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EIN UNMÖGLICHER AUFSTIEG INS HAUS DER GÖTTER


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National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 25.03.2022

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Bildquelle: National Geographic Deutschland, Ausgabe 4/2022

Der umwölkte Roraima-Tepui ragt im Grenzgebiet zwischen Guyana, Brasilien und Venezuela aus dichtem Regenwald empor. Die Einheimischen nennen ihn und ähnliche Tafelberge tepuis (?Haus der Götter?). Bei dem Gestein handelt es sich um die Überreste eines urzeitlichen Plateaus, das im Laufe von Jahrmillionen erodierte.

EIN GIPFELPLATEAU HOCH ÜBER DEM AMAZONAS-REGENWALD BIETET FORSCHERN DIE GELEGENHEIT, NEUE ZU BESCHREIBEN UND RÄTSEL DER EVOLUTION ZU ENTSCHLÜSSELN. DIE GRÖSSTE HERAUSFORDERUNG: ÜBERHAUPT ERST EINMAL DORTHIN ZU GELANGEN.

I IN EINER PECHSCHWARZEN FEBRUARNACHT stand Bruce Means allein im Pacaraima-Gebirge im Nordwesten Guyanas. Er ließ seine Stirnlampe über den Nebelwald streifen und blickte durch seine beschlagene Brille auf ein Meer von uralten, mit Moos behangenen Bäumen. Die feuchte Luft war geschwängert vom Geruch verrottender Pflanzen und modrigen Holzes und trug eine melodische Symphonie aus Froschrufen, die ihn wie Sirenengesang so tief in den Dschungel hineinzog, dass er sich fragte, ob er es jemals wieder hinausschaffen würde.

Bruce griff mit einer Hand nach einem Schössling, um das Gleichgewicht zu halten, und machte einen unsicheren Schritt nach vorn. Seine Beine zitterten, als sie in der ...

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... sumpfigen Laubstreu versanken, und er verfluchte seinen 79-jährigen Körper. Zu Beginn dieser Expedition hatte Bruce mir gesagt, er wolle es zunächst langsam angehen, würde dann aber von Tag zu Tag stärker werden, wenn er sich wieder an das Leben im Busch gewöhnt hätte.

Immerhin hatte er während seiner Laufbahn als Naturschutzbiologe bereits 32 Expeditionen in diese Region unternommen. Ich kannte ein Foto von ihm aus jüngeren Jahren – ein über 1,90 Meter großer, breitschultriger Waldläufer, das lange Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden und mit einer riesigen Schlange um den Hals. Er hatte mir Geschichten davon erzählt, wie er in den Achtzigern in klapprigen Bussen durch die Ebenen der venezolanischen Gran Sabana gefahren und dann in die Berge aufgebrochen war, wo er nach neuen Amphibien-und Reptilienarten suchte.

Die National

Geographic Society setzt sich dafür ein, die Wunder unserer Welt zu zeigen und zu schützen. Sie unterstützte die Südamerika-Expeditionen der NATIONAL-GEOGRAPHIC-Explorer Bruce Means und Mark Synnott.

Einmal hatte er mehrere Tage allein auf dem Gipfel eines entlegenen Berges verbracht, zeitweise nackt, und so nah an der Natur gelebt wie nur irgend möglich. All dies war eine Weiterführung der Erkundungstouren, die er schon als Kind in Südkalifornien unternommen hatte, als er durch die Berge streifte und nach Alligatorschleichen und Vogelspinnen Ausschau hielt.

Ebendiese Philosophie hatte ihn hierhergeführt. Sicher, der Pferdeschwanz war inzwischen grau und dünn, und mit 129 Kilo lag er weit über seinem Kampfgewicht. Aber Bruce versicherte mir, dass er noch das innere Feuer habe. Bald würde er seinen Rhythmus finden.

Doch der Dschungel – mitsamt seinen wimmelnden Insekten, dem unaufhörlichen Regen und den tückischen Sümpfen, die einen Menschen ganz zu verschlingen drohen – macht einen mürbe, und nach einer Woche anstrengender Märsche durch den Busch und endloser Flussüberquerungen war für alle Expeditionsmitglieder offensichtlich, dass er von Tag zu Tag schwächer wurde. Nachts hielt ihn ein rasselnder Husten wach, und wenn er in seiner Hängematte lag, dachte er an sein Zuhause in Tallahassee, Florida, wo seine Frau und seine beiden erwachsenen Söhne ihn regelrecht angefleht hatten, von dieser Tour Abstand zu nehmen. Die Wildnis des Berglands von Guayana ist kein Ort für einen Mann hoch in den Siebzigern, der nicht in Form ist.

Doch ich hatte auch schon erlebt, dass Bruce sich wieder fing. Wir hatten bereits drei Touren in diese Region unternommen, einen abgelegenen Hotspot der Artenvielfalt namens Paikwa River Basin am nördlichen Rand des Amazonas-Regenwalds. Bruces Hauptinteresse galt den Froschlurchen, und wenn auf diesem Planeten ein Froschlurchparadies existierte, dann war es mit Sicherheit hier.

Froschlurche spielen eine entscheidende Rolle in Ökosystemen rund um den Globus, doch nirgendwo gibt es sie länger als in äquatorialen Regenwäldern wie diesem. Seit Jahrmillionen folgen die Froschlurche hier unterschiedlichen Evolutionsrichtungen, was zu einer Fülle von Arten in allen erdenklichen Formen, Größen und Farben und wahrlich erstaunlichen Anpassungen geführt hat.

Allein im Amazonasbecken wurden mehr als tausend Amphibienarten beschrieben. Viele davon haben zu medizinischen Durchbrüchen beigetragen, zur Entwicklung neuer Antibiotika und Schmerzmittel etwa sowie potenzieller Krebs-und Alzheimer-Medikamente.

Wissenschaftler sind der Ansicht, dass bislang nur ein Bruchteil der weltweit vorkommenden Froschlurcharten beschrieben ist. Gleichzeitig verschwinden die Arten, die wir kennen, in beängstigendem Tempo. Einigen Schätzungen zufolge sind seit den 1970er-Jahren bis zu 200 Froschlurcharten ausgestorben, und Bruce und andere Biologen befürchten, dass viele weitere aussterben werden, bevor wir überhaupt wissen, dass sie existieren. Welche Rätsel der Evolution, der Medizin und andere Mysterien würden mit ihnen zusammen verloren gehen, ohne gelüftet worden zu sein?

Bruce konzentrierte sich lieber auf den Reichtum an biologischen Schätzen, die diese Regenwälder noch bargen. „Das Potenzial für künftige Entdeckungen ist praktisch grenzenlos“, erklärte er mir mit der ihm eigenen Begeisterung in der Stimme. Aber er wusste auch, dass die Zeit ablief – nicht nur für die Froschlurche, auch für ihn.

EXPLORER: DER LETZTE TEPUI

Begleiten Sie das Expeditionsteam auf Südamerikas Himmelsinseln. Ab 22. April im Streamingangebot von Disney+.

GUYANA I ST DAS einzige englischsprachige Land Südamerikas und fast zur Gänze von unberührtem Regenwald bedeckt. Im äußersten Nordwesten verläuft entlang der Grenze zu Brasilien und Venezuela das Pacaraima-Gebirge. Hier erheben sich mehrere Tafelberge steil über das dunkelgrüne Blätterdach des Paikwa River Basin. Bei dem indigenen Volk der Pemon, das seit Jahrhunderten in ihrem Schatten lebt, sind diese geradezu außerweltlichen Formationen als tepuis – „hervorsprießende Felsen“ – bekannt; bisweilen werden sie gern auch „Häuser der Götter“ genannt.

Im Gegensatz zu typischen Gebirgszügen, die oft zu Ketten zusammengeschlossen sind, stehen Tepuis in der Regel allein und ragen aus dem Regenwald wie Inselberge aus einem nebligen Ozean. Einige der Gipfel kann man über Wanderwege erreichen, die meisten jedoch sind von steilen Felswänden begrenzt – einige bis zu 900 Meter hoch – und oft von spektakulären Wasserfällen durchzogen.

Geologen zufolge sind Tepuis die Überreste einer uralten Hochebene. Dieser sogenannte Guayana-Schild (auch: Guiana-Schild) war einer der alten Kerne des Superkontinents Gondwana. Vor Hunderten Millionen Jahren, als jener Teil Südamerikas mit Afrika verbunden war, erstreckte sich der Guayana-Schild über Teile des heutigen Guyana, Französisch-Guayana, Kolumbien, Brasilien, Venezuela und Surinam. Das Massiv aus Sandstein und Quarzit brach mit der Zeit auf und erodierte, bis vor rund 30 Millionen Jahren die etwa hundert Tepuis, die heute existieren, ihre Gestalt anzunehmen begannen.

Gondwana brach auseinander, doch dieser Teil Südamerikas birgt noch immer viele Hinweise auf die gemeinsame Vergangenheit mit Afrika. Einige der heute ausschließlich auf Tepuis lebenden Arten sind eng mit in Westafrika vorkommenden Pflanzen und Tieren verwandt, und die Diamanten, die in Sierra Leone und Guinea gefördert werden, gleichen denen, die aus den Tepui-Felsen erodieren und vom Paikwa und anderen Flüssen stromabwärts getragen werden.

Der erste Europäer, der einen Tepui erblickte, dürfte 1595 der englische Entdecker Sir Walter Raleigh auf der Suche nach El Dorado, dem sagenumwobenen versunkenen Goldland, gewesen sein. Mir begegneten diese außerweltlichen Felsformationen erstmals bei der Lektüre von Sir Arthur Conan Doyles 1912 erschienenem Klassiker „Die vergessene Welt“. In dieser Science-Fiction-Geschichte, die ich als Junge verschlang, entdeckt ein Wissenschaftler Dinosaurier und Protomenschen, die auf einem isolierten Plateau tief im Amazonas-Urwald leben. Dieses Buch und sein Protagonist, der ungezügelte exzentrische Professor Challenger, kamen mir sofort in den Sinn, als ich Bruce im Jahr 2001 über gemeinsame Freunde der National Geographic Society kennenlernte. Er erzählte von seinen Erkundungen der Tepuis – Inseln im Himmel – und beschrieb sie als einzigartige Forschungsstätten für die Evolution, die seit so langer Zeit so vollkommen isoliert sind, dass einige Froschlurcharten ausschließlich auf dem Gipfel eines einzigen Tepui vorkommen und nirgendwo anders auf der Erde.

OPFER DES KLIMAWANDELS

Die Erderwärmung sowie abnehmende Niederschläge bedrohen endemische Froschlurcharten, die auf den Tepuis und im tiefer gelegenen Regenwald leben. Oft sind sie an genau diese Klimazonen angepasst.

ABBILDUNG DER FROSCHLURCHE IN ORIGINALGRÖSSE.

Oreophrynella quelchii nutzt ihre opponierbaren Hinterzehen zum Klettern. Sie flieht vor Fressfeinden, indem sie sich zu einer Kugel zusammenrollt und wegkullert.

Die auf Hochwiesen anzutreffenden Kaulquappen von Anomaloglossus roraima entwickeln sich in Wasser, das sich in den Blättern röhrenförmiger Bromelien sammelt.

Oreophrynella weiassipuensis schlüpft voll ausgebildet aus ihrem weichschaligen Ei. Sie verbringt ihre Tage im feuchten Moos und die Nächte auf Blättern ruhend.

Otophryne robusta ahmt die Laubstreu des Waldbodens nach, um mit seiner Umgebung zu verschmelzen. Die Kaulquappen dieser Art graben sich in sandige Bachböden ein.

„TEPUIS SIND WIE DIE GALÁPAGOS-INSELN, NUR ÄLTER UND SCHWERER ZU ERFORSCHEN.“

„Tepuis sind wie die Galápagos-Inseln“, sagte er mir einmal, „nur sehr viel älter und sehr viel schwieriger zu erforschen.“

Er war auf der Suche nach jemandem gewesen, der ihm helfen konnte, das schwer zugängliche Terrain auf den Tepuis und in ihrer Umgebung zu erreichen. Mit meinem Hintergrund als Profi-Bergsteiger war ich dazu in der Lage. So verbrachten wir in den Jahren 2003 und 2006 Wochen damit, im Urwald am Fuße des Roraima-Tepui neue Froschlurcharten aufzuspüren. Auf dem Hubschrauber-Rückflug von unserer zweiten Tour passierten wir einen kleinen Tepui, der nicht auf unserer Karte verzeichnet war. Auf seinem Gipfelplateau befand sich eine 180 Meter tiefe Doline mit dichtem Baumbestand am Grund. Bruce packte mich am Hemd und schrie mir über den Lärm der Rotoren hinweg zu: „Mark, ich muss in dieses Loch!“

Sechs Jahre später, 2012, setzte ein Hubschrauber Bruce und mich auf diesem Tepui, dem Mount Weiassipu, ab, und ich half ihm beim Abseilen in die Sinkhöhle. Nachdem wir fünf Tage lang am Talgrund kampiert hatten und Nacht für Nacht durch „eine vergessene Welt innerhalb einer vergessenen Welt“ gekrochen waren, entdeckte Bruce einen winzigen Froschlurch, den er als „fehlendes Glied“ in der Evolutionsbiologie der Tepuis bezeichnete. Ein einziges Exemplar dieser Art namens Oreophrynella weiassipuensis war im Jahr 2000 von einem Team von Höhlenforschern aufgesammelt, aber nicht richtig konserviert worden. Folglich war nur sehr wenig über das Tier und seine Verwandtschaft zu anderen Arten der Gattung, die man im Englischen als pebble toads („Kieselkröten“) bezeichnet, bekannt.

Der „Oreo“, wie Bruce ihn taufte, war schokoladenbraun, etwa so klein wie sein Daumennagel und hatte vierzehige Füße, die mich an die Cartoonhände von Mickey Mouse erinnerten – eine evolutionäre Anpassung, die diese Froschlurche zu extrem guten Kletterern macht. Es war die siebte bekannte Art der Gattung Oreophrynella.

Jede dieser Arten lebt getrennt von den anderen: Sechs sind nur auf ihrem jeweils eigenen Tepui zu finden, eine in den Nebelwäldern des Paikwa River Basin. Jede Art hat einen anderen evolutionären Weg eingeschlagen, aber mindestens zwei teilen eine bemerkenswerte Anpassung, die es ihnen ermöglicht, Fressfeinden zu entkommen: Werden diese Froschlurche von einer Vogelspinne oder einem Skorpion angegriffen, rollen sie sich ganz fest zu kieselsteingroßen Kugeln zusammen und kullern bzw. hüpfen Äste, Lianen, Blätter oder Felsoberflächen hinunter, bis sie außer Gefahr sind.

Oben auf dem Mount Weiassipu gab es noch einen weiteren Froschlurch, den Bruce fotografiert und eingesammelt hatte, den er aber noch genauer untersuchen wollte. Dieser Froschlurch besaß klassische Laubfrosch-Hinterfüße, die zum Klettern ausgelegt waren. Aufgrund seiner Größe, der braunen Färbung und des weiß gesprenkelten Bauches war Bruce relativ sicher, dass es sich um eine neue Art der Gattung Stefania handelte.

Seit Jahren hatten er und sein Mitarbeiter, der belgische Biologe Philippe Kok, an dem Stammbaum von Stefania gearbeitet. Durch Analyse der DNA anderer Stefania-Froschlurche gelangten sie zu dem Schluss, dass es noch weitere Arten geben musste. Wenn es Bruce gelänge, dieses schwer greifbaren Froschlurchs auf dem Mount Weiassipu habhaft zu werden und mittels DNA-Analyse zu beweisen, dass dessen Vorfahren sich im Laufe von Jahrmillionen an dieses vom Rest der Welt abgeschnittene Ökosystem angepasst hatten, wäre er einem umfassenderen Verständnis der Entwicklung des Lebens auf den Tepuis einen großen Schritt näher.

Um diese Stefania-Art zu finden und den Artenreichtum anderer Amphibien sowie Reptilien im Paikwa River Basin zu untersuchen, hatte Bruce nun vorgeschlagen, eine letzte Expedition ins Bergland von Guayana zu unternehmen. Wir würden mit Buschflugzeug und Einbaum reisen und dann 64 Kilometer weit durch den unwegsamen Urwald zum Mount Weiassipu wandern. Diesen sollten wir über die steile Nordwand zu besteigen versuchen. „Das ist wahrscheinlich das Letzte, was ich noch stemmen kann“, sagte Bruce. „Aber ich werde es schaffen. Und wenn ich kriechen muss.“

MEINE AUFGABE bestand darin, einen Weg zu finden, Bruce bei der Suche nach neuen Arten in dem einzigen Tepui-Habitat zu unterstützen, das bisher noch kein Wissenschaftler untersucht hatte: den Felswänden. Doch einen Mann, der während dieser Expedition seinen 80. Geburtstag feiern würde, wohlbehalten eine hohe Steilwand hinaufzubefördern, war eine Aufgabe, die meine Fähigkeiten bei Weitem überstieg. Also rekrutierte ich zwei Mitstreiter: den Extremkletterer Alex Honnold, 35, dessen Free-Solo-Begehung (allein und ohne technische Hilfsmittel und Sicherung) des El Capitan im Yosemite-Nationalpark in dem oscarprämierten Film „Free Solo“ dokumentiert worden ist, und Federico „Fuco“ Pisani, 46. Der Venezolano-Italiener gilt als einer der erfahrensten Tepui-Bergsteiger der Welt.

Bruce bot seine gesamten Kräfte auf und kämpfte sich unbeirrt durch den Dschungel. Tagelang stapften wir über eine sumpfige Überschwemmungsebene durch knöcheltiefen Schlamm, der uns fast die Stiefel von den Füßen zog. Es regnete unaufhörlich, und selbst wenn die Sonne kurz durch die tief hängenden Wolken blitzte, durchdrang sie doch nie das dichte Blätterdach über unseren Köpfen. Hier im dampfigen Unterholz regierten Moskitos und Kriebelmücken, und unsere durchgeschwitzte, schlammverschmierte und von Dornen zerrissene Kleidung klebte uns juckend am Leib. Tag um Tag überquerten wir teebraune Flüsse und Bäche. Das träge dahinfließende Nass, das uns auch als Trinkwasser diente, war von verrottender Vegetation verfärbt – etwas, das keine noch so gute Aufbereitung beseitigen konnte.

Selbst Alex fand die Bedingungen schwierig. Für Bruce aber wurde der Marsch zu einer Tortur. Er stürzte oft und schwer. Da ihm der Gleichgewichtssinn und das Vertrauen fehlten, die vielen schwankenden Brücken zu überqueren, rutschte er lieber die steilen Böschungen hinunter und watete oder schwamm durch das Wasser. Einmal überschlug er sich an einem steilen Flussufer und landete mit dem Gesicht im Morast. Nachdem wir uns versichert hatten, dass er unverletzt war, löste jemand die Spannung mit einem Witz über den Urwald, der der „Misshandlung älterer Menschen“ schuldig zu sprechen sei.

Alle lachten – auch Bruce. Aber als er sich in den nächsten Tagen immer mehr quälte und der Weg immer gefährlicher und unberechenbarer wurde, verließ uns der Humor. Bruces Sicherheit wurde zur ständigen Sorge für unser Team.

Nach einer Woche schlugen wir schließlich eine Art Basislager auf, ein Stück unterhalb eines donnernden 60 Meter hohen Wasserfalls, den Bruce Double Drop Falls nannte. Er glich einer gigantischen Wasserrutsche mit zwei Stufen und stürzte mit solcher Gewalt in ein Bassin, dass er die Luft mit einem feinen Sprühnebel erfüllte, der auch über unserem Lager hing.

Das Team versammelte sich unter einer Plane. Wir hockten auf einer Bank um einen Behelfstisch aus umgestürzten Baumstämmen und hielten Kriegsrat. Bruce breitete eine Karte auf dem Tisch aus und zog mit faltigem Finger die Route nach, die immer noch zwischen uns und dem Mount Weiassipu lag. Südlich befand sich ein Tal, das nach Aussage unserer Guides, Angehörigen des kleinen Volks der Akawaio, das am Roraima-Tepui lebt, noch unerforscht war. Über dem tosenden Wasserfall erhob sich der mächtige Tepui, der hinter den wabernden Wolken nicht zu sehen war.

Alex, der mir am Tisch gegenübersaß, vibrierte förmlich vor Ungeduld, den Berg zu erklettern und damit der, wie er es nannte, „Schlammwelt“ zu entkommen. Fuco, bebrillt und mit dickem, lockigem Haar, saß still neben mir. Er hatte in den letzten 27 Jahren mehr als 20 Expeditionen zu den Tepuis geleitet, war aber noch nie an einer wissenschaftlichen Expedition beteiligt gewesen. Allerdings hatte er schon immer Wissenschaftler werden wollen und auch vorgehabt, in Biologie zu promovieren. Und mir fiel auf, dass Bruce sich oft an Fuco wandte, wenn er versuchte, die Flora und Fauna unserer Umgebung zu bestimmen.

Hinter Alex standen Edward Jameson und Troy Henry, die beiden Leiter des 70-köpfigen Akawaio-Teams, das unsere Expedition als Guides und Träger unterstützte. Edward, 55 Jahre alt, klein, muskulös und immer ein Lächeln auf den Lippen, hatte Bruce und mich schon früher begleitet. Er war in diesem Urwald aufgewachsen und würde hier draußen wohl mit wenig mehr als seiner getreuen Machete überleben können. An einer Schnur um den Hals trug er eine Feile, mit der er das Buschmesser rasiermesserscharf hielt.

Edward erzählte mir, dass er seit unserer letzten Expedition immer wieder als Goldsucher gearbeitet hatte, als Pork-Knocker – ein guyanischer Begriff, der darauf Bezug nimmt, dass sich die Goldgräber im Regenwald vorwiegend von gepökeltem Nabelschweinfleisch ernähren.

Seit ich Edward 2006 das letzte Mal gesehen hatte, war Guyana von einem Goldrausch erfasst worden. Im Landesinneren waren mehrere tausend Kleinbergbauminen entstanden. Wie die meisten Akawaio hatte Edward einen Großteil seines Lebens mit Ackerbau und Jagd verbracht. Doch der Verlockung, bares Geld zu verdienen und tief im Dschungel womöglich sogar einen Schatz zu finden, konnte er einfach nicht widerstehen. Er beschrieb, wie die Goldschürfer bis zu einer Lehmschicht graben, den Lehm dann mit einem Hochdruckwasserstrahl zu einem Schlamm auflösen, der an die Oberfläche gepumpt und schließlich mit Quecksilber vermischt wird, das das Gold als Amalgam bindet. Das chemische Verfahren beunruhigte Bruce immens. „Ein Teelöffel Quecksilber kann ein ganzes Flusssystem verseuchen“, erklärte er.

Ein Akawaio namens Denver Henry zeigte mir eine Karte, die die genaue Lage Dutzender Mining-Claims enthielt, die rund um den Paikwa River über den Regenwald verstreut liegen. Bislang hatten das unzugängliche Gelände und der Widerstand der Akawaio gegen den Bau einer Landebahn die Pork-Knocker noch aufgehalten. Edward erzählte mir jedoch, dass während der letzten Regenzeit, als das Tiefland überschwemmt war, Goldsucher mit Booten gekommen waren, um Claims zu erkunden. Jedes Jahr rücken die Minen näher an das Paikwa River Basin heran.

Wir waren uns einig, dass Bruce Zeit brauchte, um sich zu erholen. Also beschlossen wir, uns aufzuteilen. Das Kletterteam würde vorausgehen, um einen Pfad zur Basis der Weiassipu-Nordwand freizuschlagen, die etwa acht Kilometer entfernt lag, während Bruce zusammen mit einem Team von Akawaio an den Double Drop Falls Proben sammelte.

ALS BRUCE am nächsten Morgen nur mit einer schlammigen Unterhose bekleidet aus seiner Hängematte stieg, wurde er von einer Gruppe Akawaio mit großen Ziploc-Beuteln empfangen. Zu Beginn der Expedition hatte er verkündet, dass er, um einen möglichst guten Überblick über die Artenvielfalt zu gewinnen, für jedes Exemplar Geld zahlen würde, mit einem Bonus für jede gefundene Stefania.

Bruce schlug sein Tagebuch auf und begann, Notizen zu machen. Edward war der Erste in der Reihe. In seinem Beutel befanden sich vier Froschlurche. Salio Chiwakeng kam als Nächster, mit fünf Echsen und sechs Froschlurchen. Markenson James brachte stolz einen großen schwarzen Skorpion, Tityus obscurus, und sein Freund präsentierte eine Spinne, die einem Horrorfilm hätte entsprungen sein können.

Bruce zog die Riesenspinne mit der bloßen Hand aus der Tüte und klemmte ihren behaarten Körper zwischen seine Finger, so wie man einen Krebs halten würde. „Theraphosa blondi“, sagte er, „auch bekannt als Goliath-Vogelspinne.“ Das Geschöpf aus der Familie der größten Spinnen der Welt (ja, diese Vogelspinne frisst auch Vögel!) brachte ein knappes halbes Pfund auf die Waage und hatte einen Durchmesser von 15 Zentimetern. Sie starrte uns aus Knopfaugen an und entblößte gebogene schwarze Beißklauen, die an Vampirzähne erinnerten. Nachdem er das Wichtigste notiert hatte, setzte sich Bruce das Tier aufs schütter behaarte Haupt und ließ es umherspazieren.

In der Zwischenzeit packten Alex, Fuco und ich Lebensmittel und Ausrüstung für den Aufstieg zusammen, darunter 300 Meter Seil und drei Hängefeldbetten, sogenannte Portaledges. Zwei Akawaio-Guides, Harris Aaron und Franklin George, führten uns einen schmalen Grat hinauf und über eine Anhöhe in dichten Urwald. Mit ihren Macheten schlugen sie einen Weg durch ein dichtes Geflecht aus riesigen Farnen und zwischen Primärwaldbäumen hindurch, die sich in der dünnen, sandigen Erdschicht mit kolossalen Stützwurzeln verankerten.

Stachelige Bromelien in allen erdenklichen Größen und Farben bedeckten den Boden und wuchsen aus Moospolstern an den Stämmen. Orchideen mit zartweißen Blüten sprossen aus verrotteten Baumstümpfen. Weißglöckner, regenbogenfarbene Aras und winzige schillernde Kolibris flitzten durch das Laubwerk und füllten die Luft mit ihrem Gezwitscher und Pfeifen. Für kurze Augenblicke rissen die Wolken auf und ließen durch freie Stellen im Kronendach Sonnenstrahlen den dampfenden Waldboden erhellen, wo leuchtend blaue Morphofalter durch Lichtkegel gaukelten.

Am zweiten Tag des anstrengenden Marsches zum Fuß des Mount Weiassipu erhaschten wir durch gelegentliche Lücken im Urwald erste Blicke auf die hoch aufragende Nordwand. Bald gelangten wir in ein Labyrinth aus großen glitschigen Steinblöcken, die von einer schwammig-weichen Schicht aus hellgrünem Moos überzogen waren. Nach und nach ging der feste Boden in eine Art Geflecht aus Totholz über, das gelegentlich wie eine Falltür unter unseren Füßen einbrach.

Am späteren Nachmittag hörte ich hinter mir ein lautes „Uff “. Ich drehte mich um und sah Alex in seinen Achseln hängen. Er war mit einem Bein durch das morsche Totholzgeflecht gebrochen und in eine scharfkantige Spalte zwischen zwei Felsen geraten.

Nachdem er sich befreit hatte, krempelte er das Hosenbein hoch. Sein Schienbein war mit einer breiigen Mischung aus Blut und Schmutz bedeckt. Fuco warf mir einen beredten Blick zu. Er sagte nichts, aber ich wusste, was er dachte: Wie in aller Welt sollen wir Bruce durch dieses unwegsame Terrain bringen?

Als wir schließlich kurz vor Sonnenuntergang am Fuße des Mount Weiassipu aus dem Urwald traten, fühlte es sich an wie eine Befreiung. Die Wolken hatten sich endlich verzogen, und die Felswand leuchtete in der Abenddämmerung. Fasziniert blickten wir über das Tal auf die 14 Kilometer lange Ostwand des Roraima-Tepui, wo sich ein Dutzend Wasserfälle, jeder einzelne so hoch wie das Empire State Building, aus dem Berg ergossen wie fließende Bänder aus goldfarbener Seide.

Franklin lenkte unsere Aufmerksamkeit auf die spektakulärste Kaskade, die aus einem Loch in der Felswand etwa 60 Meter unterhalb der Bergkante hervorschoss. Dies sei der Diamond Waterfall, der Diamant-Wasserfall, an dessen Fuß einer Legende zufolge ein Bassin voller faustgroßer Diamanten funkelt.

FRÜH AM NÄCHSTEN Morgen machten wir uns an den Aufstieg zum Mount Weiassipu. Unser Plan war, die Wand über die Route zu besteigen, die uns am geeignetsten erschien, und dabei im Fels verankerte Sicherungsseile anzubringen. Wenn die gesamte Wand gesichert war, würden wir Bruce in einem der Portaledges hinter uns hochziehen. Von dieser Hängeplattform aus könnte Bruce an den senkrechten Wänden dann bequem nach neuen Arten Ausschau halten.

Wir kamen nur mühsam voran, und am Spätnachmittag kauerten Fuco und ich auf einem schmalen Felsvorsprung in etwa 50 Metern Höhe. Über uns baumelte ein schlammver-schmutztes Seil über einem acht Meter hohen waagrechten Überhang – im Klettererjargon als Dach bezeichnet –, wo es an Alex befestigt war, der einer Fledermaus gleich mit seinem linken Bein über einer Felsnase hing.

„Was meint ihr?“, rief er herunter. „Soll ich es versuchen?“ Das letzte Stück des Daches folgte einem Felsvorsprung, der wie ein Sprungbrett aus der Wand ragte. Es gab keine Möglichkeit, mit Sicherheit zu sagen, wie stabil er war. Stunden zuvor hatte ich hier einen ersten Versuch unternommen und war bis zu der Stelle gekommen, an der Alex jetzt war, bevor ich gekniffen und die Führung an Mister Free-Solo übergeben hatte. „Das machen wir besser morgen“, rief Fuco. „In ein paar Minuten wird es dunkel.“

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, griff Alex jedoch mit der rechten Hand nach dem Rand des Vorsprungs, stieß sich mit den Füßen ab und schwang sich hinaus in die Leere. Dann tastete er sich Handbreit um Handbreit vor, in dem festen Vertrauen darauf, dass das Gestein nicht brechen würde. Nach etwa fünf Metern ließ er eine Hand los, um sich die Finger einzukreiden.

Als ich ihn so 60 Meter über dem Urwald lässig an einem Arm baumeln sah, fiel mir die verblüffende Ähnlichkeit mit einem Frosch auf, den ich ein paar Tage zuvor an Bruces Finger hatte kleben sehen. Sekunden später griff Alex nach einer weiteren Spalte über seinem Kopf, und das Letzte, was ich sah, bevor sich die Dunkelheit über den Berg senkte, waren seine Beine, die über den Rand glitten.

EINER LEGENDE ZUFOLGE FUNKELN UNZÄHLIGE FAUSTGROSSE DIAMANTEN IM BASSIN AM FUSSE DES DIAMANT-WASSERFALLS.

An diesem Abend diskutierten Alex, Fuco und ich in unserem provisorischen Hängemattenlager am Fuße der Wand die Durchführbarkeit unseres Plans. Beim Festlegen der Route war mir klar geworden, dass es viel gefährlicher sein würde, Bruce wie ein Gepäckstück die Felswand hinaufzuziehen, als wir alle gedacht hatten. Am meisten Sorge machte mir, dass Bruce wegen einer Herzerkrankung Blutverdünner nahm – was er uns wohlweislich lange Zeit verschwiegen hatte. Was, wenn er sich irgendwie verletzte und wir die Blutung nicht würden stillen können?

In diesem Moment blitzte in einer Lücke im Dschungel weiter unten ein Licht auf: ein Signal aus dem Basislager. Ich schaltete das Funkgerät ein und hörte Bruces Stimme. Niedergeschlagen klingend, teilte er uns mit, dass Brian Irwin, unser Expeditionsarzt, ihn soeben überredet hatte, unseren wahnwitzigen Plan aufzugeben.

„Ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr mich das betrübt“, sagte Bruce. „Aber insbesondere Fuco kennt die Herpetofauna sehr gut. Ich schicke euch das Bild, das ich von der Stefania gezeichnet habe, von der ich ziemlich sicher bin, dass sie für die Wissenschaft dort oben neu ist.“

„Okay, Bruce“, antwortete Fuco. „Ich werde mein Bestes geben, die heiß begehrte Stefania zu finden.“

Am nächsten Morgen lag das gesamte Tal unterhalb des Weiassipu in denselben grauen Nebel gehüllt, der uns seit Tagen begleitet hatte. Mir war nun klar, warum Bruce das Gebiet hier als Nebelwald bezeichnete. Diese Landschaft schien ihr eigenes Wetter zu erzeugen, und wir konnten immer nur kurz weiter als 30 Meter sehen. Es regnete stundenlang, aber zum Glück ragte die Felswand gerade so weit vor, dass wir es meist vermeiden konnten, nass zu werden.

Alex ging voraus, Fuco und ich folgten ihm, suchten in Felsspalten nach Froschlurchen und gruben in jedem Fleckchen Erdreich, das wir fanden. Am Ende jeder Seillänge zogen wir mit Flaschenzügen die schweren Säcke hoch, die alles enthielten, was wir brauchten, um ein paar Tage in der Wand zu überleben. Es war ein anstrengender Tag, und die einzigen Lebewesen, die wir fanden, waren ein Hundertfüßer mit einem orangefarbenen Streifen auf dem Rücken und eine große, möglicherweise räuberische Grille. Erst lange nach Sonnenuntergang krochen wir in unsere Portaledges, die neben einem schmalen Felsvorsprung 200 Meter über dem Dschungel an der Wand verankert waren. Wir schliefen ein mit dem Geräusch des Regens, der gegen unsere Nylon-Zeltwände prasselte.

Am nächsten Morgen öffnete ich bei Sonnenaufgang den Reißverschluss der Zelttür. Die Wolken waren verschwunden, und die Sonne strahlte von einem tiefblauen Himmel. Unten verdeckte ein Wolkenmeer das Tal. Im Westen konnte ich Dutzende Wasserfälle sehen, die von der 460 Meter hohen Ostwand des Roraima-Tepui herabstürzten und rund um die Wasserbecken am Fuße des Tepui schimmernde Regenbögen bildeten.

Nach einer Tasse Kaffee und ein paar Energieriegeln machten wir uns auf den Weg über den Felsvorsprung, von dem wir hofften, dass er zum Gipfel führen würde. Nachdem wir uns etwa 800 Meter weit durch dichtes, von Spinnweben bedecktes Buschwerk vorgekämpft hatten, bogen wir um eine Ecke – und fanden uns oben auf dem Tepui wieder, mit freiem Blick über das Plateau.

Innerhalb weniger Meter waren wir aus einem steilen Nebelwald in ein Moorgebiet gelangt, mit Krugpflanzen, Yuccas und Sonnentau. In der Ferne erhoben sich zwei Felsnadeln über der Doline, die Bruce und ich 2012 erkundet hatten.

Erneut begann es zu regnen, und die Wolken, die über dem Tal gehangen hatten, zogen über den Gipfelrand und hüllten uns ein. Fuco und ich suchten Schutz unter einem Felsen, wo wir, meinen Poncho wie eine Plane über uns gezogen, durchnässt und fröstelnd kauerten.

Fuco funkte Bruce an. „Wo ist der beste Ort, um nach der sehnlichst begehrten Stefania zu suchen?“, wollte er wissen. Fuco tat mir in gewisser Weise leid; ich wusste, dass jetzt er die Last der Erwartungen aller trug. Bruce erklärte, er solle auf den Ästen niedriger Bäume und Sträucher nachsehen. Aber er erwähnte auch, dass Stefania sich tagsüber gerne in Moospolstern versteckt und dass er sie normalerweise bei Dunkelheit findet, wenn ihre Augen den Lichtstrahl seiner Stirnlampe reflektieren.

Fuco und ich verbrachten den Nachmittag damit, durch Nebel und Regen zu stapfen, in dickem Moos zu stochern und Äste und Blätter zu durchkämmen – immer in der Hoffnung, einen der winzigen Froschlurche oder irgendein anderes Wirbeltier zu entdecken. Doch alles, was wir fanden, waren Kaulquappen einer bekannten Art. Fuco ging abends während eines Regenschauers erneut los, fand aber nichts. Es fühlte sich an wie eine schwere Niederlage. Obwohl die Expedition auf die Erforschung einer breiten Palette von Tieren ausgelegt war, lag der Schwerpunkt doch auf der Suche nach Froschlurchen auf diesem Tepui, insbesondere nach der neuen Stefania-Art. Und die Tatsache, dass dies wahrscheinlich Bruces letzte Expedition war, machte unser Scheitern besonders schmerzhaft.

ZWEI TAGE SPÄTER gingen uns die Vorräte aus, und wir waren gezwungen, den Berg zu verlassen. Bruce war mittlerweile in ein anderes Lager umgezogen, in das einen Tagesmarsch oberhalb der Double Drop Falls gelegene Sloth Camp. Wir fanden ihn an einer Werkbank sitzend, wo er einen plump wirkenden braunen Froschlurch abzeichnete, dessen Körper auf einem Metalltablett lag. In seinem Feldlabor standen mehrere Glasgefäße mit Formaldehyd, gefüllt mit Froschlurchen, Echsen und Schlangen. Er strahlte, als er uns sah, aber seine Augen waren geschwollen und rot gerändert. Sein Safarihemd war zerrissen und schlammbespritzt. Als er sich an der Tischkante festhielt und versuchte aufzustehen, verzog er das Gesicht, und mir wurde klar, dass er Schmerzen hatte. „Es tut mir so leid, dass wir die Stefania nicht gefunden haben“, sagte Fuco und reichte Bruce ein Tütchen, in dem sich der Hundertfüßer und die Grille befanden.

„Ist schon gut“, sagte Bruce. „Die Tatsache, dass ihr dort oben keine Froschlurche gefunden habt, ist auch schon ein wissenschaftliches Ergebnis.“ Er grinste verschmitzt und führte uns zur Werkbank. Dort nahm er den braunen Froschlurch und hielt ihn uns vor die Nase. An einem Fuß war ein weißes Schildchen mit einigen Zahlen befestigt.

„Ist das etwa ... ?“, fragte ich, da ich die Skizze der Stefania wiedererkannte, die Bruce uns geschickt hatte. „Mit Sicherheit kann ich das erst nach der DNA-Analyse sagen“, erklärte Bruce, „aber ich bin mir zu 95 Prozent sicher, dass es sich um eine neue Stefania-Art handelt.“ Dann erklärte er, dass es sich von dem Exemplar unterscheide, das er vor Jahren oben auf dem Mount Weiassipu gesehen hatte – und mit deren Suche Fuco, Alex und ich uns so abgemüht hatten –, dass es sich aber nahezu eindeutig um ein weiteres fehlendes Glied in dem Stefania- Stammbaum handle, an dem er und Philippe Kok seit Jahren arbeiteten.

Bruce legte den Froschlurch wieder ab und begann, andere Exemplare hervorzuholen und uns zeigen. „Es ist schon komisch, wie es gelaufen ist“, sagte er. „Dass ich die Wand nicht hochgeklettert bin, hat sich als ein Geschenk des Himmels erwiesen. Dadurch hatte ich Zeit, diesen Nebelwald gründlich zu erforschen, den bislang kein Wissenschaftler untersucht hat.“

Insgesamt war Bruce überzeugt, sechs für die Wissenschaft neue Arten entdeckt zu haben, darunter eine ungiftige Natter und einen Brillenteju, dem ein durchsichtiges Augenlid ermöglicht, auch mit geschlossenen Augen zu sehen.

An diesem Abend sprachen wir bei labbrigen Nudeln etwas an, das schon lange im Raum stand. Bruces Zustand hatte sich so verschlechtert, dass er unmöglich mit uns zurückgehen konnte. Die einzige Möglichkeit war, einen Rettungshubschrauber zu rufen.

Am nächsten Tag landete ein Hubschrauber auf der Lichtung am Fuße der Double Drop Falls. Nach einer Umarmungsrunde machte sich Bruce auf den Weg. Als der Helikopter aufstieg, sah ich Bruce aus dem Fenster blicken. Ich wusste, er konnte Mount Weiassipu und Roraima-Tepui sehen, die aus dem Nebelwald ragten und deren Wasserfälle Regenbögen und Diamanten in die Gewässer warfen. Mein alter Freund würde diesen Ort wahrscheinlich nie wiedersehen.

Zwischen Bruces Füßen lagen Beutel mit neuen Spezies. Wenn die Tepui-Götter es gut meinten, könnte sich eines dieser Geschöpfe als so selten und einzigartig erweisen, dass die Welt endlich begreifen würde, was Bruce Means schon immer gewusst hatte: Die wahren Schätze von El Dorado sind nicht Gold und Diamanten – es sind die Pflanzen und Tiere, die diesen magischen Ort ihr Zuhause nennen.

 Aus dem Englischen von Dr. Eva Dempewolf

Autor Mark Synnott und Fotograf Renan Ozturk haben bereits zusammengearbeitet. Ihr letztes Projekt war die Suche nach der verlorenen Kamera von George Mallory und Sandy Irvine auf dem Mount Everest. Die Geschichte erschien in der Juli-Ausgabe 2020 von NATIONAL GEOGRAPHIC.