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EINER FÜR ALLE


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 29.08.2019

Am 23. September wird BRUCE SPRINGSTEEN 70. Zwei Projekte widmen sich nun dem großen Rockstar: Sarfraz Manzoor hat der universellen Kraft seiner Musik ein filmisches Denkmal gesetzt, Heinz Rudolf Kunze seine Songs übersetzt. Hier sprechen beide darüber, was Springsteen für ihr Leben bedeutet


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Springsteen und sein Lieblingsinstrument


FOTO: SONY MUSIC

BRUCE SPRINGSTEEN

FOTO: WARNER BROS. 2019

BLINDED BY THE LIGHT
Javed (Viveik Kalra) am Ziel seiner Träume: in der Heimat seines Helden Bruce Springsteen

PLÖTZLICH IST DA DIESER MENSCH, UND WIR KÖNNEN uns kaum noch vorstellen, wie es war, bevor er in unser Leben ...

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... kam: So funktioniert Liebe, und so war es auch mit Sarfraz Manzoor und Bruce Springsteen. Es ist ein schönes Geschenk zum 70. Geburtstag dieses einzigartigen Künstlers, dass ein Film jetzt exemplarisch zeigt, welche Macht seine Musik hat: wie sie Leben verändern und Hoffnung geben kann, wie sie uns verheißt, dass vielleicht doch noch etwas zu retten ist, wenn wir nur fest genug daran glauben – und wie Springsteen selbst dieses Versprechen immer wieder eingelöst hat.

Sarfraz Javed Manzoor war ein relativ trostloser 16-Jähriger in Luton, der sich von seinen pakistanischen Eltern ebenso unverstanden fühlte wie von den meisten Mitschülern und der Welt im Allgemeinen – bis ihm sein bester Freund, Roops,„The River“ vorspielte. 1987 war das, und von da an war Manzoors Leben ein anderes. Er hatte seine Leidenschaft gefunden, er wurde Journalist, unter anderem für den „Guardian“, und 2007 schrieb er seine Geschichte auf: „Greetings From Bury Park“ bezieht sich natürlich auf Springsteens Debüt,„Greetings From Asbury Park, N.J.“ , aber lustiger aber lustigerweise hieß der Bezirk in Luton, in dem Manzoor aufwuchs, tatsächlich Bury Park. Nun hat Gurinder Chadha („Kick It Like Beckham“) einen Film aus diesem Stoff gemacht, doch der gewitzte Titel war für Hollywood wohl ein zu gewagter InsiderJoke, deshalb heißt das Werk „Blinded By The Light“.

Es ist ein anrührender Film mit einigen großen Momenten geworden, der Springsteens Musik viel Raum gibt und so ihre Kraft vermittelt, ohne ins zu Kitschige abzudriften. Wenn Javed zu „Dancing In The Dark“ durch einen Sturm läuft und erkennt, dass er die Gedichte, die er gerade frustriert weggeworfen hat, doch behalten will: Das kann keinen kaltlassen, dem Musik etwas bedeutet. You can’t start a fire sitting ’round crying over a broken heart. Und auch diese eine Lehrerin, die nicht nur auf die Sommerferien wartet, sondern ihren Schüler fördert und an sein Talent glaubt, ist ein wesentlicher Bestandteil vieler JugendErzählungen: Entweder hat einem die Musik weitergeholfen oder die Literatur, heute vielleicht ein Videospiel, aber wenn man das Glück hatte, dazu noch wenigstens einen guten Lehrer zu haben, dann konnte das die Schulzeit nicht nur erträglich machen, sondern vielleicht sogar sinnvoll.

Anders als der Roman erzählt der Film nicht mehrere Jahrzehnte, sondern nur diese entscheidenden Jugendjahre, „manches wurde ausgelassen und manches fiktionalisiert, aber der Kern ist wahrhaftig“, sagt Manzoor, der das Drehbuch mitgeschrieben hat. Seit Wochen freut er sich darüber, wie gut der Film ankommt – vor allem bei seinem Helden selbst. Der umarmte nach der ersten Ansicht die Regisseurin, bedankte sich und wünschte „bitte keine einzige Änderung“. Anfang August sprang Springsteen sogar bei einer Vorabvorführung in Asbury Park zu Southside Johnny & The Asbury Jukes auf die Bühne und spielte vier Songs mit. Manzoors Liebeserklärung hat ihn offenbar nicht kaltgelassen. Der Schriftsteller kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie sein Leben ohne Bruce verlaufen und was für ein Mensch er wohl wäre, hätte er dessen Platten nie entdeckt. „Er gehört ja seit 32 Jahren dazu. Wie ich die Welt sehe, hat viel mit ihm zu tun – und sogar meine Freundschaften. Ob Roops und ich ohne ihn noch Freunde wären? Bruce ist ja unsere größte Gemeinsamkeit.“

Grundsätzlich, da sind wir sofort einer Meinung, kann man eigentlich nur Menschen mögen, die der Einladung, die Springsteen am Ende von „Thunder Road“ ausspricht („So, Mary, climb in/ It’s a town full of losers/ I’m pulling out of here to win“), ohne Zögern nachkommen würden. Da trennen sich die Romantiker in Sekundenschnelle von den Realisten. So hilft einem Bruce auch bei der Freundeswahl. Manzoor jedenfalls hat festgestellt, dass Leute, die seine Begeisterung nicht nachvollziehen können, selten lange in seinem Leben bleiben: „Die sind nur temporäre Besucher. Es geht aber nicht darum, dass alle diese Leidenschaft unbedingt teilen, sie müssen sie bloß verstehen können. Meine Frau zum Beispiel würde Springsteen nicht hinterherreisen, aber sie kapiert, warum ich es mache.“

Und was unterscheidet Springsteen nun vom Rest, was macht ihn so besonders? „Seine Musik ist einfach so freudvoll, herzzerreißend, ehrlich, profund. Er kann einem das Gefühl geben, so sehr am Leben zu sein – und gleichzeitig kann er einen auch zu tiefen Gedanken anregen: Was möchte ich mit meinem Leben anfangen? Ist das schon genug? Wohin will ich?“ Und es gibt (meistens mehr als) ein Lied für jedes Gefühl. Als Manzoors Vater starb, klebte der trauernde Sohn Zeilen aus SpringsteenSongs an die Wand, um sich immer wieder bewusst zu machen, dass eine hellere Zukunft möglich ist.

Ob im jugendlichen Trotz oder als Trost: Bruce war immer da, und das gilt ja nicht nur für Manzoor – so fühlen weltweit unzählige Menschen. Michael Stipe zum Beispiel oder Bono, der Springsteen 1999 in die Rock and Roll Hall of Fame einführte und von ihm als „Buddha meiner Jugend“ sprach: „Wir nennen ihn den Boss, aber das ist Quatsch. Er ist nicht der Boss.Er arbeitet füEr arbeitet füruns .“ Zu seinen Bewunderern zählen Richard Ford und Nick Hornby ebenso wie der Schauspieler Ben Stiller oder der Journalist Uwe Kopf, der von manchen Zeitgeistjüngern bei „Tempo“ komisch angeguckt wurde, wenn er wieder mal „Thunder Road“ aufdrehte, das er für den besten Rocksong überhaupt hielt. Nur die Zeile „You ain’t a beauty, but hey, you’re all right“ lehnte er vehement ab. Auf Facebook gab es dazu tagelang heftige Diskussionen: War das nun unverschämt oder nur ehrlich? Auch das ist ein BrucePhänomen: Egal ist er fast niemandem. Die einen kamen nie über das missverstandene „Born In The U.S.A.“ hinweg und lehnen das FaustindieLuftRecken auf der Bühne ab, während die anderen das karge„Nebraska“ für sein wahres Meisterwerk halten. Aber Springsteen ist eben das alles – und noch sehr viel dazwischen. Seine Auftritte sind immer ein Triumph des (Über) Lebens, des Aufbruchs, der Möglichkeiten: Egal was passiert, wir haben die Musik.

Seinen etwa 150 SpringsteenKonzerten (er hat den Überblick etwas verloren) will Sarfraz Manzoor demnächst weitere hinzufügen, davon halten ihn weder die Arbeit noch seine beiden Kinder ab. Und er geht auch immer noch gern ganz nach vorne – vielleicht in Erinnerung an 1992, als er einmal die Telecaster halten durfte, während Bruce sein Hemd auszog. „Ich werde nie vergessen, wie mich die Leute um uns herum angeschaut haben, mit so viel Neid und Verachtung: Warum kriegt ausgerechnet dieser Typ die Gitarre?“ Er lacht sehr laut, für ihn war es die Belohnung jahrelanger Treue.

Ein paarmal getroffen haben sich die beiden inzwischen auch. Manzoor hatte keine Angst davor: „Niemand, der ihm begegnet ist, hat je eine negative Geschichte über Springsteen erzählt. Er ist einfach ein angenehmer, freundlicher, bodenständiger Typ – ein normaler Mensch mit einem außergewöhnlichen Talent. Natürlich war ich etwas eingeschüchtert, weil er der Mann ist, den ich so lange verehrt habe, aber für dieses seltsame Gefühl kann er ja nichts.“ Auch das gehört zur Faszination. Springsteen schafft das eigentlich Unmögliche: ein nahbarer Superstar zu sein. In seiner Gegenwart fühlt man sich sofort wohl, weil es ihm wichtig ist, dass man sich wohlfühlt. Und er ist der Typ, der einem verspricht, einen Song zu spielen, und es dann tatsächlich macht.

FOTO: SARFRAZ MANZOOR/ WARNER BROS.


„Menschen, die meine Leidenschaft für Springsteen nicht verstehen, sind nur temporäre Besucher in meinem Leben“ (Sarfraz Manzoor)


IM LAUFE DER ZEIT WURDE MANZOOR klar, dass er von Springsteen auch lernen konnte, wie Storytelling geht, denn kaum jemand versteht es so gut, das Konkrete zu etwas Allgemeingültigem zu machen. „Bruce hat so persönlich aus seinem Leben berichtet – und genau dadurch hat er eine universelle Geschichte erzählt. Nur so, mit dieser Wahrhaftigkeit, kann man Menschen erreichen. Er spricht von Asbury Park, von New Jersey, auf sehr spezifische Art – die Straßen, die Politik, Ökonomie, Arbeitssituation –, und dadurch wurde es zu einem fast mystischen Ort. Und wir alle, ob in Deutschland, Großbritannien oder Argentinien, verstanden plötzlich New Jersey und was es bedeutet, dort aufzuwachsen und zu leben. Das hat mich inspiriert: dass das machbar ist. Und dass wir dann diese Erkenntnisse auf unser eigenes, möglicherweise komplett anderes Leben übertragen und dass sie uns nützen können.“ Manzoors Buch und Film spiegeln dieses Prinzip: Letztendlich geht es nicht (nur) um einen pakistanischen Jungen in Luton 1987, sondern um die neuen Chancen, die aus einer Leidenschaft erwachsen. Manzoor arbeitet inzwischen an einem zweiten Buch, das im Herbst 2020 erscheinen soll: eine Fortsetzung mit einem genaueren Blick auf Großbritannien „und die Frage, wie wir als Land so zerrissen werden konnten, vor allem Muslime und Nichtmuslime“. In Manzoors Familie funktioniert das Miteinander inzwischen, das will er exemplarisch aufschreiben. Er glaubt an die Zukunft, so wie er auch daran glaubt, dass jeder Mensch jederzeit sein Leben verändern kann – obwohl ihm gerade die SpringsteenZeilen „The same old story, same old act/ One step up and two steps back“ einfallen. Hat ja keiner gesagt, dass immer alles einfach ist. Und eindimensional schon gar nicht. Aber das Leben kommt einem zumindest leichter vor, wenn die richtige Musik dazu läuft.

Und jetzt wird dieser Mann, der so viele Leben verändert hat, am 23. September 70 Jahre alt. Zum Geburtstag wünscht Sarfraz Manzoor seinem Helden, seinem Verbündeten und Vertrauten vor allem eins: „Seelenfrieden! Bruce Springsteen hat ja ziemlich offen über seine Depressionen geredet und darüber, wie er sie im Zaum hält. Da hoffe ich, dass in sein Leben noch viel mehr Zufriedenheit und Freude kommt, weil er uns allen, überall auf der Welt, doch so viel Zufriedenheit und Freude gebracht hat. Das wäre also nur fair.“