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Eine Insel mit neun Löchern


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Golfpunk - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 15.07.2022

FEATURE

Obwohl in Deutschland die „Tagesschau“ bereits gelaufen ist, steht die Sonne im äußersten Nordwesten Irlands hoch genug am Himmel, um noch lange Licht für neun Löcher zu garantieren. Auf dem Parkplatz des Cruit Island Golf Club steht nur ein einziges Auto, denn das Clubhaus hat längst geschlossen. Irgendwo zwischen den zerklüfteten Felsformationen der Küste, den waschbrettartigen Fairways und dank absoluter Windstille schlaff hängenden Fahnen muss also noch eine zweite Seele wandeln in der Gewissheit, der im Moment wahrscheinlich glücklichste Golfer auf Erden zu sein. Auf dem Weg zum ersten Abschlag bittet ein zur Honesty Box umfunktionierter Briefkasten, das Greenfee von 40 Euro zu entrichten. Der spektakuläre 360-Grad-Rundblick vom ersten Tee lässt keine Zweifel: Wer es hierher ans Ende von Irland geschafft hat, befindet sich im Golferhim el. Weit und breit ist keine Menschenseele ...

Artikelbild für den Artikel "Eine Insel mit neun Löchern" aus der Ausgabe 4/2022 von Golfpunk. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Golfpunk, Ausgabe 4/2022

Cruit Island Golf Club 9 Löcher, Par 34, 2.569 Meter
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... auszumachen und nicht einmal der sonst meist unbarmherzige Nordatlantik, der diesen Golfplatz auf drei Seiten umschließt, bringt es an diesem Abend fertig, die absolut-friedliche Stille mit leichtem Wellengeplätscher unten an den Klippen zu durchbrechen. Loch 1 kreuzt die Zufahrtsstraße zum Clubhaus, auf der Schilder den Ankommenden empfehlen, regelmäßig zu hupen, um nicht ins Kreuzfeuer der Bälle zu geraten, die in Richtung erstes Grün fliegen.

CRUIT ISLAND GOLF CLUB

„Die Entstehungsphase des Platzes kann man mit drei Worten beschreiben: betteln, klauen und ausleihen. Die Spielbahnen wurden mit einfachsten Mitteln und buchstäblich in Handarbeit gebaut.“

Schon im Grundschulalter habe ich sie in den Ferien jeden Morgen hierher gebracht und am Ende des Tages, kurz nachdem ich Feierabend hatte, kam der Anruf aus dem Clubhaus: ‚Dad, wir sind fertig für heute.

Kannst du uns abholen?‘“ Dass der Nachwuchs dann meist noch warten musste, bis der Vater seine abendlichen neun Löcher gespielt hatte, versteht sich von selbst.

Denis ist der Bruder von Pat Bonner, der es im Tor von Celtic Glasgow auf 483 Einsätze, sechs schottische Meisterschaften und fünf Pokalsiege gebracht hat. Für die Nationalmannschaft seiner Heimat lief er in den 80ern und 90ern insgesamt 80-mal auf und ist heute so etwas wie der irische Sepp Maier, ein golfverrückter Volksheld, der mittlerweile in Schottland wohnt, doch für seine Heimat Donegal und deren wohl schrulligsten Golfplatz stets gern die Werbetrommel rührt.

Cruit Island als Geheimtipp zu bezeichnen wäre daher glatt gelogen, denn nicht nur die irische Fußballlegende sorgt dafür, dass sich regelmäßig Links-Golf-Enthusiasten aus allen Teilen der Grünen Insel auf den Weg hierher ans Ende der Welt machen, auch in Amerika hat der Cruit Island Golf Club unter Kennern längst Kultstatus. Diesen verdankt er Tom Coyne, der 2007 mit dem Plan, alle Links-Plätze Irlands zu spielen, die Grüne Insel zu Fuß umrundete und nach vier Monaten, 990 gespielten Löchern, 4.531 Schlägen (636 über Par), 129 verlorenen Bällen und 196 besuchten Pubs mit dem Material für einen „New York Times“-Bestseller im Gepäck zurück in die USA flog, der vor 15 Jahren unter dem Titel „A Course Called Ireland“ erschien und sich längst zu einer Art Bibel für abenteuerlustige Golfer entwickelt hat.

Cruit Island war der 17. von insgesamt 56 Links-Plätzen, die Coyne auf seinem Gewaltmarsch ansteuerte, und nach seiner Rückkehr brachte er folgende Zeilen zu Papier: „Ich fand den Platz für einen Neuling völlig unwirtlich, da sich sieben von neun Löchern blind spielen. Oft vollständig ahnungslos, wohin ich spielen sollte, verbrachte ich einen Großteil des Nachmittags damit, unabsichtlich Einheimische abzuschießen, und die Einheimischen revanchierten sich, indem sie mich versehentlich abschossen. Der Platz ist in jeder Hinsicht kurz und das gesamte Anwesen war von hässlichen Telefonleitungen durchzogen. Trotz alledem war Cruit Island vielleicht die schönste Aneinanderreihung von Golflöchern in ganz Irland.“

Die Telefonleitungen sind längst verschwunden, doch ansonsten hat sich wenig am ursprünglichen Design der 1986 gebauten Spielbahnen von Cruit Island geändert.

Jahre zuvor hatte der Landbesitzer, dessen Haus immer noch hoch über der Insel thront, sein Grundstück an den Bischof vermacht und eine Gruppe einheimischer Golfer, die vorher mehr als 20 Kilometer bis zum nächsten Golfplatz – Narin & Portnoo – über irische Landstraßen fahren musste, präsentierte dem Kirchenmann die Idee, einen Golfplatz auf der felsigen Insel zu bauen. Glücklicherweise fand der Kleriker Gefallen daran.

„Die Bauphase des Platzes kann man mit drei Worten beschreiben: betteln, klauen und ausleihen“, grinst Denis. Maschinen kamen beim Bau von Cruit Island nicht zum Einsatz, „die Spielbahnen wurden mit einfachsten Mitteln und buchstäblich in Handarbeit gebaut.“ Tony Boyle sen. als Bauleiter trotzte mit seiner kleinen Crew aus vier oder fünf Arbeitern mithilfe von Schaufeln und Spaten der harschen Landschaft neun Spielbahnen ab. „Es klingt wie ein Ammenmärchen, aber Tony nahm tatsächlich jeden Abend die fünf Schaufeln mit nach Hause, schliff sie und so konnte am kommenden Morgen wieder auf der Insel damit weitergearbeitet werden. Mittlerweile ist die gesamte Insel ein Naturschutzgebiet, es wäre heute also undenkbar, einen Golfplatz hier zu bauen, gäbe es ihn nicht schon.“ Vor einigen Jahren streckte der Club seine Fühler aus, ob Möglichkeiten bestünden, Land für eine Erweiterung des Platzes auf 18 Löcher zu bekommen. „Keine Chance“, kratzt sich Denis am Kopf und sinniert darüber, dass es wahrscheinlich besser ist, Cruit Island auf alle Zeiten als Neunlochplatz bestehen zu lassen, würde diese Anlage als ein weiterer 18-Loch-Links-Platz entlang Irlands felsiger Westküste doch nicht nur an Charme, sondern auch sein absolutes Alleinstellungsmerkmal verlieren.

Was gäbe es auch zu verbessern an einem Golfplatz, der das vielleicht spektakulärste Par 3 des gesamten Kontinents sein Eigen nennen kann? Zwischen Teebox und Fahne von Loch 6 sorgen auf Cruit Island nämlich mehrere Schluchten, die der Ozean in jahrhundertelanger Fleißarbeit in den Fels gefressen hat, dafür, dass sich dieses Loch noch nicht einmal vor der berühmten 16 in Cypress Point verstecken muss. Das Grün selbst liegt auf einer Felsnadel am äußersten Ende der Insel. Zu lange, zu kurze oder zu weit rechts abbiegende Abschläge verschwinden daher auf Nimmerwiedersehen in den Tiefen des Nordatlantiks. Eine zweite Teebox, angelegt, um auf den Back Nine einer 18-Loch-Runde genutzt zu werden, nimmt dann zwar die spektakulären Schluchten aus dem Spiel, befindet sich jedoch so weit oberhalb des Grüns, dass dieses plötzlich wie ein Inselgrün mitten im Ozean erscheint. Wer hier nicht den restlichen Speicherplatz seines Smartphones füllt, der findet selbst bei einer Victoria’s-Secret-Show kein Motiv.

„Das Land hier im Westen von Donegal ist nur sehr schwer zu bewirtschaften. Gäste und Tourismus sind daher schon immer eine wichtige Einnahmequelle gewesen. Deshalb sind die Einwohner sehr aufgeschlossen und freundlich gegenüber Neuankömmlingen“, erklärt Pat Loughnane, ein vor Jahren aus dem County Offaly Zugereister, der sich mittlerweile um die Pressearbeit des Clubs kümmert und sich keinen Grund vorstellen kann, noch einmal aus dieser entlegenen Ecke Irlands wegzuziehen. „Eine Einrichtung wie unser Golf Club ist aber nicht nur aus touristischer Sicht wichtig für die Gegend: Da Letterkenny als nächste größere Stadt mit Einkaufszentren, Kinos und all ihrer Infrastruktur eine Autostunde entfernt ist, haben unser Club und sein Clubhaus auch eine große Bedeutung für das soziale Leben in einer solch entlegenen Gegend.“

„Golf an einem solchen Abend an diesem der Welt scheinbar entrückten Ort ist kein Sport und auch kein Spiel – es ist Meditation.“

„Stimmt“, pflichtet ihm Denis bei und deutet in Richtung der kleinen Luke-Skywalker-Insel, die gestern hinter eine dicken Suppe bestehend aus Regenwolken versteckt lag. „Dort drüben liegt Owey Island. Die Insel war bis vor wenigen Jahren noch bewohnt.

Die kleine Ortschaft mit dem ehemaligen Postamt, einer kleinen Kirche und den Häusern, die mittlerweile zu Ferienhäusern umfunktioniert wurden, gibt es immer noch. Der Postbote, der früher für Owey Island zuständig war und diesen Job von seinem Vater, der ihn jahrzehntelang gemacht hatte, übernahm, kam nach seiner letzten Briefzustelltour jede Woche zu uns und trank an der Bar seinen Whiskey. Golf gespielt hat er nie“, lacht Denis.

Auch Bonners Söhne, die einst hier das Golfspielen lernten und nach der Schule in anderen Teilen Irlands ihre Karrieren verfolgten, sind mittlerweile über 30 Jahre alt und allesamt zurückgekehrt nach Donegal.

Wer einmal in Cruit Island Golf gespielt und die Gastfreundschaft der Menschen erlebt hat, wird kein Problem damit haben zu verstehen, warum selbst junge Menschen wieder in eine Gegend zurückkehren, in der auf den ersten Blick der Hund begraben ist.

„Wir sind eine kleine Gemeinde. Es ist keine Übertreibung, wenn ich behaupte, dass hier oben jeder jeden kennt“, erklärt der Club Captain. „Früher haben wir Fußball gegeneinander gespielt und heute spielen wir Golf.

Eines unserer Mitglieder war sein Leben lang Fischer und ist mittlerweile 80 Jahre alt. Er kommt immer noch regelmäßig hierher und nimmt sogar an Turnieren teil.“

Pat und Denis sind um jeden Golfer froh, der sie besuchen kommt, nicht nur weil es sich um zahlende Gäste handelt. Nein, es sind die Auswärtigen, die den Locals immer wieder klarmachen, über welch unglaublichen Platz sie verfügen und wie traumhaft schön ihre Heimat ist. „Wenn man hier aufgewachsen ist und die Fahrt über die kleine Brücke nach Cruit Island das tägliche Brot ist, neigt man dazu, dies alles als normal anzusehen.

Ab und zu braucht es eine kleine Erinnerung, wie gut wir es hier haben.“

Natürlich ist das Design der Spielbahnen auf Cruit Island nicht so perfekt wie in Royal County Down, die Qualität der teilweise recht holprigen Grüns ist weit entfernt von der Perfektion in Adare Manor und die zahlreichen blinden Abschläge können labile Golferpsychen über die sprichwörtliche Klippe jagen. Doch selbst wenn der Birdie-Putt auf dem dritten Grün am Loch vorbeihoppelt oder auf Bahn 6 bereits der dritte Ball sein feuchtes Grab im Atlantik findet, kann man sich immer noch damit trösten, die Delfine, die sich in regelmäßigen Abständen dort unten im Wasser tummeln, beobachten zu können.

Obwohl uns bereits klar war, dass wir gerade unseren neuen Lieblingsort auf unserer persönlichen Golfweltkarte entdeckt hatten, als unser Mietwagen zum ersten Mal auf den Parkplatz von Cruit Island rollte, scheint Denis zum Ende unseres Besuchs noch nicht überzeugt zu sein, dass seine Heimat unsere Herzen längst erobert hat, und holt zu einem letzten Sales-Pitch aus: „Narin & Portnoo, Rosapenna, Murvagh, Portsalon, Ballyliffin – im Nordwesten Irlands gibt es eine Menge Weltklasse-Golfplätze. Cruit Island ist wahrscheinlich nicht jedermanns Sache, aber ich würde schon sagen, dass es sich lohnt, unserem kleinen Platz einmal einen Besuch abzustatten.“ Das dürfte wohl die Untertreibung des Jahrhunderts sein.

GP