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Eine Ikone verblasst


Spiegel Biografie - epaper ⋅ Ausgabe 2/2018 vom 23.05.2018

Korruption und soziale Gegensätze haben Südafrika in eine Depression geführt. Kann der neue Präsident Ramaphosa Mandelas Vermächtnis retten?


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Bildquelle: Spiegel Biografie, Ausgabe 2/2018

IDYLL
Hermanus ist der Sehnsuchtsort vieler reicher weißer Südafrikaner, in dem die Segregation beinahe wie zu Apartheidzeiten fortbesteht


Seine Mutter hat es gut mit ihm gemeint, dem jungen, freundlichen Schwarzen, der in dem kleinen Restaurant die Gäste zum Dinner mit dem Satz begrüßt: »Good evening, my name is Happy.«

Kein schlechter Einstieg in ein Kundengespräch. Und nach ein paar Minuten mit Happy, seinem federleichten, selbstbewussten Auftreten, mag man sich ...

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... keinen anderen Namen mehr für den Oberkellner in Jeans und weißem Hemd vorstellen. Unter Südafrikas Schwarzen sind Vornamen oft ein Bekenntnis zur Herkunft, zur Glaubensnähe, ein Versuch der Anpassung oder ein Akt der Auflehnung. Häufig ist der Name das Einzige, was Eltern ihren Kindern vermachen können.

Happy gehört zu jener Generation schwarzer Südafrikaner, die noch während der Apartheid geboren wurden und für die als Kind, plötzlich und ohne eigenes Zutun, das Leben eine dramatische Wende nahm. Vorbei die Herrschaft des weißen Mannes, aufgehoben die vielen Regeln und Verbote, endlich Mensch sein, gleich und frei. Ist Happy also glücklich?


»Unter den Stämmen in Südafrika herrschen von jeher Zwist, Neid, Gewalt, Brutalität.«


Mit sich selbst, seinem Job, seiner Familie ganz sicher. Mit dem Land, der Regierung, dem schwarzen Teil der Gesellschaft? Überhaupt nicht.

Als Happy Anfang der Achtzigerjahre zur Schule ging, war Nelson Mandela der Mann, der auf Robben Island im Gefängnis saß, lebenslänglich. Ein »Terrorist «, dessen Bomben Menschenleben gefährdet hatten.

Ein Feind des Staates, sagt Happy, im Geschichtsunterricht sei Mandela nicht vorgekommen. »Da lernten wir, wie Mussolini Äthiopien überfiel«, erinnert er sich.

Aber müsse er als Schwarzer nicht froh und stolz sein, dass Mandela sein Land vom Joch der Weißen befreit habe?

Happy wird jetzt sehr ernst. Er fühlt sich herausgefordert, nein, nein, so einfach sei das nicht: »Mandela gehört wie alle Schwarzen hier einem Stamm an. Und in Südafrika gibt es viele Stämme. Und unter ihnen herrschen von jeher Zwist, Neid, Korruption, Gewalt, Brutalität.«

Klar, de Klerk und seine Vorgänger seien Weiße und Rassisten gewesen, die die Apartheid erfunden hätten, aber Rassismus sei auch Schwarzen nicht fremd. Sie verhielten sich rassistisch gegenüber den anderen Volksgruppen. »Keinem ANC-Politiker ist die Vereini gung der Schwarzen gelungen, weil jeder erst einmal an seinen Stamm gedacht hat. Oder von seinem Stamm aufgefordert wurde, jetzt, da er an der Macht sei, für seinesgleichen zu sorgen«, so sieht es Happy. Etwas später bittet er, das Restaurant möge nicht genannt werden, er wolle keinen Ärger. Nur eines noch: »Mit der heute an der Macht befindlichen Politikergeneration ist dieser Stammesegoismus nicht zu beseitigen.«

Zu Apartheidzeiten war Südafrika, zumindest scheinbar, ein überschaubares Land: hier die Weißen, dort die Schwarzen, dazu noch die »Coloureds«, die Nachfahren von Sklaven und Zuwanderern.

Heute ist alles vielschichtiger, komplizierter: Die seit 1997 gültige Verfassung gewährt neun verschiedenen Sprachen der Schwarzen den Status einer offiziellen Landessprache. 16 Prozent sprechen Xhosa, so wie Mandela und sein Nachfolger Thabo Mbeki. 23 Prozent gehören zur Gruppe der Zulu, so wie Jacob Zuma, der im Februar dieses Jahres entmachtete Präsident. Das Verhältnis der Xhosa und Zulu erinnert zuweilen an Katholiken und Protestanten in Nordirland.

ARMUT
Für die meisten in der Township Zwelihle hat sich die wirtschaftliche Lage seit der Machtübernahme der Schwarzen kaum verbessert.


Auch die weiße Gesellschaft, die acht Prozent der Bevölkerung stellt, driftet auseinander. Vor gut hundert Jahren kämpften Buren, also die Nachkommen der Ursiedler aus den Niederlanden, und Engländer, die Gesandten der Kolonialmacht Großbritannien, noch gegeneinander. Ihre Unterschiedlichkeit pflegen und vererben diese beiden Volksgruppen bis heute; manche sind sich so fremd und voller Ressentiments wie Xhosa und Zulu.

Viele Weiße sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten ökonomisch abgestürzt, haben ihre Jobs im öffentlichen Dienst an Schwarze verloren, beklagen Inflation, hohe Kreditzinsen und die Willkür der neuen Bürokratie. An manchen Ampeln sind es nicht allein mehr Schwarze, die für ein paar Münzen die Frontscheibe putzen wollen oder einfach um Geld betteln – auch Weiße landen heute auf der Straße. Mandelas Vermächtnis?

Von einer geeinten Nation kann keine Rede sein. Seit das Land am Kap nicht mehr als Paria der Weltgemeinschaft verachtet wird, sondern sich zum Ma gneten für Geschäftemacher, Glücksritter und Pensionäre entwickelte, haben Vielfalt und Eigensinn zugenommen: Einwanderer aus Europa, die Pensionen oder Weinfarmen übernehmen, Armutsmigranten aus Simbabwe, Malawi, Nigeria oder Somalia, dazu Investoren, die immer schon da waren, wie Briten, Amerikaner oder Deutsche, und solche, die neue Anlagemöglichkeiten für ihr Vermögen suchen, wie Russen oder Chinesen.

1993 erhielten Nelson Mandela und Frederik Willem de Klerk den Friedensnobelpreis für ihr Wunderwerk, einen rassistischen Polizeistaat vergleichsweise friedlich in ein freies, demokratisches Land überführt zu haben. Damals entstand das Bild der Regenbogennation. Die Farben sollten stehen für die Mixtur und das Zusammenleben der Ethnien. Wenn man die Menschen in Südafrika, ob weiß oder schwarz, im 100. Geburtsjahr Mandelas nach diesem Begriff fragt, ist die Reaktion ernüchtert bis zornig. Die Farben des Regenbogens stehen für sie eher für die Vielfalt der Probleme: Korruption, Kriminalität, Bildungsarmut, Zuwanderung, Rassismus, Aids, Chancenungleichheit.

In einer Stadt am Kap scheinen diese Probleme keine große Rolle zu spielen. Es ist der Sehnsuchtsort der reichen, weißen Südafrikaner – weil hier, in Teilen, die alte Zeit noch fortdauert. Es ist der Ort, in dem Happy arbeitet, aber das ist reiner Zufall.

PENDLER
Morgens machen die Schwarzen sich aus der Township Zwelihle auf den Weg nach Hermanus, wo sie für die Weißen putzen, gärtnern oder mauern.


Hermanus, rund 35000 Einwohner, liegt anderthalb Autostunden südöstlich von Kapstadt, es ist bei Touristen beliebt, weil man von den Klippen des Küstenorts aus Wale beobachten kann. Ein Idyll mit Sandstränden, Buchten, Wanderwegen durch ein Naturschutzgebiet. Ein bisschen Sylt, ein bisschen Cape Cod.

Noch beliebter ist es bei den bessergestellten Südafrikanern aus Johannesburg und Pretoria, aus Provinzen wie Gauteng oder KwaZulu-Natal. Sie haben den Immobilienmarkt leer gekauft, die Preise hochgetrieben und nun einen Boom für Rentnersiedlungen entfacht. »Hermanus ist die am meisten wachsende Stadt der Provinz Westkap«, sagt De Waal Steyn, Chefredakteur der »Village News«, und er kennt auch das Motiv der Zugezogenen: Sie kämen nach Hermanus, weil Gewalt, Mord, Drogen noch nicht in die weißen Gebiete übergesprungen seien; weil Korruption nicht alles ruiniert habe. »Die Leute fliehen vor der Realität ihrer Heimatorte«, sagt Steyn. Man nennt sie »Semigrants«.

Hermanus ist für sie wie eine Reise in die gute alte Zeit – nur mit mehr Malls, mehr Touristen, besseren Straßen. Kein Vergleich zu den Metropolen wie Durban, wo die Integration, die räumliche Vermischung von Weißen und Schwarzen, weit fortgeschritten ist. In Hermanus finden viele die Welt noch heil: Morgens kommen die Schwarzen zu Fuß oder im Minibus aus der Township in den Ort, um zu gärtnern, zu putzen, zu mauern – oder was die Weißen eben so für Jobs zu vergeben haben. Und am späten Nachmittag treten sie wieder den Heimweg an, bis auf die Kellner, Spülkräfte und Parkwächter, die haben auch abends zu tun.

»In keiner Stadt am Kap«, zitiert der Journalist Steyn aus einer Regierungsstudie, »besteht die Segregation der Milieus so konsequent fort wie in Hermanus. « Weiße, Coloureds, Schwarze, alle haben ihre abgeschotteten Lebensräume. Man lebt nicht miteinander, sondern aneinander vorbei. Der politisch gewollten Rassentrennung ist in Hermanus eine ökonomisch bedingte gefolgt. Um 20 Prozent sind die Immobilienpreise in den vergangenen drei Jahren geklettert. Da können selbst die Aufsteiger der vergangenen zwei Jahrzehnte – der junge schwarze Mittelstand aus Beamten, Bank angestellten oder Handwerkern – nicht mithalten.

Für nicht wenige im weißen Hermanus wäre das im Übrigen der Albtraum schlechthin: dass einer dieser neuen Klasse die Segregationsschranke überwindet, sich einfach ein Haus in der für ihn falschen Gegend kauft. Die Sorge um den Wert des Eigenheims, um die Reinheit des Viertels ist groß – auch wenn der neue Nachbar jener dunkelhäutige Klempner wäre, dessen Zuverlässigkeit man eigentlich schätzt. Beispiele für den Boom in Hermanus gibt es reichlich, an der Einfallstraße etwa der neue Einkaufs palast Whale Coast Mall, ein paar Blocks nur ent fernt von der Township, eine Tagesklinik, ein Krebstherapiezentrum.

Auch die private Curro School hat zum Jahresbeginn einen Erweiterungsbau eingeweiht, mit ITRäumen und Hallenschwimmbad. Der Schuldirektor zitierte bei der Eröffnung Nelson Mandela: »Bildung ist die machtvollste Waffe, um die Welt zu ändern.« Das klang etwas verlogen, zumindest hohl, schließlich müssen die Eltern der Curro-Schüler jeden Monat 3500 Rand (230 Euro) Schulgebühr abdrücken, was sich selbst viele Weiße nicht mehr leisten können. Was denken die Schüler also über den nationalen Helden, wo doch die reale Entwicklung des Landes wie eine Naturgewalt über Mandelas fromme Visionen hinweggefegt ist?

Emil ist 17 Jahre alt, weiß, Sohn eines Werbekaufmanns, dieses Jahr macht er »Matric«, das Abitur nach 12 Jahren. Emil spricht dieses leicht näselnde, vornehme Englisch, mit dem er in Oxford bestens durchkäme. »Mandela hat Gutes fürs Land bewegt «, dies sei die Botschaft der Eltern, der Lehrer, das sei »common sense«. Aber Präsident Jacob Zuma sei nicht Mandelas Linie gefolgt, neun Jahre lang habe er »Rassismus andersherum « praktiziert. »Nun werden die Weißen benachteiligt.« Vor allem trifft es die junge Generation, deren Jobchancen lausig sind in Südafrika.


»Es ist eine Tragik, dass Mandela nicht früher das Land übernehmen konnte.«


Im ersten Jahr »History« hat Emils Klasse die europäische Geschichte gelernt, danach gab es »Mandela in allen Einzelheiten«. Dazu zählen auch Begegnungen mit Weggefährten wie Denis Theodore Goldberg, der als Weißer und bekennender Kommunist in den frühen Sechzigerjahren zum militärischen Arm des ANC gehörte und Bomben für den Befreiungskampf bastelte.

Voriges Jahr besuchte Goldberg, 85, Emils Schule. »Er ist nicht mehr fit«, berichtet Emil, »er braucht ein Atemhilfsgerät, aber er ist eine faszinierende Persönlichkeit und wird nicht müde, seine Geschichte zu erzählen.« Goldberg beklagte den Werteverfall im ANC, dass sich Zuma nur um seine Schwarzen kümmere, die Idee der Regenbogennation verraten habe. Mandelas Mitstreiter macht sich Vorwürfe: »Wir Alten haben zu lange geschwiegen.«

Die Frage treibt viele Weiße um, die anfangs fasziniert waren von Mandelas Klugheit und Konsequenz: Warum hat er zugelassen, dass Zuma das Land in eine große Depression führen konnte, wirtschaftlich und mental?

Hedda Mittner war als junge Frau auch ein Mandela-Fan. Aufgewachsen in einer liberalen Familie, teils mit österreichischen Wurzeln, hatte sie als Kind die Auswüchse der Apartheid erlebt, mit maximaler Konfrontation und Ausgrenzung, mit Terror, Deportation, Widerstand. »Eine Demokratie von unten konnte sich diese weiße Gesellschaft nicht mal vorstellen «, erinnert sich Mittner.

Und dann kam dieser Mandela frei, bescheinigte dem weißen Staatschef de Klerk, er sei »ein ehrlicher Mann«, und verbot seinen schwarzen Brüdern, ihrem »Verlangen nach Rache« nachzugeben. »Das Land war euphorisch, ein wundervolles Gefühl«, sagt Mittner. Mandela habe sogar die Herzen der Buren gewonnen, der konservativen Farmer, weil er offen auf sie zuging, in ihrer Sprache mit ihnen redete. Afrikaans hatte er von seinen Wärtern im Knast gelernt. Hedda Mittner schreibt heute Kolumnen über die Wein- und Gastroszene im Großraum Hermanus. Da lernt man die Nöte der Leute gut kennen. »Es ist eine Tragik, dass Mandela nicht früher, in jüngeren Jahren, das Land übernehmen konnte.« Dann hätte er sicher eine zweite Amts periode regiert – »und wir wären jetzt weiter«.

Denn darin sind sich viele einig in dieser unvereinten Nation: Man dela war ein singuläres Ereignis, eine singuläre Chance.

KRITIKER
Der Lokaljournalist De Waal Steyn beobachtet, wie die Stadt Hermanus boomt. Der schwarze Mittelstand kann sich die Immobilienpreise aber nicht leisten.


Auf Mandela folgte Thabo Mbeki, ein in England studierter Wirtschaftsmann, selbst in den Augen der Weißen kompetent, weltoffen – aber völlig frei von Nahbarkeit, Wärme und Charisma. Mbeki wiederum wurde am Ende seiner Legis latur gestürzt von den Zulu und deren Führer Jacob Zuma. Charisma hatte Zuma im Übermaß, allerdings in jener Ausprägung der Demagogen, Despoten und Ruchlosen.

Nach fast einem Jahrzehnt unter Zuma hat Südafrika den Weg so vieler afrikanischer Länder genommen, in denen auf ein weißes Regime eine schwarze Regierung folgte. Die wirtschaftliche Si tuation der Mehrheit der Schwarzen blieb gleich, die Korruption fraß sich bis in kleinste Amtsstuben. Zuma drohte eine Anklage wegen Korruption in fast 800 Fällen; er konnte sie abwenden, weil er Leute schmierte, die ihn schützten, weil er einen Kordon der Treuen und Abhängigen um sich spannte.

»Die politische Klasse im ANC«, so sieht es Hedda Mittner, »hat Mandelas Vermächtnis zerstört.« Die Buren, immer noch traditionsbewusst, erinnern an jedem 16. Dezember an ihren »Voortrekker«Zug ins Landesinnere und die entscheidende Schlacht 1838 gegen die Zulu. Die Eckdaten aus Mandelas Leben spielen hingegen keine Rolle. Ob Geburtsoder Todestag, seine Entlassung aus dem Gefängnis oder die Regierungsübernahme: An nichts wird öffentlich gemahnt oder gedacht. Eine Ikone verblasst.

Warum soll ein Schwarzer die Figur der Zeitenwende aber auch preisen, wenn sich so viel für ihn gar nicht geändert hat? Wenn er jetzt zwar wählen darf, er aber weiterhin unter Wellblech haust, keine regelmäßige Arbeit hat und für den Schulbus der Kinder zahlen muss? Die Schere zwischen Arm und Reich geht auch in der schwarzen Community weiterhin auseinander.

Längst wenden sich viele Schwarze von Mandelas ANC ab. Sie folgen den ultralinken Rufen des vom ANC verstoßenen Julius Malema, der eine »ver ra tene Revolution« anprangert und dessen Partei EFF Umverteilung bis hin zur Enteignung propagiert. Oder sie wandern ab zur DA, der Democratic Alliance, im Kern eine alte Weißenpartei, die sich zu einem liberalen Sammelbecken des Mittelstands, gleich welcher Haut farbe, entwickelt hat.

Elnora Gillion ist so eine typische Vertreterin. Kurz nach Mandelas Amtseinführung trat sie ins Berufs leben ein, bekam sie eine Anstellung bei einer Bank. Sie stammt aus einer Coloured-Familie, in der, wie die 43-Jährige sagt, immer über Politik diskutiert worden sei, die Eltern sich für gleiche Bürgerrechte engagiert hätten. Und weil jemand »die Fehler der Vergangenheit zurückdrehen« müsse, hat sie sich der DA angeschlossen. Sie habe einfach etwas dafür tun wollen, »dass die so ziale und ökonomische Ungleichheit geringer wird«.


Eine Anklage wegen Korruption in fast 800 Fällen konnte Zuma abwenden, weil er einen Kordon der Treuen und Abhängigen um sich spannte.


Bei den Kommunalwahlen 2016 holte die DA im Großraum Hermanus 16 Sitze, der ANC 8, die EFF einen – und das, obwohl der Anteil der Weißen in diesem Gebiet weniger als ein Drittel beträgt. Gillion hat den Job bei der Absa-Bank aufgegeben, sitzt nun nicht nur als »Councillor« im Gemeinderat, sie regiert auch, als Vizebürgermeisterin, zuständig für die lokale Wirtschaft, Tourismus und Naturschutz.

Ihr Büro ist im Rathaus von Hermanus, einem weißen Flachbau, zweckmäßig, null repräsentativ. Ob sie sich Mandelas Ideen verpflichtet fühlt? Der Idee einer freien, gleichen, nicht rassistischen, nicht sexistischen Gesellschaft ganz gewiss. »Worauf es jetzt aber ankommt, ist wirtschaftliche Stabilität, bessere Bildung und neue Jobs, speziell für die jungen Leute.«

Viele von Gillions farbigen Parteikollegen waren früher im ANC oder zumindest Unterstützer dieser alten, stolzen Institution. Den letzten großen Zulauf erhielt die DA, nachdem sie 2015 einen Schwarzen an ihre Spitze gewählt hatte: Mmusi Maimane, als Sohn einer Xhosa und eines Motswana in Soweto aufgewachsen, hat Psychologie und Theologie studiert, eine südafrikanische Weiße geheiratet und in Johannesburg mal eben 35 Prozent der Stimmen für die DA geholt. Ein Traumkandidat.

Einer, der dem ANC Sorgen macht. In den Großstädten Johannesburg, Pretoria und Port Elizabeth ist die DA jetzt stärkste Kraft, in der Provinz Westkap mit der Metropole Kapstadt regiert sie schon seit 2009. Elnora Gillion glaubt, dass bei der Parlamentswahl 2019 die DA eine gute Chance hat, als Koalitionär an die Macht zu kommen. »Wir sind die Partei der Mitte, in der sich ganz verschiedene Menschen wiederfinden können.«

Mandelas Nachfolger haben auf diese Herausforderung reagiert. Gut ein Jahr vor der Wahl haben sie Zuma zum Rücktritt gedrängt. Bei der Neu besetzung kam es auf dem ANC Parteitag im Dezember vergangenen Jahres zu einem ziemlich schmut zigen Duell. Zuma und seine An hänger wollten Zumas Ex-Ehefrau an die Spitze bringen, die parteiinterne Opposition verständigte sich auf Cyril Ramaphosa. Der Jurist galt in den Neunzigern mal als Kronprinz Mandelas. Als der ANC aber Mbeki vorzog, trollte sich der ehe malige Gewerkschaftsführer, ging in die Wirtschaft und häufte ein Millionenvermögen an.

AUFBRUCH
Als Vizebürgermeisterin von Hermanus will Elnora Gillion sich für wirtschaftlichen Aufschwung, Bildung und Jobs einsetzen. Ihre Partei Democratic Alliance hat den ANC vielerorts verdrängt.


De Waal Steyn, der Chef der »Village News«, hat Mandela damals als junger Reporter in Johannesburg erlebt. »Er grüßte jeden Journalisten persönlich, merkte sich die Namen von allen, mit denen er einmal zu tun gehabt hatte.« Cyril Ramaphosa, der von den ANC-Delegierten mit knapper Mehrheit gewählt wurde, sei nicht annähernd so ein Menschenfänger wie Mandela, aber die Bilanz der ersten Monate lässt Steyn hoffen

TREFFPUNKT
Am Grotto Beach begegnen sich die Familien aller Couleur. Nach dem Strandbesuch fährt jeder in seinen ab geschotteten Lebensraum.


Ramaphosa ist angetreten mit dem Versprechen, die Korruption im Land zu zerschlagen – eine Mammutaufgabe angesichts der vielen Staatsdiener, die auf dem Zuma-Ticket auf ihre Posten geraten sind. Zugleich hat Südafrikas neuer Führer ein heikles und ewig junges Thema angefasst: eine Landreform, die Schwarzen leichteren Zugang zur eigenen Scholle ermöglichen soll.

Im Februar erklärte Ramaphosa, er wolle dazu die Verfassung ändern, Mandelas Verfassung. Land könne künftig auch ohne Entschädigung weg genommen werden, so hat er es verbrieft – was weiße Farmer nur als Carte blanche für Enteignungen werten konnten. Alles nicht so gemeint, versuchte Ramaphosa zu beruhigen, alles werde rechtsstaatlich ausgestaltet werden. Für die zweite Jahreshälfte hat er ein Gesetz angekündigt. Bis dahin liegen die Nerven blank.

In Hermanus, dem Idyll, wollte eine Gruppe Schwarzer so lange nicht warten. Sie seien »müde von den leeren Versprechungen« gewesen, so ihr Anführer, seien es leid, in Hütten zu leben und seit Jahren vertröstet zu werden. Sie steckten in der Township einfach ein Stück Brachland ab, marschierten zum Bürgermeister und forderten Wasser- und Strom anschluss. Als das abgelehnt wurde, eskalierte die Lage.

Hunderte Schwarze besetzten den Grund, eine gleichfalls teils schwarze Sicherheitstruppe räumte das Gelände, sperrte 69 Protestler ein, was die Anwohner so erzürnte, dass es zu schweren Tumulten kam, an deren Ende eine Polizeiwache und eine Bücherei in Brand standen.

Vier Tage lang herrschte Ausnahmezustand im Paradies der Weißen, sie mussten ihre Geschäfte schließen, weil ihr Personal in Zwelihle geblieben war, um zu demonstrieren.

Manche Weiße fürchteten, jetzt versinke auch Hermanus im Chaos. Andere solidarisierten sich mit den Schwarzen und forderten von der Stadt endlich Taten. Aus Kapstadt rückte zu Friedensgesprächen der regionale Wohnungsbauminister an. Jetzt wird an einem beschleunigten Entwicklungsplan für Zwelihle gearbeitet.

Gut 800 Häuser, 40 Quadratmeter mit Toilette und Strom, sollen gebaut werden. Das Problem: Beworben haben sich für die Neubauten der Kommune rund 7000 Familien.