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Eine einsame Insel im All


Sterne und Weltraum - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 09.07.2021

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Bildquelle: Sterne und Weltraum, Ausgabe 8/2021

Die Wahrheit ist dort draußen

Majestätisch thront der Südhimmel über dem chilenischen Berg Cerro Paranal. Auf dem Gipfel sind Dome des Very Large Telescope (VLT) auszumachen, das aus vier Spiegeln der Acht-Meter-Klasse besteht und von der Europäischen Südsternwarte ESO betrieben wird. Es ist ein verwegener Gedanke, dass im Lichtermeer über der Atacamawüste vielleicht unzählige intelligente Lebensformen unsere Galaxis bevölkern.

IN KÜRZE

■Hochrechnungen zeigen, dass sich fortschrittliche Zivilisationen schnell über die gesamte Galaxis ausbreiten könnten.

■Aber warum haben wir keine von ihnen entdeckt? Sind wir doch allein im Universum?

■Denkbar ist auch, dass die Besiedlung in Wellen erfolgt – und wir gerade eine Flaute erleben.

Am 15. Januar 1790 kamen neun Meuterer von der HMS Bounty, 18 Menschen aus Tahiti und ein Baby auf der Insel Pitcairn an, einem der isoliertesten bewohnbaren ...

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... Orte der Erde. Umgeben von hunderten Kilometern offenem Meer ist das Eiland im Südpazifik der Inbegriff der Einsamkeit. Bis ins 15. Jahrhundert hatte eine Gruppe Polynesier auf der Insel gelebt, die dann jedoch ausgestorben ist. So betrat die Besatzung der Bounty eine menschenleere Insel – und erhielt erst 18 Jahre später Besuch von einem anderen Schiff.

Die Geschichte ist ein extremes Beispiel für die ungewöhnliche Dynamik der Besiedlung des Südpazifiks. In Polynesien, Mikronesien und Melanesien gibt es Zehntausende von Inseln, die über Millionen von Quadratkilometern verstreut sind. Bei vielen von ihnen handelt es sich bloß um schroffe Felsen oder Korallenriffe. Aber es sind auch paradiesische Eilande dabei, die immer wieder Menschen angelockt haben.

Damit weist die Südsee so manche Parallele zu unserem kosmischen Umfeld auf: In der Milchstraße gibt es hunderte Milliarden Sterne. Manchen Hochrechnungen zufolge kreisen um zehn Milliarden von ihnen Felsplaneten, auf deren Oberfläche gemäßigte Temperaturen herrschen könnten. Wie die Inseln der Erde könnten diese Exoplaneten Lebewesen einen Platz bieten. Und vielleicht haben einige von ihnen die Technologie entwickelt, die nötig ist für eine Reise zu den Sternen.

Ein Paradoxon trägt seinen Namen

Enrico Fermi (1901 – 1954) war ein berühmter, italienischer Kernphysiker. Er erhielt im Jahr 1938 den Physik-Nobelpreis für seine Beiträge zu Kernreaktionen mit Neutronen. Auch das Neutrino verdankt ihm den Namen. Berüchtigt war Fermi für seine blitzschnellen Überschlagsrechnungen, die tiefe Einsichten in unsere Welt bieten.

Ein berühmtes Mittagessen

Dieses Gedankenspiel wirft allerdings eine Frage auf, die der Physiker Enrico Fermi bereits im Jahr 1950 gestellt haben soll (siehe »Ein Paradoxon trägt seinen Namen«). Bei einem Mittagessen im Kollegenkreis, so die berühmte Anekdote, platzte es auf einmal aus ihm heraus: »Fragt ihr euch nicht manchmal, wo die alle stecken?« Gemeint hat er jene raumfahrenden Außerirdischen, die – sofern es sie gibt – doch längst auf der Erde angekommen sein müssten.

Die Frage entwickelte sich im Lauf der Zeit zu dem berühmten, wenn auch etwas unglücklich benannten Fermi-Paradoxon: Wenn technologisch versierte Spezies nicht extrem selten sind, sollten sie sich inzwischen praktisch überall in der Galaxie ausgebreitet haben. So legte es zumindest eine von Fermis blitzschnellen Überschlagsrechnungen nahe, für die der Wissenschaftler bei seinen Kolleginnen und Kollegen bekannt war.

Im Jahr 1975 erstellte der US-amerikanische Astrophysiker Michael Hart eine erste detaillierte Studie zu Fermis Idee. Er hielt zunächst »Fakt A« fest: Heute gibt es keine Außerirdischen auf der Erde, was für die meisten besonnenen Menschen wohl eine unumstößliche Tatsache sein dürfte. Sie führte Hart zu der Schlussfolgerung, dass es in unserer Galaxie derzeit keine anderen technologisch weit entwickelten Zivilisationen gibt – oder jemals gegeben hat. Die Argumentation ähnelte der von Fermi: Eine Spezies mit einigermaßen entwickelten Raumantrieben würde, wenn man in kosmischen Maßstäben denkt, nur recht wenig Zeit brauchen, um die 100 000 Lichtjahre messende Milchstraße zu besiedeln.

Der US-Physiker Frank Tipler rechnete im Jahr 1980 vor, dass entsprechend motivierte Aliens binnen einer Million Jahren wohl jeden Fleck unserer Galaxie erreichen könnten. Wenn man bedenkt, dass es unser Sonnensystem seit 4,5 Milliarden Jahren gibt und dass sich die Milchstraße vor mindestens zehn Milliarden Jahren gebildet hat, sollten die Außerirdischen also mehr als genug Zeit gehabt haben, um sich auf allen bewohnbaren Welten niederzulassen.

Sowohl Hart als auch Tipler gingen davon aus, dass die Sternreisenden geeignete Planeten kolonisieren und diese dann als Ausgangsbasis für die weitere Expan- sion nutzen würden. Im Detail trafen die beiden Forscher jedoch unterschiedliche Annahmen: Hart ging von einer biologischen Spezies aus, deren Mitglieder sich selbst ins Raumschiff setzen. Tipler hingegen spekulierte über Schwärme von sich selbst replizierenden Sonden, die sich automatisiert über die Galaxis ausbreiten.

Die Unterschiede machen sofort eine der großen Herausforderungen dieser Art von Studien deutlich: die nicht überprüfbaren Grundannahmen. Einige sind vernünftig und leicht zu rechtfertigen, andere heikel. Beispielsweise enthalten alle Szenarien Vermutungen über die Technologie, die für interstellare Raumflüge nötig ist. Auch die Frage, ob intelligente Wesen Reisen von Stern zu Stern überhaupt überleben können, ist bisher offen.

Wir Menschen wissen bisher lediglich, dass solch ein Unterfangen eine große Herausforderung darstellt. Selbst ein Raumschiff mit Besatzung, das zehn Prozent der Lichtgeschwindigkeit erreicht, übersteigt derzeit unsere technischen Möglichkeiten bei Weitem (siehe »Rasende Minisonden«). Als Antrieb kämen hier wohl nur gezielt gezündete Wasserstoffbomben in Frage. Oder kolossale Lichtsegel, die von Laserstrahlen angetrieben werden.

Alle Zivilisationen zu Fall gebracht?

Außerdem müsste man Raumgleiter vor Gasatomen und Staubkörnern schützen. Bei derart hohen Geschwindigkeiten würde jedes von ihnen wie eine Granate einschlagen. Langsamere Raumschiffe wären daher sicherer, bräuchten jedoch viele Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende für eine Reise zum nächsten Stern. Diese Zeitspanne dürfte die Lebensdauer der meisten Organismen übersteigen – und stellt daher entsprechende Anforderungen an die Lebenserhaltungssysteme.

Die umstrittensten Annahmen betreffen wohl die Motivation fremder Zivilisationen sowie deren Überlebensdauer. Wenn zum Beispiel eine außerirdische Spezies einfach nicht daran interessiert ist, andere Sterne zu besuchen, führt die ganze Idee einer galaktischen Besiedlung buchstäblich ins Leere. Diesen Einwand brachten Carl Sagan und William Newman bereits im Jahr 1983 vor. Aber wie mein Kollege Jason Wright feststellt, ist die Behauptung wohl ein Trugschluss, zumindest wenn man damit Fermis Frage beantworten will. Denn es dürfte unmöglich sein, mit Gewissheit über das Verhalten einer ganzen Spezies zu spekulieren, solange diese aus Individuen besteht.

Zumindest bei uns Menschen hat jedenfalls jeder Einzelne eine eigene Sichtweise, und entsprechend wird es immer Menschen geben, die ins Weltall aufbrechen wollen. Und selbst wenn die überwiegende Mehrheit der mutmaßlichen Raumfahrer-Aliens keine galaktische Diaspora anstrebt: Es reicht schon aus, wenn eine einzige weit entwickelte Kultur aus diesem Rahmen fällt, um potenziell Lebensspuren über etliche Sternsysteme zu verteilen.

Da verwundert es wenig, dass in der Geschichte von Fermis Paradoxon viel über die zu Grunde liegenden Annahmen gestritten wurde und es eine Vielzahl angeblicher Lösungen gibt. So könnte man zum Beispiel für die schnelle Durchquerung des interstellaren Raums derart viele Ressourcen brauchen, dass dies selbst sehr weit entwickelte Aliens vor ein unüberwindbares Hindernis stellt. Das würde zweifellos Harts »Fakt A« erklären.

Oder aber das Bevölkerungswachstum ist keine so starke Motivation, den Heimatplaneten zu verlassen, wie Forschende annehmen. Im Gegenteil: Fremde Zivilisationen könnten eine komplett nachhaltige Existenz anstreben, die es unnötig macht, in die Ferne zu reisen.

Eine weitere mögliche Erklärung für unsere kosmische Einsamkeit ist das Konzept des »großen Filters«: Vielleicht gibt es etwas, was jede Art früher oder später in ihre Schranken weist. Etwa ein unvermeidliches Scheitern der Vision einer komplett nachhaltigen Lebensweise, das unweigerlich zu großen Verwerfungen und gewaltsamen Konflikten führen könnte. Vielleicht sind es auch extreme Naturkatastrophen, die expansive Imperien regelmäßig zu Fall bringen, etwa Supernova-Explosionen oder Ausbrüche des Schwarzen Lochs im Zentrum des Milchstraßensystems (siehe »Röntgenbild vom Zentrum der Milchstraße«).

Rasende Minisonden

Das Projekt Breakthrough Starshot hat zum Ziel, winzige, nur wenige Gramm leichte, robotische Sonden zum Nachbarsternsystem von Proxima Centauri zu schießen. Mittels Laserstrahlimpuls und Lichtsegeln sollen derartige Miniraumschiffe auf ungefähr 20 Prozent der Lichtgeschwindigkeit beschleunigt werden. Ohne Abbremsen wären die Sonden demnach schon nach 20 Jahren beim vier Lichtjahre entfernten Proxima.

Sagittarius A*

2 Bogensekunden

Röntgenbild vom Zentrum der Milchstraße

Dieses Falschfarbenbild des NASA-Teleskops Chandra zeigt – von weiß über blau nach schwarz in der Intensität abnehmend – die energiereiche Röntgenstrahlung in der Nähe des massereichsten Schwarzen Lochs unserer Galaxis, Sagittarius A*. Dort lebende Alien-Zivilisationen würden von den Strahlen ausgelöscht werden. Ebenso tödlich wären nahe Supernova-Explosionen.

Die Insel der Meuterer

Die Pitcairninseln im Südpazifik – mehr als 5000 Kilometer vor dem peruanischen Festland – sind nicht ganz unbekannt. Im Jahr 1789 meuterten Seeleute auf dem Schiff »HMS Bounty«. Sie vertrieben den Kommandanten William Bligh und einige seiner loyalen Crewmitglieder, übernahmen das Schiff und gelangten zur Südseeinsel Pitcairn, wo noch heute Nachfahren von ihnen leben. Geografisch betrachtet liegt das Eiland in einer sehr verlassenen Ödnis: Die nächsten Nachbarinseln sind einige hundert Kilometer entfernt. Sind Zivilisationen in unserer Galaxis auch weit verstreut?

Für großes Unbehagen sorgt auch die so genannte Zoo-Hypothese. Demnach isolieren fremde Mächte uns absichtlich und beobachten die Menschheit wie Versuchstiere. In eine ähnliche Richtung geht das, was ich das Paranoia-Szenario nenne: Es gibt andere Zivilisationen im Weltall, sie verstecken sich allerdings voreinander und verweigern die Kommunikation aus Angst vor einer Art kosmischer Fremdenfeindlichkeit.

Womöglich lässt sich das Fermi- Paradoxon viel leichter auflösen. Hier kommen die Inseln des Südpazifiks ins Spiel. Sie zeigen uns, dass Lebensräume mitunter nur spärlich und in großen zeitlichen Abständen bewohnt werden. Wie im Weltall entscheiden verschiedene Faktoren über die Besiedlung – etwa die Zahl guter Plätze oder die Zeit, die eine Bevölkerung braucht, um zu neuen Ufern aufzubrechen.

Leben in der Flaute

Adam Frank von der University of Rochester und ich haben uns hierzu erstmals im Jahr 2015 Gedanken gemacht, wie einst Fermi und seine Kollegen bei einem gemeinsamen Mittagessen. Wir gingen dabei von einem einfachen Gedanken aus: Genau wie auf der Insel Pitcairn könnte es auch im All immer wieder neue Wellen der Erkundung oder Besiedlung geben (siehe »Die Insel der Meuterer«). Wir Erdlinge hätten in diesem Szenario die Blüte unserer Zivilisation während einer der Flauten erreicht.

Ein neuer nächster Nachbar zieht ein

Die Grafik zeigt die aktuellen Positionen der nächsten Sterne um die Sonne in 3-D (Stundenangabe: Rektaszension). Zurzeit ist Proxima Centauri (unten) mit 4,2 Lichtjahren Distanz der nächste Stern nach der Sonne. Weil Sterne jedoch eine Eigenbewegung aufweisen, wird ihn der rote Zwergstern Ross 248 (oben rechts) in 37 000 Jahren mit einer Entfernung von nur drei Lichtjahren ablösen. Ross 248 befindet sich am Himmel nahe Kappa Andromedae.

Die Idee knüpft direkt an Harts »Fakt A« an, dass wir auf der Erde bisher nichts von Außerirdischen mitbekommen haben. Sie geht jedoch noch weiter. So erscheint es sinnvoll, den Zeitraum einzuschränken, in der die Erde keine Kolonie einer fremden Spezies war. Der Gedanke mag abwegig klingen, aber vielleicht haben Außerirdische in der fernen Vergangenheit vorbeigeschaut – und sind dann wieder abgedüst.

Dass dies durchaus eine Möglichkeit ist, verdeutlicht eine Studie meiner Kollegen Gavin Schmidt und Adam Frank. Demnach würden Spuren technologischen Lebens auf der Erde keineswegs ewig erhalten bleiben, sondern mit der Zeit verschwinden. Nach mehr als einer Million Jahren wären bloß noch isotopische oder chemische Anomalien im Erdboden aufzufinden, etwa in Form synthetischer Moleküle, Kunststoffe oder radioaktiven Fallouts. Fossile Überreste und andere paläontologische Marker wären hingegen so selten und abhängig von besonderen Entstehungsbedingungen, dass sie uns vermutlich nichts sagen würden. Tatsächlich bedecken Siedlungen heute nur rund ein Prozent der Planetenoberfläche. Paläontologen der fernen Zukunft müssten also viel Glück bei der Suche nach Überresten der Menschheit haben.

Kosmisches Umfeld ändert sich laufend

Schmidt und Frank kommen außerdem zu dem Schluss, dass noch niemand erschöpfend nach Spuren technologischer Hochkulturen gesucht hat. Ihr Fazit: Wenn schon einmal eine Industriegesellschaft auf der Erde existiert hat, dann wüssten wir vielleicht nichts davon. Das bedeu- tet keineswegs, dass dies so sein muss. Es zeigt lediglich, dass die Möglichkeit nicht rigoros ausgeschlossen werden kann.

In den letzten Jahren haben wir die Implikationen dieser Ideen mit Blick auf unsere Galaxie ausgelotet. Die Leitung der Studie fiel dabei Jonathan Carroll-Nellenback von der University of Rochester zu, mit dabei war auch Jason Wright von der Pennsylvania State University. Mit Hilfe neuartiger Computersimulationen und altmodischer Papier-und-Bleistift-Mathematik konnten wir ein realistischeres Bild davon zeichnen, wie sich Spezies in unserer Galaxie ausbreiten würden.

Astronominnen und Astronomen wissen schon lange, dass sich die Sterne im Umkreis von einigen hundert Lichtjahren um die Sonne wie die Teilchen in einem Gas bewegen. Im Verhältnis zu jedem Fixpunkt in diesem Volumen kann sich ein Stern schnell oder langsam bewegen, in jede Richtung. Zoomt man weiter heraus, so dass man Tausende von Lichtjahren im Blick hat, registriert man eine gemeinsame Bahnbewegung, die unsere Sonne einmal in etwa 230 Millionen Jahren um den Mittelpunkt der Milchstraße transportiert. Sterne, die näher am galaktischen Zentrum sind, brauchen weniger Zeit für einen Umlauf. Auch ober- und unterhalb der galaktischen Scheibe gibt es sehr schnelle Sterne, die immer wieder durch diese hindurchtauchen.

Für jede Zivilisation ändert sich das kosmische Umfeld daher laufend. Ein gutes Beispiel dafür ist unser eigenes Sonnensystem. Im Moment ist Proxima Centauri unser nächster Nachbar, in einer Distanz von 4,24 Lichtjahren. In rund 10 000 Jahren wird er jedoch nur noch 3,5 Lichtjahre entfernt sein – eine erhebliche Einsparung an interstellarer Reisezeit. In 37 000 Jahren ist der nächstgelegene Stern hingegen ein Roter Zwerg namens Ross 248, von dem uns dann bloß noch drei Lichtjahre trennen (siehe »Ein neuer nächster Nachbar zieht ein«).

Unsere Simulation findet daher in einem dreidimensionalen Raum statt, in dem Sterne sich nach einem ähnlichen Muster bewegen wie in dem uns bekannten Ausschnitt des Milchstraßensystems. Der Computer weist dann manchen der Sterne eine Zivilisation zu. Diese haben eine begrenzte Lebensdauer, so dass sie auch wieder verschwinden. Einprogrammiert ist eine Wartezeit, die vergehen muss, ehe eine Spezies eine Sonde oder ein Schiff mit Kolonisten zu ihrem nächsten Nachbarstern starten kann.

Wir können diese Details der Simulation beliebig verändern – und dadurch sehen, wie bestimmte Annahmen das Ergebnis beeinflussen. Bei einer Vielzahl der Durchläufe erkennen wir, dass sich eine leicht zerklüftete Siedlungsfront von System zu System ausbreitet. Die Geschwindigkeit der Kolonisierung scheint dabei der Schlüssel zur Überprüfung verschiedener Lösungen des Fermi-Paradoxons zu sein.

Tatsächlich läuft die Bewegung der Sterne in der Galaxie darauf hinaus, dass selbst die Siedlungsfronten langsamer Zivilisationen die Galaxie in weit weniger als einer Milliarde Jahren durchqueren würden. Mit »langsam« sind hier Sonden mit Geschwindigkeiten von 30 Kilometern pro Sekunde gemeint. Damit sind sie immerhin fast doppelt so schnell wie die im Jahr 1977 gestartete Sonde Voyager 1, erreichen aber lediglich ein Zehntausendstel der Lichtgeschwindigkeit.

Wenn wir die galaktische Rotation oder die durch die Scheibe schießenden Sterne aus dem galaktischen Vorhof mit einbeziehen, schrumpft die Zeit, die für die Erschließung der Galaxie nötig ist, sogar noch. Mit anderen Worten: Wie Fermi vermutete, ist es wirklich nicht schwer, das Milchstraßensystem mit Leben zu füllen. Wie voll es dann am Ende ist, hängt jedoch sowohl von der Anzahl der wirklich bewohnbaren Exoplaneten ab als auch von der Überlebensdauer der Zivilisationen.

Verringert man etwa die Anzahl der nutzbaren Planeten und geht von Spezies aus, die nur etwa 100 000 Jahre bestehen, erhält man eine sehr leere Galaxie. Wählt man hingegen optimistischere Werte für diese Parameter, füllt sich das Weltall mit Raumfahrtnationen. Interessanterweise scheint es fast egal zu sein, wie lange sich Spezies durchschnittlich auf einem Planeten halten, wenn es genügend geeignete Welten zum Besiedeln gibt. Sofern die Aliensdie für Raumreisen nötige Technologie bewahren, können sie von System zu System ziehen und letztlich die ganze Galaxie erschließen.die für Raumreisen nötige Technologie bewahren, können sie von System zu System ziehen und letztlich die ganze Galaxie erschließen.

Archipele des Lebens

Beim Blick auf die Ozeane der Erde wechseln sich »landfreie Wasserwüsten« mit Festland und malerischen Inselarchipelen ab, wie hier nahe Bali in Indonesien. Verteilen sich kosmische Zivilisationen ähnlich?

Lange kein Besuch mehr auf der Erde?

Aber gerade zwischen diesen extremen Szenarien entstehen die überzeugendsten und potenziell realistischsten Situationen. Wenn lebensfreundliche Welten in einer Galaxie weder besonders häufig noch besonders selten sind, kann die Zahl geeigneter Welten von Region zu Region stark schwanken. Mancherorts entstehen so Ansammlungen von attraktiven Systemen, die wiederholt von Besiedlungswellen heimgesucht werden. Sie erinnern damit an Inselgruppen im Ozean, an denen Seefahrer immer wieder vorbeikommen (siehe »Archipele des Lebens«). Diese Häufung attraktiver Sternsysteme bringt es jedoch mit sich, dass solche Cluster typischerweise von großen, unbesiedelten Regionen umgeben sind. In ihnen mag es vereinzelt geeignete Welten geben. Sie sind einfach zu weit weg und zu spärlich verteilt, als dass man sich die Mühe machen würde, sie zu besuchen.

Mancherorts könnte es Ballungen lebensfreundlicher Welten geben – anderswo hingegen kaum welche.

Dieses Galaktischer-Archipel-Szenario könnte unsere Situation auf der Erde erklären. Wenn Zivilisationen im Durchschnitt eine Million Jahre überdauern und nur drei Prozent der Sternsysteme tatsächlich kolonisierbar sind, besteht unseren Simulationen zufolge eine etwa zehnprozentige Wahrscheinlichkeit, dass ein Planet wie die Erde seit ein paar Millionen Jahren nicht besucht wurde.

Umgekehrt impliziert dieses Szenario, dass es anderswo in der Galaxie Bereiche mit vielen interstellaren Spezies gibt, für die kosmische Nachbarn oder Besucher die Norm und nicht die Ausnahme sind. Für all dies sind keine extremen Hypothesen erforderlich: Basis dafür sind eine konservative Abschätzung der Planetenzahl und die Sternbewegungen in unserer Heimatgalaxie. Natürlich fließen nicht überprüfbare Annahmen über die Durchführbarkeit interstellarer Reisen mit ein sowie die Frage, ob intelligente Lebewesen sich tatsächlich auf den Weg machen würden.

Andere Faktoren können wir hingegen zunehmend gut bestimmen. Wie häufig mit Leben kompatible Welten sind, grenzen Exoplanetenforschende beispielsweise immer weiter ein. Auch über andere Fragen, wie etwa die Langlebigkeit von Zivilisationen, lernen wir selbst immer mehr. Etwa indem wir versuchen, eine nachhaltige Wirtschaft aufzubauen.

Darüber hinaus können wir nach besiedelten Sternarchipelen Ausschau halten oder nach Indizien für eine Welle der Kolonisation suchen. Eine interessante neue Strategie wäre zum Beispiel, unsere Teleskope nicht bloß auf einzelne, bekannte Exoplanetensysteme zu richten. Stattdessen könnten wir galaktische Regionen in den Blick nehmen, in denen die Anordnung der Sterne die interstellare Expansion begünstigen würde. Bis vor Kurzem war unsere dreidimensionale Karte des galaktischen Raums leider sehr ungenau. Aber das Weltraumteleskop Gaia der Europäischen Weltraumorganisation ESA hat in den vergangenen Jahren die Positionen von mehr als einer Milliarde astronomischer Objekte und Sternbewegungen in unserem Umfeld bestimmt (siehe SuW 1/2021, S. 28). Auf Basis dieser Daten können wir potenzielle Hotspots vielleicht bald ausfindig machen.

Letztlich wäre Fermis Paradoxon damit in Wahrheit gar kein Paradoxon. Für eine Welt wie die Erde könnte es ganz normal sein, für lange Zeit nicht von Außerirdischen besucht zu werden – selbst wenn es diese in den Weiten des Alls in Hülle und Fülle gäbe. So wie Pitcairn im Pazifischen Ozean mehrere Jahrhunderte lang unbewohnt blieb, erlebt die Erde vielleicht gerade eine Periode kosmischer Isolation, bevor eine neue Welle pangalaktischen Lebens sie erreicht. Die Frage ist, ob unsere Zivilisation noch da sein wird, wenn es so weit ist.

CALEB SCHARF ist Direktor des Astrobiology Center an der Columbia University in New York und Autor mehrerer Bücher, darunter »The Copernicus Complex« ( 2014) und »The Zoomable Universe« (2017). Er schreibt einen Blog für »Scientific American« und hat Artikel in vielen anderen Zeitschriften veröffentlicht.

Literaturhinweise

Althaus, T., Quetz, A. M.: Erdgroßer Planet bei Proxima Centauri. Sterne und Weltraum 10/2016, S. 22 – 31

Hippke, M.: Bremsmanöver bei Alpha Centauri. Sterne und Weltraum 4/2018, S. 32 – 35

Konitzer, F.: Von wo aus könnten Aliens die Erde aufspüren? Sterne und Weltraum 5/2021, S. 16 – 18

Müller, A.: Zum »Alien-Raumschiff« 1/‘Oumuamua. Sterne und Weltraum 1/2019, S. 36 – 40

Popkin, G.: Die erste Reise zu den Sternen. Sterne und Weltraum 4/2018, S. 24 – 30

Didaktische Materialien: www.wissenschaft-schulen.de/ artikel/1421035

Dieser Artikel erschien ursprünglich unter dem Titel »The Galactic Archipelago« in Scientific American 322, 1, 32 – 39 (January 2020) doi:10.1038/scientificamerican0120-32.