Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 8 Min.

Einer fehlt noch zum SLAM!


tennisMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 90/2021 vom 18.08.2021

US OPEN VORSCHAU

Artikelbild für den Artikel "Einer fehlt noch zum SLAM!" aus der Ausgabe 90/2021 von tennisMAGAZIN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
ERSTER STREICH: Bei den Australian Open siegte Djokovic trotz eines Risses in der Bauchmuskulatur, die er sich im Turnierverlauf zugezogen hatte.

Und dann pfefferte Novak Djokovic seinen Schläger auf die Tribüne der Tennisanlage in Tokio. Es war niemand im Stadion, also war auch niemand in Gefahr wie bei den US Open im vergangenen Jahr, als Djokovic einen Tennisball am Hals einer Linienrichterin platziert hatte und disqualifiziert worden war. Es ist niemand verletzt worden, außer der Stolz von Djokovic wegen der unerwarteten Niederlage und deshalb sagt dieser Moment doch sehr viel darüber aus, was da gerade los ist im Männertennis und was für ein unfassbarer Druck auf dem Weltranglistenersten lasten muss, der nur wenige Tage vor diesem Wurf (und dem Zertrümmern eines zweiten Schlägers am Netzpfosten später) gesagt hatte, dass er diesen Druck als Privileg sehe.

Der Moment passierte im Spiel um Bronze gegen Pablo Carreno Busta. Es ist für Tennisspieler ja völlig ungewöhnlich, dass sie zu so einer Partie antreten müssen. Wer ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von tennisMAGAZIN. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 90/2021 von Gold und Leid. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Gold und Leid
Titelbild der Ausgabe 90/2021 von Der Pferdeflüsterer. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Der Pferdeflüsterer
Titelbild der Ausgabe 90/2021 von Tennis is in town !. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Tennis is in town !
Titelbild der Ausgabe 90/2021 von TOPS & FLOPS. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TOPS & FLOPS
Titelbild der Ausgabe 90/2021 von Manchmal machen wir Spieler Fehler. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Manchmal machen wir Spieler Fehler
Titelbild der Ausgabe 90/2021 von Aufschlag in ein neues Kapitel. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Aufschlag in ein neues Kapitel
Vorheriger Artikel
Hopp Schwiiz
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Unsere Favoriten für New York
aus dieser Ausgabe

... verliert, der fährt heim, so ist das bei Turnieren; Unterlegene haben normalerweise ein paar Tage lang Zeit, das Scheitern zu verarbeiten.

Der zerplatzte Traum vom Golden Slam

Djokovic allerdings musste zurück auf den Platz, keine 24 Stunden nach der Halbfinal-Niederlage gegen den späteren Olympiasieger Alexander Zverev, es war also schon vorher klar, dass er den Golden Slam nicht gewinnen würde – alle vier Grand Slam- Turniere plus Olympia -, so wie es Steffi Graf 1988 geschafft hatte.

Am Ende verließ er, der scheinbar unbesiegbare Dauergewinner, Tokio ohne Medaille, er hatte gegen Carreno Busta verloren und sagte danach das Bronze-Match im Mixed ab – und daran, wann Djokovic drei Partien nacheinander verlor (die beiden Einzel und das Mixed-Halbfinale), dürften sich nur Quizshow-Experten erinnern. Die Antwort: im Frühling 2018 (in der jeweils ersten Runde in Miami und Indian Wells nach der Achtelfinal-Niederlage bei den Australian Open) und 2007 in der Gruppenphase der ATP-Finals.

„Ich bin erschöpft, körperlich und geistig“, sagte Djokovic vor der Abreise aus Tokio: „Ich habe jedoch schon einige herzzerreißende Niederlagen erlebt, ob bei Olympia oder anderen großen Turnieren – gewöhnlich machen mich diese Niederlagen nur noch stärker.“

Den Grand Slam kann er noch gewinnen; es lohnt deshalb, dieses eigenwillige Konstrukt dieser Sportart näher zu betrachten. Gewiss, die Grand Slams sind die bedeutsamsten Turniere im Tennisjahr, es gibt die meisten Weltranglistenpunkte (2.000 für die jeweiligen Sieger) und das höchste Preisgeld – die Bedeutung des Grand Slams ist allerdings erst in den letzten 40 Jahren enorm gewachsen; in diesem Jahr noch einmal, weil es natürlich auch um diese Debatte geht, wer der beste männliche Akteur der Geschichte ist. Bei Grand Slam- Turnieren steht es nun zwischen Djokovic, Roger Federer und Rafael Nadal bekanntermaßen 20:20:20. Djokovic könnte mit einem Triumph in New York deshalb gleich zwei statistische Nuancen hinzufügen: den 21. Titel – und den Grand Slam, den bislang weder Federer noch Nadal geschafft haben.

Das ist bei den Männern zuletzt dem Australier Rod Laver im Jahr 1969 gelungen und überhaupt nur Don Budge (1938) und Laver (1962 zum ersten Mal), bei den Frauen waren Maureen Connolly (1953), Margaret

Court (1970) und Steffi Graf (1988) erfolgreich. Nun wird es interessant: Budge etwa gewann 1938 in Wimbledon und New York auch die sogenannte „Triple Crown“ (Siege im Einzel, Doppel und Mixed beim selben Grand Slam-Turnier), allerdings trat er nach dem Sieg bei den US Open 1938 nie wieder bei einem Major an: Er wurde Profi, im Alter von 23 Jahren, und die durften bekanntermaßen bis 1968 nicht teilnehmen, bevor die Grand Slams „open“ wurden, also zugänglich auch für Profis. Es stellt sich bei Budge deshalb (sechs Grand Slam-Titel in nur zwei Spielzeiten vor dem Wechsel zu den Profis) die Was-wäre-wenn-Frage, wie auch bei Björn Borg.

Was-wärewenn-Frage bei Don Budge

Der nämlich fuhr nur ein einziges Mal, im zarten Alter von 17 Jahren, zu den Australian Open und das bedeutet: Was wäre gewesen, wenn er öfter gekommen wäre, und wenn er seine Karriere nicht mit 25 Jahren beendet hätte? Hätte er mehr als elf Grand Slam-Titel geholt? Wäre diese Debatte um den besten männlichen Tennisspieler eine andere, wenn es damals bei Budge und Borg anders gelaufen wäre?

Die Antwort vieler Tennis-Historiker auf die Borg-Frage: Nun, er hat ja, trotz vier Finalteilnahmen, nie in New York triumphiert; das zeigt auch, wie das Fehlen nur eines Grand Slam-Titels als Makel gewertet wird – also: Borg hat nie bei den US Open gewonnen (und – siehe oben – nicht in Melbourne), Pete Sampras nie in Paris und Ivan Lendl nie in Wimbledon. Denn, und genau darum ist der Career Grand Slam (alle vier Turniere mindestens einmal zu gewinnen) so wichtig: Ein Spieler zeigt, dass er auf vier unterschiedlichen Belägen erfolgreich sein kann.

Allerdings: Früher wurden drei der vier Grand Slam-Turniere auf Rasen gespielt.

Nur bei den French Open wurde immer auf der Terre-battue, der berühmten roten Asche gespielt. In New York wurde 1974 zuletzt auf Rasen gespielt, 1975 drei Jahre auf Asche und ab 1978 in Flushing Meadows auf Hartplatz. In Melbourne fand der Wechsel von Rasen auf Hartplatz 1988 statt. Stefan Edberg hatte 1987 noch in Kooyong auf Gras triumphiert, ein Jahr später, im Januar 1988, siegte Mats Wilander im Flinders Park (heute Melbourne Park) auf Hardcourt.

So entstanden vier unterschiedliche Beläge. Denn der Untergrund bei den Australian Open (das Court Pace Rating der ITF, das Geschwindigkeit von Tennis-Belägen in fünf Kategorien unterteilt, führt das Turnier in Spalte vier: mittelschnell) und bei den US Open (Kategorie zwei: mittellangsam) unterscheidet sich in Sachen Tempo. Es ist auch kein Zufall, dass in der Zeitspanne zwischen Budge und Graf mit Court und Laver zwei Australier den Grand Slam geschafft haben – denn, vereinfacht ausgedrückt: Die australischen Tennisspieler fuhren damals in den Rest der Welt, aber der Rest der Welt kam bis in die frühen 1980er kaum zum Turnier nach Australien, das am Ende des Jahres ausgetragen wurde und bei dem es vergleichsweise wenig Preisgeld gab. Oder so: Der erste Europäer, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Australien gewann, war Mats Wilander 1983.

Der Internationale Tennisverband ITF führte damals eine Million Dollar Preisgeld ein, sollte es jemandem im Einzel gelingen, alle vier Grand Slam-Pokale zu besitzen – unabhängig vom Kalenderjahr übrigens. Das ist der so genannte Non-Calendar-Year- Grand Slam und als Martina Navratilova das mit ihrem French Open-Sieg 1984 schaffte, stand im US-Blatt Sports Illustrated über die nachfolgende Debatte: „Ob dieser Slam nun großartig ist, eher fade oder ein Marketing-Trick, das ein Sternchen der Größe eines Tennisballs braucht: Martina Navratilova hat es geschafft.“ Das Kunststück gelang später nur noch Serena Williams (bei den Australian Open 2003) und Djokovic (bei den French Open 2016) und es ist wichtig zu wissen, dass die ITF ihre Regeln erst 2011 änderte und festlegte, dass es für den Grand Slam nötig sei, die vier Turniere innerhalb eines Kalenderjahres zu gewinnen.

Den zweiten Non-Calendar-Year-Grand Slam besäße Djokovic womöglich schon, wäre ihm das Malheur im vergangenen Jahr nicht passiert. Nun kann er bei den US Open den Grand Slam gewinnen.

Er hatte ja im Vergleich zu Federer (feierte kürzlich seinen 40. Geburtstag) und Nadal (35) dieses Problem der späteren Geburt, weshalb die Debatte über den besten männlichen Tennisspieler der Geschichte erst einmal zwischen Federer und Nadal geführt wurde. Natürlich gibt es auch da keine eindeutige Antwort – deshalb wird sie ja so heftig geführt: Es wird nach einem winzigen und vielleicht sogar konstruierten Makel gesucht (bei Federer etwa, er habe die French Open nur gewonnen, weil er nicht auf Nadal traf ) oder dieser einen Nuance, die dem Lieblingsspieler einen kleinen Vorteil verschaffen könnte und das führt nun zu Djokovic, New York – und Boris Becker.

US-Open-Finale 2015. Djokovic gegen Federer. „Besser geht es nicht“, sagte Becker damals vor diesem Endspiel und fügte an: „Man kann nicht Fan von beiden sein.“ Djokovic hatte in den zwei Wochen davor so ziemlich alles für die Gunst des Publikums getan. Er schrieb nach Trainingseinheiten geduldig Autogramme, er tanzte nach dem Zweitrunden-Sieg mit einem ausgeflippten Fan und zog sich dieses „I Heart New York“- Shirt an, das die Bewohner dieser Stadt so lieben – und dennoch: Das New Yorker Publikum war damals wild entschlossen, Roger Federer zum Sieg zu verhelfen, und dazu gehörte für sie auch, dessen Gegner zu bepöbeln oder durch, kein Witz, Rülpsgeräusche beim Aufschlag zu stören.

Djokovic bemerkte damals, auch durch Mentor Becker, der insbesondere nach der aktiven Karriere gelernt hatte, mit Schmähungen umzugehen, zwei Dinge. Erstens: Er dürfte nie so geliebt werden wie Federer und nie so bewundert wie Nadal – was er sich aber erarbeiten kann: Respekt, und das ist die zweite Sache, die er lernte. Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, das Gegenteil von Liebe ist Gleichgültigkeit.

Wenn einen die Fans derart schmähen, weil sie ihrem Liebling damit zum Sieg verhelfen wollen, ist das der größtmögliche Ausdruck von Respekt. Djokovic hat seitdem immer wieder betont, dass er sich darauf konditioniert habe, Applaus zu hören, wenn die Leute pfeifen oder buhen.

Das führt zur aktuellen Situation im Männertennis: Es hat ja wieder mal eine Debatte gegeben um Djokovic.

Besser sein als Federer und Nadal

Er hatte nach dem Olympia-Rückzug der Turnerin Simone Biles (sie hatte auf ihre geistige Gesundheit verwiesen wie im Frühling Tennisspielerin Naomi Osaka) gesagt: „Wer der Beste sein will, der sollte besser lernen, mit dem Druck und diesen Momenten auf dem Spielfeld und abseits davon umzugehen.“ Ein paar Tage später knallte er Schläger auf die Tribüne und gegen das Netz, danach sagte er: „Wir sind alle nur Menschen. Manchmal ist es schwer, seine Emotionen im Griff zu haben.“ Beliebter wurde er dadurch nicht.

Djokovic schert sich nicht mehr darum, was die Leute von ihm denken – was er will: In Kategorien, über die nicht debattiert werden kann, besser sein als Federer und Nadal.

Und er liegt in einigen wichtigen tatsächlich vorne: Wochen als Weltranglistenerster zum Beispiel (334) oder dass er als Erster und bislang Einziger alle vier Grand Slam- und alle neun Masters-1000-Turniere gewonnen hat. Nun kämen, wie schon erwähnt, zwei weitere dazu: die Führung bei Grand Slam-Titeln sowie die unfassbare Leistung, den Grand Slam zu holen, mehr als 50 Jahre nach Laver. Dann kann es einem egal sein, ob die Leute einen mögen oder nicht – oder, um im Weltbild von Djokovic zu bleiben: Dann interpretiert man die Schmähungen der Fans von Nadal und Federer als respektvollen Applaus.

Djokovic ist der Favorit in New York, die Buchmacher in Las Vegas rufen eine Quote von 1,80 aus – das bedeutet: Sie glauben, dass die Wahrscheinlichkeit eines Djoker- Triumphes höher ist als der Sieg irgendeines anderen Akteurs.

Nun wird ihm die späte Geburt zum Vorteil, weil sich gerade bei Federer nun (alles andere wäre ein Wunder) zeigt, dass Gevatter Zeit langfristig noch immer unbesiegt ist. Nadal zog sich bei den French Open eine Fußverletzung zu und kehrte erst in Washington auf die Tour zurück. Und auch wenn Zverev mittlerweile der beste Spieler der Welt über zwei Gewinnsätze sein könnte (noch so eine Debatte): Bei Best-of-Five- Partien, bei Grand Slam-Turnieren, da ist Djokovic der Mann, der in diesem Jahr nicht zu besiegen war.

In den Endspielen von Melbourne, Paris und Wimbledon schlug er Daniil Medvedev, Stefanos Tsitsipas und Matteo Berrettini. Was er keinesfalls tun sollte in New York: irgendwelche Ausraster mit seinem Schläger. Anders als in Tokio werden Zuschauer anwesend sein. Er muss dem Druck gewachsen sein – oder, wie er selbst sagt: „Pressure is a privilege, my friend.“

EIN TITEL FEHLTE

Vier Spieler und Spielerinnen siegten bei den ersten drei Grand Slam-Turnieren einer Saison, scheiterten dann aber an der letzten Hürde

ÜBER DEN AUTOR

Jürgen Schmieder schreibt sonst als US-Korresponden-ten für die „Süddeutsche Zeitung“.

Berichtet seit vielen Jahren von den US Open. Die Auftritte von Novak Djokovic in New York sind ihm im Gedächtnis haften geblieben.

VIER AUF EINEN STREICH

Alle Spieler/innen mit einem echtem Grand Slam – nicht nur im Einzel