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EINMAL UM DIE WELT


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The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 11.10.2022

CLÄRENORE STINNES

Als Clärenore Stinnes in einem „stinknormalen“ – ihre Bezeichnung! –, serienmäßig produzierten Personenkraftwagen als erster Mensch die Erde umrundete, das hieß: in einer Fahrt von zwei Jahren Dauer 40.000 Kilometer zurücklegte, war meine Mutter vierzehn Jahre alt. Ihr Vater, mein Großvater, war Automechaniker, damals ein seltener, ein wenig mit Argwohn hochangesehener Beruf. Meine Mutter sammelte alle Zeitungsartikel über das „Fräulein Stinnes“, sie legte ein Album an, und über Beziehungen ihres Vaters gelang es ihr, ein Bild der Verehrten zu bekommen, mit Autogramm. Das Album mit den Artikeln und

die Autogrammkarte habe ich geerbt. Auf dem Bild ist Clärenore Stinnes zu sehen, wie sie neben ihrem Adler Standard 6 steht – Sechs-Zylinder-Reihen-Ottomotor, 50 PS, Hinterradantrieb, hydraulische Bremsanlage, Drei-Gang-Getriebe, Hochbettrahmen-Konstruktion, Starrachsen vorne und hinten. ...

Artikelbild für den Artikel "EINMAL UM DIE WELT" aus der Ausgabe 11/2022 von The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 11/2022

MICHAEL KÖHLMEIER Der Vorarlberger Bestsellerautor gilt als bester Erzähler deutscher Zunge. Zuletzt erschienen: der Roman ?Matou?, 960 Seiten, Hanser Verlag.
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... Sie hält eine Zigarette mit langer Spitze zwischen den Fingern der rechten Hand, in der linken ein Paar Lederhandschuhe, auf dem Kopf trägt sie eine Lederhaube, gekleidet ist sie wie ein Mann, Anzug und Krawatte, sie lächelt, wie mir scheint, geistesabwesend.

Ich glaube, mehr als hundertmal hat mir meine Mutter die Geschichte von Clärenore Stinnes erzählt.

Clärenore Stinnes wurde 1901 in Mühlheim an der Ruhr geboren. Ihr Vater war ein Großindustrieller, sie war sein Liebling, von ihren Brüdern hielt er nicht viel. Er brachte ihr persönlich das Autofahren bei. Immer wieder habe er gesagt, der Zweck dieser Erfindung sei es nicht, Personen oder Dinge von A nach B zu transportieren, sondern schnell zu fahren, und zwar so schnell wie möglich. Damals gab es noch Stimmen, wissenschaftliche Stimmen, wie sie sich selbst bezeichneten, die behaupteten mit erhobenem Zeigefinger, der Mensch könne eine Geschwindigkeit von über 50 Kilometern in der Stunde auf die Dauer nicht ohne psychische Deformationen überstehen.

Clärenore und ihr Vater waren nicht dieser Meinung. „Und wenn es so ist“, pflegte ihr Vater zu sagen, „dann überstehen wir halt die psychischen Deformationen.“ Clärenore war seine Vertraute, auch und vor allem in geschäftlichen Dingen. Nach ihrem Schulabschluss machte er sie zu seiner ersten Sekretärin, sie weihte er als Einzige in alle Firmengeheimnisse ein.

Der Vater starb, als Clärenore dreiundzwanzig Jahre alt war. Im selben Jahr nahm sie zum ersten Mal an einem Autorennen teil, ihm zu Ehren. Sie war die erste Frau in Europa, die so etwas tat. Nicht einmal entschlossene Suffragetten fanden das „geziemend“. In den folgenden drei Jahren feierte sie siebzehn Siege, immer war sie die einzige Frau am Start.

Und dann der große Plan: im Auto um die ganze Welt fahren!

Alles habe sie selber gemacht, sagte meine Mutter. Sie habe sich die besten Karten aller Erdteile besorgt, habe wochenlang telefoniert und gekabelt mit diversen Missionschefs, Diplomaten und Handelsstationen, habe sich Empfehlungsschreiben und offizielle Genehmigungen für britische, französische und andere Kolonien gesichert. Sie besorgte sich einen Lastwagen, der mit Treibstoff und Ersatzteilen beladen werden und sie begleiten sollte. Strenge Befragungen habe sie abgehalten, sie brauchte zwei Mechaniker und einen Fahrer, starke, verlässliche, unerschrockene Männer. Eine Konstruktion habe sie gezeichnet und in Auftrag gegeben: dass die Sitze zurückgeklappt und als Liegen verwendet werden können. Wegen des größeren Energiegewinns sollte der Wagen nicht mit Benzin, sondern mit Benzol fahren. Eine ordentliche Waffensammlung wurde auch aufgeladen, Gewehre, Pistolen, Revolver, Bowiemesser. Es gab Strecken, von denen hieß es, sie seien so gefährlich wie der Weg in die Hölle. Außerdem nahm sie zu ihrem „persönlichen Schutz“ zwei scharf abgerichtete Terrier mit, Billy und Lilly. Finanziert habe sie ihr Abenteuer weitgehend selbst, Kosten: 100.000 Reichsmark. Sie ließ sich ihren Anteil des Erbes auszahlen.

Und natürlich wollte sie, dass die Welt von ihrem Unternehmen erfahre. Zwei Tage bevor sie ihre Reise antrat, lernte sie bei einer Tanzveranstaltung, die in Frankfurt zu ihrem Abschied gegeben wurde, den schwedischen Fotografen Carl-Axel Söderström kennen. Sie sei auf ihn zugegangen, habe mit dem Zündschlüssel ihres Adler Standard auf ihn gezeigt – so erzählte mir meine Mutter – und habe ihm auf den Kopf zugesagt: „Kommen Sie mit!“ Und Herr Söderström? Er habe gesagt: „Erlauben Sie mir, dass ich mich zuvor noch umziehe?“ Und sie: „Aber beeilen Sie sich!“

Ich fragte meine Mutter: „Hat es damals schon Zündschlüssel gegeben?“

Sie sagte: „Das ist typisch für dich, du hältst dich immer mit Nebensächlichkeiten auf!“

„Entschuldige“, sagte ich. „Erzähl weiter!“

Die Fahrstrecke hatte Clärenore Stinnes so präzise wie nur möglich geplant. Sie war darauf vorbereitet, dass sie immer wieder würde improvisieren müssen. Die Reise führte zunächst über den Balkan hinein nach Russland, nach Moskau, und sollte weitergehen über die russischen Weiten, durch die Wüste Gobi nach Peking. Bereits wenige Tage nach der Abfahrt in Moskau gaben die beiden Techniker auf. Das Gelände war unwegsam, sie blieben im Dreck stecken, zweimal mussten sie Überfälle von marodierenden Horden abwehren. Gestandene Männer, die beiden Mechaniker, weinend saßen sie im Schlamm, den Rücken an je ein Rad des Lastwagens gelehnt.

Ihre Mechaniker gaben bereits kurz nach Moskau auf. Weinend saßen sie im Schlamm.

Clärenore ließ sich nicht beirren. „Dann mache ich es eben allein“, sagte sie.

Allein war sie nicht. Der Fahrer des Lkw hielt ihr die Treue – ebenso Carl-Axel Söderström.

Der Fotograf war verheiratet, und zu Beginn der Reise wäre ihm „um alles in der Welt“ nicht in den Sinn gekommen, seine Familie zu verlassen. Aber dann … Carl-Axel und Clärenore verliebten sich ineinander.

„Es war“, erzählte sie viel später, da war sie eine alte Frau, fast neunzig, und Carl-Axel Söderström schon seit über zehn Jahren tot, „es war, als wären wir beide, Mann und Frau, die letzten Menschen auf der Welt.“ „Natürlich mussten sich die beiden verlieben“, kommentierte meine Mutter. „Was sollen die letzten Menschen denn anderes tun?“

Ich gab ihr recht.

Von Moskau ging die Reise weiter durch Sibirien, Kasan, Omsk, Nowosibirsk, Irkutsk – bei unter minus 30 Grad überquerten sie den zugefrorenen Baikalsee –, dann, wie erwähnt, durch die Gobi nach Peking. Mit dem Schiff setzten sie nach Japan über, wo sie auf der Insel „ein paar Runden drehten“. Dann ging es weiter, wieder mit dem Schiff, nach Hawaii und von dort nach Südamerika. Eigentlich wollten sie über die Anden fahren bis Buenos Aires, aber diese Strecke war auch mit unverantwortlicher Verwegenheit nicht zu schaffen. Mit Dynamit mussten sie sich Wege freisprengen, schließlich gaben sie diesen Plan auf. Sie fuhren durch Mittelamerika und an der Westküste der USA nach Vancouver.

Dort versprachen sich die beiden ein gemeinsames Leben bis zum Tod. Carl-Axel Söderström kabelte seiner Frau in Schweden, sie solle sich auf die Scheidung vorbereiten. Die Fahrt quer durch Nordamerika bezeichneten sie als ihre Hochzeitsreise.

In Detroit, der Stahl- und Autostadt, besuchten sie Henry Ford – der sich sehr interessiert an den Liegesitzen zeigte.

Immer wieder hatten Carl-Axel und Clärenore von unterwegs Reiseberichte in die Welt hinaus versandt. Sie waren inzwischen berühmt, viel berühmter, als sie selbst glaubten zu sein. Das wurde ihnen bewusst, als sie in Washington eine Einladung des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Herbert Hoover, erreichte. Er gab ein Abendessen im Weißen Haus für die beiden Abenteurer.

Schließlich, am 24. Juni 1929, ging ihre Reise nach zwei Jahren zu Ende. Mit dem Schiff fuhren sie von New York nach Le Havre. Von dort bis Berlin war die Fahrt ein einziger Siegeszug, der in einer feierlichen Parade auf der Rennstrecke Avus endete. Gesamtstrecke: 46.758 Kilometer. „Und dann?“, fragte ich meine Mutter. „Was dann?“ „Was haben die beiden dann gemacht? „Geheiratet. Was sonst.“

In Detroit besuchte Stinnes Henry Ford, Präsident Hoover lud sie zum Abendessen ein.

„Sind sie noch einmal losgefahren? In Australien waren sie ja nicht und in Afrika auch nicht. Also haben sie nicht die ganze Erde bereist.“

Das hörte meine Mutter nicht gern. Diese beiden Kontinente seien eben nicht am Weg gelegen, sagte sie. Man könne nicht alles haben. „Und du?“, fragte ich. „Was ist mit mir?“ „Hat es dich gejuckt? Ich meine … du warst die erste und lange die einzige Frau in Coburg, die den Führerschein hatte … hast du nie daran gedacht, es deinem Vorbild irgendwie nachzumachen?“

„Ach“, sagte sie – und dann ließ sie sich Zeit. Ich wusste ja, wozu sie diese Zeit nutzte, nämlich um von Frustration zu Ironie und von Ironie zu Fröhlichkeit überzuwechseln. Schließlich fuhr sie fort: „Weißt du, ich habe etwas gelernt. Nämlich Antwort zu geben auf

eine Frage. Die Frage lautet: Wozu sind Vorbilder da? Die falsche Antwort ist: Vorbilder sind dazu da, damit wir angespornt werden, etwas Ähnliches zu tun, wie sie getan haben.“

Ich wusste, sie wollte, dass ich frage: „Und was ist die richtige Antwort?“

Nun war sie bei der Fröhlichkeit angelangt: „Die richtige Antwort ist: damit wir es nicht mehr tun müssen. Sie haben es getan. Also ist es getan. Also braucht es ein anderer nicht mehr zu tun.“

Clärenore Stinnes und Carl-Axel Söderström zogen nach ihrem großen Abenteuer nach Schweden, dort bewirtschafteten sie einen Gutshof, bekamen drei Kinder und lebten glücklich und zufrieden. Carl-Axel Söderström starb 1976, Clärenore Stinnes-Söderström 1990.

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