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Elke Schmitter: Heute keine Königin


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 44/2019 vom 25.10.2019

Essay Wie authentisch darf die Royal Family sein? Wie viel Gefühl darf sie preisgeben? Prinz Harry und Herzogin Meghan testen gerade die Grenzen aus.


Das Haus Windsor, es zittert, aber wankt es schon? Die Aufregung im Königreich ist groß, die Stimmung besorgt. Von der konservativen »Times« bis zum progressiven »Guardian«, vom schlichten Yellow-Press-Leser bis zum vermeintlichen Insider der Hofberichterstattung – man hat eine Meinung und, vor allem, ein Gefühl. In diesem Fall: kein gutes.

Eine knappe Woche liegt die Ausstrahlung eines Films im britischen Fernsehen zurück, der die Reise der jüngsten Royal ...

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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 44/2019

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... Family nach Afrika zeigt: Prinz Harry, 35, seine Frau Meghan, 38, und Baby Archie, 5 Monate. Sie sind bei Aids-Hilfe-Initiativen zu sehen, in prekären Wohnvierteln in Kapstadt, bei einer NGO für junge Mädchen, die Selbstverteidigung lernen. Im Naturschutzpark in Bots - wana und einem Krankenhaus für Landminenopfer in Angola, das nach Harrys Mutter, Lady Diana, benannt ist. Das junge Paar im Gespräch mit zutraulichen Kindern und engagierten Lehrern, zu Hause bei einer muslimischen Familie und mit dem emeritierten Erzbischof Desmond Tutu am Altar. Mission accomplished: das Geld der britischen Steuerzahler effizient investiert in Charity und Glamour im dynamischen Gleichgewicht.

Ehepaar Meghan und Harry in Südafrika


AGENCY PEOPLE IMAGE USA

Bei so einem Statement liegen die königstreuen Nerven natürlich blank. Das Publikum hat bei den Queen-Kindern und deren Partnern so ziemlich alles aufmerksam miterlebt, was die moderne Welt an Krisen bereithält: Ehebruch und Scheidungen, frivole Telefonmitschnitte, royale Füße küssende Finanzberater, traurige Geständ - nisse und schreckliche Hüte. Lady Diana, die legendäre »Prinzessin der Herzen«, riss in ihrem Selbstverwirklichungstaumel fast die britische Monarchie mit in den Abgrund. Ihre Wünsche nach wahrer Liebe, Urlaub am Mittelmeer und entspannt aufwachsenden Kindern waren zwar von exzessiver Durchschnittlichkeit, sorgten im Kensington Palace aber für Bulimieattacken, angebliche Selbstmordversuche und Affären und führten schließlich, nach der Scheidung, zu einer Liaison mit dem ägyptischen Playboy Dodi Al-Fayed. Dianas tödlicher Unfall 1997 war das tragische Ende einer jahrelangen, melodramatischen Soap mit dem Titel »Zeige deine Wunde« – die in Großbritannien dazu führte, dass das Prinzip »stiff upper lip« zugunsten öffentlicher Trauer von Millionen Menschen vorübergehend in Vergessenheit geriet. Die Queen allerdings hielt daran fest, was ihre Beliebtheit über Jahre empfindlich schmälerte.

Lady Diana war wie ihre Schwiegertochter Meghan, ein »hugger«, ein Umarmung spendender und suchender Mensch. Doch während William mit Gefühlsäußerungen sparsam ist, hat Harry nicht nur durch eine tur - bulente Adoleszenz (Alkoholabusus, Naziverkleidung und Nacktfotos inklusive), sondern auch mit einer offen - siven Geständniskultur das emotionale Erbe seiner Mutter angetreten. Er sprach über seine Depressionen und über sein Gefangensein »im Goldfischglas« der Monarchie, und immer, wenn er den Tod seiner Mutter erwähnt, ist das Bild des Zwölfjährigen, der unter Mil - lionen stummer Zeugen dem Sarg seiner Mutter durch London folgt, präsent.

Dieser offensichtlichen Traumatisierung durch Dianas gewaltsamen Tod, vermutlich aber auch durch ihr Leben als gehetzter Liebling der Yellow Press, be gegnet Harry mit einer Doppelstrategie: Er zeigt sich als verwundbar, aber er wehrt sich auch. Meghan und er verklagten drei britische Medienkonzerne, die ver - suchen, ebenjenes Glück zu zerlegen, das sie zunächst gefeiert haben.

Anders als bei Diana haben diese Konzerne es nun mit erfahrenen Gegnern zu tun. Harry hat deren Macht nun über Jahre erlitten, Meghan ist selbst eine versierte Agentin der Populärkultur. Der Konflikt wird, das ist die bittere Pointe, von der Yellow Press als Beklagter, als Angreifer wie als vermeintlicher Moderator geführt. Doch auch die britische Bevölkerung, soweit sie sich vom nächsten Akt des Windsor-Dramas erschüttern lässt, hat an der Tragödin Diana erlebt, wie zerstörerisch jene Medien agieren. Und die Jugend hat durch die so - zialen Netzwerke längst eigene widersprüchliche Erfah - rungen gemacht mit der Selbstdarstellung vor Publikum, mit der Abgründigkeit von Sichtbarkeit und Verletzlichkeit. Womöglich wird sich eine relevante Menge von Zuschauern der Lust der Demontage weniger naiv hingeben als zuvor.

Und vermutlich ist eine wirkliche Krise der Monarchie auch vom Publikum gar nicht gewünscht. In der zer - klüfteten britischen Gesellschaft stellt bereits das absurde Theater um den Brexit eine existenzielle Belastungsprobe mit ungewissem Ausgang dar. Die psychische Entlas - tungsfunktion der britischen Monarchie wird längst auch von den meisten ihrer Gegner anerkannt; das Haus Windsor ist gewissermaßen das Haustier Großbritanniens. So wie man in der Familie über die Katze redet – ist sie gut aufgelegt oder verstört, warum lässt sie sich nicht streicheln, sieht sie nicht entzückend aus? –, so stiftet die königliche Familie einen Widerschein von Gemeinschaftsgefühl in Zeiten, da die nationale Identität fraglich ist wie niemals zuvor. Nicht nur durch seine überzeitliche schiere Existenz, sondern auch durch seine chronisch wiederkehrenden Krisen.

Das Zauberwort »authentisch«, das Harry wie Meghan gern gebrauchen, ist einerseits, in Kameras und Mikro - fone gesprochen, ein Widersinn. Aber zugleich ist es ein zeit gemäßes Problem. Authentisch, irgendwie »sie selbst«, das wollen alle sein. Der regierende Edward VIII. hat 1936 für seine authentische Liebe zu Wallis Simpson die Königswürde niedergelegt; das war der erste Akt des modernen Windsor-Dramas. Wir sind nun, vier Windsor- Generationen später, immer noch Zuschauer in dem - selben Stück. Dessen Ausgang, eine vergleichsweise gute Nachricht, durchaus offen ist.