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Eiw Beckenbauer zum Kaiser wurde


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Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 51/2022 vom 21.12.2022

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Bildquelle: Sport Bild, Ausgabe 51/2022

Ehrfurchtsvoll schaut Franz Beckenbauer hinauf zur Büste von Österreich-Kaiser Franz Joseph I (1830 ? 1916). Das Foto entstand im August 1971 in der Wiener Hofburg

Wenn vom „Kaiser“ die Rede ist, denkt heutzutage niemand mehr an gekrönte Häupter, sondern an Franz Beckenbauer (77). An den Mann, der in 14 Jahren Bundesliga (zwölf für Bayern, zwei für den HSV) und rund um den Erdball den Ball so herrlich wie kein Zweiter streicheln konnte. Auch in der Welt des Fußballs schaffte es kein Messi, kein Mbappé, kein Maradona, nicht mal Pelé, dass ihnen die Krone aller Kronen aufgesetzt wurde wie dem Fußballgenie aus dem Münchner Arbeiter-Vorort Obergiesing. Jenem Ausnahmekönner, der als Spieler neben fünf deutschen Meisterschaften (vier mit Bayern, eine mit dem HSV) und vier Europacup-Siegen (alle mit Bayern) als Einziger das Triple schaffte. Beckenbauer wurde 1974 Weltmeister als Spieler, 1990 als Trainer. Und danach holte er auch noch die WM 2006 nach Deutschland.

FRANZ BECKENBAUER

Wie Beckenbauer zum „Kaiser“ wurde – da gibt es viele Erzählungen. Keine stimmt ...

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... so richtig, keine ist so richtig falsch. Bis ich, der Autor dieses Artikels, den Sportjournalisten Professor Wolfgang

Winheim aus Wien in die Spur schickte, der praktisch im Schatten der vier Kaiser von Österreich (1804 bis 1918) aufgewachsen ist. Er fand nach intensiven Recherchen heraus, wie das wirklich war.

???

Richtig ist, dass am 10. Juni 1969, nach der ersten Bundesliga-Meisterschaft der Bayern, in der BILD-Zeitung die Schlagzeile erschien: „Franz ist der Kaiser von Bayern“, weil er die Nummer eins in der Noten-Rangliste war. Richtig ist, dass am 14. Juni 1969, nach dem DFB-Pokalfinale in Frankfurt, gleich drei Journalisten Beckenbauer „Kaiser“ nannten. Das waren Hans Schiefele von der Süddeutschen Zeitung, Herbert Jung von BILD und Bernd Hildebrandt von der „tz“. Der Grund: Beckenbauer hatte beim 2:1-Sieg einen Sturmlauf des Schalkers Stan Libuda nur mit einem beherzten Griff an dessen Hose bremsen können, was wütende Pfiffe der Fans aus Gelsenkirchen zur Folge hatte. Bis Beckenbauer vor der Schalker Kurve 40 Sekunden lang den Ball jonglierte, dass am Ende sogar die Blauen johlten.

Doch der „Kaiser“ verschwand in den Artikeln wieder, bis ihn zwei Jahre später, anlässlich eines Privatspiels bei Austria Wien, der Fotograf Herbert Sündhofer ablichtete. In der Wiener Hofburg neben einer Büste von Kaiser Franz Josef I. „Weil ich so ergriffen und ehrfurchtsvoll zu ihm aufgeblickt habe, war der Beiname Kaiser nicht mehr aufzuhalten“, sagt Franz Beckenbauer. Doch da war noch was.

„Es wäre nie dazu gekommen“, erklärt Professor Winheim, „wenn es nicht diesen ein wenig verrückten Sportreporter Sepp Graf gegeben hätte, einen ehemaligen Schwimmrekordler. Wenn der bei Austria oder Rapid Wien auf der Tribüne saß, hörte er nur in sein Transistorradio rein, wie die Bayern spielten und speziell Franz Beckenbauer. Jeden Spielzug sog er auf. Alles andere interessierte ihn nicht. Sepp Graf war es, der Sündhofer drängte, Beckenbauer zu fotografieren und der das Treffen arrangierte. Ohne Graf wäre es nie zustande gekommen. Ein toller Coup von ihm. Leider ist er 2008 mit 87 Jahren in seiner Wohnung Opfer eines Schwelbrands geworden.“

Dass der Lauf des Kaisers nicht mehr aufzuhalten war, dafür sorgte auch der damalige Bayern-Manager Robert Schwan, in Personalunion auch Manager von Beckenbauer. „Du schreibst in Zukunft nicht mehr Beckenbauer, sondern nur noch Kaiser“, sagte er zu mir schelmisch grinsend und dennoch mit finsterem Blick. „Sonst darfst du nicht mehr im Mannschaftsbus mitfahren.“ Ja, damals war es noch üblich, hinten im Bus mit den Spielern plaudernd ein paar Zigaretten zu rauchen. Also wollte es sich mit Schwan niemand verscherzen.

Der Höflichste von allen war Kaiser Franz Beckenbauer, alles andere als eine snobistische Majestät. Alles andere als abgehoben. Von wegen zickig. Es sei denn, er fühlte sich ungerecht behandelt. „Du hast mich nicht korrekt zitiert“, sagte er einmal zu mir. „Schreib doch einfach mit, wenn ich mit dir rede.“

Auch Uli Hoeneß hatte gehörig Respekt vor dem Kaiser. „Als ich 1970 von Ulm zu Bayern kam, wusste ich gar nicht, was machst du jetzt? Sagst du ,Guten Tag Herr Beckenbauer‘ zum Franz und ‚Guten Tag Herr Müller‘ zum Gerd? Die haben das dann gleich innerhalb kürzester Zeit erledigt, und es war kein Problem mehr, sie zu duzen“, erzählt Uli Hoeneß. Und: „Mit Franz war das immer ein ganz offenes Verhältnis. Er war ein überragender Spieler, zu dem wir alle aufgeschaut haben. Er hat uns Junge wie Gleichwertige behandelt, da gab es keine Unterschiede. Er war ein unglaublich guter Profi, war morgens meist als Erster da, um sich von unserem Josip Saric massieren zu lassen. Er hat seinen Körper unglaublich gepflegt, war auch nach dem Training der Letzte, der ging. Ein Vorbild als Profi.“

Beckenbauer war es auch, der den schnellen Hoeneß nicht nur in der Bundesliga gerne steil schickte, sondern ihn im November 1973 im Europacup-Achtelfinale beim DDR-Meister Dynamo Dresden zum Liebling der Ostdeutschen machte – die meisten Bürger in der DDR drückten damals Bayern die Daumen.

Nach dem 4:3-Hinspielsieg in München bangte Bayern um das Viertelfinale. Auf der Busfahrt nach Dresden sagte Beckenbauer zu Trainer Udo Lattek: „Die spielen sture Manndeckung, vor allem gegen Gerd Müller. Also parken wir den Dicken (Beckenbauers Kosename für Müller; d. Red.) am besten im Mittelkreis, damit die Dresdner hinten rauslaufen. Und dann schicken wir den Uli steil.“

Selten ging ein Plan so gut auf wie dieser. In der zehnten Minute schlug zunächst Müller und in der zwölften Minute dann Beckenbauer einen langen Pass auf den rechten Flügel. Hoeneß zog trotz des morastigen Platzes dem gefürchteten Verteidiger Ede Geyer davon, schoss das 1:0 und 2:0. Am Ende stand es dank eines Müller-Treffers (Vorlage Hoeneß) 3:3, Bayern stand im Viertelfinale, schließlich im Finale gegen Atlético Madrid. Diesmal trafen Hoeneß und Müller je zweimal. Fast immer ging ein Steilpass voraus. „Als Spieler mein größtes Erlebnis“, sagt Hoeneß. „Und der Franz hat uns das gegönnt, Eifersucht hatte er nicht nötig, war eh immer einer der Besten.“

???

Auch Rainer Zobel kam 1970 zu den Bayern und hatte zu Beckenbauer ein noch engeres Verhältnis als Hoeneß. Schwan besorgte ihm eine Wohnung im Münchner Villenvorort Soll und sagte: „Du brauchst jetzt nur noch über die Isarbrücke fahren, dann bist du beim Franz in Grünwald.“ „Der Franz hat mich dann zum Training gefahren. Ich habe mit ihm sogar vor Spielen drei Jahre lang auf einem Zimmer gepennt“, erinnert sich Zobel. „Das war dann schon eine Ehre für mich.“

Beckenbauer führte den Neuen gleich in die ungeschriebenen Bayern-Gesetze ein. Da Zobel früher bei Hannover 96, in der Olympiaauswahl, B-Nationalmannschaft und in der Jugendauswahl des DFB als Zehner für den Spielrhythmus zuständig war, sagte Beckenbauer, so erzählt es Zobel: „Für die langen Pässe bin ich zuständig.“ Zobel stellte sich in den Dienst des Kaisers. Er wurde zum Dauerrenner, zu einer Art Kimmich der 70er-Jahre und war sechs Jahre lang Stammspieler. „Du musst wissen, wozu du da bist, wozu die anderen dich wollen, dich brauchen“, sagt Zobel, später Trainer u.a. in Kaiserslautern, Nürnberg, im Iran.

Zobel weiter: „Ein einziges Mal habe ich meine Rolle verlassen, beim Europacup-Finale in Brüssel gegen Atlético Madrid, als ich den Ball zum 4:0 auf Uli Hoeneß lupfte.“ Der Kaiser höchstpersönlich war es, der ihn adelte: „Es fällt nicht auf, wenn Rainer Zobel spielt. Es fällt nur auf, wenn er nicht spielt.“ Zobel: „Das größte Lob, das ich je bekam.“

Im Zimmer der beiden stapelte sich die Autogrammpost.

Nicht die von Zobel, sondern die von Beckenbauer. Es kam dann manchmal vor, dass der Kaiser zu ihm sagte, er solle mal einen Stapel nehmen und ihm helfen. Als er diese Story dem NDR-Redakteur Albrecht Breitschuh, dem Autor seines Buchs „Zobel, ein Glückskind des Fußballs“ erzählte, wollte der es nicht glauben. „So viele waren es nicht“, sagt Zobel beschwichtigend, „von vielen Tausenden höchstens 500. Ich habe Beckenbauers Unterschrift richtig geübt. Vorne ein Schlenker für das B wie Beckenbauer, dann ein noch leserliches ‚ecken‘, dann ein Strich und hinten noch das ‚r‘.“

Was Zobel bis heute großartig findet: Dass Beckenbauer seinem Namen immer ein „herzlichst“ davorgesetzt hat. Oder auf Wunsch „viel Glück“ oder ähnlich Persönliches. „Der Franz war unglaublich geduldig, wenn Fans auf ihn zukamen. Wenn die anderen Spieler schon drängten, wir müssten unseren Flieger erwischen, stand er immer noch vor dem Mannschaftsbus und hat unterschrieben, bis alle zufriedengestellt waren.“ Mit der Gelassenheit eines Kaisers eben.

Schmunzeln muss Zobel auch, wenn es um die direkte Sprache geht, die Beckenbauer und Müller miteinander pflegten. „Lauf doch mal, du faule Sau“, rief der Kaiser, wenn sich der Bomber aus Angst vor Tritten des Gegners zurückzog. „Lauf doch du nach vorne, du Verrückter – und lass dir die Knochen brechen“, bellte Müller zurück. „Das klingst zwar drastisch, doch das war fast lieb gemeint, die bayerische Sprache ist eben ein bisschen derber“, sagt der Niedersachse Zobel.

„ICH HABE 100 000 KOPFBÄLLE GEMACHT, WEIL DIE VORNE DEN BALL NICHT HALTEN KONNTEN“

Franz Beckenbauer

Und noch eines lernte Zobel ganz schnell: Dass nicht Schwan das letzte Wort hatte, auch nicht Lattek, sondern immer der Kaiser. „Da ich nebenbei am Nymphenburger Gymnasium das Abitur machte, viel über den Büchern hockte, war ich immer sehr blass. Schwan fragte, ob ich denn andauernd Haschisch rauchen würde. Da hat mich der Franz sehr gut verteidigt. Wie einen Sohn. Bis der Schwan verstummte“, erzählt Zobel.

???

Welch Gentleman Beckenbauer war – und immer noch ist –, davon kann Günter Netzer viel erzählen. Sein einstiger Rivale bei Borussia Mönchengladbach, der zu seinem Freund wurde und der ihn als HSV-Manager 1980 für zwei Jahre von Cosmos New York zurückholte in die Bundesliga. Vor allem, wenn es darum ging, ob sie beide Geizhälse wären, wie es das Horoskop von jenen behauptet, die im Sternzeichen der Jungfrau geboren sind. Netzer: „Das genaue Gegenteil trifft auf uns beide zu. Vor allem nicht auf den Franz. Wenn man mit ihm in einem Restaurant saß, konnte man nie bezahlen. Er hat auch in früheren Jahren schon immer an die anderen Menschen gedacht. Das war seine Ader. Und das ist sie immer noch.“

Netzer denkt an die Stiftung von Franz Beckenbauer, die „kranken und unverschuldet in Not geratene Menschen“ hilft. Der er heute immer noch – gemeinsam mit seiner Ehefrau Heidi (sie wickelt das Management ab) – vorsteht. Und es ist der typische Beckenbauer-Humor, wenn er sagt: „Die Stiftung ist nicht für Leute da, die in Not geraten, wenn sie einen Ball stoppen müssen. Da würde ich ja arm werden …“

Es sind auch die kleinen Schwächen, die ihn sympathisch machen. Wenn er das Training abbrach, falls eine Gewitterwolke aufzog, damit man nicht sah, wie dünn sein Haar im Verlauf der Jahre geworden war. Am meisten ärgerten ihn, den Libero, unnötige Ballverluste im Mittelfeld oder im Sturm. „Ich habe 100 000 Kopfbälle gemacht, weil die vorne den Ball nicht halten konnten. Das hat mich immer wieder ein paar Haare gekostet“, klagte er.

???

Vor seiner Kaiserzeit musste Beckenbauern auch im Mittelfeld die niedrigen Dienste verrichten. „Bei der WM 1966 in England musste der Franz für den Spielmacher Helmut Haller laufen. So wie ich später für ihn“, erzählt Zobel. Es folgte ein rasanter Aufstieg in den Fußball-Olymp. Beckenbauer konnte es trotzdem nicht schnell genug gehen. „Mein Manko sind Ungeduld und zu hohe Ansprüche“, sagte er. Doch womöglich waren es genau diese Charakterzüge, die ihn immer wieder antrieben und zum besten deutschen Fußballer aller Zeiten machten. Zum Kaiser!

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