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EINE VON 480 000: Nach der Schule! Seit sieben Jahren! Lana (15): Ich pflege Papa


Bild der Frau - epaper ⋅ Ausgabe 30/2019 vom 19.07.2019

Eine unbeschwerte Kindheit hat die 15-jährige Lana Rebhan aus Bayern nie gehabt. Sie hadert nicht – aber sie wünscht sich mehr Rückhalt in Politik und Gesellschaft. BILD der FRAU-Reporterin Sarah Büker traf eine sehr beeindruckende junge Frau


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Bildquelle: Bild der Frau, Ausgabe 30/2019

Die beste Tochter der Welt! Jürgen Rebhan ist auf die Hilfe von Lana angewiesen. „Wir sind ein super Team“, sagt sie


Jetzt in den Sommerferien fühlt sich Lana oft einsam. „Meine Freundinnen sind alle verreist“, erzählt sie. Nicht mal telefonieren geht da. Für Lana kommt eine Auszeit nicht infrage. Sie muss sich um ihren schwer kranken Papa Jürgen (52) kümmern. Und so ...

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... ist das schon, seit sie acht Jahre alt ist.


„Mit dem Notfallplan am Kühlschrank bin ich groß geworden“


2012 hat sich die Erbkrankheit ihres Vaters massiv verschlimmert: Seine Nieren bilden immer wieder Zysten, chronisch, unheilbar. „Er kann jederzeit sterben“, sagt Lana. „Ich muss ihn immer im Blick haben, immer in Bereitschaft sein.“ Im September hatte Jürgen einen Herzinfarkt, im November einen Schlaganfall und gerade kam ein Bandscheibenvorfall dazu. Am Kühlschrank hängt ein Notfallplan. Ein Stück Papier, das dem Teenager schon als kleines Mädchen erklärt hat, was genau zu tun ist, falls Papa plötzlich zusammenbricht.

Lana ist eines von knapp 480 000 Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 19 Jahren, die in Deutschland einen Angehörigen zu Hause pflegen. Sie packt Papas Krankenhaustasche, wenn er dreimal die Woche zur Dialyse muss. Sie tröstet ihn, sie erinnert ihn an seine Medikamente, sie stützt ihn, sie kocht (am liebsten Spaghetti), sie putzt, sie kümmert sich um die Wäsche. Alles nach der Schule, Lana geht aufs Gymnasium.

Mama Katharina muss Vollzeit arbeiten, um die Familie zu ernähren: „Wir kommen sonst nicht über die Runden“, sagt sie. „Jürgens Frührente und ein bisschen Pflegegeld – das reicht nicht zum Leben.“ Tagsüber ist die 38-Jährige Vollzeit in einem Immobilienbüro beschäftigt, abends arbeitet sie als psychotherapeutische Heilpraktikerin. Sie seufzt. „Natürlich habe ich Lana gegenüber ein schlechtes Gewissen.“

Morgens geht Mama Katharina zur Arbeit. Lana kümmert sich nach der Schule um Haushalt und Pflege: bügeln, kochen, Medikamente sortieren


Die seelische Belastung ist groß, für die ganze Familie, aber besonders für Lana: die Verantwortung, das Wissen, dass der Vater leidet, sterben wird, womöglich vor ihrem 18. Geburtstag. Mitansehen zu müssen, wenn er große Schmerzen hat: „Manchmal sind die für ihn kaum auszuhalten, und dann ist er so schlecht drauf, dass wir auch streiten“, gibt Lana zu. „Aber wir kriegen uns immer schnell wieder ein.“ An „guten Tagen“ sieht Jürgen Rebhan fern oder schafft es bis in den Garten. „Wir lachen auch viel“, erzählen beide. „Ohne Humor würden wir das alles doch gar nicht aushalten.“ Lana lächelt: „Wir sind ein eingespieltes Team, Mama, Papa und ich. Und am glücklichsten, wenn wir zusammen sind.“


„Manchmal hätte ich gern Geschwister, dann könnten wir Sorgen teilen“


Aber natürlich wächst ihr oft auch alles über den Kopf. Dann leint sie Hündin „Cassy“ an und marschiert los, über die Feldwege im unterfränkischen Bad Königshofen. Sie steht auch auf Rockmusik und die Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“. Sie mag Englisch und Kunst, verbringt gern Zeit mit ihren Freundinnen, nur klappt das eben viel zu selten. Über den kranken Papa wissen die Bescheid. Schüttet sie den Freundinnen denn auch mal ihr Herz aus? Lana schüttelt langsam den Kopf: „Nee, eigentlich nicht. Ich mache das lieber alles mit mir selbst aus.“ Das sei typisch für viele Kinder wie sie, erklärt Prof. Sabine Metzing, Pflegewissenschaftlerin an der Uni Witten/ Herdecke. „Viele schweigen, weil sie die Eltern nicht zusätzlich belasten wollen – und auch, weil sie Angst haben, ausgegrenzt zu werden. Diese Jugendlichen haben eine höhere Sozialkompetenz als viele Gleichaltrige, zahlen dafür aber einen hohen Preis: Sie müssen früh erwachsen werden und sind einem enormen psychischen Druck ausgesetzt.“

Lana am Keyboard – am meisten Spaß macht ihr das, wenn Papa die Kraft hat, ein wenig mitzuklimpern


Wenn Lana mit Hündin „Cassy“ Gassi geht, ist das wenigstens eine kleine Auszeit


Ein richtiges Teenagerzimmer: an der Wand Fotos von Stars und Lieblingsserien


Auch Lana hat Probleme in der Schule: „Manchmal kann ich mich vor lauter Sorgen nicht auf den Unterricht konzentrieren, manchmal kommen mir dann auch die Tränen.“ Von einigen Mitschülern würde sie sich mehr Verständnis wünschen, von den Lehrern auch: „Aber die drängen nur auf bessere Noten.“ Die achte Klasse hat Lana wiederholen müssen. Einen Bruder oder eine Schwester hätte sie gern: „Dann könnten wir uns die Probleme teilen.“ Hadern will sie aber nicht: „Irgendwann muss doch jeder seine Eltern pflegen. Ich tue das eben etwas früher.“

Als Papa Jürgen letztes Jahr nach einer Operation im Koma lag, war das schwarze Loch besonders groß, in das sie fiel: „Ich hab mich so allein gefühlt.“ Damals sucht sie im Internet nach Hilfe, Gleichgesinnten. Dabei stößt sie auf die englische Webseite und den Begriff „Young Carers“, übersetzt etwa „junge Kümmerer“. Denn in England gibt es zahlreiche Hilfsnetzwerke und Anlaufstellen, die pflegende Kinder unterstützen. Dort sind diese jungen Leute nicht „unsichtbar“. Damit sich auch hier etwas ändert, gründet sie mithilfe ihrer Mutter das Netzwerk „Young Carers“, betreibt als Hilfsangebot die Internetplattform youngcarers. de. Sie schreibt Politiker an (fast 2000, nur jeder zehnte antwortet) und Krankenkassen, wird als Sachverständige in den Sozialausschuss des bayerischen Landtags eingeladen. Sie fordert, dass Schulen für die Nöte pflegender Kinder sensibilisiert, Hilfsangebote ausgebaut werden.

Für ihr Engagement hat sie inzwischen Preise bekommen. Völlig zu Recht, was für ein Mädchen! Lanas Botschaft an all die Jugendlichen, die wie sie jeden Tag über sich selbst hinauswachsen (müssen): „Das, was du tust, ist groß.“

Hier finden Kinder und Jugendliche Hilfe: young-carers.de pausentaste.de echt-unersetzlich.de


Zeit zu dritt (plus Vierbeiner): Für Familie Rebhan das größte Geschenk!


Fotos: Frank Boxler