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Eine ziemlich flexible Familie


myself - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 10.04.2019

Die Autorin und Journalistin Julie von Kessel und Ralph Martin tauschen ständig Aufgaben und Rollen — und leben bestens damit


Artikelbild für den Artikel "Eine ziemlich flexible Familie" aus der Ausgabe 5/2019 von myself. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: myself, Ausgabe 5/2019

Ralph Martin hat gelernt, seine Träume zu korrigieren, wenn es darauf ankommt.


Julie von Kessel, 46
Am Tag der Katastrophe vom 11. September sollte ich eigentlich von der New Yorker Fashion Week berichten. Ich war 28 und hatte meinen ersten Job als Producerin beim ZDF. Mein Leben war unbeschwert, die Stadt dekadent und ein bisschen hohl, aber ich hatte Spaß. Nach dem Anschlag auf das World Trade Center war alles anders. Ich berichtete als erste deutsche Journalistin live aus den ...

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Julie von Kessel, 46
Am Tag der Katastrophe vom 11. September sollte ich eigentlich von der New Yorker Fashion Week berichten. Ich war 28 und hatte meinen ersten Job als Producerin beim ZDF. Mein Leben war unbeschwert, die Stadt dekadent und ein bisschen hohl, aber ich hatte Spaß. Nach dem Anschlag auf das World Trade Center war alles anders. Ich berichtete als erste deutsche Journalistin live aus den Trümmern. In diesem Moment funktionierte ich, aber danach plagten mich jahrelang Ängste. Ich war seitdem nie wieder am Ground Zero, obwohl mein Mann Amerikaner ist und wir oft in der Stadt sind. Immerhin habe ich meine Erlebnisse literarisch verarbeitet, in meinem neuen Roman „Als der Himmel fiel“.

In ihren Büchern geht Julie von Kessel der Frage nach, wie sehr die eigene Familie einen prägt.


„Ich sehe an meinen Kindern, wie wichtig Wurzeln sind“


Ralph und ich haben uns kurz nach dem Anschlag kennengelernt – auf einer Party für Dagebliebene. Wer konnte, zog damals weg aus der Stadt, die Übrigen bildeten eine verschworene Gemeinschaft. Er gefiel mir auf Anhieb. Er traute sich als Einziger, uncoole Geschichten zu erzählen. Zum Beispiel, dass er ständig Briefe abtippen musste, die seine Chefin, eine schrullige Literaturagentin, schrieb – an Hunde, nicht an Menschen.

Drei Jahre später zog ich nach Berlin zurück und fragte ihn, ob er mich besuchen würde. Er wich aus, sagte, er habe kein Geld für den Flug. Tja. Zum Glück kam es dann doch anders. Er flog zu mir – und blieb. Ich wurde relativ schnell schwanger und machte mir Sorgen, ob es nicht zu früh sei. Aber er sagte nur: „No problem.“ Das ist bis heute unsere Rollenverteilung. Ich mache mir einen Kopf, er lässt die Dinge auf sich zukommen. Ich versuche krampfhaft, unsere To-do-Liste abzuarbeiten. Er macht Musik an und verbreitet gute Stimmung. Manchmal denke ich, ihm fehlt die nötige Ernsthaftigkeit. Auf der anderen Seite liebe ich seine optimistische Art.

Ich bin die jüngste von drei Schwestern, und inzwischen lache ich oft mit ihnen über die unterschiedlichen Rollen, die uns unsere Eltern zugedacht haben: Die eine gilt als die Vernünftige, die andere als die Schöne, die Dritte ist die Kluge. Nur versperren solche Zuschreibungen eben auch die Sicht auf die wahre Persönlichkeit. Für mich war immer klar, dass ich eine große Familie will – und einen erfüllenden Beruf. Mein Vorbild ist meine Mutter, die vor Kurzem gestorben ist. Sie war Kinderpsychologin und hat mir vorgelebt, dass man sich von dem Ideal der perfekten Mutter nicht einschüchtern lassen darf. Wichtig ist, seinen eigenen Kompass zu finden. Ich wäre offen dafür, irgendwann wieder in die USA zu ziehen, Wechsel bin ich gewohnt. Mein Vater war im diplomatischen Dienst, deshalb sind wir alle drei Jahre umgezogen: Helsinki, Wien, Zagreb, Bonn, Washington. Das hat uns als Familie zusammengeschweißt und uns zu offenen, flexiblen Menschen gemacht. Erst später wurde mir klar, dass so ein Nomadenleben auch Heimatlosigkeit bedeutet. An meinen Kindern sehe ich, wie wichtig Wurzeln sind, wohl auch deshalb bin ich sesshaft geworden: Wir haben eine Wohnung gekauft und sogar geheiratet. Wollte ich alles eigentlich nie. Aber es fühlt sich richtig gut an.

Zwei Schreibende, die gemeinsam drei Kinder großziehen, indem jeder erledigt, was gerade ansteht.


Ralph Martin, 48, der Ehemann
Als ich Julie kurz nach dem 11. September kennenlernte, glich mein Leben einem Roman. Ich driftete als Bohémien durch New York, während sie als Journalistin hart arbeitete. Trotzdem war ich derjenige, der die Sache vorantrieb. Ich fragte nach ihrer Nummer und führte sie zu einem Date aus, so, wie man das in den USA traditionell macht. Ich glaube, sie fand es seltsam, sich nach einem festgelegten Ritual kennenzulernen. Ich zog es trotzdem durch. Niemals hätte ich damals gedacht, dass ich eines Tages mit ihr zusammen in Berlin leben und drei Kinder haben würde. Als sie beschloss zurückzugehen, hing für einige Wochen ein großes Fragezeichen über unserer Beziehung. Es war schon als Junge in Ohio mein Traum gewesen, in Manhattan zu leben, sollte ich das wirklich aufgeben? Doch meine Faszination für New York hatte nachgelassen. Die Stadt veränderte sich, wurde teurer, junge Leute zogen weg. Ich war bereit für etwas Neues. Es war nicht immer einfach: 2008 verlor ich mit der Finanzkrise auf einen Schlag fast alle Aufträge als Freelancer. Julies Job war anstrengend, also war klar, dass ich mich um unsere erste Tochter kümmern würde. Für mich war es okay, oft ein Full-Time-Daddy im Prenzlauer Berg zu sein, wo wir damals wohnten. Was mich jedoch erstaunte, waren die Reaktionen der Yoga- Mütter, die mich behandelten wie einen arbeitslosen Aussätzigen. Ich hatte gedacht, Berlin sei das Epizentrum der Gleichberechtigung, aber nun sah ich, dass die Rollenverteilung noch immer eher konservativ war.

BIOGRAFIE

Julie von Kessel , geboren am 5. Februar 1973 in Helsinki. Sie arbeitet beim Morgenmagazin des ZDF. „Als der Himmel fiel“ ist ihr zweiter Roman. Hobbys: Lesen, Filme. Eine ihrer Schwestern ist die Schauspielerin Sophie von Kessel

Ralph Martin , geboren am 8. Mai 1970 in Cincinnati, Ohio, ist Drehbuchautor (z. B.„Deutschland 83“). Außerdem konzipierte er die preisgekrönte Serie „Hackerville“. Das Paar hat drei Kinder (12, 9 und 2 Jahre alt) und lebt in Berlin. Hobbys: Lesen, Joggen.


„Ich äußere meine Meinung heute viel deutlicher als früher“


Ich glaube, dass Julie und ich uns gegenseitig positiv beeinflussen. Sie hat etwas von meiner Lockerheit übernommen, während ich meine Meinung heute viel deutlicher äußere als früher. Am Anfang war das oft ein Streitpunkt zwischen uns, ich empfand es als unhöflich, einfach auszusprechen, was einem durch den Kopf geht. Inzwischen weiß ich diese Direktheit zu schätzen.

Wir haben einen Modus gefunden, unseren Alltag mit drei Kindern und zwei Jobs zu bewältigen. Unsere Rollen wechseln ständig, jeder übernimmt, was gerade ansteht – und allen geht es gut dabei. Wenn ich etwas aus unserem gemeinsamen Leben gelernt habe, dann dieses: Es ist richtig, seinen Traum zu leben. Doch wenn man eines Tages feststellt, dass es der falsche Traum war, sollte man umdenken. Ich sah mich als Romanautor, arbeite inzwischen jedoch fürs Fernsehen. Julie ist beim Fernsehen, schreibt nun aber zusätzlich Romane. Wir haben die Plätze getauscht und werden das vielleicht noch öfter tun.


Fotos: Steffen Roth

HAARE & MAKE-UP: MARIA EHRLICH/NINA KLEIN