Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 3 Min.

Eine Alternative zur Brille


Deutsch perfekt - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 19.02.2020

1940 stellt der Kieler Heinrich Wöhlk die erste Kontaktlinse aus Plexiglas her - nach Jahren der Experimente an sich selbst.


Artikelbild für den Artikel "Eine Alternative zur Brille" aus der Ausgabe 3/2020 von Deutsch perfekt. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Deutsch perfekt, Ausgabe 3/2020

Zwei bis drei Zentimeter dicke Brillengläser wegen neun Dioptrien Weitsichtigkeit - in den 20er-Jahren ist eine „schwere Fehlsichtigkeit“ wirklich schwer. Zu dieser Zeit gibt es nämlich noch keine leichten Brillengläser aus Kunststoff.

Der 1913 geborene Kieler Heinrich Wöhlk wächst mit so einer dicken, wenig eleganten Brille auf. Seine starke Weitsichtigkeit macht ihm schon als Kind Probleme. Ohne Brille sieht er in der Nähe fast nichts. Mit ihr kann er keinen Sport machen. Es ist ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 8,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Deutsch perfekt. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 3/2020 von Deutsch perfekt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Deutsch perfekt
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von START-UP:Endlich ruhiger arbeiten. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
START-UP:Endlich ruhiger arbeiten
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von Katze, Kuh, Chaos. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Katze, Kuh, Chaos
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von 1 000 000. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
1 000 000
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von 250. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
250
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von 60. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
60
Vorheriger Artikel
Malen und zahlen
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Ausstellungen MITTElL: Eine Erfolgsgeschichte
aus dieser Ausgabe

... ein Ärgernis - das ihn Jahre später zu einer Idee bringen wird.

Gut sehen können ohne Brille: Den Wunsch danach kann wahrscheinlich jeder verstehen, der selbst kurz- oder weitsichtig ist. Kein drückender Bügel hinter dem Ohr, kein Hin- und Herbewegen der Brille auf der Nase, kein störender Rand. Seit Ende des 13. Jahrhunderts helfen Brillen den Menschen. Aber die Idee, auch ohne Brille gut sehen zu können, gefällt ihnen schon seit damals.

Die ersten dokumentierten Ideen für die Verbesserung der Sehkraft direkt am Auge kommen von Leonardo da Vinci. 1508 schlägt er vor, den Kopf mit den Augen in eine Schüssel mit Wasser zu tauchen: Durch den optischen Effekt des Wassers wird die Funktion der Linse im Auge korrigiert. Das Universalgenie da Vinci will damit aber gar keine neue Sehhilfe testen, sondern nur die Funktionen des Auges.

Fast 130 Jahre nach da Vinci präsentiert der französische Philosoph und Naturwissenschaftler René Descartes einen mit Flüssigkeit gefüllten Zylinder, der auf das Auge gesetzt wird. Aber auch das ist keine sehr praktische Option. Ungefähr im Jahr 1900 werden dann die ersten Haftschalen hergestellt: Glasschalen, die fast über das ganze Auge gehen.

Es ist das Jahr 1936, als sich der 23-jährige Heinrich Wöhlk in der Kieler Augenklinik solche sogenannten Skleralschalen einsetzen lässt. Ihm gefällt die Idee sehr: Er kann gut sehen - und das endlich ohne Brille.

Aber diese ersten Linsen haben ein paar große Nachteile. Sie sind ungefähr so groß wie heute ein 50-Cent-Stück und gehen über das ganze Auge. Weil sie so groß und schwer sind, können sie nur kurze Zeit getragen werden - nach einer halben Stunde müssen sie aus dem Auge genommen werden. Wöhlk denkt sich: Das muss einfacher und bequemer gehen.

Zu dieser Zeit arbeitet der Kieler bei einer Firma, die spezielle Kompasse herstellt. Als Maschinenkonstrukteur hat Wöhlk gute Kenntnisse in Feinmechanik. Dieses Wissen nutzt er. Er bleibt oft über Nacht in der Fabrik - und experimentiert mit seinen eigenen Augen.

Seine Idee ist eine dünnere Kontaktlinse in einer bequemeren Form. Dafür ist er auch bereit, Schmerzen auszuhalten. Denn zu dieser Zeit gibt es noch keine genauen Methoden, die Augäpfel exakt zu messen. Wöhlk braucht aber ein möglichst genaues Modell des Auges, um die Form der Kontaktlinse daran anzupassen.

Was also tut er? Er nimmt kleine Stücke Wachs und macht sie sehr dünn. Diese flachen Teile legt er sich in sein Auge und hält eine Wärmelampe darauf. So wird das Wachs weich und bekommt die Form des Augapfels. Damit das Wachs möglichst schnell wieder fest wird, taucht er seinen Kopf danach schnell in eine Schüssel mit Eiswasser.


1940 ist Plexiglas ziemlich neu - und Wöhlk darf damit experimentieren.


Wöhlk muss sich viele Wachsteilchen ins Auge legen. Die Formen gehen nämlich schnell kaputt, wenn er sie herausnimmt. Aber seine Methode funktioniert: Er bekommt gute Abdrücke seines eigenen Auges.

Die nutzt er als Modelle für die Kontaktlinsen, die er aus Plexiglas herstellt. Der Kunststoff ist damals neu auf dem Markt. Wöhlk kennt ihn aus seiner Fabrik. Sein Chef erlaubt ihm, mit Resten des Materials zu experimentieren. 1940 gelingt es Wöhlk, die erste Skleralschale aus Plexiglas herzustellen. Sie ist dünner und bequemer als die Schalen aus Glas - aber immer noch so groß, dass sie über das komplette Auge gehen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem Wöhlk von 1942 bis 1945 in der Armee kämpft, bringt er seine Experimente gemeinsam mit dem Direktor der Kieler Augenklinik zu Ende. Und 1947/48 hat er endlich die große Idee: Er schneidet den Rand der Linse ab, sodass nur noch der optisch geschliffene Teil in der Mitte übrig bleibt. Wöhlk testet die neue Linse wie immer an sich selbst - und kann es kaum glauben: Er sieht gut und kann die Linse mehrere Stunden lang ohne Schmerzen tragen.

Der Erfinder nennt sein Produkt „Contactlinse“. Er lässt eine kleine Fabrik bauen. 1951 ist seine Kontaktlinse aus Plexiglas bereit für die Produktion in größeren Mengen. Obwohl seine Idee revolutionär ist, meldet er kein Patent an - ihm fehlt das Geld für den Anwalt.

Heinrich Wöhlk hat Pionierarbeit geleistet und ist deshalb vielen heute als Erfinder der modernen Kontaktlinse bekannt. In den Jahren nach Wöhlks Entdeckung werden die Kontaktlinsen immer kleiner. Auch das Material wird immer dünner und leichter. Millionen Menschen in aller Welt freuen sich, dank der Linsen ohne Brille scharf sehen zu können. Und die Firma Wöhlk stellt bis heute in Kiel Kontaktlinsen her - auch ganz ohne ein Patent dafür.

Barbara Kerbel