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EINE RUMÄNISCHE BERGZIEGE IN AMERIKA


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Off Road - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 14.06.2022

ARO M 461

Der ARO dürfte in den Vereinigten Staaten von Amerika ungefähr so bekannt sein wie Cluj-Napoca, die zweitgrößte Stadt Rumäniens. Also dachte Dirk Baumbach, es sei Zeit für eine Nachhilfestunde im Fach Fahrzeuggeschichte, verschiffte seine rumänische Bergziege samt offroadfähigem Zeltanhänger über den Atlantik und nahm dort die Sache in die Hand. Seitdem ist der zu Ceausescus Zeiten tätige rumänische Autobauer ARO auch dem ein oder anderen amerikanischen Offroader ein Begriff.

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Bildquelle: Off Road, Ausgabe 7/2022

„Halt!“ schreit die Beifahrerin panisch, als der ARO hart gegen roten Utah-Fels kracht. Die Kamera ist in hohem Bogen aus dem Auto geschleudert worden und nur ein paar Zentimeter fehlen zu ihrem endgültigen Ende, der Zermalmung durch die Hinterreifen der rumänischen Bergziege.

Viele Menschen träumen davon, einmal eine mehrmonatige Reise zu unternehmen. Sei es mit dem Flugzeug, dem Fahrrad oder, wie Dirk Baumbach und ...

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... seine Partnerin, mit einem fast 60 Jahre alten Militär-Geländewagen rumänischer Herkunft. Mit dem legten sie in neun Monaten 35 000 km durch 43 US-Staaten zurück und waren in fünf davon sogar in den Abendnachrichten zu sehen. Ihr geliebter ARO M 461 befindet sich bereits seit 1979 in Dirks Besitz und die beiden haben schon einiges gemeinsam erlebt. Unter anderem nahmen sie TO UND 1986 in Ungarn (damals noch hinter dem Eisernen Vorhang) an einem Offroad-Festival teil. Ganz original ist der ARO dabei allerdings nicht geblieben. Im Laufe der Zeit ließ ihm sein Besitzer die ein oder andere Verbesserung angedeihen. So wurde das alte Aggregat bereits 1982 zu Gunsten eines 65 PS starken 2,5-L-Diesel-Motors aus einem Daihatsu Wildcat entfernt. Ebenfalls 1982 konnte Dirk sich ein Vorder- und ein Hinterachsdifferential aus einem schrottreifen ARO sichern. Diese Teile erwiesen sich als doppelt er Glücksfall für die gep lante USA-Tour, weil es M otordrehzahl auf lan- s ich dabei um Getriebe mit der sehr seltenen Übersetzung 4,44:1 h andelte und damit die gen Geraden um 500 rpm niedriger ist. Für einen kürzeren Bremsweg sorgt außerdem ein Satz Scheibenbremsen, der, glücklicherweise von einer Gruppe ARO-Enthusiasten in Kleinserie aufgelegt, käuflich zu erwerben war. Einer derart ausgestatteten Zugmaschine fehlte also nur noch der standesgemäße Anhänger. Hier wurde Baumbach auf der Düsseldorfer Caravan-Messe fündig: Ein Offroad-Klappcaravan der Firma Campwerk wurde, leicht modifiziert, hinter den ARO gespannt und beides zusammen in Rotterdam eingeschifft. Um die Vorbereitung zu komplettieren, paukte Dirk noch 16 000 Fragen für die verschiedenen Führerscheine aller US-Staaten, und schon gings los! Das Duo, bestehend aus ihm und seiner Partnerin Brigitte, landet am 22.03.2018 in Miami / Florida. Nach schmalen drei Stunden sind auch schon die Einzelheiten mit der US-Einwanderungsbehörde geklärt und sie dürfen eine 9-monatige Aufenthaltsgenehmigung ihr Eigen nennen. Doch da folgt die erste Überraschung: In Miami ist Springbreak! Übersetzt heißt das: Eine halbe Million amerikanischer Studenten lässt an diesem Wochenende in Florida die Sau raus. Dementsprechend rangieren die Preise für spontane Unterkünfte ziemlich genau bei „unbezahlbar“. Bis die Hafenbehörde dann den richtigen Container lokalisiert hat, werden die ersten beiden Nächte also äußerst unkomfortabel auf dem Flughafen zugebracht. Am 26.03. ist es dann endlich so weit: Der Container findet sich im Lager der Versandspedition, welches lediglich 12 Kilometer Fußmarsch entfernt ist. Die Feststellung, dass Hafengebühren nicht im Versandpreis inbegriffen sind, ist danach fast schon Nebensache! Auto und Hänger geholt, ab geht die Fahrt. Die Moral ist hoch auf den ersten Meilen durch den immergrünen Sumpf. Beinahe kerzengerade führt der Alligator-Alley-Highway von Fort Lauderdale nach Westen, an den Golf von Mexiko. (Mittlerweile wurde er eingezäunt, um den vom Aussterben bedrohten Florida-Panther vor dem Verkehr zu schützen und böse Wildunfälle mit großen Alligatoren zu verhindern.) Durch das grüne, dampfende und gärende Nichts nähert man sich einem ersten Boxenstopp bei Freunden in Cape Coral. Hier werden die leeren Koffer zurückgelassen und der Weg durch den Sunshin e-State fortgesetzt. Ungefähr am Lake Okeechobee, dem größten Süßwassersee Floridas, stellt sich aber ein leicht unrunder Motorleerlauf beim ARO ein. Man ist alarmiert, aber noch nicht übermäßig besorgt. Erst bei der Ankunft am Cape Canaveral (die Wildcat-Maschine läuft mittlerweile nur noch auf zwei Zylindern) ist klar: Da stimmt was ganz und gar nicht. Tags darauf erreicht der ARO eine bis dahin ungeahnte Höchstgeschwindigkeit. Nämlich im Schlepp hinter dem Dodge RAM von John, einer Zufallsbekanntschaft auf dem Campingplatz. Aus dieser Bekanntschaft wird eine Freundschaft in den nächsten acht(!) Wochen.

„AUTO UND HÄNGER GEHOLT, AB GEHT DIEAB FAHRT“

„DIE WILDKATZE LÄUFT JETZT NUR NOCH AUF ZWEI ZYLINDERN“

So lange dauert es nämlich von der Diagnose (Riss im Zylinderkopf)über die Ersatzteilbeschaffung aus Australien bis zur Reparatur und zum neuerlichen Start des Aggregats. Und so lange dürfen die beiden Deutschen ihren Zelt-Anhänger in Johns Garten bei Palm Bay bewohnen. Sie revanchieren sich dafür mit Ausbesserungen am Dach und Hilfe beim Kochen. Eine spannende Zeit für alle Beteiligten. Und als endlich die Weiterreise ansteht, kennen Dirk und Brigitte nicht nur die Regeln von Baseball und Foot ball, sondern haben insgesamt einen unbezahlbaren Einblick in amerikanisches Familienleben erhalten! Nachdem der ARO also wieder fit ist, lässt man nichts mehr anbrennen. Von Florida geht es durch Georgia, South und North Carolina, wo nachts die Schwarzbären ums Klappzelt schnüffeln, nach Virginia. Dort bedarf es der Nachbesserung einer Schweißnaht der Solar-Halterung. Im Staate New York müssen bei 40 °C die seitlichen Kühlerbleche abgenommen werden, um die Wildkatze unter der Haube vor dem Hitzetod zu retten! Und im Oktober nähert man sich einem der absoluten Highlights für Offroad-Fans in den USA. Über den berühmt-berüchtigten Moki Dugway, eine teils unbefestigte Straße, die mit 11 % Steigung eine 300 Meter hohe, beinahe senkrechte Felswand überwindet, erreicht unser Gespann das Städtchen Moab in Utah, das Allrad-Mekka schlechthin. Was bei uns hoch ist, ist dort höher! Egal ob es um Fahrwerke oder Felsstufen geht. Der rote Stein um Moab bietet für jedes Vehikel vom SUV bis zum Bad-Ass-Rock-Crawler den richtigen Schwierigkeitsgrad. Wobei sich die SUV lieber warm anziehen sollten, und das nicht nur in Utahs Winter. Wie es der Zufall will, findet pünktlich zur Ankunft ein Offroad-Treffen statt. Auf der Main Street stauen sich dreiachsige Wohnmobile mit Anhängern, auf denen ausgewachsenes 4x4-Spielzeug präsentiert wird. Eine Materialschlacht sondergleichen! Amerika eben. Mit etwas Glück wird noch ein Stellplatz für die kommenden Nächte ergattert, zu klein für einen US-Camper. Am ersten Tag heißt es langsam warm werden und eine Strecke mit dem Schwierigkeitsgrad drei befahren. Auf über 1000 m Höhe klettert der ARO dabei scheinbar mühelos. Im Gegensatz zu seinen Insassen. An der ein oder anderen Stelle wird den beiden schon mulmig angesichts des steilen Geläufs. Doch oben angekommen, entschädigt sie der traumhafte Blick auf Moab in der Tiefe. Als am zweiten Tag die schroffe rote Landschaft von den ersten Sonnenstrahlen zu glühen beginnt, heißt es nix wie los. Die Preise für ein Miet-Buggy sind exorbitant und so darf die rumänische Bergziege zeigen, was sie kann. Für was hat man sie schließlich über den Großen Teich geschippert? Ein letzter Proviant-Check für den Tag: Tank? Voll! Trinkwasser? Ausreichend! Differentialsperren? Funktionieren! Bodenfreiheit? Sollte reichen … Die Entscheidung fällt also für einen 16-Meilen-Rundkurs des fünften Schwierigkeitsgrades. Er beginnt entspannt mit einer sanften, ebenen Sandfläche, die sich durch die karge Einsamkeit zieht wie in einem Westernklassiker. Aber schon nach den ersten Meilen verstellt ein ca. 20 m hoher Hügel aus glattem, steilem Fels die Sicht. Seinen Rücken zieren bereits unzählige Narben von Vollkontakt-Kämpfen mit Anhängerkupplungen und Differentialgehäu - sen. Die Beifahrerin steigt lieber vorher aus und versucht ihr Glück zu Fuß. Nun heißt es keine Angst vor der eigenen Courage haben! Die Untersetzung eingelegt, erklettert der alte Rumäne aber, zum Staunen aller amerikanischen Beobachter, die Steigung ohne das kleinste Anzeichen von Mühe. Und so verläuft die Fahrt auch weiterhin, bergauf und bergab. Das ein oder andere Mal geht Brigitte voran, um die beste Linie auszukundschaften. Die Mägen haben sich mittlerweile an das Geschaukel gewöhnt und nach den ersten Tauglichkeitsbeweisen des ARO lässt auch die Nervosität ein wenig nach. Mit jedem gefahrenen Meter durch dieses rote Eldorado aus Fels und Stein steigert sich das Gefühl von Sicherheit und Kontrolle. Bis es plötzlich, Brigitte filmt gerade aus dem Fenster, aus dem Nichts einen harten Schlag setzt. Metall trifft kreischend auf Stein und Brigittes Kamera fliegt davon. Nur dank ihres Stopp-Schreis kann Dirk den Wagen gerade noch rechtzeitig anhalten, um den Apparat nicht endgültig ins Nirwana zu schicken. Er liegt nur wenige Zentimeter vor dem Hinterrad des ARO. Glücklicherweise hat der rumänische Kletterkünstler den Einschlag fast unbeschadet überstanden. Nur ein paar Abschürfungen am Spurstangenkopf zeugen noch davon. Und auch hier zeigt sich, dass Glück oft im Unglück zu finden ist und umgekehrt. Schwerlich hätten Dirk und Brigitte einen so tiefen und interessanten Einblick in amerikanisches Familienleben erhalten, wäre nicht der Zylinderkopf des ARO gerissen. Und andersherum hätte ihre Kamera keinen Sturz erlitten ohne die wunderschöne Fahrt durch die unbewohnten Landstriche Utahs.

August Auer

„WAS BEI UNS HOCH IST, IST DORT HÖHER!“

„NUN HEISST ES KEINE ANGST VOR DER EIGENEN COURAGE HABEN!“

„NUN HEISST ES