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Eine Prachtallee als Spielfeld in Himmelkron


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TASPO BAUMZEITUNG - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 14.10.2022

Die Lindenallee der Baille-Maille in Himmelkron krönt zwar nicht den Himmel, liegt aber immerhin in Oberfranken hoch im Norden Bayerns und hat eine überaus wechselvolle Geschichte hinter sich. Entstanden im Barock, wächst dort dank engagierter Bürger heute wieder neu ein Ensemble von 600 Linden in vier Reihen am Weißen Main – ein europäisches Kulturdenkmal.

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Bildquelle: TASPO BAUMZEITUNG, Ausgabe 5/2022

Karl H. C. Ludwig hat Landschaftsarchitektur studiert, arbeitete im In- und Ausland und lehrte als Professor an der Hochschule Nürtingen.

Fast einen Kilometer zieht sich die Allee von der alten Dorfbrücke bis hin zur sogenannten Fürstenbrücke über den Weißen Main, noch aus der Zeit der Bayreuther Markgrafen stammend. Sie waren es auch, die genau dort erstmals eine Allee anlegen ließen, erdacht und gemacht für ein seinerzeit beliebtes fürstliches Freizeitvergnügen, das Baille-Maille-Spiel. Der Begriff leitet sich ab vom italienischen ...

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... „Pallamaglio“ oder „palla a maglio“, übersetzt „die Kugel mit dem Hammer schlagen“ oder frei formuliert „Ballschlagen“ beziehungsweise „Schlagball“.

Begründer der Allee war Markgraf Christian Ernst von Brandenburg-Bayreuth (1644– 1712), der dem aristokratischen Spiel wohl auf seiner Kavalierstour durch Europa in Frankreich begegnet war. Bis heute in Erinnerung durch rege Bauaktivitäten, spiegelt sich darin nicht zuletzt sein Anspruch auf Selbstdarstellung und -inszenierung als ein barocker Landesfürst. In dem Kontext betrieb er nach Ende des 30- jährigen Krieges und dessen Zerstörungen den Ausbau seiner Residenz in Bayreuth sowie den Umbau des bereits 1569 aufgelassenen Klosters der Zisterzienserinnen in Himmelkron unweit von Bayreuth zur Sommerresidenz. Dazu zählte auch die Anlage eines Hofgartens und der Baille-Maille-Allee, die vermutlich 1662 gepflanzt wurde.

Französischem Vorbild gemäß bestand die Allee aus vier Baumreihen mit 200 Linden in jeder Reihe. Kurz nach ihrer Anlage fiel sie allerdings einer Überschwemmung zum Opfer. Darauf ließ Christian Ernst 1664 durch seine Soldaten das Ufer des Weißen Mains mit Quadern aus Sandstein befestigen, parallel zum linken Flussufer einen Damm aufschütten und die Allee erneut pflanzen. Zu jener Zeit spielte man dort besonders gerne Baille-Maille (englisch ‚Pall Mall‘), ein Laufspiel, bei dem Holzkugeln mit einem Holzhammer geschlagen wurden.

Ziel des Spiels war es, eine rund 10 bis 12 cm große Spielkugel aus Buchsbaum mit möglichst wenig Schlägen des Schlägers (englisch: ‚mallet‘) entlang der Bahn durch Reifen zu schlagen. Daran erinnern Spiele wie Boccia, Boule oder Crocket, die bis heute in Italien, Frankreich oder England gespielt werden und verbreitet sind. Fast zeitgleich dazu hatte Christian Ernst auch in seiner Residenzstadt Bayreuth im Hofgarten und in der Eremitage zwei weitere Baille-Maille-Alleen anlegen lassen, die heute allerdings nicht mehr bestehen. Solche Alleen waren zu dieser Zeit überaus beliebt und geschätzt als Ort zum Spielen, zum Lustwandeln sowie für andere Lustbarkeiten. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts etwa weilte der markgräfliche Hofstaat häufig in dieser neuen Sommerresidenz. Dort wurden dazu Schlosshof und Pfarrhaus erweitert, in der Baille-Maille-Allee eine Menagerie sowie an deren Ende überdies eine neue Bogenbrücke aus Sandstein über den Weißen Main angelegt. Sie stellt heute noch ein einmaliges Kulturdenkmal dar. Dabei geht man davon aus, dass sie um 1666/67 gebaut wurde.

Bereits 1671 wird auch ein erster Wärter für die Baille-Maille erwähnt, 1717 soll es erstmalig gar ein „Theatro“ an der Lindenallee gegeben haben, und 1718 wurde zu Ehren des Namenstages des damaligen Markgrafen Georg Wilhelm (1678–1726) unter anderem das Schäferspiel „Beglückte Schäferin Belinde“ aufgeführt, in dem das Markgrafenpaar samt Hofstaat mitwirkten.

Das Ende der Allee ...

In einer Darstellung aus dem Jahr 1754 des im Dienst des Markgrafen stehenden Kupferstechers und Zeichners Johann Thomas Koeppel zeigt sich in der inzwischen stattlichen Allee auch ein „Salet“ (Pavillon), in dem unter anderem die preußische Königstochter Wilhelmine (1709–1758), die erklärte Lieblingsschwester von Friedrich dem Großen, mit ihrem Gemahl Markgraf Friedrich III. von Brandenburg-Bayreuth höfische Geselligkeit lebte und praktizierte. In Briefen an ihren Bruder und in ihren Memoiren schwärmte sie mehrfach von Himmelkron, dem „reizenden Fleck“, und „…von Spaziergängen gibt es nichts als einen Mail, der beinahe so schön war wie die in Utrecht!“ – ein hohes Lob, sah der seinerzeit stilprägende französische Sonnenkönig Ludwig XIV. doch diese Allee in Utrecht als die schönste von Europa.

Im Jahr 1791 verkaufte Markgraf Karl Alexander von Brandenburg zu Ansbach-Bayreuth (1736–1806) seine beiden ehedem selbstständigen Fürstentümer Bayreuth-Kulmbach und Ansbach an das aufstrebende Preußen – und zog sich mit seiner zweiten Gemahlin, Lady Elizabeth Craven, als Privatier nach England zurück. Damit war auch das Schicksal der Baille-Maille-Allee in Himmelkron besiegelt. Im aufgeklärten Geist jener Zeit wusste man mit den Relikten barocker Spielleidenschaft nichts mehr anzufangen und sah vor allem deren monetären Wert als Holz. Die zu der Zeit noch rund 750 Linden der Allee, allesamt rund 130 Jahre alt, wurden 1792 zum Unmut der Bürger von Soldaten abgeholzt, um mit deren Erlös und dem Verkauf des Areals den Staatshaushalt zu sanieren. Nicht ganz ohne Probleme: Die Himmelkroner weigerten sich, an den Fällarbeiten mitzuwirken, der Erlös war geringer als erwartet und die Bäume waren aufgrund der im Formschnitt gehaltenen, in sich verwachsenen Kronen nur schwer und in Reihen zu fällen. Das im nahen Bayreuth stationierte Füsilier-Bataillon Renouard musste daher diese Bäume fällen. Übrig blieb ein einziger Lindenbaum, der heute noch am Weißen Main am Ende der Allee steht und von der einstigen Pracht kündet, deren Abholzung viele Zeitgenossen bedauerten. Nach der Fällung vermerkte etwa der damalige Ortspfarrer Heinrich Gottlieb Meyer bedauernd: „Die letzte Zierde von dem sonst so glänzenden Himmelkron, die herrliche schöne Allee ist niedergehauen.“

... und die Neupflanzung

Am Sonntag nach Pfingsten im Jahr 1793 kamen zwei Studenten von ihrem Studienort Erlangen auf einer Rundtour durch Franken auch nach Himmelkron. Sie sollten später als Romantiker bekannt werden: Ludwig Tieck und Wilhelm Heinrich Wackenroder. Sie schrieben in ihrer ‚Pfingstreise‘: „Hier war die größte und schönste Allee von Deutschland, aber seit einem Jahr ist sie umgehauen.“

Seither gedachte man des Öfteren mit Wehmut der verschwundenen Allee. Manch einer erträumte sich mitunter deren Wiederauferstehung. Stattdessen hatte man sich kontinuierlich mit dem Erhalt der Bogenbrücke zu befassen. Ab Mitte der 1970er Jahre sann die Gemeinde wieder einmal über eine Sanierung der baufälligen Baille-Maille-Brücke nach, mit der dann 1983 begonnen wurde und die schließlich 1984 abgeschlossen werden konnte. Diese Sanierung sollte der Anstoß zur Wiederanlage der Baille-Maille-Lindenallee werden. Denn bereits im Jahr nach Beginn der Sanierung, am 28. Februar 1984, kam es zur Gründung eines Förderkreises mit dem Ziel, die Allee am alten Ort wieder neu anzulegen.

Die ersten Kostenschätzungen ließen allerdings große Zweifel an der Machbarkeit und Umsetzung des Projektes aufkommen und hatten heftige Diskussionen in Himmelkron und unter den dortigen Gemeinderäten zur Folge. Nach einer Vielzahl von Gesprächen, komplexen Grundstücksgeschäften, unendlich viel Geduld und diversen Anträgen übernahm eine private Firma als Kreditgeber und erster Sponsor finanzielle Vorleistungen. Und nach dem Abbau diverser bürokratischer Hindernisse gingen bald die ersten offiziellen Fördermittel ein.

Dieses bemerkenswert breite bürgerschaftliche Engagement und das Zusammenwirken aller Beteiligten führten in der Folge zum Erwerb des Areals – und im Oktober 1986 schließlich zur Anpflanzung der ersten 160 Linden unter der Schirmherrschaft des damaligen Regierungspräsidenten Wolfgang Winkler. Ergänzt in zwei Etappen, konnte im April 1992, also genau 200 Jahre nach dem Abholzen der Baille-Maille-Bäume 1792, schließlich sein Nachfolger, Dr. Erich Haniel, die letzte der insgesamt 600 neuen Linden pflanzen. Diese wurden allesamt gespendet von Persönlichkeiten aus der Region und darüber hinaus und sind heute mit den Namen der Spender:innen versehen.

Mehr Informationen zu der Allee gibt es im Internet unter . Zum Thema hat Reinhard Stelzer für den Förderkreis, der die Allee hegt und pflegt, 2020 ein Buch herausgegeben. Es ist nicht im Buchhandel erhältlich, sondern nur direkt beim Förderkreis (gegen Versandkosten und eine freiwillige Spende), Kontakt: info@die-lindenallee.de.

Neuer Raum für Kunst und Kultur

Längst sind die Linden inzwischen zu einem schattigen Blätterdach herangewachsen und Besucher:innen aus nah und fern pilgern heute zu dem besonderen Baumensemble am Obermain. Die Allee wird sowohl zum Spazierengehen wie auch als Festplatz und Kunstmeile genutzt. Bewährt hat sich unter anderem die Einrichtung eines „Sonntagscafes“, das von den Bürger:innen und Vereinen der Gemeinde angeboten und auch von auswärtigen Gästen besucht wird. Aus Anlass des 20-jährigen Bestehens entstand durch das Engagement von sieben regionalen Künstler:innen in der Allee eine Freiluftgalerie als Dauerausstellung, eröffnet im November 2004 unter dem Motto „Kunst in der Baille-Maille-Allee“.

2016 war sie ein Referenzstandort der Landesgartenschau Bayreuth, was zahlreiche auswärtige Besucher:innen nach Himmelkron führte. Zu einer besonderen Attraktion hat sich seit einigen Jahren eine vom Förderkreis organisierte Garten- und Kunstmesse entwickelt, die jeweils am dritten Sonntag im Juli in der Baille-Maille stattfindet – mit bis zu 150 Aussteller:innen und Tausenden von Besucher:innen. Drei neue Pavillons an den beiden Enden der Allee und auf halbem Weg dazwischen bieten bereits seit Jahren attraktive Optionen für Konzerte und Theateraufführungen und zeigen mehr als nur symbolhaft die Wiederauferstehung eines Kulturerbes.

Damit ist die Lindenallee dank der Bürger:innenaktion und des Engagements des Förderkreises wieder ein Ort gesellschaftlicher Aktivitäten und der Begegnung geworden, wie sich das selbst unverbesserliche Optimist:innen vor Jahren noch nicht vorstellen konnten. Derzeit zwar noch ausgebremst von Corona – aber selbst das könnte und wird sich womöglich bald schon wieder geben. Und damit das alte und zugleich neue Lindenensemble auch für Ortsfremde gut zu finden ist, steht für Autofahrer:innen sogar ein Schild an der Autobahn – von dort sind es gerade einmal zwei Kilometer bis zur Baille-Maille.