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Ein, zwei oder drei Tenöre?


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 28.09.2019

»Otello darf nicht platzen!« am Theater Bielefeld


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Das gesamte Ensemble der Oper von Cleveland freut sich auf Startenor Tito Merelli


Foto: Bettina Stöß

Die klassische Screwball-Komödie »Lend Me a Tenor« von Ken Ludwig von 1986 gewann als Schauspiel zwei Tonys, wurde in 16 Sprachen übersetzt und in 25 Ländern aufgeführt, bevor Brad Caroll (Musik) und Peter Sham 2011 den Stoff als Musical auf die Bühne brachten. Auch das Musical wurde ein Hit und feierte am 9. März 2013 seine deutschsprachige Erstaufführung in der Übersetzung von Roman Hinze an der Musikalischen Komödie Leipzig. Nach Produktionen am Theater ...

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... für Niedersachsen in Hildesheim (2015) und Krefeld (2018) spielt die Musicalkomödie seit 1. September 2019 auch am Theater Bielefeld.

Das Opernhaus in Cleveland erwartet 1934 den italienischen Startenor Tito Merelli für eine Sondervorstellung von Verdis »Otello«. Doch der Heldentenor kommt zu spät und da er im Hotel noch einen Streit mit seiner eifersüchtigen Ehefrau ausfechten muss, verzichtet er auf die Probe und sucht mit Hilfe einiger Beruhigungspillen nach Ruhe. Theaterdirektor Henry Saunders ist sich der prekären Schieflage des Ehelebens Merellis bewusst und bittet seinen Assistenten Max Garber, zu vermitteln. Parallel dazu möchte Saunders’ Tochter Maggie, die gleichzeitig auch Max’ Freundin ist, unter allen Umständen ihr Idol Merelli treffen. Während Max sich mit Tito anfreundet und ihm zu seinem Seelenheil heimlich Schlaftabletten in den Drink mischt, trifft Maria Merelli im Schlafzimmer auf Maggie, in der sie sofort eine neue Geliebte ihres Gatten vermutet, und hinterlässt ihm daraufhin kurzerhand einen Abschiedsbrief auf dem Kopfkissen, weil sie ihn verlassen will. Bei Tito beginnt der Beruhigungspillen/Schlafmittel-Mix zu wirken und er legt sich vor der abendlichen Vorstellung noch etwas hin. Als Max ihn wecken will, liegt Tito im tiefsten Schlaf, sodass er ihn für tot hält. Zudem findet er den Abschiedsbrief, der keine Zweifel am Freitod des Tenors lässt. Was nun? Otello ist ein Schwarzer, Max’ heimliche Leidenschaft ist der Operngesang und Kostüme sind ausreichend vorhanden. Also verkleidet und schminkt sich Max als Hauptdarsteller. Saunders, der den finanziellen Verlust der ausgebuchten Vorstellung nicht verkraften könnte, will den Tod des Tenors dann am Folgetag verkünden, denn was ist schon dabei? Gerade als beide das Hotel verlassen, erwacht Tito …

Die Vorstellung wird ein voller Erfolg und kein Zuschauer vermutet Max in der Rolle von Tito. Auf der Premierenfeier schmeißt sich Maggie Max an den Hals, weil sie in ihm Tito sieht. Saunders findet im Hotelzimmer keine Leiche und da Max auch verschwunden ist, Präsident Roosevelt aber unbedingt Tito gratulieren möchte, schlüpft Saunders ebenfalls in das Otello-Kostüm. Doch bevor er das Zimmer verlassen kann, wird er von der Operndiva Diana Divane abgefangen, die in einem Schäferstündchen mit dem Tenor den Karriereschub erhofft, der ihr bisher verwehrt blieb. Vor der Oper wurde inzwischen von der Polizei ein Verrückter festgesetzt, der als Otello verkleidet behauptete, ein italienischer Startenor zu sein, aber die Vorstellung lief ja bereits. Geschickt konnte sich der echte Tito jedoch befreien und ist nun auch im Hotel angekommen. Und dann kehrt noch Maria Merelli zurück, die eingesehen hat, dass sie ohne Tito nicht leben will, und ihm vergeben möchte. Und so nimmt das Chaos mit drei Tenören, einem ergebenen Groupie, einer karrieregeilen Diva und einer emotionsgeladenen Ehefrau seinen Lauf!

Thomas Winter inszeniert das Musical als Hommage an alte Boulevard-Komödien mit allen bekannten Stilmitteln, wie im Schrank versteckten Personen und jeder Menge knallender Türen und zieht nebenbei auch noch das Genre der Oper mit allen Vorurteilen von korpulenten Tenören und zickigen Diven durch den Kakao. Und trotzdem wirkt »Otello darf nicht platzen!« an keiner Stelle aufgesetzt, konstruiert, peinlich oder gar flach – ganz im Gegenteil! Die Situationskomik weist ein perfektes Timing auf, die Dialoge sind humorvoll und wirklich witzig, die Charaktere bis ins kleinste Detail glaubwürdig und liebenswert mit allen Marotten und Fehlern gezeichnet.

1. Wo bleibt der Startenor? Theater-direktor Saunders (Dirk Audehm, r.)macht für jede Panne seinen Assistenten Max (Jonas Hein, 2.v.r. mit Ensemble) verantwortlich


2. Die Ruhe vor dem Sturm im Rosenkrieg von Maria (Roberta Valentini) und Tito Merelli (Joshua Farrier)


3. Wenn die Diva Diana Divane (Navina Heyne) mit Saunders (Dirk Audehm, r.) redet, hat Max (Jonas Hein, l.) nichts mehr zu melden


4. Tito (Joshua Farrier, r.) freundet sich mit Max (Jonas Hein, l.) an und gibt ihm eine Gesangsstunde


Fotos (4): Bettina Stöß

Und so ist es ein Spaß, Dirk Audehm (»My Fair Lady«) als verzweifelten Henry Saunders zu erleben, der nicht nur seine Oper vor dem finanziellen Ruin retten will, sondern dabei auch noch seine drei Ex-Frauen, Anna 1 (Evelina Quilichini), Anna 2 (Franziska Hösli) und Anna 3 (Michaela Thiel, die mit flottem Stepptanz überrascht), im Zaum halten muss, die als Damen der Operngilde einen strengen Blick auf den Gaststar werfen. Joshua Farrier verkörpert ebendiesen italienischen Startenor in Anlehnung an Domingo und Co. galant mit Charme und Schal und einem virtuosen Gefühl für Dramatik, die nur von seiner eifersüchtigen Ehefrau Maria übertroffen wird – eine Paraderolle für die unvergleichliche Roberta Valentini (»Das Molekül«) mit einem wunderbaren italienischen Dialekt, den man in dieser Form von der Darstellerin mit italienischen Wurzeln noch nie zu hören bekommen hat. Eins der herrlichen Details der Inszenierung sind die deutschen Übertitel für einen handfesten Ehekrach, der in italienischer Sprache mit großer Gestik ausgetragen wird. Ein Pol ewiger Ruhe und vielleicht deshalb auch etwas zu bürgerlich-bieder für seine quirlige Freundin Maggie, bezaubernd gespielt von der leichtfüßig tanzenden Jeannine Michèle Wacker (»Daddy Langbein«), ist Jonas Hein als Assistent Max. Doch wehe, wenn er losgelassen: In der Gesangsstunde im Duett mit Farrier beweist Hein, dass Oper und Musical perfekt miteinander harmonieren können, der Showstopper ›Sei du selbst‹ wird so kraftvoll vorgetragen, dass das Premierenpublikum gar nicht mehr aufhören will, zu applaudieren. Navina Heyne kämpft sich erotisch mit Klobürste zwischen den Zähnen durch ein furioses Opern-Medley, um als Operndiva Diana Divane den Heldentenor zu bezirzen. Der Bielefelder Opernchor, dem der Part als verehrend-höriger Fan-Mob eines Tito Merelli sichtlich Spiel-Freude bereitet, fühlt sich bei der flotten Choreographie von Dominik Büttner vielleicht etwas überfordert, aber selbst das wirkt im Kontext des Stückes herrlich passend.

Die darstellerische Glanzleistung aller Mitwirkenden wird fulminant aus dem Orchestergraben der üppig besetzten Bielefelder Philharmoniker unter der musikalischen Leitung von William Ward Murta unterstützt. Die Partitur von Brad Caroll ist vielseitig von »ernsten« Opernklängen über Swing bis zu großen Musical-Arrangements, die sich als Ohrwurm beim Publikum festsetzen. Bühne und Kostüme von Ulv Jakobsen spiegeln nicht nur den Charleston-Flair des Cleveland der 30er Jahre wider, sondern lassen schöne Bilder entstehen von einer Opern-Inszenierung – mal mit Blick auf die Bühne, mal mit Blick in den Zuschauerraum – und dem Hotel auf einer Drehbühne mit diversen Zimmern und der Lobby.

»Otello darf nicht platzen!« garantiert einen humorvollen Theaterabend, der hinter all dem witzigen Klamauk und dem garantierten Happy-End nach einem tobenden Chaos auch Charaktere mit Tiefgang zeigt und die Botschaft vermittelt, dass man mit genügend Selbstvertrauen über sich selbst hinauswachsen und alles erreichen kann. Beste Unterhaltung in Bielefeld!