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EINE SIGNORA ERWACHT ZU NEUEM LEBEN


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National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 24.06.2022
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Bildquelle: National Geographic Deutschland, Ausgabe 7/2022

Der mächtige Bogen des Drusus markiert in Rom den Beginn einer geplanten, circa 580 Kilometer langen Pilgerroute entlang der Via Appia. Der wahre Ausgangspunkt der Strecke ist noch ungewiss.

BESTELLTMAN SICH in einem gewissen Schnellrestaurant am Stadtrand von Rom einen mit Pancetta üppig belegten Burger, sollte man nicht versäumen, durch den Glasboden zu versäumen, durch den Glasboden Füßen liegen dort glatt geschmirgelte wuchtige Pflastersteine, die einer uralten römischen Straße angehören, und daneben verrenkte Skelette in einer 2300 Jahre alten Abflussrinne.

Die mehrkantigen Basaltblöcke bilden den Belag für die einst wichtigste Fernstraße Europas, die altehrwürdige Via Appia, deren Bau 312 v. Chr. begann. Auf grob geschätzten 580 Kilometern verlief die Straße von Rom aus durchs Land bis in den Süden nach Brundisium (heute: Brindisi) am Absatz des italienischen Stiefels. Schon in der Antike erhielt sie den Ehrennamen Regina Viarum, „Königin der Straßen“.

Das legendäre Erbe der Strecke wurde in der Vergangenheit weitgehend vernachlässigt. Nun hat die italienische Regierung ein ...

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... ehrgeiziges Projekt auf den Weg gebracht: Die Via Appia soll in eine Pilgerroute verwandelt werden.

In ihrem Verlauf zeigt sich die Römerstraße mal als ein bewaldeter Feldweg, mal als Dorfplatz, mal als Schnellstraße. Landschaftlich reizvoll ist die Trasse wahrlich nicht überall. Doch auf ihr lässt sich in ein Stück Italien eintauchen, das nur wenige Touristen zu sehen bekommen.

Zunächst gilt es allerdings, die ursprüngliche Via Appia auszugraben – und in einigen Fällen überhaupt erst zu entdecken.

In Rom zieht die alte Via Appia (Via Appia Antica) sich über gut 16 Kilometer durch einen gepflegten archäologischen Park. Im Anschluss verschwinden ihre Überreste für 80 Kilometer unter neuzeitlichem Asphalt. Das letzte Mal, das sie innerhalb der Metropole in Erscheinung tritt, ist unter besagtem Fast-Food-Restaurant in Frattocchie, einem Stadtteil von Marino.

Als ich bei meinem Besuch einen Restaurantmanager nach den Pflastersteinen „da unten“ frage, ruft er eine Frau herbei, die an einem Ecktisch sitzt. Die Dame stellt sich als Pamela Cerino vor – sie ist just die Archäologin, die 2014 mit ihrem Team begann, das Teilstück freizulegen. Ausgerechnet heute macht sie ihre Aufwartung, was für mich ein schicksalhaftes Glück bedeutet.

Wir verlassen das Restaurant und steigen eine Treppe hinab zu den antiken Pflastersteinen. „Die Stätte ist eigens so angelegt, dass man nicht ins Restaurant gehen braucht, um die Via Appia aus der Nähe zu betrachten“, erklärt Cerino. In der Abflussrinne erkenne ich die drei Skelette wieder. Es sind Nachbildungen von Knochen, die hier ausgegraben wurden. Auf der Glasdecke über uns lassen sich Restaurantgäste derweil ihre Burger schmecken.

Dann erfahre ich, dass nur wenige Stellen der alten Via Appia so offen freiliegen.

I. DIE ROUTE

DIE RÖMERSTRASSE DURCHQUERT Städte, Dörfer, Berge und Felder in vier Regionen Italiens. Heute ist ein Großteil der antiken Via Appia zuasphaltiert und sichert als Strada Statale 7 eine zentrale Verbindung innerhalb des italienischen Fernstraßennetzes. Nur hie und da taucht die ursprüngliche Pflasterung auf – neben einer Cocktailbar auf einem Dorfplatz, unter schweren Plastikplanen in einem verwilderten Feld.

Die Appia, wie sie vom römischen Politiker Appius Claudius geplant wurde, diente als Instrument für Roms militärische Vorherrschaft. Versklavte Menschen und Arbeiter hoben für jede frisch gepflasterte Meile (1,6 Kilometer – die Maßeinheit Meile war eine Erfindung der Römer) geschätzte 45 300 Kubikmeter Erde aus. Claudius gab der Straße seinen Namen, was zu jener Zeit selten war. Er erblindete und starb, bevor sein Lebensprojekt vollendet war.

Die Via Appia durchschnitt in einer nahezu geraden Linie das Land. Das römische Heer marschierte auf ihr bis nach Süditalien und machte sich übers Meer gen Osten auf, um seine Herrschaft auf andere Länder auszuweiten. Zudem war die Via Appia die erste von 29 großen Heerstraßen, die zur Blütezeit des Imperiums von Rom aus in alle Provinzen des Reichs führten.

Berichte über einfache Reisen entlang der Via Appia finden sich erstmals beim römischen Dichter Horaz um 35 v. Chr. Seither mangelt es nicht an wortgewandten Bewunderern. Doch die Wertschätzung für die technische Meisterleistung schwand mit dem Niedergang des Römischen Reiches ab 395 n. Chr. Nach und nach wurde die Trasse nicht mehr genutzt. Der englische Schriftsteller Charles Dickens beklagte 1846 in einem Buch „Grabmäler und Tempel, umgestürzt und darniederliegend“.

Die Wende kam erst, als der italienische Schriftsteller Paolo Rumiz sich im Jahr 2015 vornahm, die Via Appia im Auftrag der Zeitung La Repubblica zu erwandern. Es existierte keine aktuelle Karte der Strecke. Also kontaktierte er Riccardo Carnovalini, einen bekannten Wanderer, der fast vier Jahrzehnte lang Italien durchstreift hatte.

Zwei Monate lang legte Carnovalini militärische Karten, Aufzeichnungen über alte Hirtenpfade und Satellitenbilder übereinander, um den Verlauf der alten Via Appia zu kartieren. Seine Ergebnisse speicherte er auf einem GPS-Gerät. Dann machten sich die beiden auf den Weg.

Rumiz’ Reisebericht weckte die Aufmerksamkeit des Kulturministeriums. Noch im selben Jahr kündigte Italiens Regierung die Neubelebung der Route an. Gesetzeswidrige Bautätigkeiten hatten über die vergangenen Jahrhunderte dazu geführt, dass archäologische Schätze in Privatbesitz landeten und historische Villen rücksichtslos umgestaltet wurden. Inzwischen haben Konservierungsmaßnahmen begonnen, doch es besteht die Gefahr, dass die Via Appia erneut in Vergessenheit geraten könnte, falls keine Touristen sich für sie interessieren.

„Wandern“, sagt Carnovalini, als ich ihn auf der Via Appia treffe, „ist der denkbar politischste Akt, um eine Landschaft zu verändern.“ Noch halten zu viele Hindernisse Wanderer fern, allen voran die schwer nachvollziehbare Route sowie der Mangel an Unterkünften und Infrastruktur. Das will Angelo Costa ändern. Sein Studio Costa ist eines von drei Architekturbüros, die die Via Appia zu einer Wanderstrecke umgestalten sollen. Costas Vorschlag folgt einem historischen Vorbild. So fanden die alten Römer etwa alle 16 Kilometer eine Station zum Wechseln der Pferde und etwa alle 32 Kilometer ein Rasthaus vor.

Costa stellt sich 29 Wanderabschnitte zu je sechs Stunden vor. Reisende sollen die Arenen berühmter Gladiatorenkämpfe erkunden, in einfachen Gasthäusern übernachten und regionale Speisen kosten können. Rastplätze, Unterkünfte und Sehenswürdigkeiten werden in einer App zu finden sein. Weniger attraktive Abschnitte werden nicht versteckt, sondern sollen eine authentische Erfahrung ermöglichen.

Es gibt allerdings einen ernst zu nehmenden Rivalen: den Jakobsweg. Spaniens berühmter Pilgerweg zieht für gewöhnlich 300 000 Wanderer im Jahr an, und sein Ziel, Santiago de Compostela, empfängt mehr als zwei Millionen Touristen jährlich. Der Weg von Rom nach Brindisi ist zwar eine säkulare Reise durch die italienische Geschichte. In umgekehrter Richtung dagegen wandelt man auf den Spuren des Apostel Paulus auf seinem Weg von Jerusalem nach Rom. Verglichen mit dem Jakobsweg, sagt Costa, sei „die Natur hier noch besser, die Geschichte 200-mal besser. Und am Ziel wartet der Papst.“

II. DER START

MEINE REISE ENTLANG der Via Appia sollte naturgemäß an deren Anfang starten. Bald jedoch muss ich feststellen, dass der noch gar nicht freigelegt wurde. Die ersten Steine liegen vermutlich im Zentrum von Rom verborgen, in der Nähe eines Verkehrskreisels kurz vor dem Kollaps. Gegenwärtig versucht das Kulturministerium, die Pflaster zu lokalisieren, ohne den Verkehr auszubremsen. Daher werden kleine Abschnitte bis in die Tiefe ausgehoben – bislang ohne Erfolg.

Ein paar Kilometer weiter südlich liegt der Regionalpark Via Appia Antica. Er ist der am besten erhaltene Abschnitt der Römerstraße und ein beliebtes Naherholungsgebiet. Der Park windet sich vom Zentrum zum Stadtrand, beidseits gespickt mit um die 400 archäologischen Fundstätten: römische Villen mit Mosaiken, ein frühchristliches Katakomben-Labyrinth mit einer halben Million Verstorbener, Mausoleen von versklavten Menschen ebenso wie von jungen Damen der höheren Gesellschaft.

Der klassische Rom-Tourist besucht für eine kurze Stippvisite die Ewige Stadt, bevor er nach Florenz und Venedig weiterreist. Und er konzentriert sich auf die berühmten Stätten: Vor der Covid-19-Pandemie suchten 100 000 Besucher jährlich den Regionalpark auf, während etwa drei Kilometer nördlich das Kolosseum über sieben Millionen anzog. Dafür herrscht eine friedliche Atmosphäre in dieser grünen Oase, nicht vergleichbar mit anderen viel besuchten Sehenswürdigkeiten Roms.

Je weiter die Basaltsteine aus der Stadt hinausführen, desto spärlicher sind sie von archäologischen Stätten flankiert. Bald steht nur noch eine einsame Säule inmitten üppiger Felder. Pinienkronen spenden Schatten, ab und zu stehen Springbrunnen und Schilder, die auf historische Sehenswürdigkeiten hinweisen, in der Landschaft. Sobald die Pflasterung beim Fast-Food-Restaurant angelangt, verschwindet sie.

III. DIE ZEITREISE

UM DEN VERLAUF DER VIA APPIA über Rom hinaus zu ermitteln, wende ich mich an Riccardo Carnovalini, den Wanderer, der die Strecke 2015 kartiert hat. Wir treffen uns in der kleinen Stadt Benevento in einem Restaurant am Platz. Carnovalini, 64, trägt Zip-off-Wanderhosen, eine Fleecejacke und Stiefel, die schon an die 725 Kilometer hinter sich haben. Auf unserem Tisch stehen frittierte Zucchiniblüten und Kabeljau in Tomatensauce. Bei unserem Aperitif mit frischer Minze zitiert er noch den italienischen Schriftsteller Italo Calvino, der einmal schrieb, ein besuchtes Land müsse „über die Lippen und die Speiseröhre runter gehen“.

Als Carnovalini zusammen mit Paolo Rumiz zum ersten Mal die Via Appia erwanderte, war ihr Weg am Ende etwa 80 Kilometer länger als die eigentliche Trasse. Die Moderne hatte einen Großteil des antiken Weges verschlungen, und so waren die beiden gezwungen, Umwege um Fernstraßen und Gewerbegebiete zu nehmen.

Wir sind 225 Kilometer von Rom entfernt. Carnovalini zufolge markiert die Gegend den Startpunkt zahlreicher Unstimmigkeiten über den ursprünglichen Verlauf der Via Appia. Um die Route nachzuvollziehen, hat Carnovalini Karten, Straßenwinkel und Baumaterialien studiert und die gangbarste Variante gewählt. Zugleich zeigen pinke und blaue Linien auf seinem GPS mögliche Alternativen an. „Es gibt noch andere Wanderwege“, sagt er, als die Kellner allmählich die Stühle hochstellen. „Aber das hier ist halt kein Spaziergang. Das ist Geschichte.“

Am folgenden Tag kommen wir an Traktoren vorbei, die mit überladenen Anhängern durch Tabakfelder knattern, an Hügeln, auf denen sich Windmühlenflügel drehen, und an Feldern, auf denen kontrollierte Brände ausglühen. Carnovalini wandert mühelos, knackt zwischenzeitlich Haselnüsse und pflückt Trauben am Wegesrand.

Die Via Appia wurde von verschlafenen Dörfern buchstäblich vereinnahmt. Ihre Steine und Säulen wurden in Mauern und Torbögen integriert. Über lange Strecken bestätigt allein die rote Linie auf Carnovalinis GPS, dass wir uns noch auf der richtigen Route befinden.

IV. DER WIDERSPRUCH

ITALIENS KULTURMINISTERIUM stellte 20 Millionen Euro für die touristische Entwicklung der Via Appia zur Verfügung. Doch als ich archäologische Stätten entlang der Route aufsuche, ist deutlich erkennbar, dass es dringend weitere Geldmittel braucht. Archäologen haben beispielsweise das Jahr 2020 damit verbracht, in der Stadt Passo di Mirabella einen 45 Meter langen Abschnitt von Pflastersteinen freizulegen. Seither harren die Steine geschützt unter einer großen Plane ihrer weiteren Verwendung. Nur durch eine Anschlussfinanzierung könnte das Team seine Funde nachhaltig konservieren.

Es ist dieselbe Geschichte allerorten in Italien. Ein Konjunktureinbruch hat die Regierung in den letzten zehn Jahren dazu gebracht, das Budget für die Bewahrung des kulturellen Erbes Jahr für Jahr weiter zu kürzen – was nicht selten dazu führte, dass entdeckte Fundstätten erneut vergraben wurden, da ihre Erhaltung kostspielig wäre.

Es braucht kontinuierliche Erhaltungsmaßnahmen. Die Gebiete rund um die Via Appia würden aber tendenziell übersehen, bedauern manche Archäologen: Wenn es mal Geld gebe, lande es für gewöhnlich in bekannteren Stätten wie etwa Pompeji und Herculaneum.

Carnovalini hatte mich vorgewarnt. Eine Reise auf der Via Appia sei unvergleichlich, weil ungeschönt, „ein einziges Auf und Ab. In einem Moment sagt man: ‚Oh, ist das herrlich‘, und dann wendet man den Kopf ab und stöhnt: ‚Puh, wie entsetzlich.‘“ Italien, fügt er noch hinzu, „ist nicht bloß eine hübsche Ansichtskarte.“

Die Aussage bewahrheitet sich, als ich mich Tarent nähere, einer Hafenstadt etwa 65 Kilometer vor dem Endpunkt der Via Appia. Es ist der einzige Ort, an dem Carnovalini und Rumiz auf ihrer Wanderung gezwungen waren, ein Taxi zu nehmen. Vor mir erstreckt sich eine 16 Quadratkilometer umfassende Industriezone. Das Schadstoffe ausstoßende Stahlwerk Ilva, das größte in Europa, habe Tarent in „Italiens Abgrund“ verwandelt, meinte ein italienischer Journalist vor meiner Ankunft.

Die Via Appia führt an den Hochöfen vorbei direkt auf eine Insel, auf der sich die Altstadt von Tarent befindet. Hier fühlt es sich an, als wäre die Zeit um 60 Jahre zurückgespult worden. Durch kleine Schaufenster sieht man betagte Männer, die religiöse Figuren bemalen, um sie an die wenigen Touristen zu verkaufen. Fischerboote drängen sich an der Uferpromenade. Manchmal seien Delphine und Wale am Horizont zu sehen, wie man mir erzählt. Gewundene Gassen führen zu einer mit viel Marmor ausgestatteten Kathedrale. Tarent wird auf der Stelle zu meinem Lieblingsort entlang der Via Appia. Doch über dieser Fata Morgana des alten Italiens hängen die schwarzen, aus industriellen Schornsteinen aufsteigenden Rauchschwaden.

Tarent war die einzige Stadt, die die Spartaner außerhalb Griechenlands gründeten. Eine Reihe altgriechischer Säulen steht noch nahe der Küste. Dort treffe ich Massimo Castellana, Mitglied einer Gruppe von Aktivisten, die für die Schließung des Stahlwerks kämpfen. An Tagen, wenn der Wind Stahlpartikel in die Stadt weht, schließen die Anwohner ihre Fenster und schicken ihre Kinder nicht zur Schule. In Studien wurden hohe Krebsraten im Landesvergleich festgestellt, insbesondere bei Kindern. Tarent sollte für seine Schönheit bekannt sein, sagt Castellana, nicht für seine schmutzige Industrie.

Zu den vielen Hoffnungen, die für Menschen wie Castellana mit der Wiederbelebung der Via Appia verbunden sind, gehört, dass die Erschließung ihrer Geschichte für den Tourismus das Schicksal des italienischen Südens wenden kann. Süditalien gilt seit Langem klischeehaft als veraltet und mit Kriminalität durchsetzt.

Auf meinem Weg von Tarent nach Brindisi, dem Endpunkt der Via Appia, unterbreche ich die Reise in Mesagne. In der einst ummauerten Stadt treffe ich Simonetta Dellomonaco, Vorsitzende der regionalen Filmkommission, die mir ihren Leitspruch preisgibt: „Kultur ist der einzige Treibstoff, der das Umfeld nicht verschmutzt, je mehr man konsumiert.“

Als Dellomonaco hier aufwuchs, war Mesagne als Geburtsort der Sacra Corona Unita bekannt, einer Mafia-Organisation aus der Region Apulien. Heute vollzieht er einen gewissen Imagewandel – etwa als idyllische Kulisse im neuen James-Bond-Film.

Unmittelbar vor der Stadt haben Archäologen den letzten sichtbaren Abschnitt der ursprünglichen Pflasterung freigelegt. Vor Kurzem war eine Delegation des Kulturministeriums vor Ort, die das Bewerbungsverfahren für die Aufnahme der Via Appia in das Unesco-Welterbe einleitet. Und die Investition in sein historisches Erbe hat Mesagne in die Endauswahl für Italiens Kulturhauptstadt 2024 gebracht. „Es heißt immer: Alle Wege führen nach Rom“, sagt Dellomonaco. „Dafür endet der wichtigste Weg hier.“

V. DAS ZIEL

„UNTER DEN RÖMERN florierte Brindisi und erreichte seine größte Pracht“, erzählt eine Reiseleiterin einer kleinen, um sie gescharten Gruppe. „Rom hatte die Bedeutung des Hafens erkannt. Von Brindisi aus brachen sie in den Osten auf.“ Es ist der alljährliche „Tag der Via Appia“ und ein sonniger Oktobernachmittag. Um 266 v. Chr. trafen die Römer hier ein, besiegten die messapische Zivilisation und vollendeten die Via Appia mit Brindisi als Endpunkt.

Die Fremdenführerin steigt eine Treppe hinauf zu den berühmten Säulen, die den Abschluss der Straße formen. Die Reisegruppe formiert sich für ein Foto um eine hoch aufragende Säule sowie den Sockel einer Zwillingssäule (der Säulenschaft wurde vor Jahrhunderten einer Nachbarstadt geschenkt). „Die beiden Säulen gelten gemeinhin als das Ende der Via Appia“, sagt sie. „Aber diese Ansicht ist umstritten.“

Das lässt mich aufhorchen. Der Anfangspunkt der historischen Via Appia war doch ungewiss, aber das Ende, dachte ich, schien klar zu sein: zwei Säulen, durch die man wie durch einen Rahmen auf die Adria blickt.

Tatsächlich ergab eine Analyse des Marmors, dass die Säulen wohl erst zwei Jahrhunderte später errichtet wurden. Ein Archäologe, der an den Ausgrabungen der Via Appia beteiligt ist, rät mir, die Suche nach dem Ende der Straße nicht allzu ernst zu nehmen. Die Via Appia sei wie ein wandelhaftes Chamäleon, mal eine Straße, mal ein Pfad, mal eine Autobahn. Man müsse sie sich eher als Straßennetz vorstellen denn als Linie mit einem Anfang und einem Ende. Alles andere gleiche der „Jagd nach einem Mythos“.

Unbestritten verhalf die Via Appia Brindisi zu dessen Rang als antikes Machtzentrum. Von Brindisi aus brach das römische Heer zu Städten wie Alexandria und Jerusalem auf, um sein Reich nach Osten auszudehnen. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht herrschten die Kaiser in Rom über ein Viertel der damaligen Weltbevölkerung.

Brindisi war früher mal ein Zielort für Pilger, die ins Heilige Land wollten und hier wochenlang auf das nächste Schiff nach Jerusalem warteten. Heute kreuzen jedes Jahr nur ein paar Hundert Reisende auf.

Rosy Barretta hat es sich zum Ziel gesetzt, Brindisis Weltruf wiederherzustellen. Aus eigener Tasche finanziert Barretta die Kulturinitiative „Brindisi e le Antiche Strade“ („Brindisi und die antiken Straßen“), die Touren für Pilger arrangiert.

„Welch eine Verschwendung, dass sich kaum jemand um die Via Appia, deren technische Meisterleistung und Erfindungsreichtum gekümmert hatte“, sagt sie. Barrettas Vision: Brindisi soll dereinst wieder unzählige Besucher willkommen heißen, die auf der jahrtausendealten Route der Via Appia wandeln.

Aus dem Englischen von Dr. Karin Rausch

Redakteurin Nina Strochlic schrieb zuletzt über Maya-Imker in Mexiko. Der italienische Fotograf Andrea Frazzetta begleitete für NATIONAL GEO-GRAPHIC bereits Arbeiter einer Schwefelmine in einem aktiven Vulkan. Seine familiären Wurzeln liegen in Brindisi, dem Endpunkt der Via Appia.