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Eine Frau auf großer Fahrt


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HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 18.03.2022

GESCHICHTE

„IN MIR LAG DAS DR ÄNGEN NACH DEM GROSSEN UNBEKANNTEN.“

CLÄRENORE STINNES (1901–1990)

Artikelbild für den Artikel "Eine Frau auf großer Fahrt" aus der Ausgabe 12/2022 von HÖRZU. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 12/2022

Als andere Mädchen noch mit Puppen spielen, fährt Clärenore Stinnes bereits Auto. Die Elfjährige scheucht auf einem Feldweg den Chauffeur ihres Vaters vom Lenkrad und übernimmt selbst das Steuer. Diese Extratour ist typisch für das dritte von sieben Kindern des Ruhrbarons Hugo Stinnes (1870 – 1924). „Soweit ich in meine Kindertage zurückblicken kann, war ich nie frei von dem Wunsch nach Abenteuern. In mir lag das Drängen nach dem großen Unbekannten“, erinnert sich Clärenore Stinnes später.

Tatsächlich rast sie als junge Frau den Konventionen ihrer Zeit davon. Clärenore Stinnes, 1901 geboren, umrundet von 1927 bis 1929 als erster Mensch im Auto die Erde. Eine Doku (siehe TV-Tipp Seite 22) über Frauen in der Geschichte des Automobils greift ihre waghalsige Pioniertat auf. Die Weltreise startet am 25. Mai ...

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... 1927 in Frankfurt am Main. Als Wagen hat sie einen Adler Standard 6 gewählt, sechs Zylinder, 45 PS, Maximalgeschwindigkeit 90 Stundenkilometer. Einziges Extra: Liegesitze. In so einem normalen Gefährt sei der Werbeeffekt für die deutsche Ingenieurskunst am größten, argumentiert sie – und sammelt 100.000 Reichsmark bei Sponsoren. Zum Fuhrpark gehört noch ein Lkw mit Ersatzteilen, Proviant (darunter 128 hart gekochte Eier), Sprit und Filmmaterial sowie drei Pistolen und drei Abendkleidern im Gepäck.

Ein Leben auf der Überholspur

Die 26-Jährige ist zu diesem Zeitpunkt die beste Autorennsportlerin Deutschlands. Es ist bereits ihre zweite Karriere. Zunächst hatte sie ihrem Vater assistiert. Doch als der Patriarch unerwartet früh stirbt, drängt die Familie sie aus der Firma. Sie soll lieber eine gute Partie machen. Aber Clärenore hat den Dickkopf des Vaters geerbt. Sie raucht viel und lacht laut, trägt Bubikopf und immer öfter Rennfahrerkluft. Nach einer Rallye durch Russland verkündet sie mit blitzenden Augen ihre Idee: eine Weltreise im Auto! Ihre Familie ist entsetzt. Doch die Skandaltochter gewinnt Unterstützer wie die Adler-Werke, Bosch und Continental. Sie studiert Karten, plant Routen und Treibstoff-Depots.

Ihr Team: zwei Adler-Mechaniker und der Schwede Carl-Axel Söderström, ein erfahrener Kameramann. Er soll die Reise dokumentieren und als kühler Nordländer einen ausgleichenden Einfluss auf Clärenore Stinnes haben. Die drängt von Beginn an auf Eile. Sie will noch vor dem Winter Russland passieren. Auf dem Balkan geht es über kurvige Bergpisten, schwindelerregende Höhen, schmale Straßen. Nach drei Wochen kommen sie in Istanbul an. Die Behörden schikanieren sie, verweigern Papiere. In der männlich geprägten Welt wundern sich viele über die unverheiratete junge Frau in Hosen, die mit Männern reist.

Sie erreichen Damaskus, doch nun liegt der Glutofen der Syrischen Wüste vor ihnen. Eine Höllenfahrt: 40 Stunden ohne Schlaf, bei 50 Grad im Schatten. Die Belastung ist zu viel für die Wagen. Erst reißt ein Benzintank, dann explodieren die Reifen, schließlich birst ein Öltank. Die Techniker reparieren in der glühenden Sonne, brauchen Erholung. Doch Stinnes treibt sie weiter an.

Über Serpentinen geht es mehr als 2000 Meter hoch in den Kaukasus. Regen hat einen Teil der Straße weggespült, sie verladen die Wagen auf einen Zug, putzen sich die Zähne mit Kühlwasser. Hunger, Durst, Kälte und Schlafmangel setzen ihnen zu. Immer wieder zerren sie die Wagen aus Schlamm oder von Abhängen. Der Proviant geht aus: Stinnes hat alle Konserven verschenkt. Söderström verf lucht die „verdammte Reise“, die Willkür der Chefin. Nach 10.000 Kilometern erreichen sie im August endlich Moskau. Da erkrankt ein Mechaniker schwer und verlässt die Expedition, der zweite gibt auf.

Nur Söderström zieht weiter mit dem Teufelsweib aus Deutschland.

Er ist jetzt auch Fahrer und Techniker. Insgeheim wächst ein Band zwischen dem verheirateten Mann und Clärenore Stinnes. „Sie beklagt sich nie. Sie muss aus Stahl sein“, notiert er beeindruckt. Dann geschieht, was Stinnes vermeiden wollte: Sie fahren hinein ins eisige Messer des sibirischen Winters. Bei Nischni Nowgorod bleiben sie im Schlamm stecken, Pferde ziehen die Karre aus dem Dreck. Oft werden sie angestarrt „wie Wundertiere“, schreibt Söderström im Reisetagebuch. Im Februar 1928 überqueren sie bei Irkutsk den zugefrorenen Baikalsee. Das hat vor ihnen noch niemand gewagt.

„SIE BEKLAGT SICH NIE. SIE MUSS AUS STAHL SEIN.“

CARL-AXEL SÖDERSTRÖM (1893–1976)

In der Mongolei erwarten sie noch mehr Schneemassen, schneidende Winde, Wölfe und Yaks. Anfang März zeigt das Thermometer minus 25 Grad. Sie tauen den Motor mit Holzfeuer und Lötlampen auf. Ein Trupp Hunghutzen, gefährliche Räuber, versperrt ihnen den Weg. Mit Vollgas brechen sie durch. Kurz darauf brennt der Laster mit 400 Liter Benzol und 3000 Meter Zelluloid. Im letzten Moment löschen sie das Feuer. Im März erreichen sie Peking: als Erste mit dem Auto aus Europa. Per Schiff geht es zur nächsten großen Etappe, nach Südamerika. 300 Kilometer hinter Lima, Peru, enden die geteerten Straßen. Ohne Lkw, nur mit dem Standard, holpern sie über Geröll und Hügel. Mehrfach sprengen sie mit Dynamit den Weg frei. Schließlich bleiben sie in einem Felsenfeld stecken, haben kein Wasser mehr. Söderström notiert:

„Wir weinten wie die Kinder. Jeder Schritt brannte wie Feuer. Wir krochen auf allen vieren.“ Irgendwie schaffen sie es. Dann erkrankt Söderström an Lungenentzündung. Abgemagert kommen sie Monate später in Buenos Aires an. Kilometerstand: 25.559. Auf halsbrecherischen Pisten geht es gen Westen bis nach Chile. Als Finale folgt der leichteste Teil der Reise, quer durchs Autoland USA. Die Presse feiert die Europäer, US-Präsident Hoover empfängt sie. Dann, nach 25 Monaten, 46.758 Kilometern und 23 Ländern, erreicht Stinnes ihr Ziel Berlin. Doppeltes Happy End: Sie hat Geschichte geschrieben – und die Liebe ihres Lebens gefunden.

Eine Höllentour mit Happy End

Söderström lässt sich scheiden, die beiden heiraten. Das Paar bekommt drei Kinder und lebt fortan auf dem Land in Schweden.

Große Touren fährt Clärenore Stinnes nicht mehr, aber ihre klare Kante behält sie bei. In einem TV-Interview erinnert sich eine Großnichte: Tante Clärenore habe jeden Raum sofort dominiert und mit Leben gefüllt, Whisky angeboten und ihre Meinung gesagt. Egal, was andere dachten.

DAGO WEYCHARDT