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Einführung: Schwerpunkt: Pflegewissenschaftliche Perspektiven auf Pflegepersonalausstattung, Rationierung und Patientensicherheit


Pflege & Gesellschaft - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 24.10.2019

Renate Stemmer

Die Frage der Ausstattung der Krankenhäuser mit Pflege(fach)personen ist zu einem Politikum ersten Ranges geworden. Wurden Pflege(fach)personen lange Zeit als selbstverständliche Variablen wahrgenommen, die bei der Frage der Entwicklung des Gesundheitswesens einen nachrangigen Platz einnahmen und insbesondere dann Aufmerksamkeit erfuhren, wenn es darum ging Personalkosten zu senken, rückt in den letzten Jahren die zentrale Bedeutung einer ausreichenden Ausstattung mit Pflege(fach)personen für die Aufrechterhaltung einer sicheren Patientenversorgung ins Bewußtsein. Rationierung in der Pflege, in dem Sinne, dass Patient_innen nicht die pflegerische Leistung bekommen, die sie bekommen sollten, findet jedoch nicht erst statt, wenn elektive Patient_innen verzögert aufgenommen werden oder OPs erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen können. Untersuchungen wie die RN4Cast Studie (Außerhofer et al. 2014) zeigen, dass Rationierung bereits viel früher einsetzt. Bei Zeitdruck wird häufig Beziehungsarbeit oder Beratung nicht geleistet und die Pflegeprozessplanung unterbleibt. Dieses Entscheidungs- und Handlungsmuster von Pflegenden zeigt sich wiederholt in verschiedenen europaweit und international durchgeführten Studien (Griffiths et al. 2018). Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen der Anzahl von Pflegefachpersonen mit Bachelorabschluss und Aspekten der Patientensicherheit gemessen u. a. mit dem Indikator der verspäteten Hilfe im Notfall weisen auf eine Assoziation dieser beiden Variablen hin (Aiken et al. 2014). Es mehrt sich jedoch Kritik an der Aussagekraft dieser Art der Forschung und es zeigt sich, dass die Komplexität von Rationierung in der Pflege noch nicht umfassend verstanden ist.

Vor diesem Hintergrund wurde die COST-Action 15208 RANCARE (Rationing – Missed Nursing care: An international and multidimensional problem) ins Leben gerufen, die u. a. darauf abzielt, die Konzeptklärung zu ‚Rationierung in der Pflege‘ voranzubringen und erfolgversprechende Interventionen zur Reduktion von Rationierungen zu identifizieren. Renate Stemmer und Maria Schubert diskutieren als Mitglied (Renate Stemmer) bzw. als Leiterin (Maria Schubert) einer RANCARE-Arbeitsgruppe die Bedeutung von rationierter/unterlassener Pflege im Kontext von Patienten- bzw. Bewohnersicherheit.

Zu den Ansätzen, um dem Mangel an Pflegefachpersonen zu begegnen, wird vielfach ein Skill-Mix empfohlen. Das Konzept des Skill-Mix umfasst neben der formalen Qualifikation auch individuelle Fähigkeiten und Kompetenzen, die beispielsweise durch Berufserfahrung erworben wurden. Claudia B. Maier, Julia Köppen, Matthias Naegele und Barbara Strohbücker geben einen differenzierten Überblick über die ein- schlägige internationale Forschung und beschreiben Entwicklungen von Kompetenzprofilen in der Pflege. Für Deutschland zeigen sie am Beispiel der Übertragung der Zytostatikagabe auf Pflegefachpersonen in der Onkologie im Delegationsmodell Schritte zunehmender Profilierung von Pflegenden im medizinnahen Bereich auf.

Christine Dunger, Martin W. Schnell und Claudia Brausewein stellen eine Untersuchung zum Prozess der pflegerischen Entscheidungsfindung am Beispiel pflegeprofessionellen Handelns in Situationen der Atemnot von Menschen mit Pflegebedarf vor. Deutlich wird, dass neben pflegeprofessionellem Wissen und dem Ergebnis der Pflegeperson- Patient-Interaktion externe Anforderungen und Ansprüche die Prioritätensetzung maßgeblich beeinflussen.

Gabriele Meyer wirft mit ihrem Diskussionsbeitrag einen kritischen Blick auf den einschlägigen internationalen und spezifisch auf den deutschen Forschungsstand. Es zeigt sich, dass nicht nur in Deutschland ein großer Mangel zu verzeichnen ist. Zwar liegt – anders als in Deutschland – international eine Vielzahl groß angelegter Studien vor, die Assoziationen zwischen der Pflegepersonalausstattung und einem Patienten - outcome ableiten, aber aufgrund unterschiedlicher methodischer Gründe eben nicht belegen (können).

In Deutschland wird das Thema Rationierung meist eindimensional unter der Perspektive des Mangels an Pflege(fach)personen diskutiert. Es ist unstrittig, dass eine Erhöhung der Anzahl der Pflege(fach)personen erforderlich ist. Jedoch greift dieses als alleinige Maßnahme zu kurz wie die Beiträge dieses Schwerpunktes zeigen. Gefragt sind weitreichende Maßnahmen u. a. im Bereich der normativen Rahmensetzungen sowie der Organisations- und Personalentwicklung. Es gilt, den Status quo zu überwinden – die bisherigen politischen Aktivitäten tragen leider wenig dazu bei.

Literatur

Aiken, L.H./Sloane, D.M./Bruyneel, L./Van den Heede, K./Griffiths, P./Busse, R./Diomidous, M./Kinnunen, J./Kozka, M./Lesaffre, E./McHugh, M.D./Moreno-Casbas, M.T./Rafferty, A.M./Schwendimann, R./Scott, P.A./Tishelman, C./van Achterberg, T./ Sermeus, W./consortium RC. (2014): Nurse staffing and education and hospital mortality in nine European countries: a retrospective observational study. In: Lancet 383, 1824-1830
Ausserhofer, D./Zander, B./Busse, R./Schubert, M./De Geest,S./-Rafferty, A.M./Ball, J, Scott A, Kinnunen J./Heinen M./Sjetne I.S./Moreno-Casbas T./Kozka M./Lindqvist, R./Diomidous, M./Bruyneel, L./Sermeus, W./Aiken, L.H./Schwendimann, R./consortium RC. (2014): Prevalence, patterns and predictors of nursing care left undone in European hospitals: results from the multicountry cross-sectional RN4CAST study. In: BMJ Qual Saf 23, 126-135
Griffiths, P./Recio-Saucedo, A./Dall’Ora, C./Briggs, J./Maruotti, A./Meredith, P./Smith, G.B./Ball, J. (2018b): The association between nurse staffing and omissions in nursing care: A systematic review. In: J Adv Nurs 74, 1474-1487

Prof. Dr. phil. Renate Stemmer
Fachbereich Gesundheit und Pflege, Katholische Hochschule Mainz, Saarstr. 3, 55122 Mainz, renate.stemmer@kh-mz.de

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