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Eine Ärztin PACKT AUS


HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 9/2020 vom 21.02.2020

Alarmierend: So hart ist der A LLT AG einer jungen Unfallchirurgin im Krankenhaus


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Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 9/2020

FERTIG FÜR DIE OP Die Ärztin legt noch die Haube und den Mundschutz an, bevor sie ans Werk geht


Der OP-Tag beginnt um 8 Uhr morgens. Alles ist bereit für den Einbau einer Hüftprothese. „Das machen wir schnell gemeinsam“, sagt der Oberarzt. Er operiert. „Er packt, schneidet, sägt, bohrt, zerrt und reißt“, schreibt die junge Ärztin, die sich Dr. Lieschen Müller nennt. „Ich erkenne wenig Gefühl. Es ist reines Handwerk.“ Wie im Akkord. Die Uhr läuft. Schweißperlen bilden sich auf der Stirn. Der Chefarzt schaut herein. Er drängt ...

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... darauf, fertig zu werden. Er habe einen Termin bei der Geschäftsleitung. Dr. Müller: „Wir nähen noch schneller zu.“

Dr. Müller arbeitet seit 2011 als Unfallchirurgin in einer Klinik in Süddeutschland. Jetzt ist ihr Buch „Oha, können Sie denn auch operieren?“ erschienen (siehe Buchtipp). Die Icherzählerin schildert darin ihren Klinikalltag als Ärztin in der Weiterbildung, auch die Missstände. Sie will keine harte Krankenhauskritik üben, sagt Müller im Gespräch mit HÖRZU. Die 34-Jährige will ebenfalls nicht, dass man für diesen Bericht ihren richtigen Namen verwendet - aus Sorge vor Konsequenzen an ihrer Arbeitsstelle. Sie spricht bloß aus, was auch viele ihrer Kollegen denken: „Die Entwicklung des Gesundheitssystems ist beängstigend.“ Besonders beklagt sie „die schwindende Qualität und vergessene Menschlichkeit in Krankenhäusern“.

Wie sehr das Gespräch zwischen Arzt und Patient inzwischen ökonomisch getrieben sein kann, zeigt sich etwa bei der Visite: eine Stunde Zeit für 20 Patienten. „Drei Minuten pro Person, in denen ich einen Verbandswechsel machen, Fäden ziehen, untersuchen und Therapieentscheidungen treffen muss“, weiß Müller. „Drei Minuten, in denen ich Medikamente anpasse und mir die Mobilität des Patienten anschaue. Drei Minuten, in denen ich erkläre, was wir operiert haben, wie die Therapie und was sonst noch sinnvoll ist.“

24 Stunden Dienst sechs- bis achtmal im Monat

Wo man noch vor ein paar Jahren zehn Patienten pro Schicht behandelt habe, seien es heute mindestens doppelt so viele, so die Ärztin. „Emotionen, Fürsorge und der zweite Blick haben in diesem System keinen Platz mehr.“ Der ständige Zeitdruck ist ein großes Problem. Die Qualität leidet darunter. Der Patient ebenso. Und auch das Klinikpersonal. Müller quält sich immer wieder mit Dauermüdigkeit, schläft oft nur drei oder vier Stunden pro Nacht, erlebt Phasen, in denen ihr „ständig kalt“ ist.

In den ersten zwei, drei Jahren arbeitet sie mehr als 60 bis 80 Stunden, manchmal 100 Stunden pro Woche. Sechs- bis achtmal pro Monat absolviert sie den 24-Stunden-Dienst. Wie ist das überhaupt arbeitsrechtlich möglich? „Mit der sogenannten Opt-out-Regelung können die Vorgaben des Arbeitszeitgesetzes umgangen werden. Man ‚darf‘ mehr als die gesetzlich festgelegte Höchstgrenze von acht Stunden pro Werktag arbeiten“, erklärt Müller. Es sei grundsätzlich jedem freigestellt, diese Regelung zu unterschreiben. Nur: „Ohne Unterschrift wird man nicht eingestellt.“

Mehr Operationen, weniger Personal

Kliniken sind Wirtschaftsbetriebe, die Geld verdienen sollen - also das machen, was sich lohnt. Dass es folglich mehr Operationen, aber weniger Personal gibt, bestätigt Müller. „Operierten wir vor acht Jahren täglich drei Patienten in einem Saal im regulären OP-Programm, sind es heute vier oder fünf“, so die Ärztin. Sie kennt Anweisungen von oberster Stelle wie beispielsweise „die Schnittnahtzeit zu verkürzen und schneller zu operieren“. Sie sagt: „Eine Komplikation bei einer Operation wird vom System nicht geduldet.“

Hauptsache profitabel. „Im europäischen und außereuropäischen Ausland werden viele Frakturen nicht so häufig operiert wie bei uns“, weiß Müller. Und sie ist sich sicher: „Es gibt in jedem Krankenhaus an jedem Tag eine Person, die ein oder zwei Tage länger auf die operative Versorgung warten muss als notwendig, weil die lukrativen Eingriffe vorgezogen werden.“ Des Weiteren macht die Chirurgin die Erfahrung, dass Patienten immer rascher künstliche Gelenke bekommen. Der ökonomische Druck sei omnipräsent. Müller: „Schicke ich eine Patientin, die auf ihr Kniegelenk gestürzt ist, nach Hause, ohne ihr für die Arthrose im Knie eine Prothese zu empfehlen, wird mein Chefarzt ungehalten.“

Jeder Patient ist im Krankenhaus ein „Fall“, für den ein fester Preis gilt, die sogenannte Fallpauschale. Die berücksichtigt nicht die individuellen Bedürfnisse dieses Menschen - und ist auch unabhängig davon, ob er drei oder fünf Tage im Krankenhaus liegt. „Der Entlassungsmanager informiert uns morgens, welcher Patient noch im wirtschaftlichen Bereich der Grenzverweildauer liegt und wer zwingend entlassen werden muss“, so Müller.

Schwierige Patienten, größere Probleme

Das Misstrauen der Patienten wächst. Müller erlebt es immer wieder, dass ihre Aufklärungsgespräche gefilmt, Handys unter der Bettdecke versteckt werden, um ihre Visite aufzuzeichnen. „Aus mangelndem Vertrauen in meine Kompetenz fordern einige eine sofortige Diagnostik mittels Röntgen oder MRT“, sagt sie. „Manchmal führt dieses massive Misstrauen uns Ärzten gegenüber aber auch dazu, dass wichtige Behandlungen abgelehnt werden, weil Patienten sich in der ‚Geldfalle‘ glauben.“

Dass man viel Toleranz in diesem Beruf braucht, erfährt Müller in der Notaufnahme. „Die Liegen sind nachts überfüllt mit betrunkenen, gestürzten, erbrechenden Patienten“, berichtet sie. „Kopfplatzwunden, Schnittverletzungen, Brüche nach Schlägereien - die Versorgung der Patienten erfolgt in Fließbandarbeit.“ Doch die Notambulanz werde zunehmend auch Anlaufstelle für Menschen mit weniger akuten Symptomen: für Menschen mit Kopfschmerzen oder Freizeitsportler mit Muskelkater. Einige Personen wollen sich eine vierte Meinung einholen, andere fragen: „Wenn ich schon mal da bin, könnte ich auch noch ein EKG haben?“ Pflaster auf Schürfwunden, oberflächliche Schnittwunden oder aufgekratzte Insektenstiche zu kleben - „auch für diese Banalitäten, die keine sofortige Notfallbehandlung erfordern, muss ich einen Brief schreiben“, sagt die Medizinerin.

Für 20 Patienten nur eine Stunde Zeit

BUCHTIPP „Oha, können Sie denn auch operieren?“ Hanser 14 €, 208 S.


Ohnehin mache das Übermaß an Bürokratie die Lage an Kliniken zusätzlich schwierig. „Dokumentationswahnsinn“ nennt es Müller. „Im Schnitt gehen 70 bis 80 Prozent der Zeit damit drauf, Formulare auszufüllen und Arztbriefe zu schreiben“, stellt sie fest. „Jede Untersuchung, jeder Kontakt, jede Therapie muss einzeln dokumentiert werden.“

60 - 80 Wochenstunden Arbeit im Krankenhaus

Um diesen Stationsalltag hinter sich zu lassen, schlüpft Müller zwischendurch gern in den blauen oder grünen OP-Kasack. Wie an diesem Tag. Um 15 Uhr steht die letzte Operation an: eine Schenkelhalsfraktur. Und wieder wird eine künstliche Hüfte implantiert. Doch ein anderer Oberarzt operiert. „Er hat ein wunderbares Gefühl für das Messer, seine Vorgehensweise ist elegant. Schichtweise trennt er das Gewebe, ohne grob zu verletzen“, schwärmt Müller. „Den hektischen OP-Koordinator lächelt er mit gütigen Augen an und hält mir die Klemme hin: ‚So, den Rest erledigen Sie‘.“ Von ihm zu lernen sei pure Freude und erinnere sie wieder daran, warum sie diesen Job liebe. Der Grund: „Wir arbeiten zusammen, mit und für Patienten und nicht für einen Betrieb.“

DO 5.3. TV-TIPP

19.50 MDR

DIE WALDKLINIK DOKUREIHE Im Krankenhausalltag: reale Fälle, echte Menschen, wahre Gefühle


FOTO: GETTY IMAGES