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Eine Meldung und ihre Geschichte: Platzangst


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 43/2018 vom 19.10.2018

Warum eine Amerikanerin einen Bären in ihrem Auto einschloss


Artikelbild für den Artikel "Eine Meldung und ihre Geschichte: Platzangst" aus der Ausgabe 43/2018 von Der Spiegel. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 43/2018

Schwarzbär


MAGO STOCK

Von der Website Eu.citizen-times.com

Es gibt viele Geschichten zu erzählen über die Schwarzbären von Asheville, einer Stadt, hineingebaut in die tiefen Wälder der Blue Ridge Mountains in North Carolina. Ein Weibchen war vor Kurzem mit ihrem Nachwuchs auf der Chatham Road unterwegs, zwischen den Häusern, nicht weit von Luella’s Bar-B-Que. Ein Hund griff an, und die Bärin, gut 100 Kilogramm schwer, aufgerichtet so groß wie Mensch, verteidigte ihre Jungen. Im Osten von Asheville gruben sich Bären nachts durch den Inhalt mehrerer ...

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... Mülltonnen; in Lake shore, im Norden der Stadt, brach ein Bär in ein Haus ein. Ein Video, gefilmt aus der Sicherheit des Hochparterre, zeigt einen Bären, der am helllichten Tag gemächlich durch Ashevilles Gärten wandert, vorbei an weiß gestrichenen Holzzäunen, die Nase im Wind, auf der Suche nach Fressbarem.

Die Population der Bären wächst seit einiger Zeit, rund 150 Tiere sollen mittlerweile in und um Asheville leben, angelockt von Essensresten, vom Müll, den die Familien tagtäglich produzieren. Die Onlineforen der Stadt sind gefüllt mit Berichten über Begegnungen zwischen Mensch und Raubtier, mit Diskussionen über den angemessenen Umgang mit Bären. Die Anschaffung bärensicherer Mülltonnen wird erörtert, Tierfreunde und verängstigte Eltern diskutieren hitzig über den Einsatz von Pfefferspray und Gummigeschossen. Nicole Lissenden, von Beruf Grafikdesignerin, verfolgte diese Geschichten bislang als interessierte Zuhörerin. Nun hat auch sie eine Geschichte zu erzählen.

Sie beginnt an einem Sonntag im September, gegen halb drei am Nachmittag, auf der Beaverdam Road, in einem Viertel, wo die Familien noch aufeinander achten. Nicole Lissendens Eltern wohnen hier, eine Nachbarin kam herüber und ließ Lissenden wissen, dass eine Tür ihres Vans offen stehe und Müll vor dem Auto liege.

»Oh, wie peinlich«, dachte Nicole Lissenden, bedankte sich und ging hinaus zum Auto, das sie in der Einfahrt geparkt hatte. Eine Tür des Wagens stand tatsächlich offen, was Lissenden seltsam fand, denn sie war sich sicher, dass sie die Türen wie immer geschlossen hatte. Aber sie sah und hörte nicht Verdächtiges, deshalb gab sie der Tür einfach einen Schubs, die Tür schlug zu.

Dann sammelte Lissenden den Müll auf und ging zurück ins Haus. Etwa eine halbe Stunde später stand sie wieder im Freien, sie wollte noch etwas aus dem Wagen holen. Als sie dem Auto näher kam, sah sie, dass die Scheiben des Wagens beschlagen waren, von innen, und auf dem Glas der Scheiben waren Abdrücke von Tatzen zu sehen. Große Abdrücke.

Der Wagen stand auch nicht einfach nur so da. Er wankte hin und her, er hupte, und schließlich ging auch noch die Alarmanlage los. Nicole Lissenden hatte einen Schwarzbären in ihrem Wagen gefangen, und der Bär war nicht glücklich.

Was kann man tun, wenn sich ein offenkundig klaustrophobischer Schwarzbär durch die Inneneinrichtung des Familienautos arbeitet? Lissenden tat das Nächstbeste, sie holte Verstärkung, ihren Mann.

Alex Lissenden arbeitet im Vertrieb, er hat keine Erfahrung mit Bären, die in Autos einbrechen. Und so starrte er eine Weile ungläubig auf den hupenden und blinkenden Wagen, dann nahm er den Schlüsselbund in die Hand, an dem die Fernbedienung für die Türen des Vans hing. Alex Lissenden wollte die Türen öffnen und hoffte, dass der Bär an die Luft treten würde und sich dann verzöge.

Er hob den Arm wie ein Zauberlehrling und drückte den Knopf. Nichts geschah. Er drückte ihn wieder. Nichts. Die Türen blieben zu. Der Bär musste die Mechanik beschädigt haben.

Als der Bär für ein paar Sekunden Ruhe gab, lief Alex Lissenden von der Terrasse eilig zum Wagen und zog die Fahrertür vorsichtig auf. Er öffnete die Tür bis zum Anschlag, aber kaum hatte er sie losgelassen, fiel sie unaufhaltsam wieder ins Schloss. Die Einfahrt war nicht eben, die Front des Wagens stand höher als das Heck, die Schwerkraft zog an der geöffneten Tür. Alex Lissenden versuchte es ein zweites Mal. Das Ergebnis war dasselbe. Die Tür fiel zu, der Bär blieb im Wagen.

Lissenden versuchte es ein letztes Mal, dabei drückte der Bär im Innenraum mehrmals auf die Hupe. Als wollte er den Menschen warnen. Im nächsten Moment platzte die Seitenscheibe des Vans, und der Bär hielt seinen Kopf in die frische Luft. Die Freiheit vor Augen, schob er sich gemächlich durch das Fenster und verschwand zwischen den Bäumen.

Der Wagen hat Totalschaden, der neue soll bald vor dem Haus stehen. Familie Lissenden fragt sich, was zu tun ist, damit sich so ein Vorfall nicht wiederholt.

Mike Carraway, Bärenexperte der North Carolina Wildlife Resources Commission, hat zwei Ratschläge zur Hand. Der erste heißt: »Nichts Essbares im Auto lassen, auch keine Reste. « Das, sagt Nicole Lissenden, wird nicht leicht, sie hat zwei kleine Kinder, zwei und sechs Jahre alt. Der zweite Rat: Die Türen des Wagens nicht nur schließen, sondern verriegeln, immer. Bären seien intelligent, in Asheville hätten sie gelernt, Autotüren zu öffnen.

Und nicht nur die. Nachdem der Bär das Auto von Familie Lissenden verlassen hatte, besuchte er das Haus der Nachbarin, inspizierte die Küche und öffnete mehrere Schubladen. Mit einer Backmischung für Muffins machte er sich endgültig davon.