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Eine Frau unter Einfluss


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 26.08.2021

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Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 9/2021

Simbiatu Ajikawo aka Little Simz: ?Pressure makes diamonds?

Fanfaren verkünden ihre Anwesenheit. Streicher, Marschtrommeln und ein himmlisch hoher Chor stacheln sich ge genseitig an, als würde gleich Zarathustra vom Berg steigen. So beginnt „Some times I Might Be Intro vert“, das herausragende neue Album der britischen Rapperin Little Simz. Jeder große Künstler, jede große Künstlerin erlebt diese Phase, die meist ein paar Jahre anhält und in der, mühelos wie durch Magie, jede Entscheidung die richtige ist, jeder Ausdruck zwingend und den Zeitgeist prägend. Neil Tennant hat das in Bezug auf die Pet Shop Boys der späten Achtziger mal die „imperial phase“ seines Duos genannt, die Phase, in der sie unantastbar waren. Die 27-jährige Simz befindet sich gerade genau dort. Sie ist unantastbar. Die Fanfaren, die Streicher, die Marschtrommeln lassen vermuten, dass sie davon auch selbst überzeugt ist, und das ist für eine Rapperin nichts Besonderes. Es gehört zum ...

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... Berufsbild. Das Besondere in ihrem Fall ist, dass es stimmt.

Das dramatische Intro von „Introvert“, so heißt das erste Lied, bedeutet aber noch mehr. Es ist nicht einfach ein Statussymbol, sondern spiegelt mit seiner ohrenbetäubenden Kraft das Thema des Songs wider: den andauernden Kampf schwarzer Menschen für Freiheit, Sicherheit und ein würdevolles Leben. Simz steht im Musikvideo auf den Stufen des Natural History Museums in London, das Skelett eines Blauwals hängt von der Decke, hinter ihr thront eine weiße Statue von Charles Darwin. Es ist noch gar nicht so lange her, da wäre die bloße Anwesenheit einer schwarzen Frau für die weiße Mehrheitsgesellschaft eine unerträgliche Provokation gewesen und der für sie einzige denkbare Platz im ehrwürdigen Museumsgebäude der eines Ausstellungsstücks. „Ich schreibe die Geschichte neu“, sagt Simz im Interview. „Wenn Leute jetzt an diesem Ort sind, können sie sagen: Oh, krass, hier wurde ‚Introvert‘ gedreht!“

„Sometimes I Might Be Introvert“ ist eine einstündige Reise durch die Gedankenwelt der Londonerin. Deren Komplexität findet in der Stilvielfalt des Albums ihre Form. Es ist eine kosmopolitische Collage schwarzer Musik, die das orchestrale Werk „Introvert“ ebenso einschließt wie den groovigen Neo-Soul von „Woman“, die Fela-Kuti-Hommage „Fear No Man“ oder den Trap von „Rollin Stone“. Zum ersten Mal verwendet die Tochter nigerianischer Eltern dabei auch die Musik ihrer Kindheit, nimmt Yoruba-Folk lore und Afrobeat in ihren souligen Sound auf. „Diese Musik ist mir genauso vertraut wie HipHop und Rap“, sagt sie. „Mit dieser Musik bin ich aufgewachsen. This is my roots.“ Im Zentrum steht ihr Rappen, selbstsicher, trocken, das Tempo zieht sie häufig an, die Tonhöhe variiert sie kaum. Nur manchmal, wenn sie besonders druckvoll und drängend wird, geht sie mit der Stimme langsam hoch und steigert die Intensität, am Ende des furiosen „Standing Ovation“ zum Beispiel, einer Selbstermächtigung historischer Dimension: „Take over businesses, tell the kids start investing/ We built the Pyramids, can’t you see what we are blessed with?“

Der Titel des Albums, nimmt man die jeweils ersten Buchstaben der Wörter, ergibt „Simbi“, die verniedlichte Form ihres Vornamens Simbiatu. Ihre Promoterin richtet vor dem Gespräch aus, dass sie aber nicht so, sondern als „Simz“ anzusprechen sei. „Simz the artist or Simbi the person?“, rappt sie auf „Introvert“ und deutet die Unmöglichkeit dieser Trennung an. „To you I’m smiling, but really, I’m hurting.“ Der Song ist ein Abbild ihres Hin-und-Hergerissen-Seins, des Wechsels zwischen Egotrips und Schuldgefühlen, des Wissens, es geschafft zu haben, und des Wissens, eine Ausnahme zu sein. Im Refrain findet sie aber zur Bekräftigung der Gemeinschaft zurück. Darin heißt es, der apokalyptischen Grundstimmung des Zeitgeists trotzend: „The world’s not over/ I will make it, don’t you cry/ In God we trust/ ’Cause we’re not alone.“

So sprachmächtig sich Simz in ihren Songs zeigt, so zurückhaltend bleibt sie im Interview. Die Webcam lässt sie ausgeschaltet, ihre Antworten sind knapp, höflich und so persönlich wie Pressemitteilungen. In jedem Porträt über sie steht, und in diesem steht es nun auch, was für eine zögerliche Gesprächspartnerin sie ist. Und es ist ja verständlich: Was sollte eine Rapperin, die so dichte, berührende Texte schreibt wie sie und die diese mit einer derartigen Dringlichkeit performt, den Songs noch hinzuzufügen haben? In ihnen ist ja alles gesagt. Und es ist nicht zu erwarten, dass eine Künstlerin, nur weil sie sich in ihrer Kunst offen und verwundbar zeigt, im Gespräch darüber einen ähnlich bedeutsamen Einblick in ihre Gedanken geben muss. Nicht umsonst bezeichnet sie sich als „Introvert“ und sagt in jenem Song selbst: „One day I’m wordless, next day I’m a wordsmith.“ An einem Tag fehlen ihr die Worte, am nächsten ist sie wortgewandt.

„Ich versuche den Erwartungen gerecht zu werden. Ich stecke alles, was ich habe, in das, was ich erschaffe“

Zumal die Themen, über die sie auf ihrem neuen Album schreibt, besonders schmerzvolle, persönliche sind, über die sich schreiben, aber nicht sprechen lässt, jedenfalls nicht mit einem fremden Journalisten. In „I Love You I Hate You“ richtet sie sich an ihren Vater, der die Familie verließ, als sie elf war. In dieser direkten Anrede verdeutlicht sie, wie nachhaltig er sie damit verletzt hat: „My ego won’t fully allow me to say that I miss you/ A woman who hasn’t confronted all her daddy issues.“ Es ist aber keine Anklage, sondern der Versuch, Empathie für ihren Vater zu empfinden und zu verstehen, in welchem Schmerz sein verletzendes Verhalten begründet ist. Überhaupt ist der Versuch, das Leid anderer Menschen nachzuempfinden und menschliches, allzu menschliches Verhalten nicht zu verurteilen, sondern empathisch zu betrachten, die Wurzel dieses wuchernden Albums. „Jeder und jede ist menschlich, das sollte nie vergessen werden“, sagt sie. „Man kann superreligiös sein und ist trotzdem menschlich und nicht perfekt. Liebe und Mitgefühl zu empfinden, mit anderen Menschen, aber auch mit sich selbst, ist ein ganz entscheidender Gedanke des Albums.“

„Sometimes I Might Be Introvert“ erinnert in seiner Vielfalt, seiner Geschmackssicherheit und seinen Themen nicht zufällig an die gefeierten Alben des mysteriösen afrobritischen Kollektivs Sault. Dessen vollständiges Line-up ist noch immer unbekannt, aber darunter sind Musiker, mit denen Simz seit Jahren zusammenarbeitet und die auch ihr neues Album entscheidend geprägt haben. Die tolle Soul-Sängerin Cleo Sol zum Beispiel, deren sanfte, helle Stimme häufig die Refrains übernimmt und mit den härteren Strophen kontrastiert. Oder der Produzent Inflo, eine zentrale Figur der gegenwärtigen Londoner Szene, eine Art Universalgelehrter schwarzer Musik, der auf „Some times I Might Be Intro vert“ die Bandbreite seines Könnens demonstriert. Sein Sound ist unmittelbar, direkt, mitreißend, jedes Element ist an seinem Platz, und selbst große Klangräume überfrachtet er nie. Er scheint hier vor allem vom sinfonischen Soul der Siebziger beeinflusst zu sein und verbindet groovende Rhythmusgruppen mit Orchestern, als wäre deren lebendiges Zusammenspiel eine Selbstverständlichkeit. Er hält es wie seine Kollegen und lässt die Musik für sich sprechen, meidet die Öffentlichkeit, hat nicht einmal einen Wikipedia-Artikel und fliegt wohl auch deshalb noch immer unter dem Radar.

„Da ist ganz viel Vertrauen“, sagt Simz über ihre Zusammenarbeit mit Inflo, den sie seit Kindheitstagen kennt. „Wenn man kreativ ist, ist es wichtig, ein Umfeld zu haben, das einen frei sein lässt, ein Umfeld, in dem man sich ausprobieren kann, ohne Angst zu haben, etwas Peinliches zu machen oder verurteilt zu werden. Das bieten wir uns gegenseitig.“ Im Grunde habe sich seit ihrer frühen Teenagerzeit wenig geändert. Schon damals habe Inflo ihr Beats geschickt, auf die sie dann gerappt hat. „Natürlich sind wir besser geworden und haben viel dazugelernt“, sagt sie. „Aber die Basis, die grundlegende Chemie ist noch immer die gleiche. Ich vertraue seinem Ohr, er vertraut meinem. Er hat einen guten Geschmack, ich hab einen guten Geschmack.“

Simbiatu ajikawo alias little Simz wurde 1994 in London geboren. Sie wuchs in einer strukturschwachen Gegend im Norden der Stadt auf. Die Serie „Top Boy“, eine öffentlich-rechtliche Produktion, zeigt eine Nachbarschaft wie ihre und porträtiert in „The Wire“-Manier das Aufwachsen zwischen Sozialbauten und organisierter Kriminalität. „Endlich eine Serie, die unser Leben abbildet“, habe sie gedacht, als 2011 die erste Staffel startete. Vor zwei Jahren wurde die Serie von Netflix weitergeführt, diesmal mit Simz in einer Hauptrolle. Denn Schauspielerin ist sie auch, schon seit ihrer frühen Teenagerzeit, als sie bei einem offenen Casting für „Spirit Warriors“ entdeckt wurde, eine trashige Jugendserie, in der ihre Figur sich bei einem Museumsbesuch in eine Geisterkriegerin verwandelt und in eine Parallelwelt übertritt. Eine künstlerisch befriedigende Erfahrung wird die Rolle der Geisterkriegerin nicht gewesen sein. Aber für eine aufstrebende Musikerin, die sich ihre Kunst finanzieren muss, gibt es Schlimmeres.

Sie sei genau die Version ihrer selbst, die sie sich als Mädchen immer vorgestellt hat, rappt sie in dem neuen Song „How Did You Get Here“. Das Lied ist ein Selbstporträt der Künstlerin als junge Frau, sie rappt darüber, wie sie in der Schule nicht aufpasste, weil sie nur über ihre Musik nachdenken konnte, wie sie auf dem Pausenhof ihre Mixtapes verteilte, wie ihre Mutter ihr sagte, dass sie sich als schwarze Frau doppelt so sehr anstrengen müsse, um es zu etwas zu bringen. Manchmal schaut sie in ihre alten Notizbücher, erzählt sie im Interview, und liest ihre alten Texte. „Ich sehe dann an meiner Schrift, an welchen Stellen ich mich beim Schreiben beeilen musste, mit meinen Gedanken mitzuhalten, und an welchen Stellen ich mir mehr Zeit lassen konnte.“ Sie studierte Alben von Jay‐Z und Kanye West, von Missy Elliott und OutKast, hörte genau hin, lernte, wo der Flow herkam, wie sie einen Sprachrhythmus etablierten und variierten. Nach der Schule studierte sie kurze Zeit Musiktechnologie, brach das Studium aber schnell wieder ab. Es stand ihr nur im Weg.

Im Jahr 2015, da war sie 21, veröffentlichte sie ihr erstes Album. Unter Szenefiguren sorgte es für Aufsehen, Kendrick Lamar lobte es in einer Radiosendung, aber der Durchbruch blieb vorerst aus. Es war ihr drittes Album, „Grey Area“ (2019), das dann überall einschlug, das erste Album, das Inflo produzierte, ein Auftritt voller Attitüde und Energie, mit knackigen Grooves aus echten Instrumenten und einer langen Liste großer Lines. „I’m a boss in a fucking dress“, rappt sie. Bei aller Selbstermächtigung geht es auch um den Druck, den sie empfindet, den Druck, der mit ihrer Identität als schwarzer Frau einhergeht, den Druck, erfolgreich zu sein, den Druck, den sie sich selbst macht. Ein Thema, das sie nun auf „Some times I Might Be Intro vert“ wieder aufgreift.

In Zwischenspielen spricht da eine Stimme zu ihr. Ist es Gott? Ihr Gewissen? Prinzessin Diana? (Eine nicht ganz weit hergeholte Interpretation, denn die Stimme ist die der „The Crown“-Schauspielerin Emma Corrin, und Lady Di, so Simz, sei auch ein introvertierter Mensch gewesen.) „Lass dir Zeit“, sagt die Stimme. „Einatmen. Ausatmen. Willst du 15 Jahre oder 15 Minuten?“ Simz antwortet: „Ich versuche den Erwartungen gerecht zu werden. Ich stecke alles, was ich habe, in das, was ich erschaffe.“

Anders kann ein Album wie dieses auch nicht entstehen. „Pres sure makes dia monds“, wie die Diana-Stimme sagt, unter Druck entstehen Diamanten. Dass ihre Ambition, ihr unbedingter Schaffenswille sie nicht bloß in künstlerische Höhen steigen, sondern auch in persönliche Tiefen stürzen lässt, deutet sie nicht nur in diesen dialogischen Zwischenspielen an. Die Hingabe zur Kunst kann zum Aufgeben menschlicher Nähe führen. Aus dem Spannungsfeld zwischen „Simz the artist or Simbi the person?“ speist sich die Energie der Songs. „Ich weiß, dass ich noch viel zu lernen habe“, antwortet Simz der Stimme. Das mag für die Privatperson Simbi zutreffen, nicht aber für die Künstlerin Simz.

Die ist gerade unangreifbar.