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EIN VERWINKELTES HAUS


Bücher - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 26.05.2021

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JUDITH HERMANN: Daheim der Hörverlag, ungekürzte Lesung, 281 Minuten/ 4 CDs, 21 Euro

Buch S. Fischer, 192 Seiten, 21 Euro

VERLOSUNG

BÜCHERmagazin verlost fünf Hörbücher von „Daheim“ (der Hörverlag). Teilnahmebedingungen auf S. 4. Viel Glück!

Sie haben bereits vier Erzählbände veröffentlicht. Nun ist mit „Daheim“ Ihr zweiter Roman erschienen. Wie kommt es, dass Sie sich wieder für diese Erzählform entschieden haben?

Ich glaube, der Text entscheidet seine Länge selbst. Ich fange eine Geschichte an und habe eine bestimmte Vorstellung von Dingen, Sätzen und Bildern, die ich darin unterbringen möchte. Während des Schreibens entsteht eine Art Raum. Es wird schnell deutlich, ob das ein einziger Raum bleiben kann – oder ob es doch mehrere Räume sein müssen. Ob ich nach dem „fast-in-fast-out-Prinzip“ erzählen kann, wie es das Schreiben einer Kurzgeschichte mit sich bringt, oder ob ich mehr Platz brauche. Es ...

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... ist die Geschichte selber, die sich diesen Platz sucht, ihre Figuren machen das. Als ich angefangen habe, den Roman zu schreiben, wusste ich bald, dass ich für Nike, Mimi und Arild einige Räume brauchen würde.

Das klingt, als wäre der Schreibprozess vergleichbar mit der Begehung eines Hauses.

Genau, ein bisschen empfinde ich das so. Das Schreiben einer Kurzgeschichte ist dann vielleicht wie das Betreten eines ganz kleinen Hauses, ich gehe vorne rein und kann zur Hintertür gleich wieder raus, ich sehe den Ausgang, das Exit-Schild. Ein Roman ist komplexer, er hält während des Schreibens mehr Überraschungen bereit, Wendungen, von denen ich am Anfang nichts gewusst habe. Aber wenn sie dann stattfinden, ist es so, dass es nur diese eine Wendung geben kann und keine andere. Ich denke oft: Und warum hast du das nicht von Anfang an gewusst? Ein Haus, also Räume, die ineinander übergehen, ist ein gutes Bild für den Prozess meines Schreibens an „Daheim“. Beim ersten Roman „Aller Liebe Anfang“ war der Schreibraum eher ein Bergwerk. Er hatte etwas Dunkles, etwas Klaustrophobisches. Der zweite Roman hingegen ist ein ganz schönes Haus, bisschen verwinkelt und unübersichtlich, aber eher hell. Ein Haus, in dem ich mich während des Schreibens einrichten konnte und wollte. Es war nicht so, dass ich dachte: Wie um alles in der Welt finde ich hier wieder raus? Ich habe mich in diesem Haus gerne eine ganze Weile aufgehalten.

Im Roman hat sich die Ich-Erzählerin eben erst ein altes Haus gekauft, das auf Ihre Beschreibung passen könnte. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass sie dort ankommen, „daheim“ sein will, sich vielleicht befreit hat von etwas. Und trotzdem war da auch oft ein Gefühl von Bedrohung. Die vielen Geschichten, die im Roman ineinander verschachtelt sind, erzählen immer wieder vom Ausgeliefertsein und Eingesperrtsein.

Das stimmt. Die Geschichten deuten eine Befreiung an, sie befragen ein leises Trauma. Wovon sich diese Ich-Erzählerin da befreit, bleibt offen, es bleibt der Fantasie und den Ideen der Leser überlassen. Es gibt eine gewisse Enge, die sich am Ende öffnet und auflöst. Sich aufgibt. Beim Schreiben habe ich eher das Offene, weniger das Eingesperrtsein empfunden.

Das Bild von der Kiste des Zauberers, in die die Protagonistin zu Beginn als junge Frau steigt, war für mich sehr präsent, schien in anderen Bildern wieder aufgegriffen zu werden, wie etwa der Marderfalle im Haus oder von der Nebenfigur Nike, die als Kind von ihrer Mutter in eine Kiste gesperrt wird. Hat alles mit dieser Kiste begonnen?

Die Kiste war von Anfang an da, ja. Die Idee, sich in die Kiste eines Zauberers zu legen und da scheinbar unversehrt wieder rauszukommen, hat mich beschäftigt. Sich das zu trauen. Sich das in einem Alter zu trauen, in dem man das Gefühl hat, jede Entscheidung verändert dein Leben elementar. Ein Gefühl, dessen Schärfe im Lauf der Jahre abnimmt. Ich wusste, dass ich diese Geschichte erzählen wollte, und dann gab es die Meerjungfraugeschichte, die Geschichte von Nike in der Kiste und ich wollte eine Liebesgeschichte erzählen, auch wenn diese Liebesgeschichte vielleicht etwas merkwürdig ist. All das wusste ich am Anfang. Und dann sind ganz viele Dinge hinzugekommen, von denen ich nichts wusste. Ich glaube aber, eigentlich waren auch diese Dinge bereits da. Es ging nur darum, den Zugang zu ihnen zu finden.

In den Roman eingebunden ist eine Sage von einer Nixe, die sich, nachdem sie von den Menschen gefangen, gequält und missbraucht wird, an diesen rächt. Gibt es diese Sage in dieser Form wirklich?

In Norddeutschland wird eine Sage erzählt, die Pest, Cholera und Sturmfluten mit der Rache einer Meerjungfrau in Verbindung bringt. Meine Familie väterlicherseits stammt von der Nordseeküste. Ich bin in Berlin geboren, aber ich habe einen großen Teil meiner Kindheit und Jugend bei meiner Großmutter an der friesischen Nordseeküste verbracht. Die Meerjungfrau ist das Wappen der Region, die Sage ist hier geläufig. Vermutlich ist diese Meerjungfrau eine Fremde gewesen, eine Frau, die anders war als andere. Eine Exotin. Meine Figur Nike ist für mich eine heutige Meerjungfrau. Sie ist die moderne Nixe – und so endet sie auch. Was ihr Ende mit sich bringt – Sturmflut, Unglück, Veränderung an und für sich –, das bleibt offen.

Sie haben gesagt, Ihr neuer Roman sei ein Haus und Ihr erster Roman ein Bergwerk. Haben die beiden Romane für Sie inhaltlich etwas miteinander zu tun? Ein paar Analogien kann man finden, z. B. die Familienkonstellation der Hauptfiguren, auch wenn vieles ganz anders ist.

Je mehr Distanz ich zum Buch entwickle, desto deutlicher werden manche Analogien. Wenn ich „Aller Liebe Anfang“ ein Bergwerk nenne, fällt mir beinah erschrocken der mögliche Übergang der einen in die andere Geschichte auf. Ich stelle beide Bücher nicht bewusst nebeneinander, aber natürlich gehen letztlich alle Bücher ineinander über. Während wir miteinander sprechen, denke ich, dass natürlich auch „Aller Liebe Anfang“ von einer Identitätssuche erzählt. Auch Stella, die Erzählerin in „Aller Liebe Anfang“, fragt sich, wer sie ist – und vermutlich ist das für mich als Schreibende schlicht eine zentrale Frage. Und „Aller Liebe Anfang“ ist – wie „Daheim“ – eine Befreiungsgeschichte. Aber die Erzählerin in „Daheim“ ist autonomer, beweglicher – sie ist einfach zehn Jahre älter und in vielem gelassener. Sie hat bestimmte Abschnitte im Leben hinter sich gebracht. Ich habe „Aller Liebe Anfang“ in der dritten Person erzählt, „Daheim“ in der ersten. Die namenlose Ich-Erzählerin ist stabiler, kräftiger. Sie ist mehr bei sich, während Stella etwas Fragiles hatte.

Ich hatte das Gefühl, dass die Landschaft in diesem Roman präsenter ist als im Vorgänger, das Buch davon durchdrungen ist. Sind die Beschreibungen von der Gegend inspiriert, in der Sie Teile Ihrer Kindheit verbracht haben?

Viele Menschen haben ja eine Landschaft, der sie sich verbunden fühlen, oder? Für mich ist es das nordfriesische Meer. Gerade jetzt, in diesem pandemischen Ausgeliefertsein, bin ich froh, hier sein zu dürfen. Die Nordsee hat Ebbe und Flut, eindrucksvolle Himmelserscheinungen über einem flachen und weiten Land, es gibt so viel leeren Raum. Mein Buch spielt hier, ich habe versucht, dieser Gegend gerecht zu werden. Das ist mir nicht leicht gefallen, Landschaftsbeschreibungen sind schwierig. Aber es war auch gut, das zu versuchen, es war manchmal beglückend. Ich habe einen großen Teil des Buches an der Küste geschrieben, Weite und Leere haben die Arbeit am Text begleitet. Beeinflusst. Manchmal spürt man nicht, wie sehr die Umgebung mit in den Text fließt, Licht, Temperatur, Jahreszeiten – aber im Nachhinein ist es schön zu sehen, dass sie das eben tut. Sie ist mit im Raum.

Die Hörbücher zu Ihren Romanen und Erzählbänden lesen Sie immer selber ein. Machen Sie das, weil Ihre Bücher bei Ihnen bleiben sollen? Wären Sie auch bereit, diese jemand anderem zum Vorlesen zu übergeben?

Der Hörverlag, bei dem ich alle meine Bücher machen durfte, zeichnet sich unter anderem ja dadurch aus, dass er viele Bücher von Autor:innen selbst einlesen lässt. Ich würde meine Bücher auf jeden Fall immer selber lesen wollen und ich wäre traurig, wenn ich an einen Verlag geriete, der beschließen würde, dass das eine Schauspielerin machen soll. Die Schauspielerin könnte das sicher gut, aber sie würde es eben doch ganz anders machen als ich. Ich habe eine ziemlich bestimmte Vorstellung davon, wie die Figuren ihre Sätze sagen, wie Rhythmus und Duktus der Sprache klingen sollen. Eine etwas eigenwillige Interpunktion, über die ich mit dem Lektorat manchmal streite. Ich will keine Kommata und manchmal will ich auch keine Punkte. Ich will auf jeden Fall niemals ein Fragezeichen. Ich empfinde das alles als Dogma und dass es auch ohne Punkt und Komma geht, kann ich gut vermitteln, wenn ich selber lesen darf. Ich fürchte, die Geister scheiden sich bei meiner Art des Lesens. Es gibt eine Menge Leute, die sagen, sie schliefen ein, weil ich so monoton lese, wirklich wenig Hebungen und Senkungen mache. Aber das ist eine bewusste Monotonie und es gibt auch Hörer, die damit einverstanden sind. Ich bin gelernte Journalistin, ich habe eine Mikrofonausbildung, das heißt, wenn ich das so sagen darf: Ich kann es. Es ist ein Geschenk, dass mich der Hörverlag das jetzt schon seit sechs Büchern so machen lässt. Dass sie damit einverstanden sind, dass diese Art des zurückgenommenen und manchmal auch sehr schnellen Lesens für die Bücher richtig ist.

Ich empfinde das als stimmig. Es scheint alles zusammenzupassen, beim Zuhören fand ich gut in den Text hinein. Er konnte sich entfalten.

Ich finde es auch stimmig. Es gibt Zuhörer, die nach Lesungen zu mir kommen und sagen, sie hätten die Geschichte durch diese Art des Vorlesens endlich verstanden – ein etwas zweifelhaftes Kompliment, über das ich mich trotzdem freue. Man kann den Text ja dann immer noch für sich alleine lesen. Obwohl ich weiß, dass man Stimmen erstaunlicherweise oft nicht mehr vergisst. Seitdem ich Monika Maron habe lesen hören, habe ich beim eigenen stillen Lesen immer den Klang ihrer Stimme, ihre Betonung im Kopf. Das liegt an diesem einen ganz bestimmten und persönlichen Duktus. Und es ist, glaube ich, kein Nachteil.

Lesen Sie sich auch selbst Ihre eigenen Texte laut vor? Ist das für die Arbeit an den Texten hilfreich?

Bevor ich das Buch beende, bevor ich es abschließe, lese ich es laut. Das ist der letzte Teil der Arbeit – und es ist der Schönste. Ich sitze alleine in meinem Zimmer und lese mir meine Geschichte vor, ich verändere Interpunktion und Absätze, ich schleife die Sätze ein letztes Mal ab. Es geht darum, wie es am Ende klingt und nicht mehr darum, was darin steht. Deshalb bin ich froh, dass ich das dann für den Hörverlag selber einlesen darf.

Passiert es bei der Lesung im Studio auch mal, dass Sie noch etwas am Text verändern?

Ja, manchmal. Kleinigkeiten. Winzige Verschiebungen, bei denen ich merke, dass ich diesen Punkt doch nicht will, und dann lese ich über ihn hinweg. Mir fallen Wortdoppelungen auf, ich nehme sie raus. Manchmal lesen wir das Buch früh und noch aus den Fahnen ein, und ich kann diese Änderungen in die finale Fassung mit hineinnehmen. Das Einlesen des Buches im Studio ist immer die erste Begegnung des Textes mit der Welt. Da sitzen dann ein Redakteur, ein Toningenieur und im besten Fall die Programmchefin Renate Schönbeck vom Hörverlag. Das ist sehr eigen, es hat etwas – Geschütztes. Ich sitze in diesem auch akustisch behüteten, mit schwerem Stoff ausgekleideten warmen Tonraum und alles ist ganz weich. Das ist natürlich ein Trugschluss, so wird das Buch nicht in der Welt bleiben. Man wird es angehen, es wird noch ganz andere Begegnungen haben, es wird sicher in Schwierigkeiten kommen. Aber diese allererste Begegnung ist ein Geschenk. Ich lese drei fremden Menschen mein Buch vor. Und manchmal schalten sie sich ein, mit einer Frage, einer Anmerkung, und manchmal nicht. Manchmal hören sie nur zu. Das ist wirklich ausgesprochen schön.