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Elektrisch auf großer Reise


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Bike Bild - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 15.10.2021

Seidenstraße

Artikelbild für den Artikel "Elektrisch auf großer Reise" aus der Ausgabe 5/2021 von Bike Bild. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Bike Bild, Ausgabe 5/2021

Der Motor im Hinterhof stottert, das Licht im Wohnzimmer flackert – und dann hört man bloß noch den Wind. Ist es nun wirklich so weit? Geht mir jetzt nach rund acht Monaten und 15 000 Kilometern auf dem E-Bike doch noch der Saft aus? Ich befinde mich in einem Guesthouse im Pamir, einer meiner 630-Wattstunden-Akkus ist komplett leer, der andere sozusagen gebraucht. Zwischen meiner Unterkunft und dem nächsten Dorf liegen mindestens 150 Kilometer. Dazwischen erhebt sich ein Pass auf 4300 Meter über Meereshöhe. Ob es in der nächsten Ortschaft tatsächlich Strom gibt, ist ungewiss. Ich muss meine Akkus heute einfach laden können – und jetzt ist der Dieselgenerator bereits zum dritten Mal aus.

Bis jetzt hat fast alles wie am Schnürchen geklappt. Da war zwar noch die wegen Visaschwierigkeiten erzwungene Änderung der Reiseroute, die ich aber bislang eher als Glück im Unglück betrachtet hatte. ...

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... Denn dadurch war ich überhaupt erst im Pamir-Gebirge gelandet.

Planänderung mit Folgen

Eigentlich wollte ich von Zürich nach Peking fahren, immer schön ostwärts. Ich startete meine Reise im Juli und plante, im Dezember von Tadschikistan nach Shanghai zu fliegen, um während des Winters einen Chinesischkurs zu besuchen.

Anfang April wollte ich erneut per Flieger zurück nach Tadschikistan reisen, um mit dem E-Bike weiter Richtung Osten zu fahren. Dieser Plan ging leider nicht auf. Dank des Sprachaufenthalts erhielt ich zwar wie gewünscht ein Studentenvisum für sechs Monate, aber leider mit nur einem Grenz- übertritt. Ich konnte damit also nicht wie geplant zweimal nach China einreisen.

Darum entschloss ich mich, mein Flyer-E-Bike nach Shanghai mitzunehmen und im Frühling von dort Richtung Tadschikistan zurückzufahren, um die Linie zu schließen. Der Nachteil: Die Strecke verlängerte sich dadurch, und ich musste in China für rund 2000 Kilometer in den Zug steigen, um die Reise wie geplant nach einem Jahr abschließen zu können. Der Vorteil: Ich kam dadurch erst wieder im Juni nach Zentralasien und konnte so die schönere, aber auch höher gelegene Route über den Pamir-Highway in Angriff nehmen. Im April wäre dies wegen zu viel Schnee und Kälte nicht möglich gewesen.

Was nach Autobahn klingt, ist eine der beliebtesten Routen von Fahrradreisenden in Asien. Die Straße führt durch eine spektakuläre Bergwelt. Unglaubliches Licht, extreme Weiten, unberührte Wildnis. Allerdings führt die Straße auch über viel Schotter und Sand. Und vor allem: Auf weiten Strecken gibt es keinen Anschluss ans Stromnetz.

Kein Vergleich zur Strecke durch die Taklamakan-Wüste, die ich mit dem Zug bewältigte. Im Vorfeld ging ich davon aus, dass die zweitgrößte Sandwüste der Welt die größte Herausforderung darstellen würde. Andere Radreisende meinten jedoch, die Taklamakan sei für mein E-Bike kein Problem, weil es im Abstand von 50 Kilometern Checkpoints der Polizei gebe, alle mit Strom- und Wasserversorgung. Allerdings werde einem dort stets der Pass abgenommen, und man müsse zuweilen Stunden warten, bis man weiterfahren dürfe. Die Taklamakan liegt in der uigurischen Provinz Xinjiang. Den Chinesen wäre es am liebsten, sie hätten dort gar keine individuell reisenden Ausländer, daher die Schikanen. Dass ich Xinjiang weitgehend im Zug durchquere, beruhigte auch meine Familie zu Hause. Sie hatten Angst, ich könnte mich in dieser politisch schwierigen Provinz mit den chinesischen Behörden anlegen.

Zuverlässiges Knattern

Der Pamir erschien mir hingegen immer mehr als die perfekte Herausforderung und ein absolutes Highlight – auch wenn ein User einer Facebook- Gruppe für Radreisende schrieb: „Dort, wo es richtig schön ist, wie etwa auf dem Pamir-Highway, kommst du mit deinem E-Bike nicht hin.“

Rückblickend kann ich sagen: Wer so urteilt, unterschätzt entweder die heutigen Akkus oder die Infrastruktur vor Ort. Mein Gastgeber in Alichur zumindest kommt zu dem Schluss, dass sein Generator wahrscheinlich die für meine Akkus nötige Spannung nicht erzeugen kann; kurzerhand holt er ein stärkeres Modell aus dem Schuppen, das zuverlässig knatternd meine beiden Akkus wieder vollständig auflädt.

Zugegeben: Ich legte in dieser abgelegenen Gegend einige Hundert Kilometer im Modus „Economy“ statt „Standard“ zurück. Aber ich musste nie ohne Unterstützung treten und konnte mich auch im Sparmodus problemlos auf gleicher Höhe mit Dominik und Bernadette halten. Das junge Paar aus Österreich war mit konventionellen Tourenrädern von Indien über Südostasien und China nach Europa unterwegs. Und da wir für drei Wochen in die gleiche Richtung fuhren, schloss ich mich ihnen für das letzte Stück nach Duschanbe an.

Auf den letzten 1000 Kilometern meiner Reise bin ich relativ entspannt unterwegs. Längst bin ich der Meinung: Es kommt vielleicht anders als geplant, aber es kommt immer gut oder vielleicht sogar besser. Und sowieso: Mal schauen und probieren – abbrechen und aufgeben kann man immer noch. Kein Vergleich zu vor rund einem Jahr, als mich noch so viele Unsicherheiten quälten: Werde ich immer rechtzeitig eine Steckdose finden? Habe ich die richtigen Adapter dabei, um den Strom überhaupt anzapfen zu können? Wird die verfügbare Stromspannung kompatibel mit meinen Ladegeräten sein? Wie arbeiten meine beiden 630-Wattstunden-Akkus bei Hitze und Kälte? Was, wenn ich mich als Technikbanause mit Problemen am Elektromotor rumschlagen muss? Davon abgesehen: Ist diese Reise, die mich durch die Türkei, den Iran und Zentralasien führen soll, nicht zu gefährlich? Insbesondere für mich als Frau?

Für eine Handvoll Dollars

Bis auf den stotternden Generator in Tadschikistan gab es während der ganzen Reise weder Probleme mit der Verfügbarkeit von Strom noch mit dessen Spannung oder den Steckdosen. Der zweipolige Stecker meiner Ladegeräte funktioniert von der Schweiz bis nach China ohne Adapter. Die Aufsätze brauchte ich bloß für den dreipoligen Stecker meines Computers. Heute bin ich überzeugt: Wo es Asphalt gibt, da gibt es in der Regel auch eine Stromleitung. Nur entlang von Schotterpisten kann Strom knapp werden, insbesondere wenn große Distanzen zwischen den einzelnen Dörfern liegen, denn Solaranlagen und Dieselgeneratoren gibt es natürlich nur dort, wo auch Menschen leben. Es gilt: Je rudimentärer die Straße ausfällt, desto weniger bewohnt ist die Gegend.

Und wenn alles schiefgeht, dann findet sich immer eine Möglichkeit, ein paar Kilometer auf einem Lastwagen mitzufahren. Gerade in armen Gegenden wie dem Pamir, wo die Leute über jedes Handgeld in Form von ein paar Dollars froh sind. Im Pamir wird diese Option übrigens auch immer wieder mal von Radfahrenden auf Bio-Bikes gewählt, etwa wenn die Zeit eilt, aber der Körper gerade streikt – was aufgrund der Höhe und der schwierigen hygienischen Bedingungen nicht selten vorkommt.

DIE REISEROUTE

Andrea Freiermuth radelte von der Schweiz über den Balkan in die Türkei. Es folgten ostwärts Georgien, Armenien, Iran, Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan, dann ein Flug nach Shanghai und eine geteilte Rad- und Zugreise durch China. Ab Tadschikistan ging es westwärts auf fast der alten Route.

Was Hitze und Kälte betrifft, bin ich zu einer neuen Erkenntnis gelangt: Heiß ist auf dem E-Bike weniger problematisch als kalt. Im Hitzesommer 2018 war ich auf dem Balkan unterwegs und litt deutlich weniger als mein Reisepartner Beat, der mich auf einem konventionellen Rad bis nach Istanbul begleitete. Während er seinen Körper an Anstiegen auch mit Schwitzen nicht mehr kühlen konnte, schaltete ich einfach den Turbo ein und brauste mit einer extra Portion kühlendem Fahrtwind den Berg hoch.

Dafür fror ich Ende November in Zentralasien erbärmlich. Umso mehr, als gegen Ende des Jahres die Tage so kurz und die Etappen in der Karakum- Wüste so lang waren. Darum waren längere Pausen zum Nachladen oder Aufwärmen während des Tages nicht drin. Wollte ich noch vor Anbruch der Dunkelheit eine Unterkunft finden, musste ich meist durchradeln. Ganz anders im Sommerhalbjahr: Da waren meine temporären Reisepartner und ich stets froh um eine länger dauernde Mittagsrast. Sie auf ihren konventionellen Fahrrädern, um aus der Hitze zu kommen, ich, um meine Akkus an eine Steckdose zu bringen, was mir dann eine weitere Nacht in freier Natur erlaubte.

" ES KOMMT VIELLEICHT ANDERS ALS GEPLANT, ABER ES KOMMT IMMER GUT – ODER VIELLEICHT SOGAR BESSER "

Mein Flyer Upstreet 5 hat es mir während der Reise relativ einfach gemacht. Ich hatte nie eine technische Panne und musste bloß ein paar Plattfüße flicken sowie wiederholt die Bremsbacken ersetzen. Auch die leichte Acht, die das Vorderrad mit der Zeit entwickelte, war kein Problem. Zwar wagte ich mich da selbst nicht ran. Aber es findet sich zum Glück immer ein kompetenter Handwerker, der Felgen zentrieren kann.

Zu verdanken habe ich die Pannenfreiheit wohl unter anderem dem Riemenantrieb und der Rohloff-Nabe. Gerade auf sandigen Pisten sind diese Komponenten wirklich zu empfehlen. Meine beiden neuen Freunde aus Österreich putzten im Pamir fast täglich an ihren Ketten rum und hatten doch immer wieder mal einen Defekt an ihren Tourenrädern.

Große Gastfreundschaft

Bleibt die letzte Frage: Ist so eine Reise, egal ob mit E-Bike oder herkömmlichem Fahrrad, nicht zu gefährlich für eine Frau, die zwar dann und wann von einem Kollegen begleitet wird oder Anschluss an andere Reisende findet – aber eben doch auch immer wieder mal allein auf weiter Flur ist?

Heute kann ich aus Erfahrung sagen: Die Welt da draußen ist viel besser als das, was wir auf dem Sofa sitzend täglich in den Nachrichten sehen. Die Menschen sind grundsätzlich gut. Sie tun in der Regel alles, um eine Frau, die allein mit dem Fahrrad daherkommt, maximal zu unterstützen. Gerade in muslimischen Ländern ist die Gastfreundschaft unglaublich groß. Und die Iraner, davon bin ich überzeugt, sind die gastfreundlichsten Menschen überhaupt. Das hat tatsächlich etwas mit der Religion zu tun. Der Koran stellt den Reisenden als Sohn des Weges in der Liste der Empfänger des Zakat besonders heraus – die für Muslime verpflichtende Abgabe eines bestimmten Anteils ihres Besitzes an Bedürftige und andere festgelegte Personengruppen. Im Iran kommt verstärkend hinzu, dass es nicht viele Touristen gibt. Verirrt sich mal einer oder gar eine in die Islamische Republik, will man ihm oder ihr beweisen, dass nicht alle wie die Mullahs ticken.

Als Frau hat man zudem generell den Vorteil, vielleicht einmal mehr eingeladen zu werden. Schließlich ist eine Frau schutzbedürftig und stellt für die Einheimischen eher keine Gefahr dar. Darum wandte ich mich stets an Frauen, wenn ich kein Hotel fand, und war jedes Mal erstaunt, wie sie sich – egal ob mit Kopftuch oder ohne – vorbehaltlos um mich kümmerten.

Die vielen schönen Begegnungen sind auch ein Grund dafür, warum ich die Auslandsberichterstattung heute viel aufmerksamer verfolge als früher. Dabei überlege ich mir zuweilen: Was würde es mit mir machen, wenn ich wie Özlem, Yasmin oder Nese in der Türkei unter einem Präsidenten wie Erdogan leben müsste? Was braucht es noch, damit die Iranerinnen und Iraner gegen das zunehmend verhasste Regime aufbegehren? Wo wird China künftig überall das Sagen haben? Was macht das mit unseren Werten, wenn ein totalitärer Staat vielleicht bald zur stärksten Wirtschaftsmacht wird? Und sollte ich nicht viel dankbarer sein, dass ich in einer funktionierenden Demokratie aufgewachsen bin?

Zuweilen tut es weh, wenn ich an meine neuen Freunde denke, die weniger Glück hatten als ich. Die in ihrem Land eingesperrt sind und keine Chance haben, sich anderswo eine Existenz aufzubauen, weil ihnen das nötige Visum fehlt. Ich tröste mich dann mit dem Gedanken, dass sich alles in einem stetigen Wandel befindet. Alle Systeme können brechen. Wohlstand kommt und geht.

Das gilt auch für den Reichtum in großen Teilen Europas. Das weißman spätestens dann, wenn man die Paläste der Osmanen, Perser und Timuriden besichtigt hat beziehungsweise das, was davon übrig geblieben ist.

Andrea Freiermuth

BUCHTIPP

Die gesammelten Reiseberichte von Andrea Freiermuth sind auf Papier oder als E-Book im Buchhandel erhältlich: „Mit dem E-Bike auf der Seidenstraße. 2 Akkus, 17 Länder 16 000 Kilometer.“ Buch & Netz 2020. 128 Seiten, 35 Franken

REISEN MIT DEM E-BIKE

Die Navigations-App Komoot war fundamental wichtig für die E-Bike-Reise. Die Autorin plante ihre Etappen von WLAN-Netz zu WLAN-Netz und wusste dank Komoot am Morgen stets, wie viele Kilometer und Höhenmeter vor ihr lagen. Vor der Abreise hatte sie sich Sorgen gemacht, Hitze und Kälte könnten ihre beiden 630-Wattstunden-Akkus beschädigen. Den heißen Sommer auf dem Balkan haben sie jedoch problemlos überlebt. Bei den Minustemperaturen in Zentralasien konnten sie zwar nicht ihr ganzes Potenzial freisetzen, haben aber auch keinen Schaden genommen. Ladegeräte hatte sie ebenfalls zwei dabei. Zu groß schien ihr die Gefahr, dass eines kaputt gehen könnte. Die Sorge war unbegründet. Dennoch war Andrea Freiermuth froh um das zweite Gerät. Vor allem, wenn sie mit anderen Tourenfahrern unterwegs war. Dann hängte sie jeweils beim Stopp in einem Café oder in einem Restaurant beide Akkus gleichzeitig an die Steckdose – und konnte so in der Nacht problemlos am Wildcampen teilnehmen.