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Eine „Luxus-Armenhütte“


Sonah - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 04.09.2019

Das Tagelöhnerhäuschen in Erfweiler-Ehlingen


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Bildquelle: Sonah, Ausgabe 4/2019

Harte Arbeit und kein Geld – dafür aber immerhin etwas zu essen, ein Dach über dem Kopf und die Einbindung in die Gemeinschaft, das war das Los der Tagelöhner. Einst machten sie in unseren Dörfern einen Großteil der Bewohner aus, heute sind sie fast vergessen. Zu den wenigen gut erhaltenen Zeugnissen ihres Daseins zählt das Tagelöhnerhäuschen in Erfweiler-Ehlingen aus den 1740er Jahren. Lange Zeit bewohnten es vielköpfige Familien, heute hat es sich Ludwig Hennrich hier gemütlich gemacht.

Biegt man in Erfweiler-Ehlingen zu der Kirche St. Mauritius ab, gelangt ...

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... man auf eine Anhöhe mit engen und verwinkelten Gassen. Dort steht ein Häuschen, das ein bisschen wirkt wie aus unserer Zeit gefallen: beschaulich, malerisch und klein. 36 Quadratmeter Wohnfläche hat es, den niedrigen Speicher mit eingerechnet. Errichtet in den 1740er Jahren ist es Zeugnis einer Welt, die über Jahrhunderte unsere Dörfer beherrschte, mit der Industrialisierung jedoch nach und nach unterging: der Welt der bäuerlichen Gesellschaft. An die Bessergestellten dieser Zeit, die Bauern, erinnert noch das ein oder andere Bauernhaus, doch von den Häusern der Ärmeren, den Tagelöhnern, sind nur wenige erhalten und kaum jemand kann heute noch eine Verbindung ziehen zu den einstigen Bewohnern. Wer waren die Tagelöhner und wie lebten sie in ihren kleinen Hütten?

In der vorindustriellen, bäuerlichen Gesellschaft bestimmte der Landbesitz über das Leben. Manche Bauern hatten viel, andere weniger Land und manche Menschen hatten gar keines. Je nach Reichtum des Dorfes machten diese Besitzlosen etwa 20 bis über 70 Prozent aus. Um leben zu können, verdingten sie sich bei den Bauern als Tagelöhner. Denn die Bauern, vor allem die größeren, brauchten helfende Hände. Schriftliche Überlieferungen zum Leben der Tagelöhner gibt es kaum. In den Dörfern waren es meist nur die Lehrer und Pfarrer, die Chroniken oder sonstige Niederschriften anfertigten und das Leben der Tagelöhner erschien ihnen offenbar keine Erwähnung wert. Auskunft geben jedoch Erzählungen von Zeitzeugen. Unser Volkskundler Gunter Altenkirch hat bereits vor Jahrzehnten mit vielen alten Menschen gesprochen, die die Überreste des Systems noch um 1900 miterlebt haben oder dank Erzählungen innerhalb der Familie sogar aus noch früheren Zeiten berichten konnten. Eine Frau aus Uchtelfangen etwa erinnert sich, warum über Tagelöhner nichts geschrieben wurde: „Das müssen Sie so sehen: Das war eine arme Welt und die wollte keiner aufschreiben. (…) Auch die Lehrer in den Dörfern, die so manches aufgeschrieben haben, haben nichts von der Armut wissen wollen und es wollte auch keiner, dass es aufgeschrieben wird.“ Zudem waren die Lehrer und Pfarrer nicht Teil der bäuerlichen Gesellschaft und kannten somit das Leben von Bauern und Tagelöhnern nicht in allen Einzelheiten. Dass die Bauern und der Lehrer zusammen am Tisch saßen, das kam nur beim Zeitung-Vorlesen im Wirtshaus vor. Zwar konnten die Bauern selbst lesen und schreiben, doch nicht besonders gut: „Eine Zeitung war denen dann schon zu schwer. Da haben sie den Lehrer gerufen“, so die Frau aus Uchtelfangen. „Der hat dann auch manchmal ein bisschen was erklären müssen, weil das, was in der Zeitung gestanden hat, war ja alles außerhalb vom Dorf.“ Am Selbstbewusstsein der Bauern kratzte das nicht: „Will mal sagen, dass der Lehrer der Vorleseknecht war und die Bauern die Herren. Einen Acker zu pflügen, galt mehr als das Lesen aus der Zeitung, früher.“ Durch ihre außenstehende Position kannten die Lehrer auch das System des Tagelohns offenbar nur aus dem Lehrbuch, was an der Praxis vorbeiging: „Unser Lehrer hat uns beigebracht, dass die Bauern jeden Tag den Tagelohn genau abgerechnet hätten, dann hätten sie das Essen und das andere abgezogen und den Rest hätten sie am ersten eines Monats ausgezahlt gehabt“, berichtet ein Mann aus Wadern. Aber: „Es hatte nie einen Lohntag mit Geld und so gegeben. Die Bauern haben den armen Leuten das gegeben, was sie für richtig gehalten haben.“ Ähnlich berichtet es die Frau aus Uchtelfangen: „Die Tagelöhner bekamen nicht, wie die Lehrer in der Schule gesagt haben, am Ende von dem Tag ihr Geld. Vielleicht war das (offiziell) so geregelt, aber es wurde so nie gemacht.“

Das Tagelöhnerhäuschen in Erfweiler-Ehlingen heute, im Jahr 1982 (vor der Renovierung) und um 1800 (Zeichnung nach Zeitzeugenberichten).


© Gunter Altenkirch

Typische Tagelöhnerhäuschen. Diese standen so einst bei Losheim.


CHARAKTERHÄUSER

In einer losen Serie stellen wir „Charakterhäuser“ in unserer Region vor – alte, kreativ gestaltete oder auf sonstige Weise besondere Häuser. Wir starten mit dem geschichtsträchtigen Tagelöhnerhäuschen in Erfweiler-Ehlingen.

Auch Sie wohnen in einem außergewöhnlichen Haus oder kennen so jemanden? Wir freuen uns, wenn Sie mit uns Kontakt aufnehmen.

Die Tagelöhner gehörten meist fest zu einem Hof, dann war Unterkunft ein Teil der Bezahlung. Das konnte so aussehen, dass man einen Bretterverschlag im Haus (etwa auf dem Speicher oder unter der Treppe) bewohnen durfte oder eine zum Hof gehörige Tagelöhnerhütte. Diese waren sehr einfach: „… so primitiv wie ein Hinkelsstall. (…) Nichts mit Mauern und so, gut unten einen Sockel, das gab‘s. In Holz, wie ein Fachwerk, dann dazwischen Geflecht mit Ruten und dann da drauf innen und außen Lehmbewurf…“ Eine Möglichkeit zum Feuermachen – zum Heizen oder Kochen – gab es normalerweise nicht. Deshalb waren die Häuschen meist in Reihen aneinandergebaut, sodass nur zwei Wände der kalten Außenluft ausgeliefert waren. Die Unterkunft wurde oft nur zum Schlafen genutzt, tagsüber waren die Tagelöhner auf den Höfen beschäftigt. Dabei durften sie zwischen der Arbeit die Mahlzeiten miteinnehmen. „Die Alten haben gesagt, dass der, der geschafft hat, also bei einem Bauer, der hat ein ‚Tischrecht‘ gehabt.“ Die Redensart „in Lohn und Brot stehen“ zeugt noch heute davon. Mit Unterkunft und Mahlzeiten war der Lohn bereits zu einem Großteil beglichen. Manchmal wurde auch für eine Arbeit noch eine Bezahlung (mit Nahrungsmitteln) darüber hinaus versprochen, doch die war dann sehr gering und wurde auch oft nicht besonders ernst genommen: „Ich weiß noch von einer Frau, der hat mal ein Bauer für ihre Arbeit ein halbes Dutzend Eier versprochen. Sie hat dann immer mal eins gekriegt und seine (des Bauers) Frau hat gesagt, dass die Hinkel nicht genug legen würden.“ Zudem bekamen die Tagelöhner Kleidung: „Oft war es aber nur ein abgetragener Bauernkittel, wo man so über den Kopf gezogen hat, wie das die Bauern vor über hundert Jahren noch gemacht haben.“ Es handelte sich um Leinenkittel, die bis zum Hintern gingen und meist blau gefärbt waren. „Ich habe in meiner Kindheit mal noch den einen oder anderen alten Mann gesehen, der sowas zum Schaffen angetan hat, aber die hat es in meiner Kindheit schon nicht mehr so gegeben.“ Das alles wurde als Lohn notiert: „Ich habe Gesindebücher gesehen. Da haben die Bauern genau eingetragen, wie oft und wann einer da war. Und dahinter stand manchmal, scheinbar später reingekritzelt, wenn einer ein paar Schuhe oder einen Joppen gekriegt hat.“

Wenn die Tagelöhner im Winter arbeiteten, hatten sie zudem ein Wärmerecht und mussten erst abends zurück in ihre kalten Hütten. Zwar ruhte in dieser Zeit die Landwirtschaft, doch die Bauern organisierten das Arbeitsjahr so, dass es zumindest für ihre langjährig treuen Tagelöhner auch dann etwas zu tun gab. So profitierten beide Seiten: Die Bauern hatten Hilfe und die Tagelöhner waren ganzjährig versorgt. Die Frauen halfen zu dieser Jahreszeit vor allem bei Handarbeiten: „Wenn in kalten Wintern die Bauern gesagt haben, dass die armen Leute sich doch noch wärmen kommen sollten, dann war das auch, wie will ich sagen? Eigennutz. Da hat sich keine Frau am Abend hinhucken dürfen und sagen ‚Eich will meich nur wärme‘. Es sind bei den Bauern immer Arbeiten noch am Abend gemacht worden und dann haben die armen Leute zupacken müssen.“ Die Männer wurden in den Wald zum Holzhacken geschickt oder in die Scheune zum Getreidedreschen. Danach kamen auch sie noch ins Haus: „Und dann sehe ich das noch vor mir, was wir als Kinder oft genug erlebt haben: Die Männer, die gedroschen hatten, saßen dann in der Küche und da war es warm. In denen ihren Hütten war ja selten geheizt. Dann wurde gemait und das war für die früher das, was heute für viele der Rundfunk und das Fernsehen sind (siehe Beitrag zum Maien, Sonah Nr. 1-2019). Zwei oder drei Mal im Jahr gab es dann tatsächlich Geld, aber sehr wenig. Vor allem die Kirmes scheint ein gängiger Anlass gewesen zu sein.
In der Tagelöhnerfamilie mussten alle mit anpacken, auch die Kinder. Manche waren bei geizigen, andere bei großzügigen Bauern in Stellung. Insgesamt jedoch berichten zahlreiche Zeitzeugen von diesem Leben als einem recht zufriedenen Leben – man war zwar arm, aber versorgt und sicher aufgehoben in der Gemeinschaft. Zudem hatte man Arbeit und wurde gebraucht. Es war das soziale Netz von damals. Die reicheren Bauern waren somit bedeutende Arbeitgeber im Dorf. Sie hatten Verantwortung und gleichzeitig das Sagen. Eine Frau aus Bliesmengen-Bolchen berichtet: „In der Zeit, von der wir reden, waren viele Leute nun mal sehr arm, aber durch die Bauern wiederum einigermaßen versorgt, sodass sie leben konnten. Ich muss immer wieder sagen, wenn es darum geht, auf die landreichen Bauern zu schimpfen, dass die einmal das Land zusammengehalten haben, was nicht jeder konnte und auf der anderen Seite sich selbst eine Verpflichtung für das gesamte Dorf auferlegt haben. Nicht umsonst haben die in den Gemeinderäten zusammengesessen und die Entscheidungen für das Dorf getroffen.“ Doch als die Industrialisierung kam und Gruben und Hütten um Arbeiter warben, da sahen die Tagelöhner ihre Chance auf ein besseres und unabhängiges Leben gekommen. Da die Betriebe für diese Zeiten recht gut bezahlten, banden sie die Männer schnell an sich, nur die Frauen halfen weiterhin bei den Bauern oder bewirtschafteten ein eigenes Stück Land, das die Familie durch den Lohn des Mannes hatte erwerben können. Die Bauern fühlten sich nun von den Tagelöhnern im Stich gelassen: Stets hatten sie die Familien versorgt, nun kehrten diese ihnen wegen besserer Bezahlung anderswo den Rücken. Die Arbeiter hingegen warfen den Bauern vor, sie bisher arm, abhängig und unmündig gehalten zu haben. Doch schnell gerieten die Arbeiter in eine neue Abhängigkeit: Als die Industrie sie an sich gebunden hatte, sanken die Löhne und stiegen die Repressalien (siehe Serie „Rechtsschutzsaal“, Sonah Nr. 1-2018 bis 3-2018).

Ein Mann aus Homburg erzählt die Geschichte des Onkels seines Großvaters, von dem sein Vater oft gesprochen hatte. Dieser Onkel war Tagelöhner gewesen: „Der Bauer hat mit ihm verrechnet, das Essen, dann hat er Kleider gekriegt, aber nur wenig. Pro zwei Jahre sogar ein Paar Schuhe. Das war sehr viel. (…) Ab und an gab es auch noch eine Flasche Schnaps. Das war vor allem, wenn das Jahr gut war. Die war so gut wie bares Geld früher. Der Bauer hat ihm mal vorgerechnet, dass die zwanzig Mark gut über zweihundert Biere wären. Das war ein Argument, aber es war nichts, was man täglich gebraucht hat.“ Nach seiner Heirat und dem ersten Kind wollte der Onkel ein besseres Leben für sich und seine Familie aufbauen und ging in den Bergbau: „Da hat er Geld nicht nur verdient, er hat es auch ausgezahlt gekriegt. (…) Aber der Vadda hat verzehlt, dass es so einfach nicht war. Die Arbeit in der Grub war viel schlimmer als bei dem Bauer, wo er früher war. Er hat manchmal verzehlt, wie es bei dem Bauer ruhiger zugang isch. Er soll sogar mit seiner Frau geschwätzt haben, ob er nicht wieder von der Grub runter geht und wieder zu dem Bauer. Aber die hat ihm gesagt, dass die Familie besser auskommt, wenn er Geld kriegt.“

Das Häuschen damals und heute

Das Tagelöhnerhäuschen in Erfweiler-Ehlingen war im Vergleich zu anderen außergewöhnlich komfortabel: Es war größer, ganz aus Stein errichtet und verfügte sogar über einen kleinen Keller für Vorratshaltung – ein regelrechter Luxus für die Verhältnisse der Armen. Auch dass es nicht in einer Häuserreihe, sondern frei steht, ist außer gewöhnlich. Irgendwann nachträglich wurde ein Kamin eingebaut, konnte hier also sogar Feuer gemacht werden. Dies kann erst nach der Französischen Revolution geschehen sein, denn erst im Zuge dieser wurde das „Feuerrecht“ für alle erstritten. Zuvor hatte das Recht auf einen Feuerplatz im Haus nur, wer Steuern zahlte. Anhand von Zeitzeugenaussagen hat Gunter Altenkirch rekonstruiert, wie in etwa das Haus um 1800 aussah. Es war damals noch von einem Strohdach bedeckt, hatte aber bereits einen Kamin und vor der Fassade stand ein „Mai-Bänckche“ zum „Maie“ oder Maaie“ (Reden, Erzählen, Pflegen des kollektiven Gedächtnisses). Später wurde das Stroh entfernt und das Dach stattdessen mit „Biberschwanzziegeln“ eingedeckt. Ein Foto von 1982 zeigt noch diesen historischen Zustand.

Anfang der 1980er Jahre setzte sich eine Bürgerinitiative für den Erhalt des Häuschens ein. Es wurde von der Gemeinde angekauft und denkmalgerecht komplett saniert. Seitdem hat es die heutige Erscheinung. Das Bauernhaus, zu dem es einst gehörte, stand übrigens bis vor einigen Jahren ebenfalls noch, direkt schräg gegenüber. Es war jedoch so baufällig, dass es abgerissen werden musste. Nach Erzählungen älterer Leute war die Tagelöhnerhütte stets und oft von sehr vielen Menschen bewohnt. Heute hat sich Ludwig Hennrich hier eingerichtet. Vor ihm hatte eine „Gret“ genannte, ältere Frau hier gewohnt, als letzte einer einst elfköpfigen Familie.

Ludwig Hennrich kannte sie noch und auch noch die letzte Bewohnerin des Herren-Bauernhauses, die noch lebte, als er schon hier wohnte. Er erinnert sich gerne an sie: „Sie wurde ‚Vochel-Matzes Marieche‘ genannt. Manchmal haben wir bei ihr auf den Stufen gesessen und geredet. Das Bauernhaus im Rücken und das Tagelöhnerhäuschen vor uns – das war ein bisschen, als wäre die Zeit stehen geblieben.“ Wenn man heute das Tagelöhnerhäuschen betritt, kann man sich kaum mehr vorstellen, wie elf Personen einst hier unterkamen. Von Gret weiß Ludwig noch, wie das funktioniert hat: Im linken Bereich gab es zwei Kammern, von denen die vordere (zur Straße hin) als Ess-und Wohnzimmer diente, die hintere als Elternschlafzimmer – das Bett muss sie fast komplett ausgefüllt haben. Im rechten Bereich lag nach vorne hin die kleine (später eingebaute) Küche und dahinter das Schlafzimmer der Großmutter. Die Kinder schliefen auf dem Dachboden, im Stroh. Bis heute hat sich an der Aufteilung nicht viel geändert: Lediglich wurde im einstigen Zimmer der Großmutter ein Bad eingebaut und im linken Hausbereich die Wand zwischen den beiden Kammern entfernt, sodass Ludwig hier heute einen einzigen Raum hat, den Wohn-und Essraum. Und dieser fasst mehr Leute als man erwarten würde: „Wir sitzen hier als mit sieben, acht Leuten. Auch haben wir schon zu mehreren in der kleinen Küche gekocht.“ Ludwig hat das Häuschen vor sieben Jahren bezogen: „Ich wollte keine große, sterile Mietwohnung. Das Häuschen ist klein und doch eigenständig, das gefällt mir“, sagt er. Überhaupt mag er es lieber rationalisiert als konsumorientiert und lieber alt als neu. So hat er sich auch einen Ofen nach altem Modell nachbauen lassen. Mit diesem heizt er mit Holz, außerdem dient er ihm für Marmeladen-Kochaktionen mit Freunden. Im Winter erhitzt Ludwig gerne, wie man es auch früher gemacht hat, einen Stein auf dem Ofen, wickelt ihn in ein Tuch und legt ihn ins Bett. Denn sein Schlafzimmer auf dem Dachboden ist noch immer ungeheizt.

ZEITZEUGEN

Für diesen Beitrag verwendete Zeitzeugenberichte stammen aus der Sammlung unseres Volkskundlers Gunter Altenkirch. Manche Zeitzeugen berichten (teilweise) in Hochdeutsch, weil sie sich für die Interview-Aufzeichnungen Altenkirchs Hochdeutsch anpassen wollten

Durch seine geringe Größe macht das Haus nicht viel Arbeit, somit hat der Landschaftsgärtner im Ruhestand relativ viel Freizeit. Gerne fährt er dann mit dem Fahrrad zu seinen beiden Obstwiesen oder sitzt neben dem Häuschen und baut Insektenhotels. Überhaupt hat er das kleine Gärtchen von etwa zehn Quadratmetern hauptsächlich auf die Insekten ausgelegt, mit vielen Blühpflanzen und Unterschlupfmöglichkeiten. Denn Naturschutz ist für ihn ein wichtiges Thema. Außerdem gibt es noch ein paar Tomatenstöcke für ihn selbst. Ludwig fühlt sich wohl hier, wie sicher auch schon viele vor ihm: „Das Haus hat eine gute Atmosphäre.“