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Eine Poetin der Wahrheit


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 7/2019 vom 27.06.2019

Die britische Rapperin KATE TEMPEST hat ein Album mit Rick Rubin gemacht, der einst die Beastie Boys entdeckte. Nach HipHop klingt das Ergebnis aber nicht


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Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 7/2019

Kate Tempest zu Hause in South London


Die Dichterin Kate Tempest


IST KATE TEMPEST eine Rapperin oder eine Dichterin? Diese Frage begleitet die als Kate Esther Calvert geborene 33-Jährige aus dem Süden Londons seit dem Beginn ihrer Karriere. Im Januar 2014 schon saß sie in der Sendung des biederen amerikanischen Talk-Gastgebers Charlie Rose (mittlerweile wegen einiger #MeToo-Vorwürfe abgesetzt) und musste darauf eine Antwort geben. Damals hatte sie ...

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... bereits ein wenig beachtetes Album mit ihrer Band Sound Of Rum gemacht, um dann mit ihren Gedichtbänden, Sprech- und Theaterstücken endlich die verdiente Aufmerksamkeit zu bekommen. „Dichter ist ein großes Wort“, erklärte sie damals ausweichend. „Ich habe mit einem Dichter, den ich kenne, darüber gesprochen: Wenn man jemanden als Dichter bezeichnet, ist das eine Auszeichnung. Andere Leute können einen so nennen, aber wenn man sich selbst so nennt, ist man vermutlich kein Dichter.“

So ähnlich hat Bob Dylan, bei dem ja ebenfalls nie klar war, ob er Sänger ist oder Dichter, das auch mal formuliert. Die bekannteste Definition eines Dichters ist aber natürlich die von Søren Kierkegaard, aus seinem Werk „Entweder – Oder“: „Was ist ein Dichter?“, fragt der dänische Philosoph da. „Ein unglücklicher Mensch, der heiße Schmerzen in seinem Herzen trägt, dessen Lippen aber so geartet sind, dass, während Seufzer und Geschrei ihnen entströmen, diese dem fremden Ohr wie schöne Musik ertönen.“

Und diese Fähigkeit, Leiden in Schönheit zu verwandeln, zeigt auch Tempest bei Charlie Rose, als sie eine Kostprobe ihrer Kunst gibt und anhebt: „Now, focus/ It’s dusk on a weekday night/ Kids scream and fight/ In the road, cars slow at the lights…“, und aus dem beschwerlichen Leben zweier Familien aus ihrer Heimat im Südosten Londons erzählt. Und wenn man Tempest zuhört, wie sie hier aus ihrem 70-minütigen Sprechstück „Brand New Ancients“ vorträgt, in dem sich die alten griechischen Mythen im Leben des Prekariats spiegeln, weil es auch dort Heldentaten und Erbärmlichkeiten, Götter und Monster gibt, möchte man sie sofort als Dichterin preisen – und kurz darauf erscheint auf dem Bildschirm auch die Bauchbinde, die sagt: „Kate Tempest, Poet“ –, aber wenn man ihr dabei zuschaut, wie sie ihre Rede mit Gesten unterstützt, wie die Silben einen Rhythmus setzen und die Rede ins Fließen gerät, kann man sich zugleich gut vorstellen, dass da ein Beat unter ihrer Stimme liegt und sie statt ihrer gepunkteten Bluse einen Hoodie trägt. Das fällt aus heutiger Sicht umso leichter, weil wir Kate Tempest mittlerweile tatsächlich vor allem als Rapperin kennen – von ihren fantastischen Alben„Everybody Down“ (2014) und„Let Them Eat Chaos“ (2016) nämlich.

DOCH DER PRODUZENT Rick Rubin hatte diesen Eindruck bereits, als er 2014 Tempests Auftrit am Fernseher verfolgte. „Brand New Ancients“ brachte die Gefühle zurück, die er als junger Mann gehabt hatte, wenn er HipHop hörte und mit Run– D.M.C., LL Cool J, den Beastie Boys oder Public Enemy im Studio war. Er wusste in dem Moment, dass er mit der Dichterin ein Album machen musste, und rief sie an. „Das Problem war nur, dass ich zu dem Zeitpunkt ziemlich beschäftigt war“, erinnert sich Tempest. Sie war auf Tour, betreute zudem gerade zwei Theaterproduktionen, schrieb an einem Gedichtband, ihr erstes Soloalbum stand kurz vor der Veröffentlichung, und der darauf basierende Roman, „The Bricks That Built The Houses“ (in der deutschen Übersetzung: „Worauf du dich verlassen kannst“), schrieb sich auch nicht von allein. „I did not have a fucking minute“, sagt sie, lacht und erzählt, dass es nach der ersten Kontaktaufnahme etwa ein Jahr gedauert habe, bis sie gemeinsam mit ihrem musikalischen Partner Dan Carey zum ersten Mal Rubins Shangri-La-Studios in Malibu besuchte. „Wir hatten vorher ein paarmal telefoniert“, fährt sie fort, „und auch mal in London gemeinsam zu Abend gegessen, um darüber zu sprechen, was ihm eigentlich vorschwebte. Er hat auch versucht, es zu erklären, aber ich habe es ehrlich gesagt nicht verstanden. Ich hatte keine Ahnung, was er von mir wollte. Aber das Schöne war: Er wusste es auch nicht so genau.“

Nach einem Auftritt beim Festival South By Southwest im texanischen Austin im März 2015 fuhren Tempest und Carey zum ersten Mal nach Malibu, blieben eine Woche, schrieben neue Stücke und spielten sie Rubin vor. Aber die entsprachen nicht dem, was der Produzent sich vorgestellt hatte. In den folgenden zwei Jahren kamen sie noch öfter zurück und präsentierten die Ergebnisse ihrer Arbeit. Der Produzent schüttelte jedes Mal den Kopf. „Auch die ersten Demos von,Let Them Eat Chaos‘ haben wir ihm vorgespielt“, so Tempest. „Doch er wollte sie nicht haben. Wir fanden sie allerdings ziemlich gut und beschlossen daher, das Album ohne ihn zu machen.“

Vor zwei Jahren, als sie wieder auf US-Tour waren, fuhren sie erneut nach Malibu, den Pacific Coast Highway am Ozean entlang, parkten ihren Leihwagen zwischen den Elektroautos auf dem Parkplatz vor dem Shangri-La, in dem Mitte der Siebziger unter anderem The Band und Eric Clapton aufgenommen hatten und in dessen Garten manchmal Bob Dylan übernachtete, wenn seine Frau ihn aus dem Haus geworfen hatte. Sie spielten dem wie gewohnt skeptischen Rubin ihre neuen Demos vor und hielten den Atem an, während der sich vermutlich seinen grauen Hippiebart kraulte und lauschte. „Dann sagte er: ,Einige von diesen Demos sind gut, fünf sind außergewöhnlich“, erzählt Tempest. „Und wir dachten: Mein Gott, wir haben es geknackt, wir haben verstanden, was er von uns will!“

Und was war es? „Er wollte, dass ich aufhöre zu rappen“, sagt sie, zuckt mit den Schultern und lacht. „So einfach eigentlich! Als wir das Album fertig hatten, habe ich mit Rick noch mal über den ganzen Prozess gesprochen, und so allmählich wird ihm klar, wonach er gesucht hat: nach dem Moment, in dem Lyrics und Musik mit HipHop-Konventionen brechen, aber trotzdem dem HipHop verpflichtet und von ihm inspiriert sind.“

Tatsächlich wirft„The Book Of Traps And Lessons“ , so heißt das gerade erschienene Album, wieder die alte Frage auf: Ist das HipHop oder Poetry? Einen Beat hört man jedenfalls erst mal nicht, stattdessen ein verhaltenes Klavier und Synthesizer-Dämmerung. „I came to under a red moon“, beginnt Tempest. „Thirsty for water/ My eyes were like shovels in the soil of the sky. Digging in/ To the night to find/ Solace. Burying/ Emptiness.“ Es ist die vertraute Stimme, aber sie ist weicher, zärtlicher, und sie gehört nicht, wie bisher, einer Beobachterin, die die Welt um sich herum beschreibt und durchdringt – sie führt nach innen. Wie schon zuletzt in Tempests Gedichtband „Running Upon The Wires“, der den Weg vom Ende einer Beziehung über die Leere, die Selbstzweifel, die Depression bis zu neuer Kraft und neuer Liebe beschreibt – nicht eingepackt in die für Tempest typischen rhythmischen Textlawinen, sondern spärlich, nackt, mit viel Weißraum auf der Seite. Und als auf„The Book Of Traps And Lessons“ schließlich deOf schließlich der Beat einsetzt, ist es ein warmer, leiser Herzschlag: „push two lonelinesses together and create/ More Loneliness/ Or create God and come inside/ Each other.“ Keine dichte Erzählung, sondern eine lyrische Innenschau.

„Es war eine gute Übung für mich“, so Tempest, „all die Dinge, die mir zur Verfügung stehen, um Leute zu beeindrucken – den erzählerischen und den sprachlichen Flow – abzulegen und die Wörter ohne irgendein Gerüst drum herum auszustellen. Eigentlich hatte ich Kapitel geschrieben, die die einzelnen Songs in eine Erzählung eingliedern sollten, aber das hat Rick nicht sonderlich berührt. Und ich musste mich fragen, warum es mir so schwerfällt, das aufzugeben. Warum fühle ich mich nicht sicher, die Songs einfach so ohne die Hilfe eines narrativen Kontextes stehen zu lassen? Ich liebes es, Geschichten zu erzählen, und ich finde es aufregend, wenn das in einer lyrischen Form passiert, aber für diese Platte habe ich es mehr oder weniger aufgegeben, wenngleich die Story für mich offensichtlich ist, aber vielleicht für niemanden sonst.“

Was die Stücke miteinander verbindet, ist dieses Mal also weniger der Erzählfaden, dafür mehr die Musik: ein kleines Streichermotiv, das in einem Track beginnt und im nächsten endet, ein paar dunkle Klavier-Akkorde oder ein flächiger Synthesizer. „Die Musik sollte ebenso die Texte komplettieren, wie die Texte die Musik komplettieren sollten“, erklärt Tempest. „Wir haben sehr oft,Histoire De Melody Nelson‘ von Serge Gainsbourg gehört. Die Art und Weise, wie hier Motive wiederkehren und die Musik fast genauso sehr die Geschichte erzählt wie die Lyrics, war ein wichtiger Bezugspunkt für uns.“

Ihr sei egal, ob sie mit diesem Ansatz einige HipHop-Fans vor den Kopf stoße, sagt sie. „Bei Konzerten geht es mir vor allem darum, eine Verbindung zum Publikum herzustellen. Aber wenn es um mein Verhältnis zu Ideen und Inspiration geht, ist das etwas ganz anderes. Ich versuche der Eingebung nachzugehen und das Unmögliche zu schaffen – das Göttliche ins Menschliche zu übersetzen. Es ist unmöglich, und es klappt nie, aber man muss die Idee so weit verfolgen, wie es einem möglich ist. Und wenn man sich dabei die ganze Zeit fragt, ob es den Leuten gefällt, verliert man die Idee aus den Augen und vermasselt alles.“

„The Book Of Traps And Lessons“ aber keineswegs eine biedermeierliche Platte. Sie beschreibt vielmehr eine Reise vom Ich zum Wir – daher hat das Cover auch die Anmutung eines Reisepasses, in dem sich ja das Individuelle und die Zugehörigkeit zu einer (nicht unbedingt frei gewählten) Gemeinschaft verbinden. Und so geht es nicht nur um Herzschmerz und Einsamkeit, die Liebe und das Göttliche in den neuen Stücken, sondern auch um Internet-Trolle und fehlende Solidarität, Rassismus und Brexit-Irrsinn. „We are online/ Venting our outrage“, klagt Tempest, halb Kassandra, halb Predigerin, in „All Humans Too Late“, dem zentralen Stück des Albums, eindringlich und ohne musikalische Begleitung. „Teaching the future that life is performance and vanity/ Post a quick death threat/ Drunk every evening/ Sick from the irradiated meat/ Sucking on pork ribs/ And summoning pornography/ So that we can come when we fuck/ Our partners don’t know us/ Our families are strangers/ Our friends make us nervous.“

„Für mich ist die Vermittlung von Wahrheit äußerst wichtig“, sagt Tempest. „Ich mag es, wenn ich beim Hören oder Lesen etwas finde, das meiner Wahrheit entspricht, und ich denke: Oh, dieser Mensch hat die Fähigkeit, etwas zu artikulieren, das auch ich für wahrhaftig halte! Das erzeugt eine kreative Gemeinschaft, in der ich mich bestätigt fühle und meinen eigenen Erfahrungen näherkomme. Ich hoffe, dass mir das mit meiner Kunst auch gelingt, weil ich glaube, dass ich das der Inspiration schuldig bin.“ Nichts mache sie glücklicher, als wenn jemand nach einem Konzert oder einer Lesung zu ihr komme und sage: Du hast mir aus der Seele gesprochen! „Damit das passiert, muss man die Wahrheit sagen, man muss die eigene Wahrheit beschreiben, und auch wenn man einen fiktionalen Text schreibt, müssen die Figuren in der eigenen Wahrheit gründen.“ Die Kunst sei ihr Versuch, sich auf etwas einen Reim zu machen, das ihr in der Realität erst mal nicht einleuchte – „als Künstler hat man die Begabung, es auf dem Feld, in dem man kompetent ist, der Kunst nämlich, noch einmal zu durchleben“.

Tempest, die nicht besonders gern über sich selbst spricht, redet sich in einen Rausch, wenn es darum geht, über ihre Berufung zu sprechen; mit derselben großen Ernsthaftigkeit, die auch ihren Songs und Gedichten eigen ist. Manche Zuhörer haben ein Problem mit diesem unbedingten Willen zur Wahrheit, dem Immer-auf-der-richtigen-Seite-Stehen und der bei Leuten, die sich sicher sind, immer auf der richtigen Seite zu stehen, nicht so seltenen Abwesenheit von Humor. Auf die Frage, was sie denn zum Lachen bringe, weiß Tempest denn auch keine Antwort. „Mein Kopf ist gerade vollkommen leer“, sagt sie. „Sobald du ,Humor‘ sagst, fällt mir nichts mehr ein. Was ist Humor? Ich habe keine Ahnung. Obwohl, wenn ich beispielsweise ein Buch lese, in dem Menschen besonders gut beschrieben werden, dann ist das manchmal so schön, dass ich lachen muss. Wiedererkennen kann witzig sein, oder? Sonst fällt mir nichts ein, tut mir leid.“

Das ist eher Empathie als Humor, aber solange ihre Unglücksschreie so schön klingen wie auf„The Book Of Traps And Lessons“ , bleibt sie unsere liebste Dichterin.


Fotos von JULIAN BROAD