selbst wenn die Geschlechter sich im Schnitt darin unterscheiden, wie empathisch und analytisch sie sind, und dies mit Unterschieden in der Hirnfunktion einhergeht, müssen Letztere nicht aus evolutionär entstandenen Hirntypen resultieren. Sie könnten im Lauf des Lebens erlernt werden. Baron Cohen argumentiert dagegen, dass der Testosteronschub in ungeborenen Jungen ihr Gehirn quasi vermännliche. Dazu passen die Ergebnisse seiner Studie aus 2007: Die Testosteronlevel von Jungen vor der Geburt korrelierten moderat mit deren Empathievermögen im Alter von sechs bis acht Jahren. Das deutet an, dass die Neigung zur Empathie zu einem gewissen Grad biologisch vorbestimmt sein könnte – doch andere Faktoren sind höchst wahrscheinlich ebenfalls am Werk.

In den neuesten Formulierungen seiner Theorie unterscheidet Baron-Cohen nicht nur zwei, sondern fünf Hirntypen nach allen möglichen Konstellationen von empathischen und systematischen Vorlieben. Hier ergibt sich dasselbe Problem wie bei anderen Typenlehren: ihre Beliebigkeit. Warum fünf Kategorien – und nicht drei oder sieben? Und warum entscheiden genau zwei Eigenschaften darüber, was für ein Mensch jemand ist?

Empathie und systematisches Denken mögen aufschlussreiche Charaktereigenschaften sein – besonders um autistisches Erleben zu verstehen. Dennoch gibt es keinen Grund, alle Menschen auf dieser Basis in feste Typen einzuteilen. Wie beim Myers-Briggs-Typenindikator sind die Schwellenwerte, die Kategorien voneinander trennen, nicht eindeutig.

Trotz der Ungereimtheiten sind Typisierungen von Menschen und Gehirnen beliebt. Sie scheinen weniger abstrakt als die Vorstellung, dass alles sich auf einem kontinuierlichen Spektrum befindet. Das hat selbst vermutlich neuronale Gründe: Unser Gehirn versucht stets, Muster zu erkennen und Dinge zu gruppieren. So reduziert es die Komplexität der Welt.

Klare Kategorien erleichtern es, Reize zu unterscheiden

Vermeintlich klare Zuordnungen wirken sich wiederum auf unsere Wahrnehmung aus. Was einer Kategorie angehört, erscheint ähnlich und was unterschiedlichen Kategorien angehört, verschieden. Eine Studie von 2007 zeigt, dass russischsprachige Probanden besser zwischen hellen und dunklen Blautönen unterscheiden können als englischsprachige Probanden. Im Russischen gibt es verschiedene Worte für hellblau (»goluboy«) und dunkelblau (»siniy«). Das erleichtert offenbar die visuelle Unterscheidung.

Zu ähnlichen Ergebnissen kamen die Psychologen Myron Rothbart und Francesco Foroni in Bezug auf Körpermerkmale. Ihre Probanden sollten bewerten, wie sehr sich weibliche Silhouetten ähnelten, die sich in ihrer Körpermasse unterschieden. Dann wurden die Scherenschnitte mit Etiketten versehen: »untergewichtig«, »normal« oder »übergewichtig«. Das änderte die Wahrnehmung der Probanden stark: Silhouetten mit derselben Bezeichnung bewerteten sie nun als ähnlicher, solche mit unterschiedlichen Labels als verschieden.

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Typisierungen können zu Stereotypen und damit zu selbsterfüllenden Prophezeiungen werden. Wenn Menschen annehmen, dass Mädchen und Jungen mit grundverschiedenen Eigenschaften zur Welt kommen, behandeln sie sie unterschiedlich – ob bewusst oder unbewusst. Mädchen, die mit dem Klischee aufwachsen, dass Lego, Elektrobaukasten und Programmieren nichts für sie sind, werden sich wahrscheinlich weniger dafür interessieren. Jungen, die lernen, dass Männer nicht über Gefühle sprechen, tun es vermutlich seltener und üben ihre Empathie weniger.

Manche Kategorien können nützlich sein. Das Label Depression etwa ermöglicht es Menschen, die benötigte Hilfe zu bekommen. Ebenso mag es hilfreich sein, in Typen zu denken, um in der Welt leichter zurechtzukommen. Dabei sollte man jedoch nicht vergessen, dass Hirn- und Persönlichkeitstypen nicht auf klaren Abgrenzungen beruhen. Sie beschreiben keine »natürlichen Arten« im Sinn Platons, sondern lediglich Unterschiede in der Ausprägung von Eigenschaften, die sich über eine große Zahl von Probanden feststellen lassen. Diese Variationen sind weder unveränderbar noch allein genetisch bedingt, wie viele Typenlehren es suggerieren.

LITERATURTIPP

Rippon, G.: The gendered brain: The new neuroscience that shatters the myth of the female brain. Random House, 2019 Kritische Übersicht zur typbasierten Geschlechterforschung

QUELLEN

Baron-Cohen, S.: Empathizing, systemizing, and the extreme male brain theory of autism. Progress in Brain Research 186, 2010

Foroni, F., Rothbart, M.: Abandoning a label doesn’t make it disappear: The perseverance of labeling effects. Journal of Experimental Social Psychology 49, 2013

Nancekivell, S. E. et al.: Maybe they’re born with it, or maybe it’s experience: Toward a deeper understanding of the learning style myth. Journal of Educational Psychology 112, 2020

Winawer, J. et al.: Russian blues reveal effects of language on color discrimination. PNAS 104, 2007

Zhang, C. et al.: Functional connectivity predicts gender: Evidence for gender differences in resting brain connectivity. Human Brain Mapping 39, 2018

Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1893322