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EISCREME MADE IN JAPAN


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 26.07.2021

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Die Qual der Wahl: Schild an einer Eisdiele in Otaru

Auf die Frage nach ihrer Lieblingseissorte antwortet Lynn Ng: „Jakobsmuschel. Es ist wirklich köstlich, auch wenn die Geschmacksrichtung seltsam erscheint.“

Vor vier Jahren gaben Lynn Ng und ich Sprachunterricht an einer Fachhochschule auf Hokkaido im Norden Japans. Es ist die zweitgrößte Insel des Landes, aber nur 5 Prozent der Bevölkerung leben hier. Viele verbinden Hokkaido mit Urlaub und inaka (ländliche Gebiete). An Wochenenden waren auch Lynn Ng und ich oft mit ihrem Auto auf den kurvigen Landstraßen unterwegs.

Einer unserer ersten Ausflüge führte uns nach Wakkanai, die nördlichste Stadt Japans. Unterwegs hielten wir an michi-no-ekis, wie die Raststätten in Japan heißen. Bei einem Halt in Sarufutsu aßen wir Softeis – kein Vanille-oder Schokoladeneis, sondern ein Blaues-Honigbeer-Eis.

Das cremige Softeis ist in ganz Japan beliebt, und viele Orte zeichnen sich durch eine einzigartige ...

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... Geschmacksrichtung aus. In Takikawa, der Stadt, in der wir wohnten, ist es Apfeleis, weil es in der Nähe viele Apfelbaumplantagen gibt. Die Großstadt Furano und der Ort Biei bieten die Sorten Lavendel und Rose an – wegen der Blumen, für die diese Städte bekannt sind.

Und in der kleinen Stadt Yubari ist das Meloneneis günstiger als die berühmten Cantaloupe-Melonen, die dort in der Gegend wachsen. Ein Paar Melonen der Sorte Yubari King erzielte auf einer Versteigerung mehr als fünf Millionen Yen (umgerechnet 37 750 Euro).

Während diese Geschmacksrichtungen Blumen- oder Obstgärten zu verdanken sind, gibt es in anderen Landesteilen noch ungewöhnlichere Eissorten. In Matsumoto, einer Bergstadt im Zentrum von Honshu, der Hauptinsel Japans, stellt eine Brauerei Softeis aus Miso (Pasteaus fermentierten Sojabohnen) her. Und in der ehemaligen kaiserlichen Hauptstadt Kyoto gibt es Yuba-Eis, das nach der Haut schmeckt, die sich auf gekochter Sojamilch bildet. In der Hafenstadt Hakodate, am südlichen Zipfel von Hokkaido, können Touristen sogar mit Tintenfischtinte gefärbtes schwarzes Softeis probieren.

Auf den ersten Blick scheinen Meerestiere und Eiscreme nicht zueinander zu passen, doch solche Ge - schmacksrichtungen stehen stellvertretend für die vielen unterschiedlichen regionalen Identitäten Japans. Das Land ist sehr lang, die Fahrt von Wakkanai im Norden von Hokkaido bis nach Kagoshima an der Südspitze der Insel Kyushu führt 2700 Kilometer durch die unterschiedlichsten Landschaften und Klimazonen.

Mit ihren einzigartigen Eiscremes sind die michi-no-ekis wichtige Elemente im Plan der Regierung Japans, die ländlichen Regionen wiederzubeleben. Das Ministerium für Land, Infrastruktur, Verkehr und Tourismus betreut diese Raststätten und bietet dort auch andere Spezialitäten aus der jeweiligen Region an.

Die wirtschaftliche Neubelebung ländlicher Gebiete könnte die Lösung für ein dringendes Problem Japans sein – die sinkende Geburtenrate und damit eine im Schnitt immer ältere Bevölkerung. Das macht sich vor allem auf dem Land bemerkbar: Junge Leute ziehen in die Metropolen und lassen „Geisterhäuser“ zurück,stumme Zeugen des Schrumpfens von Städten und Dörfern.

In Hakodate können Touristen mit Tintenfischtinte gefärbtes schwarzes Softeis probieren

Lynn Ng forscht im Bereich ländliche Neubelebung und Tourismus an der Waseda-Universität in Tokio. Besonders bemerkenswert findet sie die Idee, die in Fukushima umgesetzt wird. Nach dem Erdbeben und der Nuklearkatastrophe 2011 dort verließen viele Menschen die Region, was die Behörden veranlasste, kreativ zu werden. „In manchen Kommunen bekommen Leute, die nun in der Gegend auf Job- und Wohnungssuche sind, kostenlos ein Haus zur Verfügung gestellt“, berichtet Lynn Ng.

Die Behörden versuchen nicht nur, abgehängte Landstriche wieder zu bevölkern, sondern fördern auch den Austausch zwischen Städten, Vorstädten und Dörfern. Um mehr Anreize für das Leben auf dem Land zu schaffen, hat das Ministerium für Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei einen Plan erstellt, bei dem das Essen eine zentrale Rolle spielt. In den mit „Savor Japan“ ausgezeichneten Landesteilen werden regionale Spezialitäten besonders beworben.

Warum gerade Nahrungsmittel? Vielleicht weil die Landwirtschaftsgenossenschaften sehr einflussreich sind. Aber vielleicht hat es auch mehr mit der Gefühlswelt zu tun. „Essen ist ein emotionaleres Thema als Töpferware oder Kleidung“, sagt Lynn Ng. „Und da der Tourismus Emotionen anspricht, werden Reisende sich eher an das Softeis erinnern, das sie auf ihrem Ausflug gegessen haben, als an die Möbel in einem Schloss.“

Das Anpreisen regionaler Spezialitäten und der Stolz auf den Heimatort sind tief in der japanischen Kultur verwurzelt. Jede Stadt, und sei sie noch so klein, ist für etwas Spezielles bekannt. So werden vielerorts besondere Aromen extrahiert und zu Softeis verquirlt. Hier spielt der Brauch von omiyage eine große Rolle: Bei Rückkehr nach einer Reise erwarten die Daheimgebliebenen ein Mitbringsel, meist eine kleine, schön verpackte Leckerei von den besuchten Orten.

„Ich glaube, die verschiedenen Softeissorten und die Förderung des ländlichen Raums passen perfekt zur Bedeutung von meibutsu (Handwerksprodukte und Lebensmittel, die als regionale Spezialitäten gelten) und zu unserer Geschenkkultur“, erklärt Lynn Ng. „Deswegen sind die Leute auch so versessen darauf herauszufinden, was für einen bestimmten Ort typisch ist“ (siehe Kasten auf Seite 134).

REGIONALE SPEZIALITÄTEN

Jede der 47 Präfekturen JaPans ist für ein besonderes Produkt, meibutsu (wörtlich „berühmte Sache“), bekannt. Hier einige Beispiele:

Iwate, im Nordosten von Honshu, der größten Insel Japans: eiförmige Kuchen mit einer Umhüllung aus weißer Schokolade.

Yamagata, südlich von Iwate: Gelee mit einer ganzen Kirsche im Inneren.

Gunma, in Mitteljapan: Käse, der in Miso (Sojapaste) gereift ist.

Kagawa, eine Insel im Südwesten: Olivenöl.

Gifu, zwischen Osaka und Tokio gelegen: kleine Geleekugeln, die wie bunte Wassertropfen aussehen (im Bild).

Miyazaki, an der Südspitze des Landes: Zitrusfrüchtegelee mit einer Zuckerhülle.

Niigata, an der Küste nördlich der Hauptstadt Tokio: hochwertiger Sake (Reiswein).

Okayama, auf der Hauptinsel Honshu: verschiedene Fruchtparfaits.

Softeis ist nicht das einzige Produkt, auf das die Tourismusstrategen setzen. Die michi-no-ekis verkaufen auch Erinnerungsbüchlein, damit die Urlauber mit einem Stempel der jeweiligen Stadt ihren Aufenthalt dort nachweisen können. Städte und Präfekturen organisieren Erlebnistouren rund um diese Stempel-Rallyes.

Als Beispiel nennt Lynn Ng den historischen Ort Tsuetate Onsen mit seinen heißen Quellen auf der Insel Kyushu: Die Stadt versuchte, sich als ein Zentrum für Vanillepudding zu profilieren: Beim Kauf dieses Desserts in zehn Geschäften und Restaurants erhielten die Besucher auf einer Karte Stempel, für die sie dann ein Souvenir bekommen konnten.

Während Stempel-Rallyes eher in bestimmten Regionen stattfinden, wird Softeis in ganz Japan angeboten: Ausflügler und Urlauber können überall einzigartige Eissorten kosten.

Die Milchwirtschaft ist eine wichtige Branche: Im Rahmen seiner Plus One- Kampagne forderte das Ministerium für Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei im Sommer 2020 ausdrücklich zum täglichen Verzehr von Eiscreme auf, um den wegen der Corona-Pandemie gesunkenen Absatz von Molkereiprodukten anzukurbeln.

„Ich glaube, Softeis funktioniert so gut, weil Japaner – oder eigentlich wir alle – grundsätzlich eine Schwäche für Eis haben“, sagt Lynn Ng. Aufgrund der positiven Assoziationen ist Softeis ein starkes Werbemittel.

Während neue Sorten wie Tintenfischtinte und Sonnenblume besonders Touristen ansprechen sollen, geht es vor allem darum, die Region zu repräsentieren – und das schätzen auch die Menschen, die dort leben. Deshalb gibt Lynn Ng nach einigem Zögern auch zu, dass ihre wahre Lieblingssorte Apfel ist: Der Geschmack von Takikawa, wo wir Sprachunterricht gaben.

„Zu 10 Prozent, weil es köstlich schmeckt“, sagt sie, „und zu 90 Prozent, weil es schöne Erinnerungen an Takikawa weckt.“

Der Ursprung des Daseins ist die Bewegung. Folglich kann es darin keine Bewegungslosigkeit geben, denn wäre das Dasein bewegungslos, so würde es zu seinem Ursprung zurückkehren, und der ist das Nichts. Deshalb nimmt das Reisen nie ein Ende, nicht in der höheren und auch nicht in der niederen Welt.

IBN ARABI, ISLAMISCHER MYSTIKER (1165–1240)