Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 11 Min.

EINE FRAGE DER EXISTENZ


Hohe Luft kompakt - epaper ⋅ Ausgabe 2/2021 vom 31.03.2021

Artikelbild für den Artikel "EINE FRAGE DER EXISTENZ" aus der Ausgabe 2/2021 von Hohe Luft kompakt. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Hohe Luft kompakt, Ausgabe 2/2021

Jahresbeginn 2021. Es reicht offenbar immer noch nicht. Die Lockdown-Maßnahmen seit Anfang November haben wenig gebracht, mit dem Impfen geht es zäh voran, mutierte Virusvarianten werfen ihren Schatten voraus. Nach den Weihnachtsferien wartet alles gebannt auf die neuesten Zahlen aus dem Robert Koch-Institut. Bund und Länder beschließen in der ersten Januarwoche neue, weitere Kontaktbeschränkungen sowie Schul- und Kitaschließungen, den 15-Kilometer-Radius für Hotspots. Zwei Wochen später folgt eine weitere Verlängerung und Verschärfung der Maßnahmen. Aber was, wenn das alles immer noch nicht reicht? Rutschen wir einfach nur von Lockdown zu Lockdown?

Viele können es nicht mehr hören. Andere fühlen sich nicht genug gehört. Viele sind genervt von der Pandemie, von den immer neuen Regelungen, von den endlosen Debatten. Seit fast einem Jahr haben wir kaum noch ein anderes Thema, als gäbe es nicht viele andere wichtige Fragen. Sicher, das Virus ist gefährlich. Aber sterben nicht jeden Tag Hunderttausende auch an anderen Krankheiten? Viele Menschen sind coronamüde geworden, die Appelle erreichen sie nicht mehr, sie wollen nur noch zurück zur alten Normalität. Statt Angst herrscht bei vielen Frust. Statt Hoffnung keimt Apathie.

Stimmungen können in einer Gesellschaft eine gewaltige Kraft entwickeln. Sie können die Politik vor sich hertreiben, zu Aufständen und Revolutionen führen. Sie können aber auch eine kollektive Verdrängung bewirken, bis hin zur schicksalsergebenen Gleichgültigkeit gegenüber der Pandemie. Womöglich ist eine »Corona-Resistenz«, die für die Bedrohung immer unempfindlicher wird, je weiter sie wächst, im Moment sogar die größte Gefahr.

Stellen wir uns einmal vor, wir lassen diese halbherzigen Lockdowns einfach sein, zumal sie offenbar ohnehin nichts bringen. Stattdessen schützen wir die Risikogruppen so gut es halt geht, überlegen uns praktische Hygienekonzepte – und sonst lassen wir die Dinge laufen, wie sie eben laufen. Die Gastronomie könnte wieder öffnen, die Menschen wieder feiern, unser Leben wäre wieder halbwegs normal. Wäre das nicht viel besser, als die Menschen durch immer neue Regelungen zu verunsichern und zu zermürben?

Die Stimmung ist verständlich, so irrational sie unter epidemiologischen Gesichtspunkten auch erscheinen mag. Mit Vernunftargumenten ist ihr kaum beizukommen, mit Kopfschütteln ebenso wenig. Wir müssen vielmehr die bisherige Politik der Pandemiebekämpfung auf den Prüfstand stellen. Was wir brauchen, das ist womöglich ein viel radikalerer Ansatz – eine »existenzielle« Strategie.

Noch im Sommer konnten die Deutschen stolz auf ihre Pandemiepolitik sein. Der erste Lockdown kam früher als in anderen Ländern, und er fiel weit weniger drastisch aus. Die Deutschen fuhren in den Urlaub, man ging wieder in Kneipen, man atmete durch. Dabei forderten einige Epidemiologen schon im Frühjahr härtere Maßnahmen, um das Virus radikal einzudämmen. Doch kaum jemand wollte die Warnungen hören. Die Pandemiepolitik verzettelte sich vielmehr in endlosen kleinteiligen Diskussionen.

Schließlich rutschte Deutschland wie ganz Europa in die zweite Welle. »Das Winterversagen«, titelte »Der Spiegel« Mitte Dezember: »Halbherziger Shutdown, verschleppter Impfstart, Tausende Tote.« Andere Länder stehen wesentlich besser da – etwa China, Südkorea, Neuseeland. Wie konnten wir unseren Vorsprung so verspielen?

Als Angela Merkel den relativ weichen November-Lockdown ankündigte, fragte sie jemand, ob man die neuen Einschränkungen nicht schon zwei Wochen früher hätte beschließen können. Das sei zwar »theoretisch richtig«, antwortete die Kanzlerin, doch damals habe es »keine politische Akzeptanz« für die Maßnahmen gegeben.

»Theoretisch« hätte man schon früher handeln können, ja vielleicht handeln müssen. Die Epidemiologen warnten aufgrund ihrer Modelle schon längst vor einer zweiten Welle. Doch da gab es die Ministerpräsidenten mit ihren unterschiedlichen Vorstellungen, da waren die Corona-Proteste auf der Straße. »Das ist Politik«, erklärte Merkel. »Wir sind auf die Bereitschaft der Bürgerinnen und Bürger angewiesen.«

Demokratische Prozesse können eben langwierig sein, mitunter führen sie auch zu falschen Entscheidungen. In Zeiten einer Pandemie kann man sich fragen, ob »komplexe demokratische Verfahren überhaupt in der Lage sind, vor außergewöhnlichen Bedrohungen wie der einer weltweiten Seuche zu schützen«, schreibt Mark Siemons in der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung«.

Manche zweifeln sogar daran, dass komplexe westliche Gesellschaften mit einer Pandemie überhaupt fertig werden können, ohne ihre eigenen Grundlagen infrage zu stellen. »Es scheint, als sei der Kampf gegen die Ausbreitung des Virus ein Kampf der Gesellschaft gegen sich selbst«, schreibt der Soziologe Armin Nassehi in der »FAZ«. Gesellschaftliche Praktiken ließen sich nicht oder nur begrenzt steuern. Eine Gesellschaft sei eben keine Organisation.

EIN DILEMMA DER DEMOKRATIE?

Wenn Nassehi recht hat, dann schränkt das die Möglichkeiten der Pandemiebekämpfung drastisch ein, jedenfalls in westlichen Demokratien. Das führt aber zur Frage, wie demokratische Regierungen in solchen Ausnahmesituationen wie der Coronakrise überhaupt reagieren können – und was das etwa auch für die Klimapolitik bedeutet.

Wenn der demokratische Staat seine eigenen Bürger nicht schützen kann, dann verspielt er womöglich seine Legitimation. Wenn er aber zu hart durchgreift, also im Sinne Nassehis »organisiert«, dann gefährdet er womöglich die Demokratie. Das scheint geradewegs in ein grundsätzliches Dilemma demokratischer Politik zu führen.

Die Erfahrung des ersten Lockdowns hat allerdings gezeigt, dass sich die Gesellschaft sehr wohl »herunterfahren« lässt, wenigstens für eine gewisse Zeit. Das gelang, weil die Menschen den Ernst der Lage begriffen. Angst, Sorge und Tod waren plötzlich auf eine Weise zugegen, wie es unsere Gesellschaft bisher nicht gekannt hatte. Die Bilder aus Bergamo erschreckten viele offenbar derart, dass sie schon vor Inkrafttreten des Lockdowns kaum noch aus dem Haus gingen, was wesentlich zum Erfolg der Maßnahmen beitrug.

Alle Regelungen beruhen letztlich darauf, dass die Menschen sich an sie halten. Das sind institutionelle Rituale. Eine Gesellschaft ist sicherlich keine Organisation. Aber das bedeutet keineswegs, dass sich bestimmte Bereiche nicht doch organisieren lassen, wie etwa das Abstandhalten im Supermarkt. Und wie sich gezeigt hat, können sich Menschen bis zu einem gewissen Grade auch selbst organisieren.

Das rituelle Verhalten im ersten Virus-Schock war eine Art von – unabgesprochener – sozialer Organisation. Man kann von einem Erwartungsgleichgewicht reden: Jeder darf erwarten, dass die anderen sich an die Regeln so halten, wie man selbst sich daran zu halten hat. So muss man sein eigenes Verhalten weder überlegen noch rechtfertigen: Man schließt sich einfach dem Ritual an. Plötzlich hatten wir eine andere Soziologie.

In der ersten Not, in der niemand abschätzen konnte, was das Virus bringen würde, waren alle bereit, sich dem Ritus zu beugen: Abstand und Maske, weil man auch sonst nichts wusste. Das änderte sich im Sommer, als man meinte, die Not wäre vorüber. So wie man bereit war, sich in der Not der Ungewissheit einzuschränken, so wurde der Sommer als Wiedergewinn der Freiheit, des Lebens, der Geselligkeit erlebt, was man im Herbst dann nicht mehr so ohne Weiteres aufzugeben bereit war.

Was allein das Virus an seiner Ausbreitung hindern kann – die Ballung von Menschen, selbst in Familien, zu vermeiden –, wurde in dem Moment, indem es verboten und eingeschränkt wurde, als politischer Eingriff aufgefasst. Es fehlte der Gesellschaft jeder Begriff der Durchgriffsmacht des Virus.

Vielleicht hätte es dazu in den letzten Monaten nicht nur virologische Expertise gebraucht, sondern mindestens ebenso sehr den Rat von Sozialpsychologen. Oder auch von Soziologen, die nicht mehr nur die Solidarität der ersten drei Monate beschwören. Oder auch von Ökonomen, die nicht nur beteuern, dass danach die Wirtschaft wieder wachsen wird; sondern die auch die Krise, die Insolvenz, die Arbeitslosigkeit deutlich benennen. Und andere mehr.

DIE KRISE IST NOCH NICHT EXISTENZIELL GENUG

In allen Fragen der Pandemiebekämpfung darf man allerdings nicht aus den Augen verlieren: Die Pandemie ist primär ein infektiologisches, epidemiologisches und somit medizinisches Phänomen. Das Infektionsgeschehen schafft eine harte Kausalität, die wir in sozialen Zusammenhängen sonst nicht kennen. Eben deshalb sind medizinische Erkenntnisse und auch Mediziner so bedeutsam für die Bewältigung der Krise. Denn die harte Kausalität der Pandemie bedeutet nicht, dass wir nichts tun können – sondern vielmehr, dass wir etwas tun müssen.

SARS-CoV-2 ist ein neuartiges Virus, das auf einen immuninkompetenten Wirt trifft und eine Erkrankung mit der Bezeichnung Covid-19 verursachen kann. Es handelt sich um eine vermeidbare Infektionserkrankung mit potenziell letalem Ausgang. Dies ist eine Tatsache, die es wert ist, wiederholt zu werden. Denn in der Meinungsvielfalt über die notwendigen Maßnahmen zum Eindämmen der Pandemie wird die existenzielle Dimension oft übersehen oder derart relativiert, dass es einer Realitätsflucht gleichkommt. Eben diesen Eindruck erweckt auch das Krisenmanagement von Bund und Ländern.

Gehen wir einmal von einem Horrorszenario aus. Die Infektionszahlen schnellen wieder in die Höhe, es verbreiten sich immer wieder neue Virus-Mutationen, gegen die keiner der Impfstoffe schützt. Wir verlieren endgültig die Kontrolle über die Pandemie. Das Gesundheitssystem kollabiert, die Wirtschaft bricht zusammen, es gibt Hunderttausende Tote. Was würde das für unsere Gesellschaft bedeuten, für jeden Einzelnen von uns? Und kann es sein, dass wir das wahre Ausmaß der Bedrohung noch immer nicht sehen?

Solche Worst-Case-Szenarien können Angst und Panik erzeugen. Sie sollen aber auch für das Mögliche sensibilisieren – und eben damit für die Realität: Wir erkennen den Ernst der Lage nur, wenn wir wissen, was alles passieren kann, sofern wir nichts oder zu wenig dagegen tun. Man kann viele Gründe finden, warum uns die Pandemie im Herbst entglitten ist. Aber hinter all diesen Gründen steht womöglich, dass wir den Ernst der Krise noch gar nicht richtig begriffen haben.

Das sogenannte Präventionsparadoxon besagt, dass präventive Maßnahmen, die für eine Gesamtbevölkerung sehr nützlich sind, dem Einzelnen nur wenig nutzen (und umgekehrt). Anders ausgedrückt: Wir sehen genau die Schäden nicht, die, bedingt durch unsere Maßnahmen, ausgeblieben sind. Damit lässt sich auch die Lage im Sommer des vergangenen Jahres erklären, in der die Bevölkerung von präventiven Maßnahmen profitierte, die durch eine Kontaktverfolgung und Unterbrechung der Infektionsketten durch die Gesundheitsämter möglich war. Aus den verhältnismäßig niedrigen Infektions- und Todesereignissen wurde abgeleitet, dass die Maßnahmen überzogen oder gar überflüssig waren. Ein fataler Trugschluss, wie sich im Herbst zeigte.

Eine Gesellschaft, die es gewohnt war, besonders in den Freizeitereigniswelten, enge soziale Kontakte zu inszenieren und zu genießen, kann sich in der scharfen Wende, die die Corona-Maßnahmen mit sich bringen, kaum wiederfinden. Die nun notwendige social distance ist eine Art neo-pietistisches Trauma, das den sozialen Impuls ins andere Extrem schleudert. Wer so auf Exzess eingestellt war, kann den Notstand nicht verstehen. Der Affekthaushalt ist darauf nicht ausgerichtet. Bleibt also nur die nüchterne Aufklärung?

Psychologen, Soziologen und Ökonomen haben eine Reihe von Erklärungen, warum sich Menschen verantwortungslos oder leichtsinnig verhalten: Das reicht von kognitiven Verzerrungen und eingeschränkter Rationalität bis hin zu kulturellen Eigenheiten – nicht zu reden von den Verschwörungstheoretikern, die ohnehin nicht an die Existenz des Virus glauben. Doch möglicherweise gibt es noch einen weiteren, sehr einfachen Grund: Die Krise erscheint vielen noch nicht existenziell genug.

In existenziellen Krisen geht es letztlich immer um Leben oder Tod. Es geht um alles – oder jedenfalls um Dinge, ohne die alles andere nichts ist. Eben deshalb ist es fatal, in solchen Krisen das »nackte Leben« auszuspielen gegen dasjenige, was das Leben lebenswert macht, wie einige das unter Berufung auf den italienischen Philosophen Giorgio Agamben tun.

Was existenzielle Krisen so »existenziell« macht, das ist der Umstand, dass wir sie überwinden müssen, um überhaupt gut weiterleben zu können.

DIE VORDRINGLICHKEIT DES BEFRISTETEN

Insofern bringen uns existenzielle Krisen in eine Not, also in eine Zwangslage, die uns zum Handeln nötigt. Es ist eine Not, in der wir das Handeln-Müssen nicht allein auf den Staat abschieben können. Die Lösung hängt entscheidend von unserem Verhalten ab. Der ganze Spuk wäre binnen Wochen vorbei, wenn alle sich entsprechend verhielten.

Wenn Gefahr im Verzug ist, müssen wir uns auf das Wesentliche konzentrieren. Das gilt erst recht im Fall von »existenziellen« Bedrohungen. Wer vom Arzt erfährt, dass er sein Leben sofort und radikal ändern muss, weil er sonst womöglich die nächsten Monate nicht überlebt, der wird sich ganz oder weitestgehend darauf konzentrieren – und nicht etwa seine Zeit mit anderen Dingen vergeuden.

Das lässt sich natürlich nicht ohne Weiteres auf die Gesellschaft in der Pandemie-Situation übertragen. Aber auch die Pandemiebekämpfung steht unter dem Druck der Zeitknappheit, der Dringlichkeit. Man kann mit den Maßnahmen eben nicht warten, es ist die biologische Kausalität, die Dynamik der exponentiellen Verbreitung, die rasches Handeln erfordert.

Die existenzielle Krise zwingt dazu, Prioritäten zu setzen, insofern reduziert sie Komplexität. Das heißt nicht, dass andere Dinge unwichtig sind, aber sie treten für eine gewisse Zeit in den Hintergrund. Der Zeitdruck der Krise hilft damit auch, Wertkonflikte vorübergehend zu lösen. Der Soziologe Niklas Luhmann (1927–1998) nannte das, ironischerweise im Kontext von Organisationen, die »Vordringlichkeit des Befristeten«.

Sicher ist es richtig, dass die Krise nicht alle gleichermaßen trifft, dass manche Gruppen sich besser schützen können als andere. Es gibt extrem gefährdete Arbeitsplätze, beengte Wohnverhältnisse, den Personalmangel in den Pflegeheimen, die prekäre Lage vieler Kulturschaffender, die extreme Belastung vieler berufstätiger Mütter in der Lockdown-Situation. Sicher ist das Ansteckungsrisiko nicht gleich verteilt, sicher kann man sich »differenziertere Zumutungen« wünschen, wie der Soziologe Wolfgang Streeck in der »FAZ«. Die Kritik mag in vielen Hinsichten berechtigt sein. Und doch geht sie an der biologischen Realität der Pandemie vorbei.

Eine »existenzielle« Strategie der Pandemiebekämpfung müsste stets mit dem Worst-Case-Szenario rechnen, dass das Virus völlig außer Kontrolle gerät, – und zugleich die spezifische zeitliche Dynamik der Pandemie im Blick behalten. Das exponentielle Wachstum bedeutet, dass uns die verfügbare Zeit für Gegenmaßnahmen davonläuft– jedenfalls dann, wenn das Ziel darin besteht, möglichst viele Menschenleben zu retten. Eben deshalb gehen auch Vergleiche mit anderen gesellschaftlichen Risiken fehl, etwa mit den ebenso vermeidbaren Toten im Straßenverkehr.

Die Zeitlichkeit der Pandemie zwingt zur Einsicht, dass man in solchen Krisen nicht alles gleichzeitig haben kann, vom Gesundheitsschutz über geordneten Schulbetrieb bis zum Theaterbesuch. Auch in einer persönlichen existenziellen Krise wird man sich auf das unmittelbar Notwendige konzentrieren – und alles andere vorläufig nach hinten schieben. Die Rede ­weise von einem »nachhaltigen Leben« bekommt plötzlich eine andere Bedeutung. Die adäquate Antwort auf eine existenzielle Krise wie SARS-CoV-2 ist sicher nicht einfach. Gerade in Demokratien. Aber sie kann auch nicht nur aus einem Bündel von Maßnahmen und Regeln bestehen. Zugleich zeigt die Erfahrung, dass auch rationale Argumente nicht genügen, um die Bürgerinnen und Bürger zum Mitmachen zu motivieren, jedenfalls nicht innerhalb kurzer Zeit. Die »existenzielle« Krise erfordert eine Antwort, die selbst »existenziell« ist – die Menschen in ihrer ganzen Existenz ergreift.

»Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen.«

Hannah Arendt, 1949

Die Politik darf nicht einfach nur Maßnahmen dekretieren. Dann verwaltet sie nur die Krise. Wenn sie die Krise wirklich ernst nehmen will, dann muss sie deren Ernst auch fühlbar und erlebbar machen. Dazu braucht es auch Emotionen, Bilder und Symbole – eine existenzielle Rhetorik, die das Gefühl der Bedrohung permanent aufrechterhält. Vor allem aber braucht es die Entschlossenheit in Politik und Gesellschaft, die Pandemie völlig zu stoppen – und den Schutz des Lebens zu priorisieren.

DIE NO-COVID-STRATEGIE

Eine Gruppe europäischer Virologen, Epidemiologinnen und Gesundheitsexperten hat im Dezember daher zu einer radikalen europaweiten Strategie aufgerufen, um die Infektionszahlen zügig zu senken und auf niedrigem Niveau zu stabilisieren. »So hohe Fallzahlen wie gegenwärtig können wir uns auf Dauer nicht leisten, weder im Gesundheitssystem noch in der Wirtschaft und der Gesellschaft«, schreiben die beteiligten Wissenschaftlerinnen Melanie Brinkmann, Sandra Ciesek und Viola Priesemann in einem Artikel in der »Zeit«.

Ein »totaler« Lockdown, um die Infektionen praktisch ganz zu verhindern (No Covid), könnte die »existenzielle» Strategie der Stunde sein – aber nicht als überstürzte Notmaßnahme, sondern als ein wohlvorbereitetes, durchdachtes zivilisatorisches Großexperiment. Die Befristung bis zum Erreichen der Ziele wäre entscheidend. Einige Wochen können Menschen den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Totalstillstand vielleicht ertragen, weil ihnen die Frist einen Horizont gibt. Eine unbefristete Zeit halbherziger Maßnahmen dagegen könnte sie womöglich zermürben – und eben das würde die Wirksamkeit aller dieser Maßnahmen gefährden. Ob dieses Experiment verantwortbar ist oder nicht, darüber wäre zu diskutieren. Zugleich bräuchte es eine Debatte, wie man aus einem solchen Experiment wieder herauskommt – und was danach geschehen müsste. Das wäre eine hochdramatische Diskussion, die bereits selbst den existenziellen Ernst der Lage vermitteln würde. Schon diese Diskussion könnte die Menschen vielleicht aus ihrer Corona-Müdigkeit herausreißen. Es wäre der existenzielle Weckruf, den die Gesellschaft braucht.

Eine »Notlage«, wie eine Pandemie, kann derart gravierende Freiheitseinschränkungen nur rechtfertigen, wenn deren Reversibilität strukturell sichergestellt ist. Dass ein demokratischer Rechtsstaat die gesamte Gesellschaft lahmlegt, ist nicht nur einfach deshalb zu akzeptieren, weil es epidemiologisch »notwendig« ist, sondern weil wir auch darauf vertrauen können, dass er diese »notwendigen« Maßnahmen auch wieder rückgängig machen kann und wird. Auch in Zeiten der Pandemie müssen sich die Bürger darauf verlassen können, dass ihr Verhalten letztendlich demokratischen, ohne äußeren Zwang beschlossenen Gesetzen unterliegt – und nicht von einer epidemiologischen Notlage diktiert wird.

Die Menschen müssen den Sinn von Regeln, die sie befolgen, auch einsehen können. Für einen totalen Lockdown bräuchte es aus diesem Grund mehr als ein paar Sitzungen zwischen Bund und Ländervertretern. Es bräuchte eine Art neuen, befristeten Gesellschaftsvertrag.

Die epidemiologische Notlage selbst hat keine Abbruchbedingung, außer eben das Ende der Pandemie; sie tendiert daher dazu, sich immer weiterfortzuschreiben. Um die existenzielle Krise der Pandemie zu beenden, braucht es eine existenzielle Entscheidung. Diese Entscheidung könnte im Prinzip auch darin bestehen, ein gewisses Infektionsgeschehen zu akzeptieren, also weiter mit der Pandemie zu leben. Aber eine solche Entscheidung wäre eine fatale Kapitulation.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 2/2021 von LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,
Titelbild der Ausgabe 2/2021 von »DER GANG ANS KRANKENBETT IST DURCH NICHTS ZU ERSETZEN«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
»DER GANG ANS KRANKENBETT IST DURCH NICHTS ZU ERSETZEN«
Titelbild der Ausgabe 2/2021 von ÖKONOMIE DER SORGE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
ÖKONOMIE DER SORGE
Titelbild der Ausgabe 2/2021 von »DER MENSCH IST EIN UNGLAUBLICH ANPASSUNGSFÄHIGES LEBEWESEN«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
»DER MENSCH IST EIN UNGLAUBLICH ANPASSUNGSFÄHIGES LEBEWESEN«
Titelbild der Ausgabe 2/2021 von AUF DEN SCHULTERN DER SEUCHE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
AUF DEN SCHULTERN DER SEUCHE
Titelbild der Ausgabe 2/2021 von »ES GIBTKEINE CHANCEN OHNE GESUNDHEIT«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
»ES GIBTKEINE CHANCEN OHNE GESUNDHEIT«
Vorheriger Artikel
LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel »DER GANG ANS KRANKENBETT IST DURCH NICHTS ZU ERSETZEN&laqu…
aus dieser Ausgabe