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Eine neue Natur pflanzen


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Gartenpraxis - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 04.10.2022
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Bildquelle: Gartenpraxis, Ausgabe 10/2022

1 Insektenhotels und Sitznischen laden im ganzen Garten zum Verweilen und Beobachten ein. Das Salvia-Beet im Vordergrund zeigt, dass auch nicht heimische Staudenarten und -sorten einen hohen Wert für Insekten haben können.

Rund 760 Gehölze, 78.000 Stauden und 46.000 Zwiebeln. Eine unvorstellbar große Menge an Pflanzen hat Claudia West mit etlichen freiwilligen Helfern in die Erde gebracht. Darunter sind Blaurauten (Salvia yangiii, Syn. Perovskia atriplicifolia), Seidenpflanzen (Asclepias) und Duftnesseln (Agastache), aber auch Gräser wie Carex pensylvanica.Etwa 12.000 m 2groß ist der neue Insekten- und Vogelgarten am Arboretum der Pennsylvania State University, 350 km westlich von New York City. Wo bis vor Kurzem offenes Grasland lag, zwischen dem botanischen Garten der Universität und einem Wohngebiet, finden sich seit Herbst 2021 Wiesen und Beete, ein Teich, ein Feuchtgebiet und ein Obstgarten. In einem 500 m 2großen kreisrunden, mit Cortenstahl eingefassten Beet entsteht zum Beispiel ein „Pollinator Disc“ – eine Wiese, die die Besucher aufgrund der Topografie aus verschiedenen Blickwinkeln erleben können. ...

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... Schon beim Pflanzen stellten sich erste Besucher ein: Die Agastachen lockten Monarchfalter an.

In diesem „Bird and Pollinator Garden“ werden Insekten und Vögel fündig, hier sollen sie leben können, dafür sorgen ein großes Nahrungsangebot sowie Unterschlupf- und Nistmöglichkeiten. Claudia West und ihre Kolleg(inn)en vom Phyto Studio haben eng mit Ornithologen und Entomologen zusammengearbeitet, um die bestgeeigneten Pflanzen auszuwählen. Denn berücksichtigt werden die Arten, die bei möglichst vielen Tieren hoch im Kurs stehen. „Wir haben zum Beispiel sehr wenige Farne verwendet, da sie nur geringe ökologische Beziehungen mit Vögeln und Insekten haben“, sagt Claudia West. Dafür wurden umso mehr Astern, Goldruten und Phlox gepflanzt, denn eine Vielzahl an Insekten und Vögeln sind stark auf diese Arten angewiesen. Wobei auch Aster nicht gleich Aster ist. Auf dem Pflanzplan standen Symphyotrichum ericoides, S. pilosum und S. cordifolium, nicht verwendet wurde dagegen Symphyotrichum turbinellum – ebenfalls eine in Pennsylvania heimische Aster, die aber weit weniger Beziehungen mit Tieren aufweist. So etwas muss man erst einmal wissen, um es berücksichtigen zu können. Daher hält sich Claudia West eng an die Studien der Ornithologen und Entomologen der Penn State University. Die Wissenschaftler haben erforscht, wie viele Insekten- und Vogelarten an welchen Pflanzen fressen, sie bestäuben oder anderweitig zum Überleben brauchen. Kolibris, Käfer, Bienen, Fliegen, Schmetterlinge und Falter – alle wurden einbezogen.

Neue Herangehensweise

„Bei dieser Arbeit habe ich gemerkt, dass ich jeden Tag noch dazulerne“, sagt Claudia West. „Es war, als würde ich neu anfangen.“ Die Pflanzplanerin und Designerin mit deutschen Wurzeln gehört zu den führendsten Persönlichkeiten in den USA, wenn es um ökologische Gärten und öffentliches Grün geht. Sie hält Vorträge und ist als Spezialistin gefragt, wenn es darum geht, die Natur in die Städte zurückzuholen. Ihr kleines, 2017 gegründetes Phyto Studio in Arlington, Virginia, direkt vor den Toren Washington DCs, kann sich vor Aufträgen kaum retten. Zwar legt die 36-Jährige bei ihren Projekten bereits seit Jahren den Schwerpunkt auf Pflanzen, die Bienen und andere Tiere anziehen. „Aber das reicht nicht!“ Um Insektenpopulationen wirklich zu unterstützen und im Garten eine Lebensgrundlage zu schaffen, sollte man auch Nistmöglichkeiten, Wasser, Unterschlupf für den Winter schaffen. Außerdem müsse man die Umgebung verstehen. Liegt ein Garten in der Stadt oder mitten auf dem freien Land, braucht man keine Bedingungen zu schaffen für Insekten, die in Wäldern oder auf Waldlichtungen zu Hause sind. „Nestedness“ lautet der ökologische Fachterminus für die Eingebundenheit in die Umgebung.

Eine Revolution ist im Gange

„Wir können die derzeitigen großen Krisen wie das Artensterben und die Klimaerwärmung nicht ignorieren“, sagt Claudia. Als Pflanzplanerin verspürt sie auch eine moralische Verpflichtung, die Umwelt zu verbessern. Pflanzen sind für sie niemals reine Dekoration. Stattdessen entwirft sie „designed plant communities”. „Sie sind von der Natur inspiriert und haben mehr Funktion, Tiefe, Diversität.“ So viele ökologische Nischen wie möglich sollen besetzt werden – nicht nur räumlich gesehen, sondern auch in zeitlicher Abfolge. Ziel einer Planung ist stets, dass sich ein neues Ökosystem entwickeln kann. „Es kommt uns nicht darauf an, dass eine bestimmte Pflanze genau an dem Fleck wächst, wo wir sie vor Jahren mal hingesetzt haben. Sondern darum, dass sich neue Populationen bilden.“

Ein außergewöhnlicher Ansatz in einem Land, dessen Gärten immer noch durch monotone Rasenflächen bestimmt sind. „Wenn die Leute hier nicht wissen, was sie mit ihrem vielen Land tun sollen, dann machen sie Rasen“, sagt Claudia West. „Rasen ist ‚default’, also Standard.“ Die Pflanzen, die es in die Gärten schaffen, seien meist ökologisch nicht wertvoll – Baumarkt- und/oder Massenware. Doch viele Nordamerikaner scheinen unzufrieden mit den herkömmlichen Ansätzen des Gärtnerns. „Jetzt zieht eine neue Generation in die Häuser ein, sie hat andere Ziele als die Generationen davor.“ Die Menschen, die mit Recycling und Wandern in der Natur aufgewachsen sind, sehen in Pflanzen ebenfalls mehr als reine Dekoration. Immer größerer Druck kommt aus der Bevölkerung, hat Claudia West beobachtet: „Ich glaube, es ist eine Revolution im Gange!“ Stadtplaner treten an sie heran, verlangen nicht nur einen Park, sondern einen bereichernden Beitrag zur urbanen Ökologie. „Institutionen denken um, erwarten mehr von einer Pflanzung. Das ist höchst spannend.“ Gleich ob Privatgarten, öffentlicher Park, grüne Infrastruktur, Dachgarten oder Friedhof: Jede Fläche kann so gestaltet werden, dass sie nicht nur gut aussieht, sondern auch ökologische Funktionen erfüllt.

Da jedoch auch der Mensch ein Faktor im ökologischen Gesamtsystem ist, lautet die Maxime: „Am Ende muss es natürlich supergut aussehen!“ Denn für Menschen ist die Ästhetik bedeutsam. Pflanzungen müssen ins Herz gehen, sagt Claudia West. „Sie müssen einen überwältigen mit Farbe, müssen strahlen!“ Für ihren Berufsstand bedeutet das zu zeigen, wie schön etwas aussehen kann, damit die Leute verstehen, was überhaupt möglich ist im Beet.

Deutsche Wurzeln

Claudia West ist tief in der deutschen Wissenschaft verwurzelt. Sie hat an der Technischen Universität München in Weihenstephan studiert. „Hermann Müssel, Richard Hansen und Friedrich Stahl – das waren meine großen Inspiratoren und Mentoren.“ Aber auch die Forschung von Philip Grime von der University of Sheffield und von Norbert Kühn von der Technischen Universität Berlin, die die Pflanzen nach Strategietypen klassifizieren, ist wichtig für ihre Arbeit. „Pflanzen wachsen in speziellen Lebensbereichen und haben ganz eigene Strategien. Ich verbinde diese wissenschaftlichen Modelle miteinander, schaue auf das Verhalten, die Lebensweise, das Konkurrenzverhalten.“ Ihr geht es darum zu verstehen, wie Pflanzen zusammenpassen, denn die Gesellschaften, die sie entwirft, sollen nach der Pflanzung funktionieren und immer stabiler werden, anstatt allmählich zu verschwinden. „Da muss man ganz genau studieren, wie sich die Pflanzen verhalten, wie sie mit anderen konkurrieren und mit ihrer Umgebung harmonieren, wie sie überleben und sich verbreiten.“

Wolfgang Oehme als Mentor

Claudia West wuchs in Sachsen auf dem Bauernhof ihrer Großeltern auf. „Schon als Kind war ich sehr mit der Natur verbunden“, sagt sie. Ihre Eltern eröffneten nach der Wende im kleinen Ort Meerane eine Gärtnerei samt Floristikgeschäft und Gartenbaubetrieb. Zum Freundeskreis der Familie zählte Wolfgang Oehme – er brachte die junge Frau darauf, Landschaftsarchitektur zu studieren. Zunächst half er ihr, nach dem Abitur einen Platz für ein einjähriges Praktikum in einer der besten Staudengärtnereien zu bekommen, der Blue Mount Nursery in der Nähe von Baltimore. Dort lernte sie ihren heutigen Mann, Jim West, kennen und auch die nordamerikanische Flora schätzen. „Die Biodiversität hier ist außergewöhnlich. Viele der Pflanzen sind in Europa schon lange in Verwendung, aber es ist schön, sie hier in ihrem natürlichen Zusammenhang verwenden zu können. Hier ist das komplette Ökosystem auf diese Pflanzen eingestellt.“

Wolfgang Oehme, in den 1950er-Jahren aus Deutschland in die USA ausgewandert, hatte sich dort mit seinen großen Blockpflanzungen einen Namen gemacht. Gemeinsam mit Landschaftsplaner James van Sweden begründete er den „neuen amerikanischen Stil“. „Ich hatte das große Privileg, von ihm lernen zu können“, sagt Claudia West. Beinahe jedes Wochenende besuchte sie mit ihm Gärten.

Doch dann entwickelte sie ihre ganz eigene Herangehensweise in ihrer Arbeit. „Was mir wirklich die Augen geöffnet hat ist, dass so wenige von Oehmes Pflanzungen heute noch da sind. Die meisten haben es nicht geschafft. Das zeigt, dass Pflanzen, wenn man sie nur mit ihrer eigenen Art gruppiert, doch nicht so langlebig sind, wie wir gedacht haben.“ Oehme plante in großen Blöcken, um die Pflege zu vereinfachen. Er verwendete sehr konkurrenzstarke und langlebige Arten, die sich über Rhizome und überirdische Stolonen ausbreiten. „Aber die ökologische Funktion, der Erhalt der Biodiversität war dadurch nicht sichergestellt. Das hat mich inspiriert, andere Lösungen zu suchen – Mischpflanzungen und gestaltete Pflanzengesellschaften.“ Eine große Inspiration war auch der Ansatz von Peter Latz, bei dem sie an der TU München-Weihenstephan studierte. „Seine Arbeit mit Spontanvegetation – was im Grunde die nachhaltigste Pflanzung überhaupt ist – fließt nach wie vor in unsere Pflanzplanung mit ein.“ Bei jedem Entwurf beziehen Claudia West und ihre Kolleg(inn)en mit ein, welche Arten in der Umgebung vorkommen und welche davon sich aussäen.

Das Phyto Studio

Einen Mitstreiter für ihre Herangehensweise fand sie in Thomas Rainer, einem Landschaftsarchitekten, den sie über Wolfgang Oehmes Büro kennengelernt hatte. Schon 2015 veröffentlichten sie gemeinsam das in der Branche viel beachtete Buch „Planting in a Post-Wild World“. Claudia West arbeitete damals noch als Verkaufsleiterin bei den ökologisch orientierten North Creek Nurseries in Pennsylvania. Ihr Schwerpunkt lag unter anderem darauf, mehr ökologisch wertvolle Pflanzen in den Verkauf zu bringen. 2017 gründete sie schließlich mit Thomas Rainer das heutige Phyto Studio. Mit im Boot sind Managerin Melissa Rainer und Landschaftsarchitektin Emilie Carter.

Die Nische, die das kleine ökologisch orientierte Büro innerhalb der Branche anfangs besetzte, scheint längst verlassen, denn die Arbeit der vier entwickelt sich gerade zum Trend der Zukunft. Aus kleinen Aufträgen sind große geworden in Städten wie New York City, Baltimore und Toronto. Zum Beispiel der Philadelphia Airport – ein großes Projekt, das durch Corona allerdings derzeit auf Eis liegt. „Wir planen einen Teil des Flughafengeländes, ein weiterer Teil liegt auf beiden Seiten der Interstate 95, der befahrensten Autobahn der USA“, sagt Claudia West. Eine Riesenherausforderung an Pflanzplanung, Populationsmanagement und Landschaftspflege. „Dort ist alles voll mit invasiven Arten, mit künstlich aufgeschüttetem Boden, denn dort befanden sich früher Meer und Feuchtgebiet.“ Künftig sollen dort unter anderem weite, einladend wirkende Wiesenlandschaften blühen, die das Image Philadelphias als „Garden Capital“ verbessern. Vor allem aber sollen sie nachhaltig sein und einen substanziellen ökologischen Beitrag leisten.

„Es ist uns wichtig, dass solche Pilotprojekte richtig gut gemacht sind“, betont Claudia West. „Dann ist es nicht nur eine Mode, sondern wird zu einer bleibenden Veränderung.“ Ihr Ziel: etwas für die kommenden Generationen zu schaffen.

„Das Schöne ist, es ist ja keine Ästhetik oder Stil, den wir versuchen. Es ist eine Methode, ein Ansatz der Pflanzplanung.“ Manche der Projekte sind formal, andere naturalistisch anmutend. „Wir haben auch Gärten, die sind streng von Hecken gerahmt – es kann sehr modern sein und wunderschön ausschauen. Es kann so wild oder so ordentlich sein, wie es will.“ Ganz nach Kundenwunsch. Der dahinterstehende Ansatz ist es, auf den es ankommt.

Durch ihren neuen Ansatz verringern sich ganz nebenbei auch die Pflegekosten. „Über so etwas weiß man in Deutschland schon viel mehr, hier in den USA gibt es bisher wenige Daten dazu, wie viel Pflegekosten eine ökologische Pflanzung verursacht. Aber es ist ein wichtiges Argument, wenn wir unseren Kunden Alternativen aufzeigen.“ Entscheidend sei das, da häufig noch das Vorurteil herrscht, dass eine komplexe Pflanzung mehr Pflege benötigt und teurer ist. „Das ist aber gar nicht der Fall. Das ist eines der größten Probleme, die wir hier überwinden müssen.“

Denn ein weiteres Problem in den USA ist: Der Beruf des gelernten Gärtners existiert dort gar nicht. „Die Menschen, die auf dem Mäher sitzen, um die riesigen Rasenflächen zu mähen, sind am Ende auch diejenigen, die die komplexen Pflanzungen pflegen.“ Nicht alle lassen sich von der großen Leidenschaft der Pflanzplanerin anstecken. „Sie sind oft von der botanischen Vielfalt überwältigt. Aber: Man muss ja gar nicht alle Pflanzen kennen, sondern nur das Unkraut!“ Das Phyto Studio arbeitet mit vielen jungen dynamischen Firmen zusammen, die sich auf alternative Pflegemöglichkeiten spezialisieren. „Ohne sie würde keines unserer Projekte überleben.“ Enge Beziehungen gibt es aber auch in andere Bereiche der grünen Branche. „Wir kooperieren eng mit Gärtnereien und erklären, warum es wichtig ist, die richtigen Pflanzen anzubieten.“ Doch auch wie die Stauden und Gehölze gezogen werden, ist entscheidend. „Hier gab es vor ein paar Jahren einen Riesenskandal, als man gemerkt hat, dass einige Pflanzen so voller Pestizide waren, dass die Insekten, die dort Nektar geholt haben, daran gestorben sind.“ Um etwas bewegen zu können, ist ein enger Zusammenhalt mit Gleichgesinnten nötig – mit Gärtnereien, Gartenbaufirmen und denjenigen, die die Anlagen pflegen. „Wir sind Teil eines ganz großen Netzwerks, alle versuchen, dieselben Ziele zu erreichen. Das kann man nicht alleine schaffen.“

Eine neue Natur

„Wenn ich mir die aktuelle Forschung in der Pflanzenverwendung anschaue, sehe ich, dass vieles einfach nicht ausreicht“, sagt Claudia West. „Wir müssen viel mehr tun, besonders in der Landschaftsarchitektur, um die ökologischen Prinzipien so mit einzubauen, dass es wirklich funktioniert.“ Dass ein Projekt nicht nur oberflächlich als „ökologisch“ verkauft wird, sondern es auch tatsächlich ist. Ein wichtiger Bestandteil sind daher die Erkenntnisse von Entomologen. „Die Insektenforschung gibt uns klare Regeln, wie Pflanzpläne zusammengestellt werden müssen, um Insekten zu unterstützen, die gefährdet sind und auf der roten Liste stehen.“ Es reiche nicht, die typischen Futterpflanzen zu integrieren. Es müssen auch Gewächse gepflanzt werden, die die Generalisten unter den Insekten anlocken. Nur so werden die Spezialisten auch unterstützt. „Das ist hochkompliziert, total spannend, wir verfolgen die Forschung bis ins Detail.“

Für Claudia West gilt: Jede einzelne Planung, jedes Projekt, wo immer es auch ist, muss Natur ermöglichen beziehungsweise das Fundament für Leben jeder Art wiederherstellen. Pflanzungen, die ohnehin schon vorhanden oder geplant sind, sollen so viele Funktionen wie möglich vereinen, selbst auf kleinstem Raum – etwa eine Kombination von Regenwasserreinigung durch Pflanzen und Pilze, die außerdem Insekten und Vögel unterstützt.

„Um die Artenvielfalt und die Funktionen der Natur zu erhalten, reicht es nicht mehr aus, Naturschutzgebiete fernab der Städte und Industriegebiete zu haben.“ Denn die Urbanisierung schreitet weiter fort, in rasantem Tempo. „Genau deshalb haben wir uns ein großes Ziel gesetzt, aber eines, das sich erreichen lässt. Wir wollen eine neue Natur in den Städten und Wohngebieten erschaffen.“

Doch was bedeutet überhaupt der Begriff Natur? „Vieles, was wir Natur nennen, ist eine Illusion, es ist ein menschengemachtes Konstrukt.“ Denn eine „unberührte“ Natur gebe es nicht mehr – in Nordamerika seit etwa 15.000 Jahren. „Was die ersten europäischen Siedler hier vorgefunden haben, ist eine alte Kulturlandschaft. Die haben sie nur nicht als solche verstanden. Der nordamerikanische Wald und die Prärie waren Tausende von Jahren von Menschen gepflegt worden, durch das Massensterben der Ureinwohner jedoch bereits verwildert.“ Daher hadert Claudia West auch mit Ansätzen zur Renaturierung, bei denen Wiesen, Prärien und Wälder angepflanzt und dann sich selbst überlassen werden. „Das geht schief“, sagt sie. „Wenn wir nichts tun, entwickelt sich daraus eine Natur, die nur einen Bruchteil der Funktionalität hat im Vergleich zu einer Natur, um die sich der Mensch kümmert. Landschaftspflege ist die Lösung.“ Damit befindet sie sich auf dem Kriegspfad, denn an den Hochschulen der USA wird im Bereich Umweltschutz anderes gelehrt. „Man ist der Auffassung, dass man Nationalparks alleine lassen muss. Doch Nationalparks hier brauchen mehr Pflege als die pflegeintensivsten Gärten in den USA!“

Menschen sind Bestandteil der Natur und können sich nicht außerhalb des Systems stellen. Nachdem sie alles verändert haben, ist es nun ihre Pflicht – oder Chance – das Blatt zum Guten zu wenden, davon ist Claudia West überzeugt. „Man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Man muss sich von der Nostalgie lösen, es gibt kein Zurück, wir müssen nach vorne schauen.“ Aber das hat auch etwas Positives. „Es ist unglaublich schön zu sehen, wie sich in einem Projekt innerhalb von wenigen Jahren neue Ökosysteme entwickeln, die es so auf der Welt noch gar nicht gibt, die aber unglaublich funktional sind, den Menschen viel Freude geben und uns wieder mit Natur verbinden.“

Dies ist ein entscheidender, nicht zu unterschätzender Faktor. Denn Menschen gewöhnen sich an immer weniger Natur – das „shifting baseline syndrome”. „Hier fliegen im Sommer kaum noch Insekten, es summt fast nichts mehr. All die jungen Menschen, die jetzt groß werden, denken, das sei normal. Die wissen nicht, wie der Garten zur Zeit der Großeltern im Frühling gebrummt hat.“ Eines der größten Ziele ist es, mit jedem Projekt diese Basislinie ein Stückchen zurückzuschieben. „Die Leute sollten sich nicht an den verarmten Naturzustand, die Verschmutzung und den Lärm gewöhnen.“

Doch sollen und können Landschaftsarchitekten und Gärtner nicht alles bestimmen und kontrollieren. Vielmehr geht es darum, einen Anschub zu geben. „Bis zu einem bestimmten Grad kann man der Natur helfen, aber dann muss es sich alles selber entwickeln.“ Ein Beispiel, bei dem das funktioniert hat, ist eine Infrastruktur, die Claudia West in Lancaster, Pennsylvania, angelegt hat. An einer Kreuzung neben einer Brauerei entstand ein Regengarten, der den Niederschlag in den Boden leitet, anstatt in die Kanalisation. Eine Pflanzung mit bis zu 50 Arten, die an den Standort angepasst sind und möglichst jede ökologische Nische besetzen, die sich über die Jahre hinweg sehr stabil entwickelt hat. Mit dabei wintergrüne Gewächse, Gräser wie Seggen zum Beispiel, sowie zeitige Frühblüher. Dann erscheinen einheimische „warm season plants” mit C4-Metabolismus – die etwa bei heißem und trockenem Wetter einen effektiveren Stoffwechsel haben und ab Juni viel Habitat schaffen. Im Herbst und Winter sind Pflanzen mit C3-Metabolismus, also die typischen Gewächse der gemäßigten Breiten, aktiv. Geplant ist eine Studie der Universität von Pennsylvania, bei der erhoben werden soll, wie sich die Artenvielfalt und die ökologischen Beziehungen innerhalb der letzten sechs Jahre entwickelt haben. Ergebnisse würden längst vorliegen, wäre nicht Corona dazwischengekommen. Nun ist die Studie für 2023 vorgesehen.

Ein wichtiger Teil der Planung solcher Projekte ist es, ruderale Arten einzubauen, die das Potenzial haben, sich über die geplante Fläche hinaus zu verbreiten. „Sämlinge zwischen Gehwegplatten zum Beispiel sind derzeit in den USA meist Exoten, Pflanzen aus anderen Kontinenten.“ Denn sie wurden von Hobbygärtnern und Stadtplanern irgendwo gepflanzt und sind dann verwildert. „Jetzt haben wir die Riesenmöglichkeit, das zu verschieben. Mehr ruderale Arten, die höhere ökologische Funktion haben und die zum Teil heimisch sind, in unsere Projekte einzubauen und damit die urbane Vegetation zu bereichern.“

Doch sollten es immer einheimische Arten sein? „Das ist nicht so einfach zu beantworten“, sagt die Planerin. „Es gibt einheimische Pflanzen, die fast keine ökologischen Beziehungen zu Insekten und Vögeln haben. Andere wiederum haben sehr viele.“ Ihr kommt es nicht darauf an, woher eine Pflanze stammt. „Man muss sich die wissenschaftlichen Resultate anschauen. Wir integrieren die Pflanzen, die die meisten ökologischen Beziehungen zu Insekten und Vögeln und so weiter haben.“

Also dürfen auch exotische Arten ins Beet, wenn sie hohe Bedeutung für einheimische Wildbienen oder Schmetterlinge haben. „Es ist ganz wichtig, dass man sich auskennt und auch weiß, welche zum Problem werden könnten. Es gibt einige, die sich rasant aussäen und in natürlichen Ökosystemen unglaublich viel Schaden anrichten.“ So etwas will dann gut überlegt sein. In einer Planung in der Nähe eines Naturschutzgebietes würde sie solche Arten auf keinen Fall berücksichtigen. Bei einem Projekt in Manhattan wäre dagegen das Risiko einer unkontrollierten Vermehrung und eines Schadens viel geringer. Doch auch der Klimawandel ist ein wichtiger Faktor. „Wir machen hauptsächlich urbane Planung, da geht es gar nicht, sich auf einheimische Pflanzen zu beschränken. Die Bedingungen in Städten sind inzwischen so extrem, dass die Pflanzen, die es hier vor ein paar Hundert Jahren gab, gar nicht angepasst sind an diese Bedingungen.“ So greift sie immer mehr auf Stauden und Gehölze aus dem Süden und Westen der USA zurück, die das warme Klima besser aushalten.

Beim „Bird and Pollinator Garden“ im Arboretum der Penn State University zum Beispiel ist die Mehrheit der verwendeten Pflanzen in Zentralpennsylvania heimisch und an den extrem hohen pH-Wert der Region bestens angepasst. Damit Insekten Unterschlupf finden, gibt es alte Baumstämme, stark verwitterte Felsbrocken und von Entomologen entworfene Insektenhotels. Auch die Pflanzsubstrate und die Topografie des Gartens wurden an die Bedürfnisse der Insekten angepasst. „Manche Bienen brauchen zum Beispiel lockeren, sandigen Boden, offene Vegetation und leichte Hangneigung nach Süden.“ Auch hier war das Ziel, so viele Habitate wie möglich zu schaffen. Für Vögel wurden vor allem Bäume mit Früchten, aber auch Dickichte und Wasserstellen entworfen. „Wassertiefe und -qualität sind bei den Trink- und Badestellen ausschlaggebend.“ So sind die Trinkstellen mit Filtern ausgestattet und darüber hinaus beheizt, um alles sauber und auch im Winter offen zu halten.

Wie es dort künftig weitergeht, hängt natürlich von der Pflege durch den Menschen ab. Die Arbeit wird angepasst an die Lebenszyklen von Vögeln und Insekten, auch wenn das manchem der Gärtner merkwürdig vorkommen mag. So bleibt Laub im Herbst liegen, auch Stauden werden erst im zeitigen Frühjahr zurückgeschnitten. „Wir stehen in engem Kontakt mit dem Pflegepersonal und Entomologen, da ökologische Pflegestrategien auch hier noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen sind!“, sagt Claudia West. Dabei sei es wirklich ganz einfach: „Keine Herbizide und Pestizide, kein Dünger, kein frischer Mulch, und so wenig gießen wie möglich!”

Ina Sperl

Gartenjournalistin und Buchautorin, Pflanzenliebhaberin und London-Fan