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Eine Frage des Formats


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Bergsteiger - Das Tourenmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 09.09.2022

Matterhörner der Alpen

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Muss sich vor dem Matterhorn-Vorbild nicht verstecken: die Ehrwalder Sonnenspitze

Der Zermatter Hausberg ist das Maß aller Dinge, konkurrenzlos. Alle anderen Gipfel stehen im Schatten des eleganten Horns. Alpenweit, vielleicht sogar weltweit. Punkt. Dabei könnte man es bewenden lassen. Doch Superstars haben Nachahmer, die sich im Ruhm des Originals sonnen. Schnell kommt da der Hinweis, es seien vor allem die Tourismusmanager, die jeden einigermaßen markanten Berg sofort zum Matterhorn ihrer Destination erklären, um mehr Besucher anzulocken. Doch so simpel ist es nicht. Vergleiche haben die Menschen schon immer fasziniert.

Der Schweizer Publizist Daniel Anker staunt in seiner Monographie über das Zermatter »Horu«, dass sich mehr als 200 Matterhörner über die Erde verteilen. Allein in der Schweiz gebe es 39 Doubles, das Gros davon in Graubünden. Und: Die Vergleicherei angestoßen habe nicht etwa ein rühriger Marketing-Mensch, sondern der britische Botaniker ...

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... Joseph Dalton Hooker. Den soll auf seiner Himalaya-Reise 1848 der 7710 Meter hohe Jannu ans Matterhorn erinnert haben – was aus Sicht des Jannu etwas despektierlich klingt: Denn eigentlich müsste ja der höhere Gipfel das Original sein, oder? Andererseits: Den Satz »Das Matterhorn ist der Jannu der Alpen« dürfte hierzulande kaum jemand verstehen.

Egal. Das Matterhorn ist eben eine starke Marke – und hat deshalb viele Zwillinge, was auch dem Ex-Extrembergsteiger Hans Kammerlander auffiel. Für seinen Vortrag »Matterhörner der Welt« wagte er sogar eine Definition: »Dominant stehen sie da, die Schönsten der Schönen. Kühne, steil aufragende Obelisken. So schön geformt wie ein Bergkristall. Steile, scharfe Grate, grandiose Wände, und wenn man oben steht, beeindruckende Tiefblicke.« Na also: Das ist doch was, daran kann man sich orientieren, wenn man sich auf die Suche nach den Matterhörnern der Alpen macht. Ganz ohne Gewähr und vollkommen subjektiv natürlich ...

Günter Kast hat das echte Matterhorn noch nie bestiegen – zu viel los am Hörnligrat. Er findet: Die Doubles machen ebenfalls richtig Laune und sind meist einsamer.

1/ Zimba (2643 m)

Miss Montafon – die heimliche Geliebte

Ausgesprochen hübsch ist sie, gut gewachsen, ebenmäßig. Nach Nordosten, Osten und Westen sendet sie gleichmäßige Grate aus. Und deshalb ist es nicht verwunderlich, dass sie die heimliche Geliebte vieler Montafoner ist. Und erst der Name: Zimba. Wenn das nicht verheißungsvoll klingt! Klar, dass man die erobern möchte, auch wenn sie nicht die langbeinigste, vulgo: höchste im südlichsten Teil Vorarlbergs ist. Dort, wo Rätikon, Verwall und Silvretta aufeinandertreffen und dank der Fülle an Gesteinsarten ein geologisches Gesamtkunstwerk formen. Dennoch sieht man sie schon von weitem, ihr Profil lugt in so manche Stube: elegant, charismatisch – mehr als ein Berg, ein Symbol, das Wahrzeichen des Montafon. Wenig überraschend, dass sie den Spitznamen »Montafoner Matterhorn« erhalten hat.

Tatsächlich ist die Zimba nicht viel mehr als halb so hoch wie das Schweizer Original, schraubt sich aber fast genauso spitz in den Himmel. Erstmals Besuch von Menschen erhielt der Gipfel am 7. September 1848 durch den Bludenzer Anton Neyer – also noch vor dem echten Matterhorn. Ziemlich brüchig ist das Gestein. Wer auf den Saulakopf, den Nachbargipfel, steigt und zur Miss Montafon hinüber schaut, erkennt das rötliche Felsband, das sich wie ein Rettungsring um den Berg legt. Ihm verdankt die Zimba ihren ursprünglichen Namen: Cima Sarotla – Ringelspitz. Und das ÖAV-Schutzhaus am Nordfuß heißt deshalb Sarotla-Hütte. Der Normalweg führt allerdings über die Heinrich-Hueter-Hütte via Zimbajoch zum Gipfel. Am besten kennt ihn wohl Guntram Bitschnau, Bergführer und viele Jahre Bürgermeister von Tschagguns. Er hat nicht mitgezählt: Aber 200 Mal wird er wohl schon oben gewesen sein – auf dem Montafoner Matterhorn.

2/ Damülser Mittagsspitze (2095 m)

Auf das Wälder Horn

Der Bregenzerwälder Künstler Martin Dietrich hat die Damülser Mittagsspitze gemalt. Immer wieder. Von allen Seiten. In allen Jahreszeiten. Als seine »Ansichten« dieses Berges im ehemaligen Pfarrhof Damüls ausgestellt wurden, schrieb die österreichische »Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft«, Dietrich habe »diesen Berg als Motiv gewählt, da er eine sehr markante Form aufweist. Eine Form, die auch ein wenig an das berühmte Matterhorn erinnert.« Ein bisschen frech muss man aber schon sein, um diesen Grasberg in die Nähe des »Horu« zu rücken. Andererseits stellt die Mittagsspitze tatsächlich eine deutliche landschaftliche Zäsur im hinteren Bregenzerwald dar und ist von etlichen Gemeinden aus gut zu sehen.

Ursprünglich hieß sie ja Trista. Marketingtechnisch war da Luft nach oben. Ihren jetzigen Namen bekam sie von den Einwohnern von Mellau, da der Berg aus ihrer Sicht im Süden, also im »Mittag« steht. Lohnend ist die kurze Tour allemal: Weil der Berg so frei in der Landschaft steht, bietet er nach überschaubaren Mühen ein Panorama, das von den Allgäuer bis zu den Lechtaler Alpen und im Süden bis zur Silvretta reicht. Wer darauf verzichten kann, steigt der Spitze Anfang August aufs Haupt, wenn nach Einbruch der Dunkelheit auf dem Gipfel ein Höhenfeuer lodert und sich anschließend ein Fackelzug bergab bewegt. Dabei kommt man an verstreut liegenden Höfen vorbei, wie sie typisch für die Besiedelung durch die Walser sind. Die ließen sich auf ihrer Völkerwanderung im 14. Jahrhundert auch hier nieder. Damüls zählt zu den ältesten Walsersiedlungen in Vorarlberg. Ach ja: Begonnen hat die Reise der Walser natürlich im Wallis. Dort, wo das Matterhorn thront ...

3/ Trettachspitze (2595 m)

Steiler Zahn im Dreigestirn über Oberstdorf

Keine Frage: Diese kühne Felsgestalt mit ihren glatten, bis zu 500 Meter hohen Wänden, die bei Bergen aus Hauptdolomit eine Seltenheit sind, geht fraglos als Matterhorn der Allgäuer Alpen durch. Stolz ragt die Trettachspitze südlich von Oberstdorf in den Himmel und bildet gemeinsam mit Mädelegabel (2645 m) und Hochfrottspitze (2649 m) das oft bewunderte Dreigestirn oberhalb von Einödsbach. Sie ist zudem der einzige hohe Gipfel dieser Gruppe, der vollständig auf deutschem Boden liegt.

Matterhorn hin oder her: Für meine Allgäuer Kumpel ist die »Trettach« eine etwas ausgedehntere Feierabend-Tour, für die es keine Übernachtung auf dem Waltenberger Haus braucht, und die man selbstverständlich ohne Seil in Angriff nimmt. Ich wusste zwar, dass selbst der einfachste Weg über den Nordostgrat dem ambitionierten Bergsteiger den zweiten Schwierigkeitsgrad abverlangt. Aber ich wollte mir keine Blöße geben. Außerdem war bei der Erstbesteigung anno 1855 durch die Brüder Urban, Alois und Mathias Jochum aus der Birgsau im Stillachtal ein 13-Jähriger (!) dabei. Was soll ich sagen: Ich kam am Grat ganz schön ins Schwitzen und hätte an den Schlüsselstellen ein Seil nicht zurückgewiesen. Am Ende ging es dann doch gut (klar, sonst würde jemand anderer diese Zeilen schreiben), und wir genossen die prächtige Aussicht. Irgendwie ließen sich meine Freunde bei den Vorbereitungen für den Abstieg dann von einer jungen Oberstdorferin ablenken. Auf jeden Fall seilten wir nicht zum Nordwestgrat, sondern in die Nordwand ab. Da hingen wir dann. Und hingen. Weitere Haken konnten wir nicht finden. Also vorsichtig nach oben klettern und das Ganze von vorn. So allmählich kam tatsächlich Matterhorn-Feeling auf. Und die junge Dame konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen ...

4/ Großes Wiesbachhorn (3564 m)

Formschöner Glockner-Rivale

Spitz wie eine Nadel, drei Grate, die sich in seinem freistehenden Firndom vereinen, dazu die höchste, durchgehende Flanke der Ostalpen (2400 Meter zwischen Talboden und Gipfel) – kein Wunder, dass das Große Wiesbachhorn 2015 von einer Fachjury zum »österreichischen Matterhorn« gekürt wurde. Anlass war damals der 150. Jahrestag der Erstbesteigung des Originals.

Bis weit ins 18. Jahrhundert dachten die Einheimischen sogar, das Pinzgauer Horn sei der höchste Gipfel der Tauern. Wer es von Norden betrachtet, kann das durchaus nachvollziehen, denn der weiter zurückstehende Großglockner wirkt da weniger mächtig. Als dann klar war, dass der Glockner die Nummer Eins ist, wurde das Wiesbachhorn dennoch nicht zum Statisten degradiert. Denn die Normalroute führt über den Kaindlgrat, der früher wegen seiner eleganten Firnschneide als kleiner Vetter des Biancograts in der Bernina galt. Heute ist er leider ein sterbender Grat, die Route ist inzwischen komplett eisfrei. Als ich dort um die Jahrtausendwende unterwegs war, war es noch eine gute Idee, Steigeisen einzupacken. Der Vorteil des Dahinschmelzens: Das Horn ist heute auch für erfahrene Bergwanderer zu packen, die einmal hochalpine Luft schnuppern wollen. Oben angekommen, ist das Panorama mit dem Glockner als zum Greifen nahen Star noch immer eines der besten, das die Tauern zu bieten haben.

Dass sich das Tauern-Horn nicht vor dem Matterhorn verstecken muss und mit alpinhistorischer Bedeutung punkten kann, hat noch einen weiteren Grund: In der Nordwestwand schlugen Willo Welzenbach und Ernst Riegele anno 1924 die ersten Eishaken in der Geschichte des Alpinismus ein.

5/ Großer Kinigat (2689 m)

Damals wie heute: der Berg als Objekt der Begierde

2011 sorgte der Große Kinigat für fette Schlagzeilen. Jedoch nicht deshalb, weil er dem Walliser Matterhorn so ähnlich sieht, sondern weil er unter den Hammer kommen sollte. 92 000 Euro lautete das Anfangsgebot der Bundesimmobiliengesellschaft BIG, die der Republik Österreich im Jahr 2001 den Kinigat und den ebenfalls auf Osttiroler Gemarkung stehenden Roßkopf für zusammen 300 000 Euro abgekauft hatte. Am Ende kamen nicht etwa private Investoren zum Zug, sondern das Gipfel-Duo ging an die Österreichischen Bundesforste, weil es in den Medien einen Aufschrei gegeben hatte. Es war ja noch nicht lange her gewesen, dass der Mullwitzkogel in der Venedigergruppe gegen Bezahlung in »Wiesbauerspitze« umgetauft wurde, benannt nach einem gleichnamigen Wursthersteller.

Dem formschönen Berg war es freilich egal. Der hatte schon Schlimmeres erlebt. Auf dem im Ersten Weltkrieg stark umkämpften Gipfel – das italienische Militär wollte sich einen Zugang ins Pustertal verschaffen – wurde deshalb im Sommer 1979 ein mächtiges Friedenskreuz errichtet, gefördert durch die Gemeinde Kartitsch und die dortige Schützenkompanie, aber auch von Bürgern der italienischen Nachbargemeinde Comelico Superiore. Bei der Einweihungsfeier für das Gipfelkreuz, die mit einer auf Deutsch und Italienisch gehaltenen Bergmesse verbunden war, wurde von den Bürgermeistern der beiden Kommunen eine Gedenktafel mit der Inschrift »Nie wieder Krieg« angebracht, was im Jahr 2022 ein leider ziemlich aktueller Aufruf ist.

6/ Geiselstein (1884 m)

Steile Felspyramide in den Ammergauer Alpen

Die meisten Gipfel im Naturpark Ammergauer Alpen kommen ja eher unspektakulär daher: schrofig, nicht über die Maßen hoch. Angeber-Berge, wie sie in den Dolomiten zuhauf stehen, sucht man vergeblich. Eine Ausnahme ist der bei Sportkletterern beliebte Geiselstein. Teilweise sehr anspruchsvolle Routen führen zum Gipfel des Kalk-Zackens. Nur eine Schwachstelle auf der Nordwestseite erlaubt es auch schwindelfreien Normal-Bergsteigern, im zweiten Grad zum höchsten Punkt aufzusteigen. Wer das drauf hat, steht zur Belohnung auf einer freistehenden Felspyramide, die nicht ohne Grund als das »Matterhorn der Ammergauer Alpen« bezeichnet wird.

Die 400 Meter hohe Nordwand des Geiselsteins verdeutlicht, dass der Spitzname nicht von ungefähr kommt. Den besten Blick auf die markante Gestalt hat man von Nordosten, von den Almwiesen beim Wankerfleck im Halblechtal, den man mit dem Shuttle-Bus oder Fahrrad erreicht, so dass unter dem Strich nicht allzu viele Höhenmeter zusammenkommen. Wer sich den spitzen Zahn nicht zutraut, ihn aber dennoch bewundern will, kann vom Wankerfleck aus den Kenzenkopf (1745 m) oder die Hochplatte (2082 m) besteigen, beide deutlich einfacher und weniger adrenalinhaltig. Gut ausgebaute Steige erlauben auch die Umrundung des Geiselsteins.

7/ Ehrwalder Sonnenspitze (2417 m)

Blickfang der Mieminger-Kette

Wohl kaum jemand nähme es der Zugspitze übel, wenn sie eifersüchtig wäre. Denn ihre südwestliche Nachbarin schiebt sich, vom Ehrwalder Talkessel aus gesehen, so dermaßen prominent ins Bild, dass Deutschlands Höchste durchaus fürchten muss, ignoriert zu werden. Am Nordwestrand der Mieminger Kette thront die Sonnenspitze: selbstbewusst, aufreizend. Ganz so, als ob sie wüsste, dass sie dem fast doppelt so hohen Original im Wallis ganz schön ähnlich sieht. Zu allem Überfluss wartet sie ebenfalls mit einem Doppelgipfel auf, genauso wie das Matterhorn – ein schmaler Grat verbindet den Hauptgipfel mit dem südlich vorgelagerten Signalgipfel. Wer denkt dabei nicht an den Italiener-Gipfel am »Horu«?

Das »Tiroler Matterhorn« faszinierte schon Hermann von Barth. Nachdem er 1873 als Erster den Gipfel erreicht hatte, pries er den Anblick dieser »Pyramide von unvergleichbar kühner, regelmäßig schlanker Gestalt«. Ihre isoliert vorgeschobene Stellung, ihr verwegener Bau, niemand könne doch auf der Fernstraße vorüberziehen, »ohne den stillen Wunsch, dort oben zu weilen auf der Zinne, die scharf hineinsticht ins klare Himmelsblau«, schrieb er euphorisch in sein Notizbüchlein.

So schön sie aus der Distanz wirkt, so sehr verwandelt sie sich in eine ziemlich brüchige Schutthalde, wenn man ihr auf den Pelz rückt. Angesagt ist der verflixte zweite Grad. Wenn man diesen nicht seilfrei beherrscht, muss man sichern. Und dann dauert es lange, bis man nach der Überschreitung wieder unten am Seebensee sitzt. Wer die Tour jedoch im Kreuz hat, für den ist sie ein großartiger und selbst im Hochsommer selten überlaufener Genuss. Das wird sogar die Zugspitze neidlos anerkennen müssen.

8/ Tinzenhorn (3173 m)

Überirdisch und unzugänglich: der echte Zauberberg von Davos

In der Schweiz ist das echte Matterhorn natürlich noch bekannter, noch präsenter als im Rest der Welt. Es ziert die Toblerone-Verpackung und gefühlt Myriaden von Souvenirs. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass am liebsten jeder Kanton sein eigenes »Horu« haben möchte. In Graubünden soll es gleich ein ganzes Dutzend geben. Ob alle zwölf den hohen Ansprüchen an Gestalt und Prominenz (Abstand von benachbarten Gipfeln) gerecht werden, haben wir nicht überprüft. Fakt ist: Das Tinzenhorn, das südwestlich von Davos aus dem Gipfel-Reigen hervorsticht, kommt dem Original tatsächlich ziemlich nahe.

Am besten bewundern lässt es sich vom Chörbschhorn oder vom Höhenweg am Schiahorn aus. Die Gehfaulen bekommen es auch im Kirchner-Museum zu Davos serviert: Der Expressionist, der die Sommerfrische auf der Stafelalp so sehr liebte, setzte dem Tinzenhorn ein Denkmal in Öl auf Leinwand. Und ja: Es findet auch im »Zauberberg« von Thomas Mann Erwähnung (»überirdisch und unzugänglich«), was den Davosern gar nicht so passt, weil sie auch den Herrn Mann mit seinem Sanatoriums-Gedöns lieber ganz vergessen würden.

Dem Tinzenhorn wird es herzlich egal sein. Es weiß, dass es ein Berg mit Model-Maßen ist. Einer, der alle Blicke auf sich zieht. Magisch eben. Bei der Erstbesteigung anno 1866 soll einer der Pioniere, der Brite Douglas William Freshfield, begeistert gerufen haben: »C'est un petit Matterhorn!« Die versteinerten Fußabdrücke von Dinosauriern, die an dem Berg später gefunden wurden, hätten den Londoner Anwalt und Abenteurer vermutlich ebenfalls begeistert. Vom Gipfel aus sieht man übrigens im Südwesten den Piz Platta. Richtig: Der Klotz wird schon mal »Matterhorn des Oberhalbsteins« genannt. Aber das ist eine andere Geschichte ...

9/ Sarner Weißhorn (2705 m)

Auch Südtirol kann Matterhorn

Achtung, jetzt wird es ein bisschen kompliziert: In Südtirol gibt es mehrere Weißhörner – beispielsweise das Eggentaler Weißhorn oder das Aldeiner Weißhorn. Und deshalb hat dasjenige im Sarntal eben den Zusatz »Sarntaler oder Sarner Weißhorn« bekommen. So weit, so gut. Nur ist es bei den Einheimischen eher als »Penser Weißhorn« bekannt, weil man eben meist vom Penser Joch aus den Aufstieg beginnt. Und »Weißhorn« heißt es nicht wegen der Decke aus Schnee im Winter, sondern wegen der nicht zu übersehenden hellgrauen Färbung der Südflanke mit ihren ungewöhnlichen Einschüben aus dolomitisiertem Riff-Kalk. Alles klar?

Wie dem auch sei: Die pyramidenartige Gestalt erinnert eindeutig an das Schweizer Original. Und deshalb hat der Berg noch einen vierten Namen bekommen: Sarntaler Matterhorn. Erstmals bestiegen wurde der markante Gipfel 1822. Gut hundert Jahre später lobte der »Hochtourist«, das erste grundlegende Führerwerk über die Ostalpen, die Aussicht als eine »der schönsten in Tirol«. Wenn das mal kein Grund ist, dem Horn aufs Haupt zu steigen. Tatsächlich ist das viel einfacher als beim Walliser Vorbild. Obwohl es nicht der höchste Berg in diesem Gebiet ist, dürfen sich trittsichere und schwindelfreie Bergwanderinnen am höchsten Punkt auf ein gewaltiges Panorama freuen, das von der Texelgruppe über die Dolomiten bis zu den Stubaier und Ötztaler Alpen reicht – typisch Matterhorn eben. Der Gipfel liegt übrigens an der »Hufeisentour«, einer Mehrtageswanderung, die in sieben Etappen quer durch die Sarntaler Alpen führt.

10/ Cimon della Pala (3184 m)

Cervino delle Dolomiti

Obwohl er von der Cima Vezzana (3192 m) um wenige Meter überragt wird, ist der Cimon della Pala – nur getrennt durch den Passo del Travignolo – der bekannteste Gipfel der Palagruppe. Der Grund liegt auf der Hand: Wer vom Rolle-Pass aus diese Felsspitze mit der eleganten Silhouette bewundert, denkt unwillkürlich an ein »Matterhorn der Dolomiten«, das die Italiener »Cervino delle Dolomiti« nennen.

1869 versuchte sich Paul Grohmann am heutigen Normalweg, musste jedoch vor dem Gipfel aufgeben. Im Januar des folgenden Jahres hielt der Pala-Pionier Leslie Stephen einen Vortrag vor dem »Alpine Club« in London, in dem er bekräftigte, sich weitere Erstbesteigungen in der Palagruppe nicht vorstellen zu können: »Ich bin geneigt zu glauben, und mache mir kein Gewissen daraus glühend zu hoffen, dass diese Berge unüberwindlich bleiben mögen. Ich meinesteils habe keine Hoffnung sie zu ersteigen, und ich kann nicht sagen, ich wünsche, dass dieser Ruhm sonst jemand zufalle.« Unter den Zuhörern befand sich damals Edward R. Whitwell, dem noch im Juni desselben Jahres mit dem Schweizer Christian Lauener und Santo Siorpaes die Erstbegehung des Cimon glückte. Die drei wählten anders als Grohmann den objektiv gefährlichen, heute kaum noch begangenen Anstieg vom Travignolo-Gletscher durch die Nordwand (III) und erreichten am 3. Juni 1870 als erste den Gipfel. Das Husarenstück löste eine Welle von Erstbesteigungen aus, so dass innerhalb von 20 Jahren alle Pala-Gipfel bezwungen waren. Später schaffte es der Cimon neben dem Markuslöwen sogar aufs Wappen der italienischen Finanzpolizei Guardia di Finanza, die im Pala-Gebiet zwei Kasernen unterhielt.