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Eingefrorene Dynamik


digit! - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 21.02.2020

Seit 15 Jahren beschäftigt sich Sascha Hüttenhain mit dem klassischen Tanz. Dank kontrollierter Studiobedingungen und ausgefeilter Lichttechnik hat der Peoplefotograf aus Siegen eine besonders puristische Spielart der Ballettfotografie entwickelt. Von Peter Schuffelen


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Bildquelle: digit!, Ausgabe 2/2020

„Sobald das Model angelaufen ist, weißt du, du hast genau einen Schuss“, sagt Hüttenhain, der fast immer im One-Shot-Modus arbeitet.


Für diese traumartige Sequenz hat Hüttenhain den Verschluss für ca. drei Sekunden geöffnet und dann fünfmal hineingeblitzt.


„Wichtig ist, dass man eine Lichtanlage einsetzt, die schnell genug ist, um diese Art ...

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... der Highspeed-Fotografie zu unterstützen.“


Adagio, Pirouetten, Petit und Grand Allegro: Sascha Hüttenhain kennt die Schrittfolgen und Bewegungsabläufe der Ballerinen, wie die Tänzerinnen im Ballett heißen. Kein Wunder: Der Portrait-, Mode- und Werbefotograf, der sein Geld mit Corporate-Aufnahmen für mittelständische Kunden, mit People- und Stillaufnahmen für die Konsumgüter-, Transportation- und Medienbranche sowie für verschiedene Mode- und Lifestyle-Zeitschriften macht, beschäftigt sich in seinen freien Arbeiten intensiv mit dem klassischen Tanz. „Die Dynamik und perfekte Körperbeherrschung, die fließenden, schnellen Bewegungen, dazu die reduzierten Kleider - all das macht das Ballett zu einem faszinierenden Sujet“, sagt der 46-Jährige. Mehr als 15 Jahre hat er sich mit dem Thema fotografisch auseinandergesetzt, zunächst vor allem im Theater. Das, sagt er, sei eine gute Vorbereitung auf das Thema gewesen, um die Bewegungsabläufe und akrobatischen Einlagen zu studieren. „Der Nachteil war allerdings, dass ich weder Einfluss auf das Licht noch auf die Posen nehmen konnte, weil die Tänzerinnen während der Proben und Vorstellungen natürlich ihr Programm durchziehen“, sagt Hüttenhain. „Irgendwann habe ich dann die erste Ballerina in mein Studio geholt.“

Konzentration auf das Wesentliche

200 m2 ebenerdige Studiofläche, vier Meter Deckenhöhe und eine Hohlkehle mit sieben Meter Breite: Sein „Studio Zwo“ in Siegen, in dem er auch Workshops für Interessierte zum Thema „Ballett“ anbietet, stellt die idealen Voraussetzungen für dynamische Aufnahmen mit ausladenden Bewegungen dar. Am Anfang jeder Aufnahmesession steht zunächst ein Kennenlerngespräch. „Es geht mir darum, zu klären, wie das Level der jeweiligen Tänzerin ist und wo ihre besonderen Stärken liegen“, sagt Hüttenhain. „Dann überlege ich mir, welche Posen oder tänzerische Figuren reizvoll sein könnten, welches Outfit diese besonders gut unterstreicht, ob wir Hilfsmitteln wie etwa eine Windemaschine brauchen und wie eine möglichst spannungsvolle Lichtsetzung aussehen könnte. Für das Shooting selbst fertige ich dann meist einfache Zeichnungen oder kleine Storyboards an, die mir als Leitfaden dienen.“

Auf Form und Pose reduziert: Diese beiden Bilder sind mit einem Striplight und einer Wabe vor der Hohlkehle entstanden.


„Wenn du dich richtig reinhängst, kannst du in einem Jahr zu wirklich ansprechenden Ballettbildern kommen.“


Stilistisch konzentriert sich Hüttenhain auf wenige Elemente. Wallende schwarze und weiße Kleider oder Tutus, klare Kontraste und Licht-Schatten-Spiele, die er oft nur mit ein oder zwei Blitzlichtern vor der Hohlkehle herausarbeitet, und Posen, die weniger auf eine imposante Akrobatik abzielen als auf ein Maximum an Eleganz. Das Ergebnis sind Shots, welche die Essenz dieser Kunstform in konzentrierter Form einfangen und mal klassisch bildhauerische, mal spielerisch- abstrakte oder experimentelle Qualitäten besitzen.

Der Lichttechnik fällt dabei eine besondere Rolle zu. „Wichtig bei schnellen Bewegungen ist, dass man eine Lichtanlage einsetzt, die schnell genug ist, um diese Art der Highspeed-Fotografie zu unterstützen“, sagt Hüttenhain. „Ich nutze Blitzgeräte vom Typ Hensel Cito, die eine minimale Abbrennzeit von bis zu 1/100.000 s liefern. Damit lassen sich auch sehr schnelle Moves gestochen scharf einfangen - die Verschlusszeit der Kamera spielt hingegen keine Rolle.“

Ebenso wenig wie die Serienbildgeschwindigkeit. Denn bemerkenswerterweise nutzt Hüttenhain, der mit verschiedenen Canon-Vollformatkameras arbeitet, fast ausschließlich den Einzelbildmodus. „Sobald das Model angelaufen ist, weißt du, du hast genau einen Schuss. Das gilt insbesondere bei Sprungfotos: Wenn du den Moment erwischen willst, in dem die Tänzerin perfekt in der Luft ‚hängt‘, gibt es keine zweite Chance. Selbst eine Serienbildgeschwindigkeit von 10 Bildern pro Sekunde reicht oftmals nicht aus, um den perfekten Moment zu erwischen. Aber auch bei extremen Posen wie dem Stehen auf der Fußspitze ist das Zeitfenster extrem kurz.“

Auch das Outfit spielt eine wesentliche Rolle bei Hüttenhains Ballettbildern.


Gelungene Ballettaufnahmen setzen deshalb unbedingt Erfahrung voraus. 15 Jahre müssten es indes nicht sein, sagt Hüttenhain, der sein Wissen im Bereich Ballettfotografie auch in Workshops weitergibt. „Wenn du diese Art der Fotografie wirklich liebst und dich richtig reinhängst, kannst du auch in einem Jahr zu wirklich guten Ballettbildern kommen.“


„Man tanzt im Kopf mit“


Close-up mit Offenblende vor schwarzem Hintergrund. Eine große Octabox und ein Aufheller von unten dienten zur Lichtsetzung.


Ein Schuss, ein Treffer, wie schafft man das in derart rasanten Disziplinen wie der Ballettfotografie?

Sascha Hüttenhain: Es ist wirklich eine Sache der Übung. Irgendwann hast du die Bewegungsabläufe im Blut, du tanzt förmlich im Kopf mit. Meist komme ich für ein Motiv tatsächlich mit einem Shot zurecht. Wiederholen müssen wir die Einstellung in aller Regel nur, wenn beispielsweise ein Tuch nicht aufgegangen ist oder ein Kleid während des Sprungs nicht so fällt, wie ich mir das vorgestellt hatte.

Es gibt dieses schöne Motiv, bei der eine Tänzerin wie betend dasteht, während weißer Staub auf sie herabrieselt. Wie ist diese Aufnahme entstanden?

SH: Zwei Assistenten standen links und rechts vom Model und haben Mehl hochgeworfen. Das war gar nicht so einfach, denn das Material sollte ja gleichmäßig auf das Model hinabgehen. Wir haben etwa drei Stunden geshootet und dann noch mal drei Stunden geputzt. Das Shooting fand in einer Lagerhalle statt, das kann ich auch nur jedem Nachahmer empfehlen - nicht nur wegen der Explosionsgefahr bei hoher Mehlkonzentration in kleineren Räumen, sondern auch, weil sich das Mehl am Ende wirklich überall absetzt.

Mit welcher Kamera arbeitest du, wenn du Ballettaufnahmen machst?

SH: Vorwiegend mit der Canon EOS 5D Mark IV und der EOS 1DX Mark II.

Eine Mittelformatkamera wäre keine Alternative?

SH: Nein, vor allem weil ich einen sehr schnellen Autofokus brauche, der auch bei dem geringen Licht, das das Einstelllicht liefert, arbeitet. Das ist ein Schwachpunkt bei Mittelformatkameras.

Arbeitest du mit Festbrennweiten oder Zoomobjektiven?

SH: Sowohl als auch. Die meisten Portraits entstehen mit einem 85 mm 1.4, bewegte Aufnahmen mit dem 24-70 mm 2.8 oder dem 35 mm 1.4, zuweilen auch mit dem 50 mm 1.2.

Welchen Stellenwert hat die Nachbearbeitung für diese Bilder?

SH: Einen ziemlich geringen. Neben kleineren Hautretuschen drehe ich ein wenig am Look, vor allem, indem ich die Farben leicht entsättige. Ansonsten habe ich den Anspruch, alles bereits im Moment der Aufnahme umzusetzen, vor allem, was das Licht- und Schattenspiel angeht.

SASCHA HÜTTENHAIN wurde 1973 in Siegen geboren. Zwischen 1994 und 2000 absolvierte er Assistenzen bei diversen Fotografen, ehe er sich mit eigenen Studios in Siegen und Frankfurt selbstständig machte. Hüttenhain arbeitet für Kunden im In- und Ausland mit Schwerpunkt auf der Peoplefotografie, vor allem im Bereich Portrait, Mode und Werbung für Kunden wie Krombacher, Lufthansa, die ProSiebenSat.1 Group oder Schwarzkopf und Mode- und Lifestyle-Zeitschriften wie FHM, Freundin oder Gala. Darüber hinaus gibt er Workshops zu verschiedenen Themen, unter anderem als Canon Academy Trainer.

www.huettenhain.com