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Ein weitreichender Verzicht


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Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 08.06.2022
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Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 7/2022

Der Essay: Christian Haller

Die meisten von uns, die sich von Herzen einer Sache gewidmet haben, können sich eines Morgens oder Abends entsinnen, an dem sie einen hohen Hocker erklommen, um ein bislang ungelesenes Buch aus dem Regal zu holen, […] dem ersten erkennbaren Beginn unserer Herzensbindung.

An diesen Moment kann ich mich tatsächlich gut erinnern, auch wenn ich keinen Hocker besteigen musste und mir das Buch über den Tisch zugeschoben wurde: Arthur Miller, Tod eines Handlungsreisenden. Seine Lektüre stieß die Tür zur Literatur auf, ich las Theaterstücke, dann Lyrik, danach die großen Romane. Die meisten von uns, die sich „von Herzen einer Sache“ wie der Literatur gewidmet haben, werden sich etwas schamhaft auch an die Bücher erinnern, die sie nicht gelesen haben, so wie ich „den bedeutendsten englischen Roman“, aus dem das obige Zitat stammt: Middlemarch von George Eliot. Dieses Versäumnis habe ich nun vor ein paar ...

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... Wochen nachgeholt. Manchmal mag es auch gut sein, einem Werk erst im Alter zu begegnen. Ich hätte mich zu einem früheren Zeitpunkt kaum so köstlich amüsiert wie beim Lesen des unbescheidenen Entschlusses eines jungen Arztes, „gute, kleine Arbeit für Middlemarch zu leisten und große Dinge für die Welt“. Dieses Ziel wollte Doktor Lydgate durch Gedankenkraft und „geduldigen Verzicht auf kleine Begierden“ erreichen.

Als ich das Porträt dieses jungen Mannes als eines Adepten für höhere Weihen las, fühlte ich mich an meine frühen Jahre erinnert. Gesellschaftlich nützlich wie der Doktor in George Eliots Roman wollte ich zwar nicht werden. Ich hatte etwas sehr viel Komplizierteres im Sinn: Ich nahm mir vor, das zu erreichen, was ich für das schwierigste Lebensziel hielt, nämlich im Schreiben den eigenen Stil zu finden. Das Erlernen handwerklicher Fähigkeiten würde allein nicht reichen, ich müsste erst mich selbst erforschend bilden, und das bedeutete: Selbsterkenntnis gewinnen und Selbstformung betreiben, herkömmliche Denk- und Verhaltensmuster durchdringen und die eigene Unverwechselbarkeit aufspüren.

Von einem Tag auf den anderen

Es ist das Privileg der frühen Jahre, sich hohe Ziele zu setzen, gerechtfertigt durch einen Mangel an Erfahrung. Doch so viel Wirklichkeitssinn hatte ich, dass dieses Vordringen in eine – wie ich imaginierte – geistige Gebirgslandschaft seinen Preis hatte. Ich müsste auf vieles, das für gesellschaftlich erstrebenswert galt, verzichten. Auf Sicherheit zum Beispiel, auf Komfort, Stellung, Geld. Ich zog in eine möblierte Dachkammer ohne Heizung und f ließend Wasser, doch mit einer Schreibmaschine und etlichen Büchern. Diesen Verzicht empfand ich aber kaum, erhielt ich doch anstelle der mir unwichtigen Dinge eine bisher nicht gekannte Freiheit. Ich arbeitete als Hausbursche, aß in der Stadtküche zu Mittag und machte Erfahrungen, die ich als verwöhnter Spross aus gutem Haus nicht gekannt hatte.

Ein Verzicht jedoch war weitreichend: Eine Familie zu gründen käme nicht infrage. Das wollte ich ehrlicherweise auch gar nicht, doch wie verhielt es sich mit einer Freundin, einer festen Partnerin? Müsste ich auch auf sie verzichten und ein asketisches Leben führen? Wäre es nicht zu riskant, durch eine feste Bindung ganz ungewollt zu einem Kind zu kommen – und damit dann doch eine sichere Existenzgrundlage schaffen zu müssen?

Der „Verzicht auf kleine Begierden“ kann sich zu recht starken Begierden auswachsen. Und wenn ich in meinen Tagebüchern aus dieser frühen Zeit lese, so begegnet mir ein junger Mann, der fest entschlossen ist, sich aus den Fesseln seiner Herkunft und eigener Neurosen zu befreien, der aber mit seiner Geschlechtlichkeit nicht zurande kommt. Die Physiologie fordert ihr Recht ein, und der Geist will es nicht gewähren: Ein Kampf, der sich noch verstärkt, als der junge Mann meiner Tagebücher eine Frau kennenlernt, auf die sich einzulassen er endlich den Mut findet, damit jedoch nur ein neues, verwandeltes Ringen zwischen Bleiben und Weggehen auslöst – fünf lange Jahre lang.

Wie aber steht es um sein hehres Ziel, für das er all die Krämpfe und Kämpfe auf sich nimmt: den eigenen Stil finden? Lese ich die Texte, die in jener Zeit entstanden sind, so blicken mich überall aus den Zeilen die Vorbilder gütig lächelnd an. In den kurzen Stücken spürt man weniger eine Verdichtung des Stoffs als eine „Verengung“, und wo es Versuche zu umfangreicheren Erzählungen gibt, macht sich ein rigoroser Moralismus breit. Da schreibt einer, der weiß, wie die Welt sein sollte, und der es ihr krummnimmt, dass sie seinem doch vornehmen Bild nicht entsprechen will.

Den asketischen Verzicht hatte ich so weit getrieben, dass ich mich nun beengter fühlte als durch mein Herkommen aus bürgerlicher Wohlanständigkeit. Und wollte ich diese Zwangsjacke nicht unbedingt loswerden?

So wie ich mich an den Zeitpunkt und das Buch erinnere, das mir den Zugang zur Literatur eröffnet hat, so erinnere ich mich an den Moment, da ich mich entschied, den Verzicht aufzugeben. Vollständig, radikal und aktiv: Ich wollte und würde all dies tun, was ich bisher vermieden hatte. Ich würde auf gar nichts mehr verzichten, sondern geradezu Situationen aufsuchen, die ich als meinem „geistigen Alpinismus“ unangemessen empfand und meistens nur einfach fürchtete. Alles, was dir Angst macht, sagte ich mir, tust du jetzt: Geld verdienen, eine Stellung erkämpfen, dich mit Intrigen herumschlagen. Ich würde ein Kind zeugen (was meine Partnerin allerdings nicht wollte) und ein paar Affären leben (von denen meine Partnerin fand, sie seien längst fällig), und ich erinnere mich an den inneren Triumph, als ich das mir Verächtlichste tat, das ich mir damals vorstellen konnte: Auf dem Betriebsausf lug mit den Kolleginnen und Kollegen zu kegeln und dabei auch noch Spaß zu haben.

Ich lernte eine andere, neue Freiheit kennen, nämlich Dinge zuzulassen, die zu einem kommen wollen. Sie zu leben und sich dabei zu freuen. Da ich nun mir und der Welt durch eine feste Anstellung bewiesen hatte, dass ich haben kann, was für andere so sehr erstrebenswert ist, konnte ich Stellung, ein festes Einkommen, Sicherheit auch wieder aufgeben, ohne sie künftig unbedingt meiden zu müssen. Ich brauchte auch keine sexuelle Askese mehr, um schreiben zu können, doch Zeit für ein Romanprojekt, das ich realisieren wollte, benötigte ich dringend. Nach acht Jahren einer zuletzt sehr gut bezahlten Führungsposition zog ich in ein sehr bescheidenes Domizil, ohne mich um ein Einkommen zu kümmern.

So lerne ich eine andere, neue Freiheit kennen: Dinge zuzulassen

Auch an den Tag erinnere ich mich genau, da ein neuer und ganz andersgearteter Verzicht mein Leben zu bestimmen begann. Meine Partnerin erlitt eine Hirnblutung, wurde dadurch halbseitig gelähmt – und nichts blieb, wie es zuvor gewesen war.

Sie zu verlassen kam für mich nicht infrage, bei ihr zu bleiben bedeutete, auf einen großen Teil „Normalität“ zu verzichten. Ich wurde mir allmählich bewusst, dass ich durch die Invalidität meiner Partnerin mitinvalidisiert würde – so zumindest empfand ich es. Vieles, was selbstverständlich gewesen war, konnte nicht mehr sein. Im Gegensatz zum Verzicht auf ein festes Einkommen, auf Ansehen und Position, der mir im Tausch zur freien Zeit leichtgefallen war, traf mich dieser Verzicht hart. Er schränkte ein, verlangte Rücksichtnahme, erforderte Zeit, machte den Wirkungskreis eng. Vielleicht am schwersten zu bewältigen war das Gefühl, nicht mehr ganz „zum alltäglichen Leben zu gehören“, schon jetzt mit Gebrechlichkeit und Vergänglichkeit leben zu müssen und das unbeschwerte Dasein körperlicher Unversehrtheit bereits verloren zu haben.

Haben und Nichthaben

Es brauchte Jahre, ein neues inneres Gleichgewicht zu finden, und es brauchte noch mehr Jahre, um zu verstehen, was ich durch die Verluste gewonnen hatte. Meine Partnerin „verfügte über den seltenen Verstand, der erkennt, was sich nicht ändern lässt, und sich dem widerstandslos unterordnet“ (um nochmals aus Middlemarch zu zitieren), eine Lektion, die ich selbst erst schwer lernen musste. Durch ihre Krankheit wurde das Aktionsfeld zwar klein, aber von Intensität und existenzieller Notwendigkeit geprägt. Diesen Erfahrungen gegenüber wurden viele „Wichtigkeiten“, um derentwillen Menschen kämpfen, leiden, sich rühmen, seltsam blass. Ich wohnte (und wohne) zwar an einem Strom, auf dem die Schiffe fahren, doch durch den Verzicht auf das, was als „Lebensnorm“ gilt, glich mein Leben mehr und mehr einem unscheinbaren Bergbach, der in schroffem Gelände seinen eigenen Weg sucht.

Ich bin in den späten Vierziger- und den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts aufgewachsen, habe noch die Kargheit der Nachkriegszeit erlebt, in der selbst in der Schweiz Mangel und Ärmlichkeit herrschten. Während des Krieges hatte man auf vieles verzichtet und manches noch nicht gekannt, das heute selbstverständlich scheint. Und ich habe erlebt, wie der Wohlstand in lauwarmen Wellen über das Land lief, sich das Lebensgefühl eines Neuanfangs, eines besseren Lebens verbreitete, eines, in dem „man sich etwas leisten konnte“: eine Waschmaschine, einen Kühlschrank, ein Auto, die Musiktruhe und erste Ferien in Italien.

Die Ökonomie hatte das stete Wachstum erfunden, an das wir als eine Art Naturgesetz zu glauben begannen und das angetrieben wurde durch die Forderung „Alle sollen alles haben“. Niemand soll verzichten müssen, jeder muss teilhaben am Warenangebot. Den Selbstbedienungsläden folgten bald schon die Shoppingcenter, und es begann, was später als Konsumismus bezeichnet wurde. Wie alle Ismen bekam auch der Konsum mehr und mehr autoritäre Züge. Man konnte nicht nur konsumieren, man musste es tun. Es genügte nicht mehr, ein Auto zu haben, man musste ein größeres fahren, und mit der Karosserie wuchs auch die Kreditwirtschaft.

Jugendliche Rebellion

Ich war kurz vor der Volljährigkeit, als ich beim Mittagstisch auf die Frage nach meinen zukünftigen Plänen zu meinem Vater sagte: „Es kann doch nicht sein, dass mein Leben nur dazu da sein soll, Geld zu verdienen, um es für Waren auszugeben.“ In dieser Aussage wurzelte die Unzufriedenheit und spätere Rebellion der Jugend in den Sechzigerjahren, aber auch mein ablehnender Verzicht auf eine mir vorgezeichnete bürgerliche Lauf bahn. Ich wehrte mich gegen das väterliche Diktum: Ihr Jungen habt keine Ahnung, wie es gewesen ist und was es bedeutet, nichts zu haben.

Nein, wir wussten es nicht und wollten es nicht wissen. Und wir wussten auch nicht, was Verzicht bedeutet.

In meiner Jugend habe ich das Wort „zeihen“ selbst noch oft benutzt. Es hatte in der Schweizer Mundart die Bedeutung von „anschuldigen“ oder jemand eines Sachverhalts „bezichtigen“. Ursprünglich soll das Wort, wie ich im Internet gefunden habe, auf die indogermanische Wurzel deik (zeigen) zurückgehen. „Zeihen“ würde also ursprünglich anzeigen bedeuten, da mit dem Finger auf den Schuldigen gezeigt wird. Und zeigen sei wiederum verwandt mit dem lateinischen Verb dicere (sagen), mit dem man wörtlich auf jemanden oder etwas zeigt und damit ein „Zeichen“ setzt.

Der Verzicht und das Verzichten gehören mit zur Wortverwandtschaft, jedoch zum Familienzweig mit der Vorsilbe „ver-“. Diese hat eine enorme Bedeutung: Alles, was mit „ver-“ bezeichnet ist, wird aus dem Lebenskreis beachteter Beziehungen ausgeschlossen und in die Wüste der Nichtbeachtung geschickt. Wer also „verzeiht“, zeigt nicht mehr auf die Schuld, sondern schiebt sie aus dem Lebenskreis hinaus ins Vergessen, ins Nicht-mehr-wirksam-Sein. Wenn ich etwas „verbiete“, bleibt es aus dem Lebenskreis „verbannt“, darüber lässt sich auch nicht „verhandeln“ – was seinerseits eben kein Handeln ist, sondern nur ein Darüberreden außerhalb jeglichen Vollzugs.

Mein jugendlicher Verzicht bedeutete also, Dinge, die meine Eltern existenziell wichtig fanden, aus meinem Lebenskreis in die Nichtbeachtung hinauszubefördern. Warum aber tut er das, dachten meine Eltern und fanden den Preis, den ich dafür bezahlte – die ungeheizte Dachkammer –, unverständlich hoch. Mit ihrem Einwand zeigten sie auf ein grundsätzliches Problem des Verzichts. Er geschieht keineswegs selbstlos, man will eine Gegenleistung, und

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Und stets liegt die Frage nahe, ob der Verzicht nicht auch verzichtbar ist

Christian Haller ist Schweizer. Der studierte Zoologe war Bereichsleiter an einem privaten Forschungsinstitut. Dann wirkte er als Dramaturg am Theater, bevor er sich entschloss, Schriftsteller zu werden. Fotografin Anne Gabriel-Jürgens porträtierte ihn für uns an seinem Wohnort Laufenburg am Rhein. Das kleine Foto rechts neben dem „Lesestuhl“ zeigt Hallers verstorbene Lebensgefährtin. Es wurde an jenem Tag aufgenommen, an dem sie die Hirnblutung erlitt, die ihrer beider Leben so gründlich veränderte

zwar eine, die man im Wert höher schätzt als das, worauf man verzichtet. Bei mir bestand der höhere Wert in der Ungebundenheit, Zeit zu haben, niemandem Rechenschaft über mein Tun und Lassen ablegen zu müssen.

Dieser Handel, der jedem Verzicht zugrunde liegt, macht ihn zu einem gefährlichen und leicht zu missbrauchenden Instrument.

Ich weiß viel vom Weg, wenig vom Ziel

Es gibt keine Religion, keine Ideologie, die nicht in irgendeinem Lebensbereich einen Verzicht einfordert. Als Instrument der Machtpolitik ist er unverzichtbar und ein mächtiges Instrument kollektiver Formung, das Aussicht auf Lohn und höhere Werte verspricht. Man kommt ins Paradies, wird in einer gerechten Gesellschaft leben, erwirbt Einsichten in verschlossene Sphären. Von Machtinstitutionen werden solche Verzichte bevorzugt, die schwer einzuhalten sind, Lustund Triebverzichte. Diese führen zu gelegentlichen „Fehltritten“, die Schuldgefühle wecken, und Schuld ruft nach mehr und strafendem Verzicht: ein Kreislauf der Disziplinierung, aber auch ein Instrument, um den Zusammenhalt von Gruppen, Parteien und Gemeinschaften zu festigen. Verzichtende schließen sich zusammen und andere aus. Sie neigen dazu, selbstgerecht zu werden, dann intolerant, zuletzt fanatisch. Dann verurteilen sie alle, die nicht auch wie sie verzichten.

Künstlerinnen und Künstler werden deshalb in autoritären Regimen, seien sie religiöser oder weltlicher Art, beargwöhnt, weil sie Einzelgängerinnen und Boten des Ausgeschlossenen, Verbotenen sind. Mit ihren Werken tragen sie in den Lebenskreis zurück, was „ohnmächtig und unbeherrscht“ ist, und das bedeutet Gefahr. Denn die Einschränkungen wirken schnell zu beschränkt und eng, und stets liegt die Frage nahe, ob man auf den Verzicht nicht endlich auch verzichten könne.

In jeder autoritären Struktur wird diese Frage irgendwann gestellt, und ihre Bejahung löst den Rausch der Befreiung aus: Die politische, die sexuelle, die konsumistische Revolution fegt die rigiden Strukturen weg. Alle gehören zu allen, alle dürfen, alle sollen alles haben. Jeder und jede tut, was er als richtig empfindet, was ihr gerade passt, wozu er sich berechtigt fühlt. Das Gemeinschaftliche beginnt zu erodieren. Anstelle des Commonsense braucht es Laufmeter an Gesetzen, um noch das notwendige Maß an Regeln aufrechtzuerhalten. Dieser Mangel an „Umgangsformen“ mit der sozialen und natürlichen Umwelt, unser heutiger Zustand, weckt neue Forderungen nach gesellschaftlichem Verzicht: weniger reisen, weniger konsumieren, weniger Verbrauch, Verzicht auf Fleisch, Flug, Ferienreisen. Um die Forderungen durchzusetzen, wird erneut nach Autorität verlangt.

Ohne Verzicht ist keine Formung möglich. Es verhält sich wie bei einem Bildhauer. Er muss auf Stücke von seinem Steinblock verzichten, um die Figur im Inneren zu finden.

Verzichtet er auf zu viel Material, missrät die Figur und ist nicht mehr zu schaffen: Er muss die feine Trennf läche zwischen unverzichtbarem und verzichtbarem Stein erspüren, der die Figur bestimmt. Wo aber liegt diese Fläche genau, und wie nähert man sich ihr?

Es gibt verschiedene Arten des Verzichts, auf die wir im Laufe des Lebens stoßen, die wir wählen oder die wir in Kauf nehmen, die jedoch zwingend zum Erreichen eines Ziels erscheinen. Ich habe die Askese gewählt, um mir Zeit und Freiheit zu verschaffen, um den Preis, in der Stadtküche zu essen und in einer Dachkammer zu hausen. Für mein Ungebundensein wurde mir auch ein Opfer abverlangt, der soziale Abstieg: Ich hatte eben die Befähigung zum Lehramt erworben, doch weil ich nicht unterrichtete, wurde mir meine Berufsbezeichnung „Lehrer“ in den offiziellen Dokumenten aberkannt und durch „Hausbursche“ ersetzt. Um zu einem eigenen Stil zu finden, schien mir statt einer Selbstbestimmung der unbedingte Gehorsam meinem literarischen Mentor gegenüber notwendig. Die drei Verzichtsformen – Askese, Opfer und Gehorsam – nahm ich auf mich, um der zu werden, der ich noch nicht war, den zu sein mir jedoch mein Mentor als Ziel vorgegeben hatte: Le style c’est l’ homme même – oder einfacher: Du musst zuerst jemand werden, um etwas entsprechend zu sagen zu haben.

Das Fatale an den drei Verzichtsformen ist, dass sie das Ich stärken, während es im Prozess des Schreibens eher hinderlich ist. Es zeigt sich als ein kleiner, ehrgeiziger Tyrann, der meint zu wissen, was aufs Blatt gehört und was nicht. Er will herrschen über Form und Handlung, bestimmen, wo’s langgeht. Doch die Trennf läche zwischen verzichtbarem und unverzichtbarem Material findet das Ich nie. Es will, was es für das Wollen nicht gibt, das Werk, das erst entsteht.

Arbeitend lernte ich einen neuen Verzicht kennen: den Verzicht auf das Ich. Wie viele meiner Kolleginnen und Kollegen machte ich die Erfahrung, dass beim Entstehen eines Textes dieser selbst die Führung übernimmt. Die Figuren beginnen ein Eigenleben, bringen sich an Orte und zu Handlungen, die ihre Autorin, ihr Autor nie vorausgesehen hat. Nicht allein wir schreiben die Texte, die Texte schreiben auch sich selbst und uns. Dass wir nach getaner Arbeit wieder eitle Egoistinnen und Egoisten werden, ist eine andere Geschichte. Doch sollte mich jemand fragen, ob ich mein jugendliches Ziel erreicht und meinen eigenen Stil gefunden habe, so würde ich ihm heute als alter Mann antworten: Ich weiß viel vom Weg, wenig vom Ziel.

Beeindruckende Lebensintensität

Als meine Partnerin in der Covidpandemie starb, erhielt ich Zuschriften, in denen davon die Rede war, wie viel ich für sie „in den vielen Jahren“ getan habe. Doch niemand schrieb, was ich durch den uns beiden auferlegten Verzicht bekommen habe.

L. war halbseitig gelähmt, doch stets „ganz“ da. Dieses Gegenwärtigsein drückte sich in einer ungewohnten Direktheit aus. Sie sagte, was sie meinte oder wollte. Zurückhaltung war zu hinderlich in einem behinderten Leben. Ihre Invalidität zwang sie, in jedem Augenblick ihre Aufmerksamkeit auf das zu richten, was mit ihren eingeschränkten Fähigkeiten machbar war. Seien es die paar Schritte von ihrem Zimmer zur Küche, sei es das Putzen eines Gemüses an ihrem Arbeitstisch. Die für uns selbstverständlichen Handlungen waren für sie keine Selbstverständlichkeiten mehr. Was wir nebenher und ohne große Überlegung ausführen, verlangte von ihr Ref lexion: Wie kann ich ein zweihändiges Problem einhändig lösen? Auch bei großer Erfindungsgabe waren die Tätigkeiten nie von einer Sicherheit des Handhabens begleitet, die sie für uns haben. Aus ihrer Sicht besaß alles um sie her einen größeren und von ihr unabhängigeren „eigenen Willen“, den wir in dieser Art niemals empfinden. Eine Karotte ließ sich nicht einfach schälen. Sie entzog sich dem Küchenmesser. L. musste eine sie bezwingende Halterung erfinden, die erst ermöglichte, der Karotte das Fell abzuziehen.

Oftmals war ich diese geeignete Halterung. Sie kannte sehr genau die Knöpfe, die sie in meiner Seele drücken musste, um zu bekommen, was sie brauchte, und nötigte mich dadurch, einsichtig zu handeln. Um möglichst nahe an eine lebbare Normalität zu kommen, war sie stets darauf bedacht, den „Willen“ von Gegenständen und Menschen kleinzuhalten. Diese sollten sich ihrer durchdachten Lösung beugen. Dies verlangte von mir, mein gewohntes, alltägliches Handeln ebenfalls zu ref lektieren. Wann war ich helfende Hand und wann lediglich „die fehlende Hand“, ein tägliches Abwägen, was Hilfe war und was Instrumentalisierung.

L.s permanente Auseinandersetzung mit der Unwilligkeit von Gegenständen schuf um sie eine spürbare, auch beeindruckende Lebensintensität. Ihr tägliches Ringen um das Bewältigen konkreter Dinge machte deutlich, was in unserem Dasein wirklich von existenzieller Wichtigkeit ist, nämlich gehen zu können, wenn man gehen will, essen zu können, wenn man hungrig ist, und trinken, wenn man Durst hat.

Ohne das Exerzitium des Notwendigen, das L.s Invalidität mir auferlegt hat, wäre ich beschädigter durch ein Leben gekommen, das sich den Wörtern verschrieben hatte, die nach öffentlicher Anerkennung verlangten – ein Feld der Betriebsamkeit und wiederkehrender Verletzungen.

Eine kürzere Version dieses Essays erschien zuerst in der Zeitschrift Wespennest (Nr. 181)

DER ESSAY

In unserer Serie schrieben zuletzt:

Annette Kehnel über die Verklärung des Vergangenen: Über früher, Heft 4/2022

Felicitas Hoppe über Träume und wie sie sich der Verwertung entziehen: Die Schuhe meiner Großmutter, Heft 1/2022

Clemens J. Setz über seinen Versuch, eine private Geheimsprache zu entschlüsseln: Mit einem echten Boden, Heft 10/2021

Asal Dardan über das Verlassensein und wie es die Augen öffnet: Vom Festhalten an der Normalität: Heft 7/2021

Terézia Mora über die Kunst der Bewältigung und die Bewältigung mithilfe der Kunst: Von etwas der Staub, Heft 4/2021

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