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Eisen, das vom Himmel fiel


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Sterne und Weltraum - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 11.02.2022

METEORITE

IN KÜRZE

■ Im Nordwesten Grönlands wurden mehrere Eisenmeteorite in der Melville-Bucht gefunden.

■ Wir stellen die massiven Fundstücke und ihre Geschichte vor. .

■ Die eindrucksvollen Exponate können noch heute in Museen in New York und Kopenhagen bestaunt werden.

Weitläufige Eiswüste

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Bildquelle: Sterne und Weltraum, Ausgabe 3/2022

Die Insel Grönland ist von einem mächtigen Eisschild bedeckt. Von der Küste ziehen sich unzählige Fjorde und Buchten oft bis weit ins Innere der Insel hinein. Von hier nahmen einige der klassischen Expeditionen zur Erforschung der Arktis ihren Ausgang.

Bei den indigenen Bewohnern Grönlands, den Inuit, bestand seit Langem die Tradition, die für die Jagd benötigten Waffen und Gerätschaften aus Eisen zu fertigen. Der aus Schottland stammende Polarforscher John Ross (1777 – 1856) war einer der ersten Europäer, der im Jahr 1818 bei einer Expedition in den Nordwesten Grönlands Kontakt mit den früher als Polareskimos ...

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... bezeichneten Inuit hatte und dabei in den Besitz von Messern gelangte, deren Eisenklingen in einem aus Walrosszahn bestehenden Schaft stecken. Es wurde lange gerätselt, woher das verwendete Eisen stammen könnte, wenngleich ein meteoritischer Ursprung schon damals angenommen wurde. Die von Ross geleitete Expedition fand im Auftrag der Royal Navy statt und diente der Erkundung der so genannten Nordwestpassage. Diese sollte in dem ganzjährig von Schnee und Eis beherrschten Gebiet einen Seeweg vom Atlantischen Ozean zum Pazifik ermöglichen (siehe »Weitläufige Eiswüste«). Die Unternehmung führte auch in die östlich vom Cape York gelegene Melville-Bucht, die den Inuit schon seit jeher als Jagdrevier diente.

Erst ein weiterer Polarforscher brachte mehr als 70 Jahre später Licht in die Frage um die Herkunft des Eisens: Der US-Amerikaner Robert Edwin Peary (1856 – 1920) unternahm als Angehöriger der amerikanischen Marine in den Jahren von 1886 bis 1909 zahlreiche Forschungsexpeditionen in die Arktis, in deren Verlauf er zuletzt angeblich auch den Nordpol erreicht haben will.

Expedition zum Eisenberg

Bei einem Aufenthalt in der Melville-Bucht im Jahr 1894 gelang es Peary und seiner Mannschaft, das Zutrauen der Einheimischen zu gewinnen, so dass sie bereit waren, sie zum Ort des Iron Mountain zu führen, von dem schon Ross berichtet hatte.

»Tellikotinah, einer der Jäger, begleitete mich im Mai 1894 zum Eisenberg, wo ich nicht einen Berg oder eine Ader aus Eisenerz vorfand, sondern drei große Massen aus homogenem Metall, das sich . .. ohne jeden Zweifel als meteoritisches Eisen erwies«, schreibt Peary in seinem viel gelesenen Buch »Northward Over the G reat Ice«. Der Fundort der Meteoritenb ruchstücke, die offensichtlich demsel­ ben Meteoritenfall entstammten, lag im nördlichen Teil der Melville-Bucht, etwa 50 Kilometer nordöstlich von Cape York. Entsprechend einer alten Sage nannten die Inuit die Fragmente »Hund«, »Frau« und »Zelt«, während sich in der internationalen Literatur die Bezeichnungen »Dog«, »Woman« und »Tent« (später »Ahnighito«) durchsetzten.

Als Peary und seine Begleiter am Morgen des 27. Mai 1894 die erste Fundstelle erreichten, war der gesuchte Eisenmeteorit Woman von einer dicken Schnee- und Eisschicht bedeckt und steckte zudem tief im Untergrund, dessen Gestein zumeist aus Gneisen bestand. Im näheren Umkreis fanden sich Hunderte von meist runden Basaltbrocken, die jeweils mehrere Kilogramm wogen und von den Inuit seit Generationen als Hämmer verwendet wurden, um von dem Meteorit gediegenes Eisen abzuschlagen. Da der hier vorhandene Gneis dafür zu brüchig war, schleppten die Ureinwohner das benötigte Basaltgeröll auf ihren Schlitten aus großen Entfernungen heran und verwendeten so über viele Jahrzehnte hinweg den Meteorit als Rohstoffquelle für die Herstellung ihrer Werkzeuge.

Frau mit Hund

Das Fragment Woman (oben) entstammt demselben Meteoritenfall wie Ahnighito – das beweisen Materialanalysen. Die deutlich sichtbaren Spuren an seiner Oberfläche sind auf die Bearbeitung durch die Inuit zurückzuführen. Das sehr viel kleinere Fragment Dog (rechts) wurde von Peary nur rund 30 Meter von Woman entfernt gefunden. Es besteht daher Grund zu der Annahme, dass es einst ein Teil von Woman war.

Schon in der Fundsituation ließ Woman seine enorme Masse erahnen, die, wie sich später herausstellte, drei Tonnen betrug. Nur etwa 30 Meter davon entfernt und etwas tiefer lag das kleinere Fragment Dog mit einer Masse von 407 Kilogramm (siehe »Frau mit Hund«). Das weitaus größte Teilstück Tent mit einer Masse von fast 31 Tonnen befand sich etwa zehn Kilometer weiter südlich in der Bucht auf einer Insel, die heute Meteorite Island heißt. »Der Schnee, der die ganze Insel bedeckte, lag so hoch, dass ich keinen Versuch unternahm, danach zu graben, und mich vielmehr damit zufrieden gab, seine Lage zu kennen«, berichtete Peary über die Begegnung mit dem größten Meteorit und über das vorläufige Ende der Suchaktion.

Die Eisenkolosse werden geborgen

Nun ging es darum, die Meteorite zu bergen, was wegen des ungünstigen Wetters für das folgende Jahr geplant wurde. Die Melville-Bucht ist im Sommer nur für we­ nige Wochen frei von Eis, um sie mit dem Schiff befahren zu können. In Pearys Buch ist im Detail beschrieben und mit zahlreichen Fotos illustriert, unter welchen Strapazen es die vielen Helfer im August 1895 schafften, die schweren Eisenbrocken Woman und Dog über das unwirtliche Gelände bis zum Liegeplatz des Dampfers Kite zu transportieren und mit einem Kran an Bord zu hieven. Am 30. August 1895 brach das Schiff nach St. John’s auf Neufundland auf, wo ein Liniendampfer die beiden Meteorite übernahm und nach New York brachte.

Im darauffolgenden Jahr kehrten Peary und sein Team mit dem wesentlich größeren Schiff S.S. Hope erneut in die Melville-Bucht zurück, um sich der schwierigsten Aufgabe anzunehmen, nämlich den 31 Tonnen schweren Meteorit Tent zu bergen. Trotz des Einsatzes von schwerstem Gerät musste die Mannschaft zehn Tage lang rund um die Uhr angestrengt arbeiten, um den riesigen Eisenklotz auszugraben und wenigstens bis zur Küste zu schaffen (siehe »Bruchstück des Giganten«). Ein heraufziehender Sturm und die Gefahr, vom Eis eingeschlossen zu werden, verhinderten das Verladen des Meteorits, so dass Peary vorerst mit leeren Händen die Heimreise antreten musste.

Im Sommer 1897 war Peary wieder mit Hilfe zahlreicher Inuit auf Meteorite Island damit beschäftigt, den Eisenmeteorit endgültig an Bord des Schiffes Hope zu holen. Nach mehr als fünftägiger, kräftezehrender und gefährlicher Arbeit und mit Einsatz von hydraulischen Hebevorrichtungen und anderer raffinierter Technik gelang es schließlich, das Monstrum auf das Schiff zu laden. Bei dieser Gelegenheit wurde Tent nach Pearys vierjähriger Tochter in »Ahnighito« umbenannt. Am 2. Oktober 1897 lief die S. S. Hope in New York ein, und Ahnighito wurde in der Marinewerft von Brooklyn mit einem 100-Tonnen-Kran ausgeladen.

Es soll nicht verschwiegen werden, dass die Ankunft des Meteorits in New York von einer menschlichen Tragödie überschattet wurde. Denn Peary brachte von seiner Reise auch sechs Inuit aus Grönland mit, die sich hier anthropologischen Forschungen zur Verfügung stellen sollten. Vier von ihnen starben innerhalb Jahresfrist an Infektionen, denen sie in der »zivilisierten Welt« schutzlos ausgeliefert waren. Ihre sterblichen Überreste wurden bis ins Jahr 1993 in der anthropologischen Sammlung des Naturkundemuseums aufbewahrt und konnten erst dann für eine würdige Bestattung nach Grönland überführt werden.

Bruchstück des Giganten

Der Meteorit Tent – später Ahnighito genannt – ist bereit zum Abtransport. Der Größenvergleich mit dem danebenstehenden Inuk lässt die wahren Ausmaße des Eisenkolosses erkennen (oben). Der Eisenmeteorit Ahnighito ist mit einer Masse von 31 Tonnen das größte Fragment des Cape- York-Meteorits und gleichzeitig der größte und schwerste Meteorit, der in einem Museum ausgestellt ist (rechts). Er bildet den Mittelpunkt der Meteoritenausstellung im American Museum of Natural History in New York.

Ahnighito – größter Meteorit in einem Museum

Im Oktober 1904 gelangte Ahnighito schließlich von Brooklyn an seinen endgültigen Bestimmungsort, das American Museum of Natural History in Manhattan. Für den aufwändigen Transport wurde eigens eine Art Tieflader gebaut, der zusammen mit seiner Last von 28 Pferden durch New Yorks Straßen gezogen wurde. Bis zum Jahr 1909 galten die Cape-York-Meteoriten offiziell als Leihgabe der Familie Peary an das Museum. Sie gingen erst zu diesem Zeitpunkt nach langen Verhandlungen für einen Kaufpreis von 40 000 US- Dollar in das Eigentum des Museums über, was nach heutiger Kaufkraft einem Marktwert von rund 750 000 US-Dollar entspricht.

Seit den 1980er Jahren bildet Ahnighito den schwergewichtigen Mittelpunkt der Arthur-Ross-Halle der Meteoriten im ersten Stock des American Museum of Natural History (siehe »Bruchstück des Giganten«). Um die gewaltige Last von mehr als 30 Tonnen zuverlässig abzustützen, führte man geeignete Träger durch das ganze Gebäude bis zum felsigen Untergrund. Ahnighito kann für sich in Anspruch nehmen, der größte Meteorit zu sein, der in einem Museum ausgestellt ist. Vergleichsweise bescheiden wirkt dagegen das Fragment Woman, das nur etwa ein Zehntel der Masse von Ahnighito ausmacht. Deutlich sind an der Oberfläche des Meteoriten die Spuren der Bearbeitung durch die Inuit zu erkennen. Wiederum erheblich kleiner gibt sich mit 407 Kilogramm Masse das dritte Meteoritenbruchstück namens Dog, von dem manche annehmen, dass es einst ein Teil von Woman war.

Weitere Funde

Um das Jahr 1910 konnten die beiden dänischen Polarforscher Knud Rasmussen und Peter Freuchen die Inuit dazu animieren, in der Melville-Bucht nach weiteren Meteoriten zu suchen. Im November 1913 war der Inuk Nipsangwah dabei erfolgreich und fand den Eisenmeteoriten Savik mit einer Masse von 3,4 Tonnen. Der Fundort befindet sich auf der Halbinsel Savequarfik, etwa zehn Kilometer östlich der Stelle, wo einst Woman und Dog lagen. Der Mete­ orit firmiert heute unter dem Namen »Savik I«, da Jahrzehnte später in der Nähe ein weiteres, aber wesentlich kleineres Fragment – dann bezeichnet mit »Savik II« – entdeckt wurde. Wegen des gerade ausgebrochenen Ersten Weltkriegs musste das Fundstück vorerst an Ort und Stelle verbleiben, bis es in den Jahren 1923/24 von den Felsklippen zur Küste transportiert werden konnte. Mit Hilfe von 175 Schlittenhunden wurde der massige Eisenklotz dann in einer von dem Ingenieur Holger Blichert-Hansen geleiteten Expedition 25 Kilometer weit über das Meereis geschleppt, bis er offenes Wasser erreichte und an Bord des dänischen Schiffs Søkongen gelangte. Im Oktober 1925 kam der Meteorit in Kopenhagen an, wo er seitdem als imposantes Schaustück des Staatlichen Naturhistorischen Museums von Dänemark (Statens Naturhistoriske Museum) einen festen Platz hat (siehe »Noch ein Metallbrocken«).

Das Meteoritenstreufeld auf der Karte Grönlands

Die Fundorte der fünf größten Cape-York-Meteorite befinden sich in der im Nordwesten Grönlands gelegenen Melville-Bucht bei rund 76 Grad nördlicher Breite. Vermutlich zerbrach der 200-Tonnen-Meteoroid auf seinem Flug in südöstlicher Richtung beim Eintritt in die Atmosphäre. Die gefundenen Fragmente verteilen sich auf einer Streuellipse von 100 ô 15 Kilometern. Verborgenes Meteoritenmaterial liegt wohl noch auf dem Meeresgrund oder unter Eis.

Noch ein Metallbrocken

Der 3,4 Tonnen schwere Meteorit Savik I ist ebenfalls ein Bruchstück des auf 200 Tonnen Gesamtmasse geschätzten Cape-York- Meteorits. Er wird im Neubau des Natural History Museum of Denmark einen Glanzpunkt der Meteoritenausstellung bilden.

Es glich einer wissenschaftlichen Sensation, als im Jahr 1963 in der Einöde aus Eis und Schnee ein weiteres Meteoritenfragment auftauchte, das es an Größe beinahe mit Ahnighito aufnehmen konnte (siehe SuW 3/1964, S. 58). Der dänische Metallurg Vagn F. Buchwald, geboren im Jahr 1929, war davon überzeugt, dass es in dem Streufeld der bereits bekannten Funde noch weitere Bruchstücke des Cape-York-Meteorits geben müsse, und er machte sich auf eine systematische Suche (siehe »Das Meteoritenstreufeld auf der Karte Grönlands«). »Im Sommer 1963 hatte ich die Gelegenheit, die Inseln und Halbinseln in der Melville-Bucht ... zu besuchen. Diese Gegenden sind extrem unzugänglich, aber dank der Hilfe eines US-amerikanischen Hubschraubers vom Luftwaffenstützpunkt in Thule und einer Gruppe von Eskimos mit einem Motorboot war ich in der Lage, die Gegend zu erkunden«, schreibt Buchwald in dem von ihm verfassten »Handbook of Iron Meteorites«. Er berichtet weiter: »Ich suchte die vier Hauptfundstellen der Meteorite auf, die an den herumliegenden blauschwarzen Basalthämmern erkennbar waren ... Ich zeltete und suchte die Gegend zu Fuß ab. Dabei war ich die meiste Zeit allein. Als ich am 31. Juli 1963 unterwegs war und mich zu einer Rast niedersetzte, lag da am Abhang unter mir dieser rostfarbene Felsen, der aus allem anderen herausstach. Es war der Meteorit. Ich prüfte ihn mit einem Magnet, ich habe immer einen dabei, und es bestätigte sich: Ich war mir sicher, dass es sich um einen Eisenmeteorit handelte. Er war zum größten Teil eingegraben, stand aber genügend weit heraus, so dass ich ihn aus 10 bis 15 Meter Entfernung leicht erkennen konnte.«

Mühsamer Transport

Nachdem Agpalilik auf einen stabilen Stahlschlitten geladen war, wurde er auf einem provisorisch verlegten Holzbohlenweg den Felshang hinab zur 500 Meter entfernten Küste bugsiert. Die Halteketten waren mit einer Winde verbunden, die von Hand bedient werden musste. Im Norden beleuchtet die knapp über dem Horizont stehende Mitternachtssonne die denkwürdige Szene.

Heute ein Museumsstück

Der Eisenmeteorit Agpalilik bildet eine der Hauptsehenswürdigkeiten des Staatlichen Naturhistorischen Museums von Dänemark in Kopenhagen. Er befindet sich noch immer auf dem Stahlschlitten, mit dem er im Jahr 1965 von seinem Fundort in Grönlands Melville-Bucht geborgen wurde. Von dem ursprünglich mehr als 20 Tonnen wiegenden Meteorit wurden mehrere Stücke abgetrennt, so dass die Masse des Exponats heute nur mehr rund 15,5 Tonnen beträgt.

Bergung und Transport des Meteorits erwiesen sich ähnlich schwierig wie schon 70 Jahre früher bei Ahnighito, wenngleich inzwischen bessere technische Hilfsmittel zur Verfügung standen. Der Eisenkoloss, der nach seinem Fundort den Namen »Agpalilik« erhielt (siehe »Das Meteoritenstreufeld auf der Karte Grönlands«) und dessen Masse zunächst auf mindestens 15 Tonnen geschätzt wurde, steckte mit seiner Unterseite tief im Permafrost – in einer Mischung aus Kies, Steinen und Eis, hart wie Beton.

In einer konzertierten Aktion vom 18. bis 28. August 1965 schafften es die Arbeiter, den Meteorit mit Hilfe von Einheimischen und unter Einsatz von Dynamit auszugraben, ihn auf einen vorgefertigten Stahlschlitten zu hieven und mittels eines provisorisch verlegten Holzbohlenwegs zur 500 Meter entfernten Küste zu transportieren (siehe »Mühsamer Transport«).

Wegen des unzugänglichen Geländes mussten alle Arbeiten von Hand verrichtet werden. Erst zwei Jahre später erlaubten es die Eisverhältnisse in der Melville-Bucht, den Meteorit samt seinem Schlitten auf das Küstenschiff M/S Edith Nielsen zu laden, das mit seiner wertvollen Fracht im September 1967 in Kopenhagen eintraf. Eine Wägung im Hafen von Kopenhagen ergab für Agpalilik eine Masse von 20 140 Kilogramm. Der prominente Eisenmeteorit bildet noch immer die Hauptsehenswürdigkeit im Freigelände des Statens Naturhistoriske Museum der Universität Kopenhagen (siehe »Heute ein Museumsstück«).

Blick in den Eisenmeteorit Agpalilik

Mit einer Art Bandsäge wurden im Oktober 1970 mehrere Teilstücke von Agpalilik abgetrennt (rechts). Dabei arbeitete sich ein schnell umlaufendes Stahlseil mit Hilfe von Karborundschlamm als Schneidemittel in einer langwierigen Prozedur durch den Eisenmeteorit. Der Vorgang erfolgte mit einer Geschwindigkeit von rund einem Quadratzentimeter pro Minute, wobei das Abtrennen der hier gezeigten fünf Zentimeter dicken und 560 Kilogramm schweren Platte insgesamt 195 Stunden in Anspruch nahm. Durch Anätzen der geschliffenen und polierten Eisenplatte mit verdünnter Salpetersäure werden die Widmannstätten-Figuren sichtbar (unten): Balkeneisen (Kamazit) und Bandeisen (Taenit). Sie sind ein untrügliches Merkmal für die kosmische Herkunft des Eisens. Der Troiliteinschluss – bestehend aus Eisensulfid (im kleinen Bild rechts unten) – ist typisch für mittlere Okta e- drite. Das bezeichnet in der Klassifikation der Meteorite die häufigste Form von Eisenmeteoriten. Namensgeber ist die kristalline Struktur von Oktaedern (Achtflächnern).

Praktische Informationen

American Museum of Natural History, Central Park West at 79 th Street, New York, NY 10024-5102, Tel. +1-212-769-5100, https://www.amnh.org/Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag: 10:00 – 17:30 Uhr Wegen der Corona-Pandemie werden derzeit nur Besucherinnen und Besucher eingelassen, die gegen Covid-19 vollständig geimpft sind.

Die Meteoriten Ahnighito, Woman und Dog befinden sich neben vielen anderen sehenswerten Exponaten in der Arthur-Ross-Halle der Meteoriten im ersten Stock des Museums.

Staatliches Naturhistorisches Museum von Dänemark (Statens Naturhistoriske Museum), Øster Voldgade 5 – 7, 1350 Kopenhagen K, Tel.: +45 353 222 22

E-Mail: snm@snm.ku.dk, https://snm.ku.dk/english/Öffnungszeiten: Dienstag und Donnerstag bis Sonntag: 10:00 – 17:00 Uhr, Mittwoch: 10:00 – 21:00 Uhr Voraussichtlich im Jahr 2024 bezieht das Staatliche Naturhistorische Museum von Dänemark einen Neubau in Kopenhagen (https://snm.ku.dk/english/). Der Eisenmeteorit Agpalilik ist neben weiteren Exponaten im Freigelände des Museums ausgestellt. Savik I wird nach Fertigstellung des Neubaus in die Meteoritenausstellung im Innenbereich des Museums integriert werden. Es wird empfohlen, vor einem geplanten Besuch Auskunft über die aktuelle Situation einzuholen.

Der Meteorit, ein Botschafter des Himmels

Inzwischen sind zwölf größere Bruchstücke des Cape-York-Meteorits mit einer Gesamtmasse von 58 Tonnen bekannt, deren Fundorte sich über eine Streuellipse von mehr als 100 Kilometer Ausdehnung verteilen. Dass die großen Fragmente keinen Impaktkrater hinterließen, erklärt man mit der Annahme, dass zur Zeit des Meteoritenfalls vor vielleicht 10 000 Jahren das Land mit einer mächtigen Eisschicht bedeckt war. Als diese allmählich abschmolz, kamen die Meteorite schließlich auf dem felsigen Untergrund zu liegen. Nach Expertenmeinung könnte die ursprüngliche Masse des Meteoroiden vor dem Auseinanderbrechen beim Eintritt in die Erdatmosphäre rund 200 Tonnen betragen haben. Ein Großteil davon landete wohl unauffindbar auf dem Meeresgrund. Einige Fachleute stellen die gewagte These auf, dass der gewaltige Meteoritenfall über dem Nordwesten Grönlands mit einem unter dem Hiawatha-Gletscher entdeckten möglichen Impaktkrater von 31 Kilo meter Durchmesser zusammenhängt.

Eine 560 Kilogramm schwere und 1,4 Quadratmeter große Metallscheibe, die von Agpalilik mit einer Art Bandsäge abgetrennt wurde, zeigte nach dem Ätzvorgang Widmannstätten-Figuren (siehe »Blick in den Eisenmeteorit Agpalilik«). Sie gelten als kosmische Signatur, können sie doch unter irdischen Bedingungen nicht entstehen. Die Figuren setzen voraus, dass aus der Nickel-Eisen-Legierung, die bei Temperaturen über 700 Grad Celsius allein aus dem Mineral Taenit besteht, unter extrem langsamer Abkühlung das kubisch raumzentrierte Mineral Kamazit auskristallisiert. Dies ist nur im Innern eines Asteroiden möglich. Die kristallinen Platten aus Kamazit ordnen sich dabei wie die Flächen eines Oktaeders an und werden dann bei entsprechender Behandlung als Widmannstätten-Figur sichtbar. Mit einer Breite der Kamazitbalken von 1,2 Milli metern wird der Cape-York-Meteorit als mittlerer Oktaedrit bezeichnet. Neben einem Nickelgehalt von rund 7,8 Prozent enthält er zudem Spuren von Kobalt, Phosphor, Kohlenstoff, Schwefel, Gallium, Germanium und Iridium und wird chemisch der Gruppe IIIA zugerechnet. Die Widmannstätten-Figuren belegen die Existenz von zwei Kristallphasen mit unterschiedlicher Zusammensetzung. Damit es dazu kam, durfte die Abkühlung im Zentrum des Asteroiden, der den Eisenkoloss einst umschloss, nur rund ein Kelvin in 10 000 Jahren betragen. Mag sein, dass dieser Asteroid bei einem Zusammenstoß mit einem anderen Himmelskörper zerbrach und seinen Eisenkern freisetzte, von dem dann einige Bruchstücke als Botschafter des Himmels im grönländischen Eis landeten.

Literaturhinweise

Buchwald, V. F.: A new Cape York meteorite discovered. Geochimica et Cosmochimica Acta 28, 1964

Buchwald, V. F.: Handbook of iron meteorites. Their history, distribution, composition and structure, 3 Bde., University of California Press, Berkeley, 1975

Bühler, R. W.: Meteorite – Urmaterie aus dem interplanetaren Raum. Birkhäuser, Basel, 1988

Classen, J.: Neuer Grönland-Meteorit.

Sterne und Weltraum 3/1964, S.58

Huntington, P. A. M.: Robert E. Peary and the Cape York Meteorites. Polar Geography 26(1), 2002

Kjær, K. H. et al.: A large impact crater beneath Hiawatha Glacier in northwest Greenland. Science Advances 4, 2018, eaar8173 Leinert, C.: Vor 50 Jahren: Neuer Grönland-Meteorit. Sterne und Weltraum 3/2014, S. 17

Peary, R. E.: Northward Over the Great Ice, Volume 2: A Narrative of Life and Work along the Shores and upon the Interior Ice-Cap of Northern Greenland in the Years 1886 and 1891 – 1897.

Cambridge University Press, Cambridge, 1898 Pedersen, H.: Cape York meteorite:

With Peary’s neglected photographs, Amazon, 2020

Ross, J.: A voyage of discovery made under the orders of the Admiralty. John Murray, London, 1819

Sears, D. W. G.: Oral histories in meteoritics and planetary science: Vagn F. Buchwald. Meteoritics & Planetary Science 49, 2014

Yang, J., Goldstein, J. I.: Metallographic cooling rates of the IIIAB iron meteorites. Geochimica et Cosmochimica Acta 70, 2006

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