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ELCHE IN DEUTSCHLAND: Giganten zu Gast


Wild und Hund - epaper ⋅ Ausgabe 19/2019 vom 02.10.2019

Offiziell gilt der Elch in Deutschland als ausgestorben. Dass Europas größter Hirsch aber bei uns wieder heimisch werden kann, halten Dr. Andreas Kinser und Jenifer Calvi von der Deutschen Wildtier Stiftung für möglich.


Artikelbild für den Artikel "ELCHE IN DEUTSCHLAND: Giganten zu Gast" aus der Ausgabe 19/2019 von Wild und Hund. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Wild und Hund, Ausgabe 19/2019

„Elch in Sicht!“ Der Anblick eines frei lebenden Elches ist für viele Touristen der Höhepunkt einer Skandinavienreise. Groß wie ein Pferd, ramsnasig, und mit über einem Meter langen Läufen wirken die Giganten wie aus der Zeit gefallen. Immer mehr Urlauber erleben diesen urzeitlichen Wildtieranblick aber nicht nur in Schweden oder Norwegen, sondern auch in Mecklenburg-Vorpommern, ...

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„Elch in Sicht!“ Der Anblick eines frei lebenden Elches ist für viele Touristen der Höhepunkt einer Skandinavienreise. Groß wie ein Pferd, ramsnasig, und mit über einem Meter langen Läufen wirken die Giganten wie aus der Zeit gefallen. Immer mehr Urlauber erleben diesen urzeitlichen Wildtieranblick aber nicht nur in Schweden oder Norwegen, sondern auch in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen oder Bayern. Während die Badegäste auf Usedom 2017 über mehrere Elchbesuche staunten, wurden 2018 allein in Brandenburg 38 Elchsichtungen gemeldet.

Seit 2018 trägt dort Jungbulle „Bert“ einen GPS-Sender. Dessen gesammelte Daten zeigen, dass sein Revier etwa 200 000 ha umfasst und er besonders gern in der Gesellschaft eines Kahlwildrudels ist. In diesem Jahr kam es erst vor Kurzem in der Uckermark zu unverhofften Begegnungen: Am 12. August zog ein junger Hirsch nahe Schwedt (Brandenburg) Richtung Südwesten. Einen Tag später kam es zur Elchmeldung bei Prenzlau, und am 14. August berichteten verblüffte Autofahrer auf der A20 in der Nähe des vorpommerschen Straßburg von einem jungen Elchhirsch…

Grafik: Dagmar Siegel/Istockphoto.com, Quelle: Dr. Andreas Kinser

Die Karte zeigt Elchsichtungen der vergangenen drei Jahre im Osten Deutschlands. Die wohl bekanntesten Elche sind „Bert“ – bestätigt im Jahr 2019 und mit GPS ausgestattet (markiert im Kringel) – und „Knutschi“, der bereits 2008 kam (Pfeil). Die anderen Dreiecke dokumentieren Elchsichtungen, bei denen die jungen Bullen nur kurz zu Gast in Deutschland waren. Die meisten jungen Stücke kommen aus Polen und Tschechien nach Deutschland.

Kein Zweifel: Der Riese ist nach Deutschland zurückgekehrt und legt dabei etliche Kilometer zurück.

Elche hat es in Brandenburg und Mecklenburg- Vorpommern immer mal wieder gegeben. Zu DDR-Zeiten wurden sie allerdings gejagt und konnten sich damals ebenso wenig im Land etablieren wie die Wölfe. Mittlerweile überschreiten jedoch regelmäßig einzelne Stücke die deutsche Grenze. Sie kommen aus Polen und Tschechien. Meist sind es junge Hirsche, sogenannte Wanderelche, die auf der Suche nach neuem Lebensraum Richtung Westen ziehen. Denn in Polen ist der Bestand auf mittlerweile etwa 30 000 Stück angewachsen, seit die Jagd auf sie mit der politischen Wende auch dort verboten worden ist. In Tschechien gibt es eine kleine, stabile Elchpopulation in der Nähe des Moldau-Stausees, von der einzelne Individuen immer mal wieder in Niederbayern auftauchen.

Mit etwa 400 kg Körpergewicht sind Elche immerhin doppelt so schwer wie unsere stärksten heimischen Rothirsche. Dabei sind sie mit dem Rehwild näher verwandt als mit dem Rot- oder Damwild, was man vor allem an der Nahrungszusammensetzung erkennen kann: Ganz ähnlich wie unsere heimischen Rehe, äsen Elche überwiegend sehr energiereiche Nahrung, z. B. Knospen und junge Triebe von Weichhölzern, wie Pappeln und Weiden.

Mit ihrer übergroßen Oberlippe – Muffel genannt – brechen sie Zweige von den Bäumen oder streifen Baumrinde ab. Im Herbst und Winter nehmen sie auch Blaubeerreisig, Besenheide und junge Kieferntriebe auf. Im Gegensatz zum Rehwild stehen aber auch Wasserpflanzen ganz oben auf dem Speiseplan, denn Elche sind auf das Leben in wasserreichen Regionen besonders angepasst. Mit ihren langen Läufen und durch eine Schwimmhaut zwischen den weit spreizbaren Schalen können sie noch besser als unsere Sauen moorastige Böden überwinden. Ihr zusammenziehbarer Windfang ermöglicht es den Elchen sogar, mehrere Meter tief zu tauchen, um an energiereiche Wasserpflanzen zu kommen. Große Distanzen werden einfach durchronnen, um an neue Ufer zu gelangen.

Elche gehören wie Rehe zum Äsungstyp der Konzentratselektierer, der besonders auf stickstoffhaltige, energie- und eiweißreiche, feinfaserige Nahrung angewiesen ist.


Foto: Michael Breuer

Elchlosung ist unverkennbar und ein sicherer Nachweis für die Anwesenheit der Wildart.


Foto: Ardea/Okapia

Die Brunft des Elchwildes findet fast zeitgleich mit der des Rotwildes im September bis in den Oktober statt. Während die Wälder vom Ruf der Rothirsche aber mitunter beben können, verläuft die Elchbrunft eher leise: Hirsche und Tiere geben einen verhaltenen, nasalen Laut von sich, der kaum weiter als 300 bis 400 m zu hören ist.

Die Jagd während der Elchbrunft ist in den meisten skandinavischen Ländern nicht möglich, da im Gegensatz zum deutschsprachigen Raum die Paarungszeit der Wildtiere meist mit einer Schonzeit belegt ist. In Deutschland untersteht der Elch zwar dem Jagdrecht, er ist aber in allen Bundesländern ganzjährig geschont.

Elche äsen gern energiereiche Wasserpflanzen. Durch ihren verschließbaren Windfang können sie sogar mehrere Minuten tauchen.


Foto: Reiner Bernhard

Wanderelche sind fast immer junge Hirsche. Sie legen etliche Kilometer zurück, bis sie die deutsche Grenze überschreiten.


Foto: Karl-Heinz Volkmar

Eine interessante Jagdart der Germanen auf Elche beschrieb der römische Feldherr Julius Cäsar in seinem sechsten Buch über den Gallischen Krieg (De Bello Gallico): Da Elche keine Kniegelenke hätten, könnten sie sich nicht von allein aufrichten und müssten folglich stehend an einen Baum gelehnt schlafen. Germanische Jäger würden daher Bäume ansägen, damit Elche, die sich an ihn lehnten, mit dem Baum zu Boden stürzten und einfach zur Strecke gebracht werden könnten. Cäser war vermutlich germanischem Jägerlatein aufgesessen.

Über 2 000 Jahre später sind die Herausforderungen, die die Rückkehr der Elche in das einstige Germanien mit sich bringen, deutlich realer. Ein Beispiel, was passieren kann, wenn ein Elch in dicht besiedelte Regionen einwechselt, zeigte der Besuch eines Giganten im Usedomer Ostseebad Zinnowitz (2017). Dort wanderte der Elch „Pommes“ – so der schnell vergebene Name seiner Fans – erst über Bahngleise und Straßen und stand schließlich mitten im örtlichen Thermalbad. Badegäste staunten und fürchteten sich gleichermaßen. Fütterungsversuche wurden unternommen. „Pommes“ wurde schließlich auf Anordnung der Behörden mit einem Narkosepfeil betäubt und anschließend in einen Tierpark gebracht. Ein anderer Hirsch namens „Knutschi“ wanderte vor genau zehn Jahren aus dem sächsischen Erzgebirge bis zur A7 an der Grenze zwischen Hessen und Niedersachsen. Dort wurde er aus Gründen der Verkehrssicherheit betäubt und in den Reinhardswald gebracht. Das Stück wurde dann allerdings einige Tage später verendet aufgefunden.

Der Straßenverkehr stellt in stark zerschnittenen Regionen die größte Gefahr für die langbeinigen Riesen dar. Denn anders als Reh- und Rotwild flüchten Elche nicht vor herannahenden Autos, sondern sind sich ihrer Größe bewusst. Sie bleiben daher häufig wie angewurzelt stehen, um den „herannahenden Feind“ zu beobachten. In Schweden, wo circa 400 000 Elche in freier Wildbahn leben, kommen etwa 5 000 jährlich bei Autounfällen ums Leben. Auch in Deutschland endeten bisher die meisten Elch-Einwanderer auf der Straße. Mit Sicherheit ist dies auch ein Grund dafür, warum sie sich bisher bei uns noch nicht stärker etablieren konnten.

In Zeiten der Rückkehr von Wolf, Biber und Fischotter in ihre einstigen Lebensräume in Mitteleuropa sollte es keine Frage sein, ob wir den Elch bei uns willkommen heißen. Entschieden werden müssen jedoch die Fragen, ob wir ihn dabei aktiv unterstützen, zum Beispiel durch ein besseres Vernetzen bisher zerschnittener Lebensräume, und wie wir mit den zu erwartenden Konflikten mit dem Giganten umgehen wollen. Denn zweifellos wird ein weiterer großer Pflanzenfresser, der täglich durchschnittlich etwa 25 kg Nahrung benötigt, von einigen Waldbesitzern und Forstverwaltungen nicht mit offenen Armen empfangen werden. Wie groß die Freude bei den sich selbst als „ökologisch“ bezeichnenden Jagdvereinen über die Rückkehr des Elches sein wird, bleibt abzuwarten. Grundsätzlich besteht für Wildschäden durch ihn nach dem Bundesjagdgesetz die gleiche Wildschadenersatzpflicht wie für unser aktuell heimisches Schalenwild.

Etwa 5 000 Elche fallen in Schweden jährlich dem Straßenverkehr zum Opfer. Auch in Deutschland kollidieren viele der Einwanderer mit Autos.


Foto: Sven-Erik Arndt

Sicher ist, dass es mit einem weiteren Bestandsaufbau in Polen in Zukunft immer häufiger einwandernde Elche in Deutschland geben wird. Über kurz oder lang werden sich auch die ersten kleinen Populationen etablieren. In Brandenburg, Sachsen und Bayern gibt es mittlerweile daher Elchpläne für einen richtigen Umgang mit der Art. Diese sind bislang jedoch kaum mehr als eine bloße Beschreibung der Biologie des Großsäugers und seines Monitorings. Es ist also allerhöchste Zeit, praktische Lösungen für die zu erwartenden Konfliktfelder, die durch die Rückkehr der Großhirsche entstehen könnten, zu entwickeln. Damit verbunden ist auch eine Chance, die ständig virulenten Differenzen zwischen Forstwirtschaft auf der einen und großen Pflanzenfressern auf der anderen Seite einmal jenseits aller jagdlichen Aspekte zu diskutieren. Denn bis zu dem Tag, an dem sich nachhaltig bejagbare Populationen in Deutschland etabliert haben werden, werden noch viele Stürme unsere Wälder durchtobt haben.

Ebenso wie bei Wolf , Luchs und Biber müssen Regelungen gefunden werden, wie etwa wirtschaftlichen Schäden durch die Rückkehr des großen Pflanzenfressers vorgebeugt werden bzw. wie sie im Schadensfall kompensiert werden können. Letztendlich dürfen die Grundeigentümer nicht jenseits der Sozialpflichtigkeit ihres Eigentums die Zeche dafür zahlen, dass unsere biologische Vielfalt um einen neuen, alten großen Pflanzenfresser bereichert wurde.

Es wird noch lange dauern, bis deutsche Jäger – wie die Schweden – Elchwild bejagen dürfen.


Foto: Sven-Erik Arndt

Dr. Andreas Kinser

Fotos: Privat

hat in Göttingen Forstwissenschaften studiert. Seit 2007 betreut er bei der Deutschen Wildtier Stiftung verschiedene Projekte und Initiativen in den Bereichen Jagd, Forst- und Agrarpolitik sowie Greifvogelschutz.

Jenifer Calvi

Redakteurin, hat über 15 Jahre lang beim Axel Springer Verlag und in der Funke Mediengruppe gearbeitet.

Die Jungjägerin ist seit rund fünf Jahren als Pressereferentin bei der Deutschen Wildtier Stiftung beschäftigt.


@Foto: Imagebroker/Okapia