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Emotionale Menschenbilder


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fotoMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 20/2022 vom 07.01.2022

PORTRÄT

Artikelbild für den Artikel "Emotionale Menschenbilder" aus der Ausgabe 20/2022 von fotoMAGAZIN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Echte Emotionen sind schwer planbar. Jedoch können Sie mit passender Musik dem Model dabei helfen, sich in eine bestimmte Stimmung zu versetzen und den Ausdruck von Gefühlen zuzulassen. Alles darf passieren. Model: Laura.

Warum fotografiere ich? Eine simple Frage, aber die Antwort ist nicht so einfach und offensichtlich wie sie vielleicht scheint. Ich habe mir diese Frage vor vielen Jahren gestellt und bis heute sehr oft darüber nachgedacht. Die Porträtfotografie ist in meinen Augen der persönlichste und intimste Bereich der Fotografie. Intimität definiere ich nicht über Nacktheit, sondern über eine Verbindung zu einem Menschen, der diese und damit den Blick auf seine Persönlichkeit und sein Gefühlsleben zulässt. Die Porträtfotografie zeigt Menschen in unterschiedlichen Stimmungen, Emotionen und Situationen. Sie kann berühren, schockieren und zum Nachdenken anregen. Sie kann echt und gleichzeitig gestellt sein. Sie kann den Anspruch haben authentisch zu sein, es aber nie ganz schaffen. In jedem Fall verrät ein Porträt sehr viel über den Menschen: über den Menschen vor und wahrscheinlich noch mehr über den ...

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... Menschen hinter der Kamera! Ich halte Momente fest, die mich begeistern und berühren. Momente, die meine Individualität, meine Persönlichkeit und meine emotionale Situation spiegeln. Über die Fotografie kanalisiere ich mein Innerstes und zeige es der Öffentlichkeit. Mein Anspruch an Emotion, Natürlichkeit und Kunst vereint sich in meiner Bildsprache und soll den Betrachter gleichermaßen anziehen, verharren lassen und beizeiten auch mit einem Fragezeichen zurücklassen.

Um Fotos dieser Art zu kreieren, ist die Auswahl des passenden Models der zentrale Baustein meiner Arbeit. Wenn die Augen der Spiegel zur Seele des Menschen sind, dann ist der Mensch vor meiner Kamera der Spiegel zu meiner eigenen Seele. Nichts beeinflusst meine Porträts so sehr wie die Auswahl des Menschen, der abgebildet wird. Ich benötige für intime und persönliche Fotos Vertrauen und ein positives Gefühl zwischen Model und Fotograf. Dieses Gefühl zu finden, zu verfestigen und in das Foto zu transportieren ist ein Prozess, den ich nicht Zufällen überlassen möchte, sondern durch akribische Vorbereitung bestmöglich gestalte. Auf der Suche nach passenden Modellen achte ich neben Äußerlichkeiten darauf, dass ich mir ein umfangreiches Bild des Menschen mache. Ist er in der Lage und gewillt Emotionen zu zeigen? Kann er meinen künstlerischen Anspruch mittragen? Kurz: Passt dieser Mensch zu mir? In sozialen Netzwerken offenbaren viele Menschen ihr Innerstes. Dem höre ich über einen längeren Zeitraum zu und treffe schließlich eine Bauchentscheidung. Ich versuche stets klar zu kommunizieren, authentisch zu agieren und dem Model offen mitzuteilen, wer ich bin und wofür meine Fotos stehen sollen. Meinen Enthusiasmus für die Fotografie versuche ich auf den Menschen zu übertragen. Ich möchte ihn begeistern, ihn anstecken und dazu ermutigen, er selbst zu sein. Ein englischer Begriff, den ich sehr mag, ist Empowering. Darunter verstehe ich die Freisetzung von verborgenen Kräften und Fähigkeiten. Die Fotografie hat unter bestimmten Voraussetzungen eine entfesselnde Kraft, die es zu finden und zu nutzen gilt. Sowohl Model als auch Fotograf sollten bereit sein, für das Foto mit Hingabe und Freude zu arbeiten. Wenn das gelingt, entstehen besondere Momente.

»Ich benötige ein positives Gefühl zwischen Model und Fotograf.«

Roman Dejon

MUSIK-BOX

Der Einsatz von Musik während des Fotografierens ist keine neue Erfindung. Allerdings ist das Abspielen bestimmter Titel, um eine gewünschte Bildsprache zu unterstützen, selten anzutreffen. Emotionale Bildsprache im Filmund Porträtbereich wirkt mit ausgewählter Musik wesentlich intensiver. Stellen Sie sich vor, ein Schauspieler könnte bereits während des Drehs die Filmmusik hören. Es würde ihm vermutlich helfen, sich noch intensiver in die Rolle hineinfühlen zu können. Dieses Prinzip übertrug ich auf meine Porträtfotografie, um eine filmähnliche Atmosphäre zu schaffen. Alle Models dürfen sich frei zur Musik entfalten. Auszüge finden Sie in meiner Spotify-Playlist „Emotional Raw –

Emotional songs for Portrait Photographers“.

Um die Individualität von Model und Fotograf zu vereinen, nutze ich kleine Setups. Dabei gilt es ein paar Punkte zu beachten. Dazu gehören Orte, die meinen Bildstil und meine Idee unterstützen. Je mehr Ablenkung die Umgebung bietet, desto weniger Aufmerksamkeit erhält der Mensch. Vollgestellte Räume werden schnell von Mobiliar befreit und bieten danach eine ruhige Umgebung, die mit gezielten Akzenten – wie einzelnen Möbelstücken oder Accessoires – eine unterstützende Wirkung erreicht. Draußen halten selbst ein simpler Acker oder eine Holzwand genug Spielraum für stimmungsvolle Fotos bereit. Durch den kreativen Einsatz von unterschiedlichen Perspektiven, Entfernungen, Störern, Schärfeverläufen und äußeren Umständen wie Wind, direktes Sonnenlicht oder Regen verleihen Sie Ihrem Porträt mehr Dynamik und Dramatik.

Meine Fotos entstehen nahezu ausnahmslos mit natürlichem Licht. Available Light kann im Innenbereich gezielt wie eine künstliche Lichtquelle eingesetzt werden. Im Gegensatz zu Streulicht im Außenbereich schaffen ein Fenster oder eine offene Tür ein relativ statisches Licht mit einer bestimmten Charakteristik, mit der ich versuche, die gewünschte Lichtstimmung zu erreichen. Nahezu jedes Fenster, egal zu welcher Himmelsrichtung ausgerichtet, bietet selbst bei schwachem Licht genug Möglichkeiten, um mit einem lichtstarken Objektiv wunderbare Charakter-Porträts zu erzeugen. Dagegen kann ich im Außenbereich mit schnell wechselnden Lichtsituationen konfrontiert werden. Direktes, hartes Sonnenlicht ist ein kunstvolles Stilmittel und erzeugt – je nach Sonnenstand – im Gesicht und in der Umgebung harte Schatten, die Surrealität und Dramatik verleihen. Etwas einfacher zu handhaben ist schwaches und diffuses Licht, bei dem Haut und Darstellung weicher und weniger aufdringlich wirken. Eine Rücksicht auf die Wetterlage sowie die Auswahl der Tageszeit spielen im Außenbereich eine größere Rolle und können somit entscheidend für die Stimmung des Fotos sein. Gerade im Abendlicht bei tief stehender Sonne und länger werdenden Schatten können schöne Ergebnisse erzielt werden, da das Licht schwächer und der Beleuchtungswinkel flacher als mittags ist. Egal ob indoor oder outdoor, ich versuche das Set minimalistisch und einfach zu halten, um mich bei der Arbeit auf den Menschen und die Gestaltung des Fotos zu konzentrieren.

Outfits und Make-up spielen auf meinen Fotos eine untergeordnete Rolle, sind aber nicht zu vernachlässigen. Ich habe den Anspruch, Menschen echt und unverfälscht zu zeigen. Deshalb gibt es nur ein minimales Make-up, das nicht als Maske benutzt wird, hinter der sich das Model verstecken kann. Sehr bedeutsam ist das Styling der Haare. Lange Haare setze ich variabel ein, um verschiedene Bild-Looks zu kreieren. Offen getragene lange Haare stehen für Natürlichkeit, Weiblichkeit und Verführung. Das Gegenstück bilden zusammengebundene Haare, die ein Symbol für Entsexualisierung, Bändigung und Einschränkung sind. Nasse Haare erzeugen ein Gefühl von Leidenschaft und Intensität. In Kombination mit wechselnden Outfits kann ich somit eine Vielzahl von unterschiedlichen Fotos machen und das Shooting wird ergiebiger. Die Auswahl der Outfits überlasse ich selten dem Zufall. Je nachdem, ob ich in Schwarzweiß oder Farbe fotografiere, indoor oder outdoor, erarbeite ich mit dem Model die passende Kleidung. Für SW-Fotos eignen sich stärkere Kontraste besser als Halbtöne, die im Endeffekt in Grautönen enden. Auch hier gilt für mich die Regel, dass die Outfits unterstützen, aber nicht die Hauptrolle übernehmen sollten. Je besser ich diese Faktoren vorbereite, umso weniger Überraschendes und zusätzliche Arbeit erwarten mich am Set und in der Postproduktion.

BIOGRAFIE

Roman Dejon (47) lebt im Kreis Wesel/NRW. Die Fotografie entdeckte er während seiner Schulzeit. Seit 2012 liegt sein Schwerpunkt auf der künstlerischen Porträtfotografie. Seine zeitlosen, ausdrucksstarken und häufig in Schwarzweiß gehaltenen Bilder sind geprägt von Purismus und einer für den Betrachter faszinierenden Intimität. Dejon prägte den Begriff „Emotional Raw“, der auch als Titel über seiner WorkshopReihe steht.

www.dejonphotography.com

Instagram.com/romandejon

»Das Objektiv ist das Nadelöhr Ihrer Fotografie.«

Roman Dejon

Wenn Sie den Anspruch haben, kunstvolle Porträts zu fotografieren, werden Sie zwangsläufig merken, dass dieses Genre mit Ihrem eigenen Stil und Ihrem Wiedererkennungswert verbunden ist. Kunst hat keine Definition. Es geht um Subjektivität und Geschmack. Prinzipiell können Sie mit wenigen Hilfsmitteln aus einem einfachen ein interessantes Porträt kreieren. Störer, Prismen, Rauch oder Lichtreflexionen helfen dabei, dem Foto eine gewisse Würze zu geben.

Fotografieren ist für mich mehr Gefühl als Technik. Heutige Kameras bieten eine Vielzahl von Automatiken, die selbst Anfängern die Angst vor vielen Knöpfen und notwendigen Einstellungen nimmt. Auto-ISO und Zeitautomatik helfen, schnell passable Ergebnisse zu erhalten, ohne sofort am manuellen Modus zu verzweifeln und eventuell den Spaß zu verlieren. Ich empfehle vor allem ein sehr gutes, lichtstarkes Objektiv. Das Objektiv ist das Nadelöhr Ihrer Fotografie. Unabhängig von Ihrer Kamera kann es über die Bildqualität, den Einsatzbereich (enge Räume) und den künstlerischen Gestaltungsspielraum entscheiden. Lichtstarke Festbrennweiten gepaart mit einer hohen ISO-Einstellung erlauben selbst bei sehr schwachem Licht wunderbare Ergebnisse, die den Einsatz von Kunstlicht überflüssig machen. Diese etwas verrauschten Fotos empfinde ich persönlich als wesentlich charmanter als scharfe Ergebnisse. Dennoch ist die Technik nie das entscheidende Element, sondern derjenige, der sie bedient.