Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 6 Min.

EINWANDERER


Divemaster - epaper ⋅ Ausgabe 3/2021 vom 13.07.2021

Artikelbild für den Artikel "EINWANDERER" aus der Ausgabe 3/2021 von Divemaster. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Divemaster, Ausgabe 3/2021

Die farbenprächtigen Sonnenbar- sche bereichern das Sommerleben im Flachwasser vergleichsweise weniger einheimischer Seen. Sie bilden nur selten stabile Populationen und ihr Nimbus als „gefährliche Laichräuber“ ist absolut übertrie- ben. Der fotogene Fisch darf als ein „Edler vom Hofe“ gelten. Er wurde 1887 aus Nordamerika nach Frankreich eingeführt und in Versailles als eine Art Zierfisch gezüchtet. Er ist auf rätselhaften Wegen „über Frankreich“ nach Deutschland eingewandert. So, wie einst in Berneuchen bei Berlin die ebenfalls auf eng begrenztem Areal gezüchteten Zwergwelse (Ameiurus nebulosus) dem Fischzüchter von dem Borne entwischten und sich über ganz Deutschland verbreiteten, gelang dies auch dem Sonnenbarsch. Er lebt heute in nicht zu kalten europäischen Binnengewässern und gilt trotz seines Neozoen-Status insbesondere als typischer Fisch der Auenseen neben dem Oberrhein und des ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 6,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Divemaster. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 3/2021 von »FLUCH UND SEGEN «. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
»FLUCH UND SEGEN «
Titelbild der Ausgabe 3/2021 von ”So kann es nicht weitergehen“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
”So kann es nicht weitergehen“
Titelbild der Ausgabe 3/2021 von Expedition Toplitzsee. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Expedition Toplitzsee
Titelbild der Ausgabe 3/2021 von SÜSSWASSER. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SÜSSWASSER
Titelbild der Ausgabe 3/2021 von SÜSSWASSER. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SÜSSWASSER
Titelbild der Ausgabe 3/2021 von SILBERLING. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SILBERLING
Vorheriger Artikel
SÜSSWASSER
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel SILBERLING
aus dieser Ausgabe

... Donausystems etwa ab der Slowakei stromabwärts. Obwohl er in Flusssystemen gut existieren kann, meidet er starke Strömungen. Der Fisch heißt akkurat Gemeiner Sonnenbarsch, denn es gibt in der Gattung Lepomis nahe Verwandte mit unterschiedlich gefärbten Schuppenkleid.

EROBERUNG VIA FRANKREICH

In den kalten Binnenseen Europas wird der schöne Fisch oft nur zehn bis 30 Zentimeter lang und 250 Gramm schwer, während er in seinen besten Amerikanischen Heimatgewässern immerhin vier Kilogramm erreicht. Auch bei geringer Größe werden die Fische etwa sechs bis acht Jahre alt. In Amerika bewohnt die Art viele Seen zwischen North Dakota und Florida. Ein gewisses Gewicht vorausgesetzt, gilt der Sonnenbarsch in den USA als sehr wohlschmeckend und heißt regional auch nicht umsonst Pfannenbarsch (Panfish), was sich auf die hochrückige Körperform ebenso bezieht wie auf die Eignung als Speisefisch.

Der Fortsatz des Kiemendeckels trägt einen markanten schwarz-roten Fleck, der dem Sonnenbarsch auch den Beinamen Kürbiskernbarsch verschafft hat. Dieser markante Farbpunkt ist das i-Tüpfelchen auf dem bunten Schuppenkleid: Sonnenbarsche tragen eine bräunliche Grundfarbe, über die sich grünblaue Querbinden sowie zahllose rote, gelbe, blaue und smaragdgrüne Punkte ziehen. Die Bauchseite ist meist orange gefärbt, die Flossen schimmern matt gelbgrün. Sonnenbarsche pflegen bei hellstem Mittagslicht zu jagen, beziehungsweise in Pflanzendickichten nach Fressbarem zu stöbern. Man kann sie leicht beobachten. Die Sonnenbarsche fressen kleine Grundorganismen, Schnecken, Jungfische und auch Fischeier. Mancher Fischkundler sieht in den eingewanderten Sonnenbarschen die Gefahr, dass diese Art die Gelege der einheimischen Arten dezimieren könnte. Doch dies ist nicht gegeben. Der kleine bunte Einwanderer wird nicht allein in kalten Sommern an der Fortpflanzung gehindert, nein, es ist noch schlimmer: in harten Wintern mit lang andauernder Eisbedeckung kann der komplette Sonnenbarschbestand eines Sees einfach sterben, denn die Art ist in kalten deutschen Binnenseen in einem Lebensraum an der Grenze der Verträglichkeit angekommen.

WÄCHTER SONNENBARSCHMÄNNCHEN

Von besonderem Interesse und eine gute Beobachtungsgelegenheit ist das Verhalten von Sonnenbarschen am Gelege: Einer der Felsabsätze hier bietet mit zierlichen Tausendblattpflanzen und im Wasser versunkenen Althölzern ein wenig anheimelnde Deckung. Genau hier, vor überfluteten Birkenstämmen, tanzt ein reichlich handgroßes, farbenprächtiges Fischlein durch das Wasser. Mal steht der als Sonnenbarsch erkannte Fisch auf dem Kopf, als wolle er etwas aus dem Seesediment fressen. Dann schwimmt er ruckartig nur etwa zehn Zentimeter über dem Boden hin und her, bleibt aber in einem Areal von weniger als einem Meter Durchmesser. Irgendetwas hält den kleinen Fisch am Platz. Flach atmend halten wir so viel Abstand zu dem kleinen Gesellen, dass wir ihn gerade noch beobachten können. Wir strecken nur den Kopf über die Flachwasserkante und bleiben im tieferen Wasser „außen vor“. Dann entdecken wir den Grund für die standorttreue Wachsamkeit des Fisches: Im Seesediment ist eine kleine, etwa tiegelgroße Stelle zu sehen, über der die organischen, potenziell Sauerstoff zehrenden Krümel des Seesedimentes abgetragen worden sind. Im Nest des Sonnenbarsches sind die puren, blanken Steinchen des Untergrundes zu sehen. Für diese Art Sauberkeit der Laichgrube hat der Fisch zuerst mühsam mit der Schwanzflosse eine etwa fünf Zentimeter tiefe und tellergroße Grube in den Seegrund geschlagen. Danach musste er mit den Brustflossen alle organischen Flocken und Partikel wegwedeln, bis das Ergebnis für ihn stimmte.

BIOLOGISCHE EINORDNUNG

Ordnung: Sonnenbarschartige (Centrarchiformes)

Familie: Sonnenbarsche (Centrarchidae)

Neoteleostei Acanthomorphata Stachelflosser (Acanthopterygii) Barschverwandte (Percomorphaceae)

eingeführte Arten: Lepomis auritius, Lepomis gibbosus und Enneacanthus obesus.

Sonnenbarsche sind während ihrer Paarungszeit für wilde Verfolgungsjagden durch die Wasserpflanzen bekannt. Er versucht sie dabei an die frisch erbaute Laichgrube zu führen und scheinbar wieder zu vertreiben. Wenn sie nach ein paar Scheinangriffen trotzdem bleibt, ist sie „die Richtige“. Sonnenbarsch-Männchen und -Weibchen schwimmen beim Akt des Ablaichens je etwas zur Seite gekippt, halbschräg aufrecht nebeneinander und pressen Bauch an Bauch. In dieser instabilen Position setzen sie befruchteten Laich im Kiesbett ab. Das Schuppenkleid der Weibchen ist dunkler, grau-blau hart kontrastierend gezeichnet.

Die besondere Färbung der Weibchen beweist uns, dass die Damen der Sonnenbarsche sehr verborgen leben. Denn „im normalen Leben“ eines Sees bekommen wir offenbar immer nur Scharen von Männchen zu Gesicht. Vielleicht ist es insofern wie bei den Erdkröten, als dass auch bei Sonnenbarschen die Anzahl der Männchen überwiegt und nicht jeder eine Partnerin abbekommt. Nach dem Ablaichen wird das Geschehen etwas ruhiger. In den Lücken zwischen blanken Steinen glitzert es silbern: Nunmehr hat Familie Sonnenbarsch ihr Gelege platziert. Das können bis zu 1.000 winzige glitzernde Eier sein, die je nach Winkel des Sonnenstandes silbern bis fast goldig schimmern. In einer sehr warmen Laichsaison sind auch mehrere Bruten möglich. Sonnenbarsche gelten, verglichen mit den einheimischen Arten, als „Warmwasserfische“ und laichen oft erst bei über 20 Grad Celsius Wassertemperatur in 20 Zentimeter bis einem Meter Tiefe ab. In richtig kalten Jahren kommen sie wohl gar nicht zur Fortpflanzung. Die Gelege der Sonnenbarsche entstehen oft erst Ende Juni bis Mitte Juli, wenn der Nachwuchs unserer einheimischen Süßwasserfische bereits in Form fingerlanger Jungfische in Schwärmen durch den See streift.

ARBEITSTEILUNG

Ruckartig schwimmt „Vater Sonnenbarsch“ für etwa eine Woche wenige Zentimeter über dem Gelege hin und her. Zuweilen stellt er sich kopfüber ins Nest, und befächelt die stecknadelkopfgroßen Eier mit den Brustflossen, respektive mit sauerstoffreichem Frischwasser. Doch sogleich liegt er wieder waagerecht im Wasser, und geht auf eine Patrouillenrunde, schwimmt einen knapp bemessenen Kreis um das Nest. Okay, auch aus der Draufsicht sind keine Feinde und Gefahren zu erkennen, scheint er zu denken. Fächeln, beobachten, patrouillieren, und immer so weiter, über Stunden und Tage. Der kleine Fisch greift beim Bewachen des Laiches auch wesentlich größere Gegner durch direktes Anschwimmen an, versucht sie zurück zu drängen. Dies tut er auch mit uns Tauchern, als wir uns für ein paar vorsichtige Fotos annähern. Rührend, wie mutig der kleine Stachelritter ist, wie er drohend und voller Empörung seine Stachelrückenflosse starr aufgerichtet trägt. Die zehn Hartstrahlen der Rückenflosse sind seine einzige Waffe. Eine weitere Drohgeste von Sonnenbarschen ist, die Kiemendeckel etwas auswärts zu stellen und so einen stärkeren, breiteren Fisch vorzutäuschen. Wir spielen das Spiel mit und lassen uns vertreiben.

Im Wegschwimmen sehen wir, dass wir auch von hinten oben observiert und überwacht werden. Über uns kreuzt ein zweiter, geringfügig größerer Sonnenbarsch. Dies ist vermutlich das Weibchen. Nun ist zu verstehen, warum in der Literatur unterschiedliche Angaben zu finden sind, ob das Gelege nur vom Männchen oder von beiden Elterntieren bewacht wird. Sicher ist: das Männchen bleibt über Tage am Nest, ohne zu fressen, macht endlos lange den direkten harten Bodyguard-Job zugunsten der Sicherheit des Nachwuchses. Das ist jedoch nur der Teil am Seegrund. Das Weibchen ist offenbar nicht so eng an das Nest gebunden. Sie kontrolliert das Nest sozusagen „aus der Höhe“, also dem großen weiten Wasserraum darüber. Sie beobachtet das Geschehen intensiv. Vielleicht überwacht sie auch nur, ob er seinen „Verpflichtungen“ nachkommt.

Der Sonnenbarsch darf als wunderbare Ergänzung unseres Fischartenspektrums gelten, klein und wendig, farbenprächtig, ein wenig exotisch. Er bedeutet nicht die geringste Gefahr für eventuell bewirtschaftete Fischbestände. Er mag im warmen Donausystem gut leben können, in den meisten deutschen Seen dürfte er als sehr empfindlicher Zierfisch gerade eben überleben. Bei gering ansteigenden Durchschnittstemperaturen durften wir beobachten, dass Sonnenbarsche vor allem im den letzten fünf Jahren auch in tiefen, kalten, vergleichsweise harten Steinbruchseen überleben. Insofern dürfen sie als Gewinner des Klimawandels gelten.

Wir beobachten den kleinen Sonderling mit Vergnügen, denn er kann schon nächstes Jahr wieder verschwunden sein. Natürlich kann das Vorkommen des Sonnenbarsches jeweils auf von Teich- oder Aquarienbesitzern ausgesetzte Tiere zurückzuführen sein. Ob die einzelnen Sonnenbarsch-Eierchen ebenso am Federkleid von nomadisierenden Wasservögeln von See zu See weiterverbreitet werden, wie das mit den wesentlich kompakteren Laichbändern der Flussbarsche geschehen soll, ist noch völlig unbekannt.

TAUCHEN MIT SONNENBARSCHEN

Marxweiher in Rheinland-Pfalz, im Gröberner See in Sachsen-Anhalt, in den Steinbruchseen Westbruch, Waldsteinberg sowie Ratsteinbruch Hartmannsdorf in Sachsen.

Falk Wieland

Hat noch in der DDR mit dem Tauchsport-Journalismus angefangen. Seine ersten Tauchreiseführer erschienen im Verlag Stephanie Naglschmid. Falk Wieland ist langjähriger divemaster Autor.