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»Eine Operation kann auch kontraproduktiv sein!«


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GOLF MAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 60/2022 vom 16.05.2022

ORTHOTALK – ORTHOPÄDIE FÜR GOLFER

Dr. Sven Lichtenberg praktiziert am Deutschen Gelenkzentrum in Heidelberg. Er ist selbst passionierter Golfer und spielt in den Hohenhardter Golfanlagen in Wiesloch. Wir trafen ihn im Clubhaus und lernten viel über die Anatomie der Schulter im Golfsport.

»Du musst die Schultern weiter aufdrehen!« – ein vielzitierter Schwungtipp von Golflehrern, der bei vielen Golfern auf dafür nicht ausgeprägte körperliche Voraussetzungen trifft. Was ist die Meinung des Experten?

Das hat zunächst einmal nichts mit dem Schultergelenk zu tun. Insofern kann man dem Golflehrer für diese Aussage nichts vorwerfen. Orthopädisch gesehen findet die Schulterdrehung in der Wirbelsäule statt – die Schultern sind also gar nicht betroffen. Liegen Defizite in der Drehung vor, weist das zunächst nur auf Probleme in der Wirbelsäule (hauptsächlich der Brustwirbelsäule) hin. Auch Menschen mit der ...

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... rheumatisch-entzündlichen Erkrankung Morbus Bechterew mit zunehmender Krümmung des Rückens sind zum Beispiel stark im Radius eingeschränkt.

Sind Schulterluxationen (ausgekugelte Gelenke) eigentlich häufig? Wie stellt man so etwas an und ist eine Operation zwingend erforderlich?

Beim Golfschlag luxiert die Schulter nicht. Die klassische Situation des Auskugelns entsteht, wenn man nach vorne stürzt (zum Beispiel eine Treppe herunter) und sich dabei am Geländer festhält. Der Körper bewegt sich bergab in Richtung Boden, die Hand hält den Arm aber oben fest. Hier gilt die Faustregel, dass man ab 35 Jahren aufwärts nicht zwangsläufig operieren muss. Die typischen Schäden der Gelenk stabilisierenden Bandstrukturen sind in diesem Alter seltener. Bei diesen »älteren« Patienten entstehen eher Sehnenrisse, die eine Operation erfordern. Einen Gelenkpfannenschaden sollte man dann operieren, wenn etwas abgebrochen ist. Stellen Sie es sich wie bei einem Holztee vor: Fehlt dort eine Ecke, fällt der Ball halt auch immer runter (lacht).

Die wichtigste Frage gilt natürlich dem Golferellenbogen: Weshalb dauert der Heilungsprozess so lange? Und haben Sie das »Schnell-weg-Rezept?« »Schnell weg« gibt es leider nicht. Der Golfer-oder Tennisellenbogen ist tatsächlich oft sehr langwierig. Die Golfer haben die Schmerzen zu 90% auf der Innenseite und die Tennisspieler außen. Fehlbelastungen und Überlastungen sind das Kernproblem. Eine Fehlbelastung kann mit Griffposition, Griffstärke oder falschem Schaftmaterial zu tun haben. Degeneration kann ebenfalls eine Rolle spielen. Man sollte eine Golferellenbogen nicht unterschätzen und rechtzeitig gegensteuern, zumal die beteiligten Sehnen reißen können.

Bei dieser Diagnoser sollte der Orthopäde ein MRT anfertigen lassen, um sich ein umfassendes Bild von der Sehnenstrukturen machen zu können. Die schlechteste Behandlung, die aber leider von vielen Kollegen bis heute angewendet wird, ist das Spritzen von Cortison. Unter Fachleuten ist das keine Option mehr, da man Gefahr läuft, die Sehne zusätzlich zu schädigen. Auch hier gilt: Bei Unsicherheit eine Zweitmeinung einholen. Der lange Weg der Heilung wird konservativ in Form von Dehnungsübungen, Tiefenmassagen, Stromtherapie und Kräftigung flankiert.

Wenn so ziemlich alles lädiert ist, muss man wohl über eine Schulterprothese nachdenken. Was ist hierfür denn die Hauptursache? Die Notwendigkeit einer Prothese füllt ein einwöchiges Seminarprogramm, aber ich versuche es kurz zu erklären. Grob einteilen kann man es wie folgt:

1_ Typische Arthrose – die Abnutzung der Gelenkknorpelflächen wie bei einer Hüftarthrose, betrifft auch noch aktive Menschen zwischen 60 und 70 Jahren. Hier kann man eine anatomische Prothese einsetzen. Das bedeutet, dass man den Oberarmkopf durch einen neuen Kopf und die Pfanne durch etwas Pfannenartiges ersetzt. Diese anatomischen Prothesen funktionieren jedoch nur, wenn die Rotatorenmanschette weiterhin intakt ist.

2_ Schulterinstabilitäten (Luxation, Auskugeln) können bereits im Alter ab 40 Jahren eine sehr frühe Arthrose bedin-gen. Diese Patienten benötigen ebenfalls eine anatomische Prothese.

3_ Nach Brüchen (Oberarmkopffrakturen), die nicht gut verheilt sind und der Oberarmkopf nicht gut versorgt wurde und zum Beispiel abgestorben ist, wird bei intakter Rotatorenmanschette eine anatomische Prothese implantiert. Eine inverse Prothese ist erforderlich, wenn die Rotatoren defekt sind. Einfach gesprochen bedeutet diese umgedrehte Form der Prothese, dass man den Oberarmknochen nicht mit etwas Rundem, sondern genau umgekehrt mit etwas Pfannenartigem und die Pfanne wiederum mit etwas Rundem versorgt. Durch das »Drehen« dieser Partner mache ich den Patienten unabhängig von der Rotatorenmanschette. Aufgrund des Deltamuskels können Patienten den Arm wieder heben. Sie wird auch dann eingesetzt, wenn die Rotatorenmanschette nicht mehr vorhanden ist; das ist das ursprüngliche Anwendungsgebiet.

Heutzutage lockern sich künstliche Schultergelenke nicht mehr häufig und halten wie ein Hüftgelenk gute zwölf bis 15 Jahre. Bei meinen Untersuchungen unter den golfenden Patienten sind nicht wenige, die auch mit Prothesen wieder Drives auf über 200 Meter schicken. Bei einem optimalen Verlauf wird man also wieder Golf spielen können. Eine Studie aus den USA sagt, dass die Golffähigkeit nach anatomischer Golfprothese sogar besser war und sich die Handicaps der Studienteilnehmer verbesserten. Ich gehe allerdings nicht davon aus, dass dies an den Prothesen lag, sondern vielmehr daran, dass man nach solch einem Eingriff sicherlich nicht mehr so übermotiviert auf den Ball schlägt (lacht).

Die wichtigste Frage zum Abschluss: Was beugt wirklich vor? Aufwärmen?

Absolut – wie bei jeder Sportart! Ich fahre auch leidenschaftlich gern Ski und sehe die Leute dort direkt vom Frühstück auf den Lift zusteuern und dann die schwarzen Pisten runterfahren. Das kann langfristig nur in die Orthopädiepraxis führen, da der Körper noch nicht bewegungsbereit ist. Auch bei einem Golfschlag kann man überdehnen und zerren und sich immer wieder kleinere Verletzungen zuziehen. Es gehört medizinisch gesehen schlichtweg dazu, vor dem Sport den Kreislauf in Schwung zu bringen. Zehn Minuten auf der Stelle joggen, dehnen im Rumpf-, Bein-, Schulter-, und Armbereich sind ein Muss.