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EINFLUSS DES FUCHSES AUF DIE KITZSTERBLICHKEIT: FUCHS, DU HAST DAS KITZ GESTOHLEN?


JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 70/2020 vom 12.06.2020

Welchen Einfluss hat der Fuchs auf die Sterblichkeit von Rehkitzen? Dieser Frage sind einige Wissenschaftler in Skandinavien nachgegangen. Dr. Christian Holm hat die erstaunlichen Ergebnisse dieser Studien einmal für Sie zusammengetragen.


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Fuchs mit Kitz im Fang: ob er dieses gerissen oder verunfallt gefunden hat, wer weiß? Zumindest in Skandinavien ist die Wahrscheinlichkeit eines Risses allerdings um ein Vielfaches höher.


FOTO: ULRICH HERBST

Fuchs auf erhöhter Warte: um Ausschau zu halten, wo die Ricken ihr Kitz/ihre Kitze ablegen. Zumindest in Skandinavien zeigen einige Rotröcke solch Verhalten. ...

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Manche Erinnerungen sind auch nach Jahrzehnten noch glasklar: Ich saß als Zwölfjähriger im Hunsrück abends auf dem Hochsitz an einer Waldlichtung, einem wunderschönen Ort mit einer Quelle und alten Buchen. Es war Ende Juni, und in der Abendsonne war eine Ricke mit ihrem Kitz ausgetreten. Das Kitz war schon recht lebhaft und entfernte sich zusehends von der Ricke in meine Richtung auf den Hochsitz zu. Plötzlich bemerkte ich zu meiner Linken einen starken Fuchs, der ebenfalls in meine Richtung schnürte. Ich schaute wieder zum Kitz, das inzwischen direkt vorm Sitz stand, dann suchte ich wieder den Fuchs, der jedoch spurlos verschwunden war. Im nächsten Moment preschte die Ricke in höchster Flucht los und ging auf den Fuchs los, der wie von Geisterhand nur wenige Meter neben dem Kitz auftauchte und nun aber kehrtmachte und schleunigst vor den wirbelnden Schalen der zum Äußersten entschlossen wirkenden Ricke die Flucht ergriff. Keine Frage, der Fuchs hatte vor, das Kitz zu reißen, und die Ricke hatte dies verhindert. Weniger Glück hatte ein anderes Kitz, dessen Schicksal mir Jagdfreund Achim schilderte: Es war bereits weit in den Juni hinein, als er im Revier das jämmerliche Klagen eines Kitzes vernahm. Am Ursprung des Lärms angekommen, sah er einen Fuchs, welcher ein Rehkitz, welches dort offensichtlich abgelegt worden war, an der Kehle hielt und würgte. Er vertrieb den Fuchs, und das Kitz entfernte sich ebenfalls. Ob es am Ende überlebte, ist zu bezweifeln, aber sicher ist, dass es dem Angriff des Fuchses sonst zum Opfer gefallen wäre. Diese beiden Geschichten fielen mir wieder ein, als mir eine Studie in die Hände fiel, die die Rolle des Fuchses für die Überlebenschancen von Rehkitzen in Schweden untersucht hatte, mit überraschend deutlichen Ergebnissen. Gleichzeitig fiel mir auf, dass wir in Deutschland dem Fuchs zwar eine große Bedeutung für das Niederwild zumessen, aber dass damit meistens Hase, Huhn und Fasan gemeint sind, jedoch vom Rehwild selten die Rede ist. Unterschätzen wir den Fuchs in diesem Zusammenhang? Oder sind schwedische Füchse anders als deutsche? Ist die Bejagung des Fuchses bei uns wichtiger für die Rehwildhege als allgemein angenommen?

KITZSTERBLICHKEIT: SCHLÜSSELFAKTOR FUCHS?

Natürlich verenden Rehkitze aus vielen Gründen. Das kann schon mit einer missglückten Geburt losgehen, schlechtem Wetter und der daraus resultierenden Unterkühlung, parasitären, bakteriellen oder viralen Erkrankungen und in Gebieten mit Grünland dem leidigen Mähtod. Vor allem letzterer kann in manchen Gebieten einen hohen Zoll fordern, und der Einsatz von Suchtrupps, Hunden, Drohnen und das Aufstellen von Wildscheuchen sind hier wichtige Hegemaßnahmen. In einem Satz auch die Ergebnisse einer Studie aus Schweden hierzu, weil es so wichtig ist: Die meisten Mähopfer vermeiden wir mit Tüten an langen Stäben als Scheuchen, idealerweise für zwei Tage aufgestellt, aber nicht länger als drei Tage, sonst gewöhnen sich die Ricken daran, alle 100 Meter eine und nicht wie eine Wand am Waldrand entlang, sondern auf der Fläche verteilt. Der Doktorand der Wildbiologie Anders Jarnemo und sein Doktorvater Olof Liberg wollten es aber genauer wissen: 14 Jahre verfolgten sie das Schicksal von über 200 mar- kierten und mit Sendern versehenen Rehkitzen in Südschweden. Ihr Forschungsgebiet namens Ekenäs ist ein ideales Rehwildrevier von 300 Hektar mit Feld, Wald und Wiesen, abwechslungsreich und liegt 150 Kilometer westlich von Stockholm. Was über die Jahre als Todesursachen für Kitze herauskam, war überraschend deutlich: Es starben in etwa die Hälfte der besenderten Kitze, davon aber „nur“ fünf durch ein Mähwerk, sieben durch Unterkühlung oder Krankheit, aber unglaubliche 91 Kitze durch Füchse! Um Missverständnissen vorzubeugen, es handelt sich hier um eine methodisch saubere wissenschaftliche Studie, und die Kitze waren nachweislich gerissen und nicht nur als Luder am Bau gefunden. Dieselben Autoren verfolgten das Thema noch Jahre weiter und kamen auch 2011 zu keinem anderen Ergebnis: 80 Prozent der Gesamtsterblichkeit der Kitze in den ersten Lebensmonaten gingen im Untersuchungsgebiet auf den Fuchs zurück! Die meisten Kitze fielen ihm in den ersten vier Wochen ihres Lebens zum Opfer, aber auch in der fünften bis achten Woche kam es noch zu Rissen. Ich suchte nach weiteren Studien und fand vor allem für Schweden und Norwegen weitere Ergebnisse, die nicht so extrem waren, aber ebenfalls 25 bis 50 Prozent der beobachteten Kitzverluste im Sommer auf Füchse zurückführten.


EINFLUSS DES FUCHSES AUF DIE KITZSTERBLICHKEIT


WIE JAGT EIN FUCHS EIGENTLICH EIN KITZ?

Der Rehwildforscher Jarnemo konnte dank der Telemetrie und seinem Fleiß im Feld persönlich beobachten, mit welcher Methode die Füchse Rehkitze jagen und auch, wie die Ricke versucht, dies zu verhindern. 49 Mal war er Zeuge einer Begegnung zwischen Ricke und Fuchs, wie von mir am Anfang beschrieben. In fast zwei Dritteln der Fälle griff die Ricke den Fuchs entschlossen an, in den restlichen Fällen beobachtete sie ihn nur, griff aber nicht ein. Die mutigen Ricken hatten großen Erfolg im Vertreiben der Füchse, in 90 Prozent der Fälle gelang dies. Zweimal konnte Jarnemo sogar beobachten, dass eine Ricke ihr Kitz noch retten konnte, obwohl der Fuchs es bereits attackierte. Der Wildbiologe erkannte, dass Füchse vor dem Problem stehen, dass Kitz orten zu müssen, ohne dabei der Ricke aufzufallen. Tatsächlich sah er wenige Füchse einfach nur systematisch die Wiesen absuchen, sondern die Füchse in Ekenäs beobachteten die Ricken! Hatten sie das Lager des Kitzes erkannt, suchten sie dies erst dann auf, wenn die Ricke weggezogen war. Am liebsten beobachteten sie vom Waldrand aus die angrenzenden Freiflächen, wobei sie sich auch häufig auf erhöhte Punkte wie große Steine oder Felsen setzten. Sie machten also regelrecht Ansitz, um zu beobachten, wie die Ricke das Kitz besuchte und anschließend wieder ablegte. Jarnemo schien dies nur logisch, weil nur so konnte der Fuchs auf den großen, recht einheitlichen und deckungsreichen Wiesenflächen mit Chance auf Erfolg nach dem Kitz suchen und gleichzeitig verhindern, dass er dabei wieder von der Ricke verjagt wurde, die im Durchschnitt selten weiter als 150 Meter von ihrem Kitz entfernt war.

FUCHSDICHTE RUNTER – KITZE RAUF!

Die Bedeutung des Fuchses für die Rehwildpopulation in dem schwedischen Revier Ekenäs wurde den Forschern besonders eindrucksvoll durch ein riesiges Experiment bestätigt, dass die Natur selber durchführte: In den 80er Jahren dezimierte die Räude die Füchse dramatisch, und mit dem Rückgang der Füchse gingen die Kitzzahlen auf einmal nach oben! Die Aufzeichnungen der Fuchs- und Kitzbestände zeigten über Jahre hinweg ein konstantes Ergebnis: Der Hauptfaktor für das Überleben der Kitze in diesem Revier war der Fuchs. Umgekehrt beobachteten norwegische Rehwildforscher (Marleen 2008) auf einer 1.000 Hektar großen Insel nahe Trondheim sehr hohe Überlebensraten bei den Kitzen und eine daraus resultierende Rehwilddichte von 40 Stück auf 100 Hektar. Das besondere an dieser Insel: es gibt dort keine Füchse. Zwischen diesen beiden Extremen gab es viele weitere Untersuchungsergebnisse, welche immer noch 15 bis 50 Prozent der verendeten Kitze dem Fuchs zuschrieben. Die Anfälligkeit auf den Fuchs scheint dabei vor allem von der Revierstruktur abzuhängen. Ein wichtiger Punkt scheint die Menge der geeigneten Plätze zum Ablegen der Kitze zu sein. Gibt es nur wenige, wie in homogenen Feldrevieren, so scheint das Risiko für das Kitz, vom Fuchs gefunden zu werden, ungleich höher als in strukturreichen Revieren mit Wald und Unterwuchs. Einen weiteren erstaunlichen Zusammenhang fanden die schwedischen Wildbiologen Kjellander und Norström (2003) in einem anderen Forschungsrevier namens Grimsö. Sie analysierten die Populationsdaten aus 28 Jahren von Rehwild, Füchsen sowie Wühlmäusen und stellten fest, dass in Jahren mit starkem Wühlmausvorkommen deutlich mehr Rehkitze überlebten als in Jahren mit wenigen Wühlmäusen. Die Forscher konnten damit nachweisen, dass der Fuchs vermehrt Kitze riss, wenn es wenig Wühlmäuse gab. Er wechselte also seine bevorzugte Beute je nach Verfügbarkeit. Starke Mäusejahre sind für Land- und Forstwirte keine Freude, aber für das Rehwild anscheinend günstig.


„VON ETWAS ÜBER 200 BESENDERTEN KITZEN WURDEN UNGLAUBLICHE 91 VON FÜCHSEN GERISSEN!“


Jungfuchs am Kitz: zumindest in Skandinavien nicht ungewöhnlich. Denn hier fand man heraus, dass der Fuchs Todesursache Nr. 1 für Kitze ist.


F OTO: DIETER HOPF

Ricke und Fuchs: einhellig beisammen? Wohl eher nicht. Wahrscheinlicher ist, dass Reineke beim Versuch, ihr Kitz zu reißen, vom Fotografen gestört wurde. Warum sonst äugen beide in seine Richtung?


F OTO: RAFAL LAPINSKI

Fuchs mit Mäusen im Fang: seiner eigentlichen Hauptbeute – Mäusejahre sind gute Kitzjahre.


FOTO: ULRICH HERBST

Rehwildheger: denn mit dem Erlegen dieses Jungfuchses ist eines sicher: Der reißt kein Kitz mehr!


FÜCHSE SATT FÜTTERN, UM KITZE ZU RETTEN?

Die beiden Forscher in Grimsö überlegten nun, ob sie die Überlebensrate der Rehkitze durch hegerische Maßnahmen verbessern konnten (2008). Sie wussten, dass die Erlegung von Füchsen im Winter nur bedingt half, da die optimalen Setzreviere der Ricken bis zum Sommer meist durch eingewanderte Füchse wieder besetzt waren. Die Erlegung der Fähe im Sommer war aus Gründen der Waidgerechtigkeit nicht möglich und in Schweden folgerichtig auch illegal. Also fragten sie sich, ob sie die Füchse in der Zeit, in welcher die Kitze besonders gefährdet waren, also den ersten acht Wochen nach dem Setzen, nicht so satt füttern konnten, dass sie, ähnlich wie in den fetten Mäusejahren, die Kitze vermehrt in Ruhe ließen. Zu diesem Zweck wurde das 1.300 Hektar große Forschungsrevier in zwei gleichgroße Hälften geteilt, und in der einen Hälfte wurden in der Nähe der Baue regelrechte Fuchsfütterungen eingerichtet, welche mit Portionen von 20 Kilogramm Fleisch regelmäßig bestückt wurden. Das Experiment lief über zwei Sommer, aber die Überlebensrate der Kitze im Revierteil mit den Fuchsfütterungen war nicht besser als in dem ohne Fuchsfütterung. Die Wildbiologen kamen zu dem Schluss, dass diese Methode keine echte Hilfe für die Rehwildhege darstellt.

WAS BEDEUTET DAS FÜR UNSERE REVIERE?

In vielen Revieren werden zum Glück große Anstrengungen unternommen, um dem Rehwild bessere Äsung und Deckung zu verschaffen sowie es vor dem Tod auf der Straße oder unter dem Mähwerk zu bewahren. Der Fuchs jedoch scheint für die meisten Rehwildjäger keine große Rolle zu spielen, was mit Blick auf die skandinavischen Studien verwunderlich scheint. Wie hoch die genauen Kitzverluste durch Füchse in unseren Revieren sind, ist unklar, aber es gibt wenig Gründe zu der Annahme, dass deutsche Füchse verschmähen, was skandinavische Füchse lieben. Der ein oder andere Rehwildliebhaber sollte sich darum ernsthaft fragen, ob er die Jagd auf den Rotrock nicht intensivieren sollte. Wer bereits zum Aufgang der Jagdzeit im Herbst Ricken mit nur einem oder gar keinem Kitz beobachtet, sollte bei der Frage der möglichen Todesursache auf jeden Fall auch den Fuchs in Erwägung ziehen.


FOTO: SVEN-ERIK ARNDT

FOTO: JENS KRÜGER