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Empfindlichkeit des Graureihers gegenüber Windenergieanlagen


Naturschutz und Landschaftsplanung - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 29.07.2021

Eingereicht am 07. 10. 2020, angenommen am 23. 03. 2021

Abstracts

Zur Empfindlichkeit des Graureihers (Ardea cinerea) gegenüber Windenergieanlagen (WEA) ist bisher nur wenig publiziert worden. Im Rahmen der vorliegenden Studie ergab sich die Möglichkeit, das Verhalten des Graureihers im Umfeld eines bestehenden Windparks vor und nach Erweiterung um zusätzliche Windenergieanlagen zu untersuchen. Die Brutkolonie des Graureihers befindet sich etwa 660 m südlich des Windparks. In den Jahren 2016 bis 2018 wurde der Windpark erweitert und reicht nun bis circa 230 m an die Brutkolonie heran. Vor Umsetzung der Erweiterung wurde im Jahr 2015 eine Raumnutzungsanalyse durchgeführt, die nach Umsetzung der Erweiterung wiederholt wurde. Es sollte festgestellt werden, ob Verlagerungen in der Raumnutzung im Sinne eines Meidungseffekts erkennbar sind und sich das Kollisionsrisiko verändert hat. Die Untersuchungen ...

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... hatten das Ziel, aus dem beobachteten Verhalten der Graureiher Hinweise und Empfehlungen für die Planungspraxis hinsichtlich Mindestabständen zwischen einem Koloniestandort und einem geplanten Windenergievorhaben abzuleiten.

Es wurden 2015 und 2019 insgesamt 7.176 Flüge von Graureihern erfasst. 95,5 % der Flüge fanden unterhalb von 50 m statt. Die Graureiherkolonie war von etwa 30 auf etwa 65 Brutpaare angewachsen. Während der zweijährigen Schlagopfersuche wurden zudem keine Graureiher als Kollisionsopfer festgestellt. Sensitivity of the Grey Heron to wind turbines – Results of a BACI study Little has been published on the sensitivity of the Grey Heron (Ardea cinerea) to wind turbines. The present study provided the opportunity to investigate the behaviour of Grey Heron in the vicinity of an existing wind farm before and after expansion with additional wind turbines. The Grey Heron breeding colony is located about 660m south of the wind farm. Between 2016 and 2018, the wind farm was expanded and now extends to approximately 230 m from the breeding colony. Prior to implementation of the extension, a flight activity study was carried out in 2015, which was repeated after the implementation of the extension. The aim of the studies was to determine whether shifts in spatial use in the sense of an avoidance effect are discernible and whether the collision risk has changed. The studies aimed to derive indications and recommendations for planning practice regarding minimum distances between a colony site and a planned wind energy project from the observed behaviour of the Grey Herons.

A total of 7,176 Grey Heron flights were recorded in 2015 and 2019. 95.5 % of the flights took place below 50 m. The Grey Heron colony had grown from about 30 to about 65 breeding pairs. Furthermore, no Grey Herons were detected as collision victims during the two-year strike victim search.

1 Einleitung

Für den Graureiher wird nach aktuellem Wissensstand eine grundsätzlich vorhandene Empfindlichkeit gegenüber Windenergieanlagen angenommen. Spezielle Untersuchungen zu dieser Art haben jedoch bislang in nur begrenztem Umfang stattgefunden. Generelle Aussagen zum Meideverhalten des Graureihers gegenüber Windenergieanlagen werden beispielsweise in Schoppenhorst (2004) (als Brutvogel) und Steinborn et al. (2011) (als Gastvogel) getroffen. Darüber hinaus verweisen Langgemach & Dürr (2020) auf das Monitoring einer Brutkolonie im Umfeld eines Windparks. Im Hinblick auf die Schlaggefährdung der Art durch Windenergieanlagen kann auf die Angaben in Dürr (2020) sowie Bernotat & Dierschke (2016) verwiesen werden. Untersuchungen von konkreten Auswirkungen eines realisierten Windenergievorhabens auf den Graureiher als Brutvogel fehlen bislang. An dieser Stelle setzt die vorliegende Studie an. Sie befasst sich mit einer Brutkolonie des Graureihers in der Gemeinde Ovelgönne im niedersächsischen Landkreis Wesermarsch. Dort wird im Bereich der Ortslage Oldenbroker Feld seit 2001 ein Windpark bestehend aus 13 Windenergieanlagen der 1,65- bis 2-MW-Klasse betrieben (Vestas V66 und V80). Durch Änderungen des Flächennutzungsplans der Gemeinde wurden die planungsrechtlichen Voraussetzungen für die Genehmigung von mittlerweile zwölf weiteren Anlagen geschaffen, die bis Ende 2018 sämtlich in Betrieb gegangen sind. Bei den neuen Anlagen handelt es sich um WEA des Typs Vestas V112, 3,3/3,45 MW mit einer Nabenhöhe von etwa 143 m und einer Gesamthöhe von etwa 199 m.

Nach den Ergebnissen der Brutvogelkartierung 2015 befand sich in einem Wäldchen etwa 660 m südlich des vorhandenen Windparks eine Brutkolonie des Graureihers. Sie umfasste seinerzeit mindestens 30 Brutpaare und liegt am westlichen Rand eines Schwarzerlenbestandes. Durch die Erweiterung des Windparks wurde der Abstand zur Kolonie auf etwa 230 m verringert.

Im Zuge der Vorbereitung des Genehmigungsverfahrens für die Erweiterung wurde 2015 eine vertiefte Raumnutzungsanalyse durchgeführt. Es sollte ermittelt werden, ob der bestehende Windpark die Graureiher beeinträchtigt und ob eine Windparkerweiterung eine artenschutzrechtliche Konfliktlage erzeugt. Zudem sollte auf diesem Wege die Wissensbasis zum Thema Graureiher und Windenergie erweitert werden.

Nach dem Bau der Windparkerweiterung wurde die vertiefte Raumnutzungsanalyse wiederholt. Insbesondere sollte geklärt werden, ob sich durch die geringe Distanz eines Teils der neuen WEA sowie durch die deutlich größeren Anlagentypen das Flugverhalten der Graureiher verändert hat oder Auswirkungen auf den Bestand der Kolonie erkennbar sind. Es sollte überprüft werden, ob sich Flugwege verlagert haben, andere Schwerpunkte in der Raumnutzung erkennbar sind und ob sich die Konfliktlage in Bezug auf das Kollisionsrisiko verschärft hat.

2 Untersuchungsgebiet

Das Untersuchungsgebiet (UG) befindet sich im Landkreis Wesermarsch im Nordwesten von Niedersachsen. Es liegt in der Gemeinde Ovelgönne und erstreckt sich südöstlich der Bundesstraße B211 (Abb. 1). Wohnbaulich genutzte Bereiche sowie Hofgebäude sind innerhalb des untersuchten Raumes lediglich an einzelnen Stellen vorhanden. Das UG ist dem Naturraum Watten und Marschen zuzuordnen und liegt gänzlich innerhalb der Landschaftseinheit Stedinger Marsch. Die Stedinger Marsch ist als weiträumiges und von Grünlandflächen geprägtes Marschengebiet mit einem nur geringen Anteil an Gehölzbeständen zu charakterisieren (Landkreis Wesermarsch 2016). In einem flächig ausgeprägten Gehölzbestand am Oberhörner Hellmer befindet sich die Graureiherkolonie. Das UG wird überwiegend als Grünland genutzt. Die einzelnen Schläge werden durch ein stellenweise engmaschiges Netz an Gräben entwässert. Das nördliche UG wird durch das Fließgewässer Käseburger Sieltief durchlaufen. Nördlich und südlich dieses Gewässers befindet sich der Windpark Oldenbroker Feld.

Die Graureiherkolonie bestand 2015 aus 30 Brutpaaren und befand sich in einem Wäldchen aus Schwarzerlen etwa 660 m südlich des Windparks Oldenbroker Feld mit 13 WEA (Abb. 2). Nach den Raumnutzungskartierungen im Jahr 2015 wurden weitere zwölf WEA errichtet, sodass der Windpark im Jahr 2019 insgesamt 25 WEA umfasste. Die am nächsten gelegene WEA befindet sich in etwa 230 m Entfernung zur Graureiherkolonie. Im Jahr 2019 war die Graureiherkolonie auf circa 65 Brutpaare angewachsen und hatte sich in der Ausdehnung nach Osten vergrößert (Abb. 3).

3 Methode

3.1 Erfassung

3.1.1 Raumnutzungsanalyse

Die durchgeführten Raumnutzungsbeobachtungen richten sich nach den Vorgaben aus MU Niedersachsen (2016) und Scottish Natural Heritage (2017).

2015 wurden vier Beobachtungspunkte eingerichtet, von denen aus sowohl die Graureiherkolonie, der Bestandswindpark, die Erweiterungsflächen als auch unbeplante Referenzflächen beobachtet werden konnten. Es wurden zwischen Anfang März und Mitte Juli 2015 insgesamt 17 Termine mit 88 Stunden Beobachtungszeit je Beobachtungspunkt durchgeführt. 2019 wurde ein weiterer Beobachtungspunkt eingeführt, für die hier stattfindenden Vergleiche wird aber stets das in beiden Jahren gleichmäßig beobachtete Gebiet herangezogen. Damit ist diejenige Fläche gemeint, die sowohl 2015 als auch 2019 in weitestgehend gleicher Art und Weise eingesehen werden konnte (vergleiche Abschnitt 4.1). 2019 wurden Daten aus 16 Terminen mit insgesamt 68 Stunden Beobachtungszeit je Beobachtungspunkt verwendet. Durch den fünften Beobachtungspunkt 2019 sind einige Fluglinien im Norden entsprechend verlängert worden, eigene Beobachtungen des Beobachtungspunktes sind nicht in den Vergleich eingeflossen. In der Abbildung (Abb. 3) sind die Beobachtungspunkte und der in beiden Jahren gleichmäßig beobachtete Bereich dargestellt. In der Abbildung sind ebenso der Bestandswindpark, die Erweiterungsfläche sowie die Referenzfläche eingezeichnet.

2019 wurde ein Termin weniger durchgeführt, da die Jungvögel in diesem Jahr gegenüber 2015 früher flügge geworden sind. Auch die Zeitdauer pro Beobachtungspunkt war unterschiedlich. Waren es 2015 durchschnittlich sechs Stunden pro Beobachtungspunkt, wurde die Beobachtungszeit 2019 auf vier Stunden begrenzt, um die notwendige Konzentrationsspanne kurz zu halten. Für die Vergleiche der Aktivität zwischen 2015 und 2019 wurde die unterschiedliche Beobachtungsdauer herausgerechnet (vergleiche Abschnitt 3.2).

Bei den Beobachtern handelte es sich um Ornithologen mit langjähriger Erfahrung im Bereich der Raumnutzungsbeobachtungen. Grundsätzlich wurde der gesamte Luftraum im 360-Grad-Winkel abgedeckt, wobei die Ausrichtungen der Punkte eine Präferenzrichtung vorgegeben haben. Die Beobachtungen fanden mit Fernglas und Spektiv statt. Doppelbeobachtungen wurden möglichst schon vor Ort via Handfunkgeräten aufgeteilt. Spätestens aber nach Beobachtungsende wurden die Beobachtungen der einzelnen Punkte abgeglichen und doppelte Beobachtungen herausgelöscht. Damit sollte verhindert werden, dass es zu Artefakten wie scheinbaren Schwerpunkträumen in den überlappenden Beobachtungsbereichen kommt.

Die Beobachtungspunkte wurden aus logistischen Gründen nicht immer parallel aufgesucht. In der Regel waren zwei Punkte gleichzeitig besetzt, ein Beobachtungstermin teilte sich dann auf zwei Tage mit jeweils zwei oder drei besetzten Beobachtungspunkten auf.

Die Beobachtungen wurden mit Anzahl der Individuen, Uhrzeit, Flugdauer, Höhenklasse und Verhalten in Karte und Protokoll eingetragen. Die Höhenklassen orientierten sich an der Rotorhöhe der geplanten WEA zuzüglich eines (insbesondere im Übergangsbereich von bodennah bis Rotorhöhe vorsorglich festgelegten) Puffers. Eingeteilt wurde in: „am Boden“, „0–50 m“, „50–200 m“ und „über 200 m“. Vorhandene WEA und Stromleitungen halfen bei der Einschätzung der Höhenklasse.

Die Untersuchungen fanden vor und nach dem Bau der WEA statt und deckten sowohl die Windpark- als auch unbeeinträchtigte Referenzflächen ab (Abb. 3). Für die Erweiterungsfläche des Windparks kann die Untersuchung somit als sogenannte BACI Studie (Before-After-Control-Impact) bezeichnet werden (vergleiche May et al. 2017).

3.1.2 Schlagopfersuche

Im Rahmen eines Monitorings für Fledermäuse erfolgte 2017 und 2018 an zwei neu errichteten WEA eine Schlagopfersuche. Als Standorte wurden die südlichste und die östlichste WEA ausgesucht. Nach May et al. (2011) sind besonders die äußeren WEA eines Windparks von Kollisionen betroffen, daher sollten die Ergebnisse für die Graureiher von besonderer Bedeutung sein. Die Schlagopfersuche fand in beiden Untersuchungsjahren jeweils vom 10. April bis zum 19. Oktober im dreitägigen Rhythmus an insgesamt 130 Terminen statt. Dabei wurde ein Radius von 50 m um den Anlagenfuß in Reihen oder in spiralförmigen Kreisen mit einem Reihenabstand von 2–4 m abgesucht. Begonnen wurde mit der Suche in den frühen Morgenstunden, je nach Bewölkung ab Sonnenaufgang oder bis zu einer halben Stunde danach. Die Reihenfolge, in der die zwei WEA abgesucht wurden, wurde bei jedem Termin gewechselt. Die Dauer der Suche pro Anlage betrug bei vollständiger Absuchbarkeit 45 Minuten.

3.2 Auswertung

Für die Auswertung wurden zunächst alle Flugbeobachtungen in QGIS digitalisiert. Die einzeln digitalisierten Flugbewegungen wurden anschließend für eine erste Übersicht summarisch dargestellt.

Für den Vergleich der Daten von 2015 und 2019 wurden die Ergebnisse auf den Bereich reduziert, der in beiden Untersuchungsjahren gleichmäßig beobachtet wurde (Abb. 3). Dies gilt sowohl für den Vergleich der Fluglinien in Kap. 4.1.1 als auch im Besonderen für die Vergleiche, die mit Hilfe eines 250 × 250 m-Raster durchgeführt werden. Die Rasterweite von 250 m wurde gewählt, um Lageungenauigkeiten in der Einzeichnung der Flugbewegungen auszugleichen und keine Scheingenauigkeiten zu erzeugen. Um die unterschiedliche Erfassungsdauer zwischen den beiden Untersuchungsjahren auszugleichen, wurde der Datensatz 2019 mit dem entsprechenden Zeitkorrekturfaktor multipliziert. 2015 wurden 88 Beobachtungsstunden je Beobachtungspunkt kartiert, 2019 waren es 68 Beobachtungsstunden. Entsprechend wurde die Anzahl der Flugbewegungen je Rasterzelle 2019 mit 1,2941 multipliziert. Für die Vergleiche zwischen 2015 und 2019 wurden die Rasterzellen, die die Kolonie umschließen, ausgenommen. Hier waren die höchsten Aktivitäten (und damit extreme Ausreißer im Datensatz) zu verzeichnen. Die Vergleiche sollen die gegebenenfalls unterschiedliche Raumnutzung der landwirtschaftlichen Nutzflächen herausarbeiten, daher kann die Kolonie selbst unberücksichtigt bleiben.

Folgende Datensätze wurden für die Jahre 2015 und 2019 verglichen:

1) Aktivität in den Rasterzellen des Windparks (Fläche des Windparks siehe Abb. 3) vor und nach dem Bau der WEA,

2) Aktivität in den Rasterzellen außerhalb des Windparks (Referenzfläche) vor und nach dem Bau der WEA und

3) Änderung der Aktivität innerhalb des Windparks versus außerhalb des Windparks.

Für den dritten Fall wurde in den Rasterzellen die Anzahl der Flugbewegungen 2015 von der zeitkorrigierten Anzahl der Flugbewegungen 2019 abgezogen. Negative Werte bedeuten eine Abnahme der Aktivität, positive Werte eine Zunahme.

Für den Vergleich der Beobachtungen aus den zwei Erfassungsjahren wurde zunächst unabhängig von der zu bearbeitenden Fragestellung die Ausprägung der erhobenen Datenreihen überprüft. Der statistische Vergleich zweier Stichproben mittels parametrischer Testverfahren (im vorliegenden Fall wären dies der Zweistichproben-t-Test für unabhängige sowie der Paardifferenz- oder paired t-test für verbundene Stichproben) setzt unter anderem normalverteilte Daten voraus. Eine Überprüfung der Normalverteilung der Stichproben wurde mit dem Kolmogorov-Smirnov-Test sowie dem Shapiro-Wilk- Test vorgenommen. Die im Untersuchungsgebiet erhobenen Datenreihen sind nicht normalverteilt. In diesem Fall kann ein statistischer Vergleich zweier Stichproben mithilfe nichtparametrischer Testverfahren erfolgen. Für verbundene Stichproben (Vorher- Nachher-Vergleiche) wurde der Wilcoxon- Vorzeichen-Rang-Test, für unverbundene Stichproben (Vergleich der Differenzwerte) der Wilcoxon-Mann-Whitney-Test (oder U- Test) angewendet. Die einzelnen Ergebnisse sind in Tabellenform im Online-Supplement zu diesem Beitrag unter dem Webcode NuL2231 dargestellt.

Durchgeführt wurden die Tests mit dem Statistikprogramm R in der Version 3.6.1.

4 Ergebnisse

4.1 Störungsaspekt

4.1.1 Übersicht

In der folgenden Abbildung (Abb. 4) sind alle Flüge von 2015 und 2019 dargestellt, die im Bereich der gleichmäßigen Beobachtung erfasst wurden. 2015 wurden insgesamt 3.111 Flüge kartiert, 2019 konnten 4.065 Flüge im gleichwertig beobachteten Bereich festgestellt werden. Zeitkorrigiert wären es etwa 5.260 Flüge im Jahr 2019. Dies entspricht einem Faktor von 1,7, der auf die Verdopplung der Brutpaarzahl zurückzuführen ist. An den vier Beobachtungspunkten wurden 2015 durchschnittlich zwischen fünf und zwölf Flüge pro Stunde beobachtet, 2019 waren es zwischen sechs und 18 Flüge pro Beobachtungsstunde.

Die Fluglinien zeigen ausgehend von der Kolonie in beiden Jahren in etwa eine Gleichverteilung auf die Himmelsrichtungen mit einem leichten Schwerpunkt in Richtung Norden. Der Bestandswindpark Oldenbroker Feld 2015 wie auch die neu gebauten WEA stellen offensichtlich kein Hindernis dar, das großräumig umflogen wird – es gibt zahlreiche Flüge durch den Windpark. Entlang des Fließgewässers „Käseburger Sieltief“ von Südwest nach Nordost (rote Linie in Abb. 4) deutet sich eine Grenze an, hinter der die Flugaktivität abnimmt.

4.1.2 Vorher-Nachher-Vergleich (BACI)

Für den Vorher-Nachher-Vergleich wurden die Daten zeitkorrigiert und auf den Bereich zugeschnitten, der sowohl 2015 als auch 2019 gleichmäßig beobachtet wurde. Ein besonderes Augenmerk liegt auf den Veränderungen im Windparkbereich und im Referenzgebiet seit dem Zubau der neuen WEA. Anhand der Farben in den Rasterzellen ist eine höhere Gesamtaktivität im Jahr 2019 erkennbar, die sich durch die erhöhte Brutpaarzahl ergibt.

2015 gab es ausgehend von der Kolonie einen leicht nordwestlichen Schwerpunkt in der Flugaktivität. In beiden Jahren ist der Verlauf des Fließgewässers als beeinflussender Faktor für die Flugaktivität erkennbar, der Effekt ist 2019 stärker ausgeprägt (vergleiche Abschnitt 4.1.1). 2019 hat sich die Kolonie nach Osten ausgebreitet – entsprechend hat auch die Aktivität ausgehend von der Kolonie in Richtung Osten zugenommen. Im Westen des Untersuchungsgebietes nahm die Flugaktivität in Teilbereichen ab, in anderen Bereichen nahm sie zu. Abnahmen und Zunahmen sind sowohl in Rasterzellen in der Nähe von WEA-Standorten als auch in größerer Distanz (im Referenzgebiet) festzustellen.

Um die erkennbaren Ergebnisse statistisch zu überprüfen, wurden folgende Datensätze (ohne die „Rasterzellen der Kolonie“, siehe Abb. 5) gegeneinander getestet (Abb. 6):

1. Aktivität in den Rasterzellen des Windparks vor und nach dem Bau der WEA und

2. Aktivität in den Rasterzellen außerhalb des Windparks (Referenzfläche) vor und nach dem Bau der WEA.

Im ersten Test werden die Aktivitäten im Windpark (zur Abgrenzung des Windparks siehe Abb. 5) vor und nach dem Bau der neuen WEA verglichen. Es wurde einseitig getestet, ob die Aktivität vor dem Zubau der WEA höher war. Diese Annahme muss durch das deutliche Ergebnis des Signifikanztests verworfen werden (Wilcoxon signed rank test: p = 0,97). Im zweiten Test wird das Gleiche für die Rasterzellen des Referenzgebietes durchgeführt. Die Anzahl der Flugbewegungen je Rasterzelle sind leicht niedriger als im Windpark. Auch hier gab es eine Zunahme der Aktivität zwischen 2015 und 2019. Es lassen sich aber auch hier keine signifikanten Unterschiede zwischen den Datenreihen der beiden Jahre feststellen (Wilcoxon signed rank test: p = 0,06).

Die moderate Zunahme der Aktivität vor dem Hintergrund einer Verdopplung der Brutpaarzahlen wurde in Abschnitt 4.1.1 bereits betrachtet. Um dem augenscheinlichen Ergebnis einer vorwiegenden Zunahme an Flugaktivität im Nahbereich um die Kolonie nachzugehen, wurde ein weiterer Vorher- Nachher-Test nur für die neun Rasterzellen der Kolonie (siehe Abb. 5) durchgeführt. Im Ergebnis hat die Flugaktivität deutlich zugenommen, der Unterschied ist hochsignifikant (Wilcoxon signed rank test, p < 0,01, siehe die Tabellen im Online-Supplement unter Webcode NuL2231).

Um die Unterschiede in der Aktivität zwischen 2015 und 2019 in den Rasterzellen deutlicher hervorzuheben, wurden in der folgenden Darstellung (Abb. 7) die Flugaktivitäten voneinander abgezogen. Werte unter Null bedeuten eine Abnahme der Aktivität, Werte über Null bedeuten eine Zunahme.

Zunahmen in der Flugaktivität sind abgesehen von der Kolonie selbst insbesondere im Bereich des Altwindparks zu erkennen. Im Bereich der neu errichteten WEA gibt es bei drei WEA-Standorten Zunahmen und bei vier Standorten Abnahmen. Auch im Referenzgebiet gibt es deutliche Zunahmen und deutliche Abnahmen der Aktivität. Eine Abnahme der Flugaktivität im Bereich des Windparks und eine Zunahme im Referenzgebiet im Sinne eines Meideeffektes lassen sich nicht erkennen. Die Unterschiede sind nicht signifikant (Wilcoxon rank sum test: p = 0,58).

4.2 Kollisionsaspekt

Für die Abschätzung des Kollisionsrisikos ist das Flugverhalten und hierbei insbesondere die Flughöhe der Graureiher von entscheidender Bedeutung. Die Beobachtungen wurden derart durchgeführt, dass auch Informationen über den Flughöhenwechsel vorlagen. Insgesamt konnten auf diese Weise 7.433 Flugabschnitte protokolliert werden. 95,5 % der Flugabschnitte wurden unterhalb von 50 m kartiert, 4,4 % in der Höhe von 50– 200 m und nur 0,1 % in Höhen über 200 m (Abb. 8). Im Rahmen der Beobachtungen konnte festgestellt werden, dass die meisten Flüge sehr bodennah stattfanden und die Höhe von 50 m damit deutlich unterschritten wurde. Eine detailliertere Aufnahme der Höhenverteilung wurde jedoch nicht vorgenommen.

Im Gelände zeigte sich eine leichte Häufung der Flüge in Höhen über 50 m in Richtung Norden. Hier könnte ein Zusammenhang mit der quer durch das Gebiet verlaufenden Freileitung vorliegen, die als Hindernis wahrgenommen und überflogen wird.

Im Rahmen der Schlagopfersuche aus den Jahren 2017 und 2018 (siehe Abschnitt 3.1.2) wurden keine Graureiher als Schlagopfer gefunden. Auch während der gesamten sonstigen Kartierzeit (Brut- und Rastvögel, Fledermäuse, Raumnutzungsuntersuchungen) in den Jahren 2014, 2015, 2016 und 2019 konnten unter den Windenergieanlagen keine toten Graureiher als Zufallsfunde festgestellt werden. In der gesamten Zeit wurde ein toter Graureiher unter der Freileitung gefunden, in einem Abstand zum Windpark von mehreren hundert Metern (Abb. 9).

5 Diskussion

5.1 Methodenkritik („Wir sind nicht im Labor“)

Naturwissenschaftliche Freilanduntersuchungen müssen sich an den örtlichen Gegebenheiten orientieren. Aus finanziellen und logistischen Gründen wird es wohl nur äußerst selten gelingen, einen Versuchsaufbau so zu gewährleisten, dass alle Parameter, die die Verteilung einer Vogelart in ihrer Raumnutzung beeinflussen können, erfasst oder im Idealfall bei einer Vorher-Nachher- Untersuchung sogar konstant gehalten werden. Dies ist natürlich auch in der vorliegenden Untersuchung nicht der Fall. Bereits die Verdopplung der Brutpaare und die flächenmäßige Vergrößerung der Kolonie haben einen erheblichen Einfluss auf die Aktivitätsverteilung in der Raumnutzung. Hinzu kommen weitere mögliche beeinflussende Parameter von unterschiedlichem Ursprung, etwa Witterung, Grundwasserstand und Ausprägung von temporären Oberflächengewäsern, Störungen durch Fahrradfahrer/Spaziergänger mit Hunden, Intensität der landwirtschaftlichen Nutzung und so weiter. Auch müssten im Idealfall bei Vorher-Nachher-Untersuchungen dieselben Beobachtungspunkte von denselben Beobachtern in derselben Reihenfolge besetzt werden, um eine größtmögliche Vergleichbarkeit zu erreichen.

Alle diese weiteren potenziell beeinflussenden Parameter wären dann besonders zu diskutieren, wenn sich deutliche Unterschiede zwischen den beiden Erfassungsjahren ergeben hätten. Sind keine oder nur geringe Unterschiede vorhanden, so spielen neben dem hier betrachteten Parameter „Windenergieanlage“ auch die weiteren Parameter und deren potenzielle Unterschiede zwischen den beiden Erfassungsjahren keine entscheidende Rolle.

In den Ergebnissen deutete sich das Fließgewässer „Käseburger Sieltief“ als eine die Aktivität der Graureiher beeinflussende Struktur an. Zum einen stellt das Fließgewässer ein Jagdhabitat dar, das vermehrt angesteuert wurde, zum anderen handelt es sich aber auch laut Aussagen der Kartierer um ein Artefakt, das sich aus Sichtverschattungen durch Gehölze und dem Zuschnitt der Beobachtungsbereiche ergab. Diese Sichtverschattung hat durch Aufwuchs der Gehölze zwischen 2015 und 2019 zugenommen. Da hierdurch möglicherweise die Aktivität in der Windparkerweiterungsfläche nach dem Bau der WEA unterschätzt wurde, kann der Faktor aus unserer Sicht vernachlässigt werden, zumal eine Erhöhung der Ak-stivität nicht zu anderen Erkenntnissen in dieser Arbeit geführt hätte.

Ausgehend von einer Verdopplung der Brutpaarzahlen wäre zunächst eine Verdopplung der Flugbewegungen anzunehmen, der Faktor lag aber für die Fläche des gleichwertig beobachteten Gebietes nur bei 1,7. In ihrer Häufigkeit waren die Flugbeobachtungen sehr ungleichmäßig über das Gebiet verteilt. Der größte Zuwachs an Flugbewegungen (hier kam es tatsächlich zu einer Verdopplung der Aktivität) war im Nahbereich um die Kolonie zu verzeichnen, wohingegen in der Fläche die Unterschiede geringer ausfielen. Eine mögliche Erklärung ist die potenziell bessere Nahrungsverfügbarkeit durch die starke Zunahme der Wühlmauspopulation im Jahr 2019, die insbesondere in der Wesermarsch zu großen Schäden am Grünland führte (Landwirtschaftskammer Niedersachsen 2020). Auch in diesem Fall wird keine Beeinträchtigung des Ergebnisses abgeleitet, da nicht davon auszugehen ist, dass die Mäusepopulation zwischen Windpark und Referenzgebiet unterschiedlich verteilt war und somit Meidungseffekte trotz einer veränderten Nahrungsverfügbarkeit hätten erkennbar sein müssen.

Die größte Anzahl aufgezeichneter Flugbewegungen pro Beobachtungsstunde und -punkt lag im Jahr 2015 bei 39 Flügen und im Jahr 2019 bei 40 Flügen. Diese 40 Flugbewegungen pro Stunde könnten dem Maximum entsprechen, das ein Kartierer bei dieser Art der Raumnutzungsbeobachtung für den Graureiher leisten kann (neben einer kartografischen Abbildung des beobachteten Fluges werden diverse Parameter – Anzahl, Uhrzeit, Dauer, Höhenklasse, Flugverhalten – protokolliert). Allerdings wurden diese hohen Werte nur während weniger Stunden erreicht. 2015 war es eine Beobachtungsstunde mit über 30 Fluglinien, 2019 waren es fünf Beobachtungsstunden mit über 30 Flugbeobachtungen. Wäre mit 40 Flugbeobachtungen die maximale Beobachtungskapazität erreicht worden, wäre der Effekt zu vernachlässigen.

5.2 Literaturüberblick

Bisher stützt sich die Beurteilung des Risikos von Graureihern gegenüber Windenergieanlagen auf eine doch überschaubare Literaturauswertung sowie die Hinweise aus der Schlagopferdatei von Dürr (2020). In der Schlagopferdatei von Dürr (2020) sind 14 Individuen registriert (Zeitraum Juli 2001 bis Januar 2020).

Es gibt nur wenige Publikationen zum Meideverhalten von Graureihern gegenüber Windenergieanlagen. Die Angaben beziehen sich zudem weitgehend auf nahrungssuchende Graureiher während der Brutzeit in größerer Entfernung zu Brutkolonien oder auf Beobachtungen im Winterhalbjahr. Steinborn et al. (2011) konnten in einer Langzeitstudie kein Meideverhalten gegenüber Windparks bei nahrungssuchenden und überfliegenden Graureihern als Gastvögel nachweisen. Schoppenhorst (2004) stellte an Anlagen älteren Bautyps trotz hoher Betriebsgeräusche während der Brutzeit ebenfalls kein Meideverhalten fest. Graureiher kamen bis zu 15 m an den WEA-Sockel heran, zeigten keine Beeinträchtigungen in ihrem Jagdverhalten (ausdauernde Lauerstellung in Anlagennähe) und hielten sich auch im Bereich des Schattenwurfs sich drehender Rotoren auf. Flugbewegungen wurden auch in 30 m Entfernung der WEA ohne erkennbare Fluchtreaktion beobachtet. Die wenigen Literaturangaben weisen übereinstimmend (vergleiche Reichenbach et al. 2004) auf ein geringes Meideverhalten nahrungssuchender Graureiher hin.

Deutlich schwieriger ist hingegen die Beurteilung der Störempfindlichkeit des Graureihers gegenüber WEA an der Brutkolonie. Neben dem Tötungs- und Verletzungsverbot nach § 44 Abs. 1 Nr. 1 BNatSchG ist aber eben auch das Störungsverbot nach § 44 Abs. 1 Nr. 2 BNatSchG bei der Beurteilung der Zulässigkeit eines Vorhabens relevant.

In Langgemach & Dürr (2020) wird ein Monitoring genannt, das an einer Brutkolonie in Sachsen-Anhalt durchgeführt wurde. Die Entfernung zur nächsten WEA lag zwischen 730 und 800 m. Der Brutbestand brach im ersten Jahr der Inbetriebnahme um 50 % ein, stieg aber im Laufe der Zeit auf ein höheres Niveau als vor dem Bau der WEA. Anschließend nahm der Bestand kontinuierlich ab, wobei Prädation als Grund für das Erlöschen der Kolonie genannt wurde.

5.3 Abstandsempfehlungen

Der Graureiher wird in fast allen Bundesländern explizit zu den windenergiesensiblen Arten gezählt. In aller Regel wird diese Sensibilität mit der Kollisionsgefährdung der Art begründet. In einzelnen Bundesländern wird zudem zumindest anteilig auch ein gewisses Störpotenzial durch Windenergieanlagen angeführt. Maßgeblich für die länderspezifischen Abstandsempfehlungen sind die je Bundesland herausgegebenen Arbeitshilfen oder ministeriellen Erlasse. Viele Bundesländer verweisen dabei auf die Angaben von LAG VSW (2015). Die nachfolgende Tab. 1 fasst die aktuellen länderspezifischen Abstandsempfehlungen und Prüfradien zusammen. Demnach wird der Graureiher lediglich in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein nicht als windenergiesensible Art behandelt. Als Abstandsempfehlung zwischen Brutstätte (Prüfradius 1) und geplantem Vorhaben wird in den übrigen Fällen einheitlich eine einzuhaltende Distanz von 1.000 m angegeben. Für den Prüfradius 2 (etwa für die Identifizierung essenzieller Nahrungshabitate) ergeben sich je Bundesland Empfehlungen von 3.000 m oder 4.000 m.

Die Empfehlungen der staatlichen Fachbehörden zum Graureiher (Tab. 1) mussten sich im Hinblick auf die Empfindlichkeit gegenüber WEA bisher auf den Gesichtspunkt der Vorsorge stützen, da umfangreiche Studien zum Graureiher fehlten. Dies wird am nachfolgend beschriebenen Beispiel deutlich. In den TAK-Brandenburg (MUGV Brandenburg 2018) finden sich folgende Ausführungen:

Tab. 1: Behandlung des Graureihers in den Bundesländern

* = Sachsen verzichtet bislang auf eine landeseigene Abstandsempfehlung und verweist auf die Abstandsempfehlungen von LAG VSW (2015).

„Durch die Konzentration vieler artgleicher Vögel über einen längeren Zeitraum an einem Ort (Brutplatz) kommt es zwangsweise zu Nahrungsengpässen, die durch Flüge in entlegene Nahrungsgewässer kompensiert werden. So fliegen alle genannten Arten durchaus mehrere Kilometer zu ergiebigen Nahrungsquellen. Vor allem Lach- und Sturmmöwen aber auch Graureiher nutzen dabei Ackerflächen zur Aufnahme von Insekten und besonders die Möwen den Luftraum zum Fang von schwärmenden Insekten. Windparks erscheinen deshalb grundsätzlich geeignet, Brutplätze zu beeinträchtigen, indem sie direkt Nahrungsflächen entwerten. Darüber hinaus ist mit hohem Vogelschlagrisiko zu rechnen, wenn Windenergieanlagen im Verbindungskorridor zwischen Brutkolonie und wichtigen Nahrungsgebieten errichtet und in Betrieb genommen werden, wie Totfunde von Möwen aus dem Küstenbereich unter Windenergieanlagen zeigen.“

Es wird ein Abstand von 1.000 m zu Gewässern mit Brutkolonien als Schutzbereich genannt.

Aus den obigen Ausführungen wird erkennbar, dass von in Kolonien brütenden Möwen, für die erhebliche Kollisionsrisiken bekannt sind, auf Graureiher geschlossen wird, obwohl zu dieser Art keine vergleichbaren Kollisionszahlen vorliegen. Auf Basis der bisher dokumentierten Totfunde, der aktuellen Bestandsdaten sowie der Bewertung des

Grundrisikos für die Art stufen Sprötge et al. (2018) den Graureiher konsequenterweise mit einer nur mäßigen WEA-spezifischen Mortalität ein.

5.4 Ergebnisse und artenschutzrechtliche Konsequenzen

Nach den vorliegenden Untersuchungen kann weder ein Störungseinfluss noch ein signifikant erhöhtes Schlagrisiko für den Graureiher am Standort Oldenbroker Feld nachgewiesen werden.

5.4.1 Allgemeine Störradien gemäß Literatur und Abstandsempfehlungen dieser Studie

In der Literatur finden sich unterschiedliche Angaben zu den Störungswirkreichweiten vom Graureiher. Flade (1994) gibt die allgemeine Fluchtdistanz mit weniger als 50 und mehr als 150 m (abhängig vom Jagddruck) an. Es ist allerdings zu berücksichtigen, dass bei einer Windenergieanlage die Störquelle den Luftraum betrifft und es um die Empfindlichkeit der Vögel direkt an der Brutkolonie geht. Beide Faktoren werden bei der Angabe der Fluchtdistanz des Graureihers nach Flade (1994) nicht berücksichtigt. Garniel & Mierwald (2010) geben in der „Arbeitshilfe Vögel und Straßenverkehr“ einen Störradius gegenüber einer Kolonie mit 200 m an. Dieser Wert deckt sich weitgehend mit den Empfehlungen der hier vorgestellten Untersuchung. Aus Sicht der Autoren sollte der an diesem Standort vorhandene kleinste Abstand von WEA zur Brutkolonie von 230 m nicht unterschritten werden. Aus pragmatischen Gründen lautet der empfohlene Mindestabstand zwischen Kolonie und WEA Standort 250 m.

Die Rotordurchmesser der WEA werden allerdings immer noch gesteigert und gleichzeitig bleiben die Nabenhöhen zum Teil niedrig, um beispielsweise Höhenbeschränkungen einzuhalten. Es empfiehlt sich daher, zukünftig den einzuhaltenden Abstand als minimale Entfernung der Rotorspitze zum nächstgelegenen Horst zu definieren. Bei einer Nabenhöhe von 143 m, einem Rotorradius von 56 m und einer Distanz zwischen Horstbaum und Mastfuß von 230 m (wie im vorliegenden Fall) ergibt sich eine minimale Distanz zwischen Rotorspitze und Horst von 207 m, wenn sich der Horst in einer Höhe von 15 m befindet (vergleiche Abb. 10). Auch in diesem Fall runden wir den Wert aus pragmatischen Gründen, um keine Scheingenauigkeit vorzugeben. Die Empfehlung lautet daher, dass auch künftig eine Minimaldistanz von 200 m nicht unterschritten werden sollte. Darüber hinaus ist zu ergänzen, dass im Falle einer Planung von Windenergieanlagen mit besonders großem Rotor bei sehr niedriger Nabenhöhe (etwa Schwachwindanlagen) eine gesonderte Prüfung des Sachverhalts stattfinden sollte.

Gleichzeitig hat die Höhe der unteren Rotorspitze einen entscheidenden Einfluss auf den Anteil der Graureiher, die sich im Risikobereich der Rotoren aufhalten. Es konnte in den Untersuchungen festgestellt werden, dass der weitaus größte Anteil an Flugbewegungen unter 50 m stattfindet. Nach den Erkenntnissen während der Beobachtungen flogen die meisten Graureiher sehr flach über dem Gelände und damit deutlich unter 50 m. Eine erhebliche Vermeidung von Risiken für Graureiher wird durch die Freihaltung eines hinreichend dimensionierten Raumes zwischen unterer Rotorspitze und Geländeoberkante erreicht. Analog zum Ansatz aus dem Signifikanzrahmen gemäß der Umweltministerkonferenz (2020) für Uhu, Rohr- und Wiesenweihe ist im norddeutschen Tiefland eine Höhe der unteren Rotorspitze von 50 m ausreichend, in Regionen mit bewegtem Relief könnten 80 m erforderlich sein (ebenfalls gemäß Umweltministerkonferenz 2020). Dies ist standortbezogen zu prüfen.

Nachfolgend werden die Ergebnisse der Studie mit engem Bezug zu den Verbotstat-beständen gemäß § 44 Abs. 1 Nr. 1–2 BNatSchG dargestellt und hieraus Schlussfolgerungen gezogen.

Fazit für die Praxis

Die hier nachgewiesene fehlende Störempfindlichkeit und die sehr geringe Kollisionsgefährdung der Graureiher durch Windenergieanlagen (WEA) lässt eine Reduzierung der bisherigen Abstandsempfehlungen zu.

• Aufgrund der großen Variabilität in den WEA­Dimensionen (Nabenhöhe und Rotorradius) wird empfohlen, den minimalen Abstand nicht zwischen Kolonie und Mastfuß zu bemessen, sondern zwischen Rotorspitze und nächstgelegenem Horst.

• Die von uns festgestellte geringe Störempfindlichkeit kann nicht auf den Nahbereich der Brutkolonie übertragen werden. Es wird ein Mindestabstand zur Brutkolonie von 200 m zwischen äußerster Rotorspitze und nächstgelegenem Horst, mindestens jedoch 250 m zwischen Mastfuß und Kolonie empfohlen.

• Eine erhebliche Minderung von Risiken für Graureiher wird durch die Freihaltung eines hinreichend dimensionierten Raumes zwischen unterer Rotorspitze und Geländeoberkante erreicht. Für das Norddeutsche Tiefland sind 50 m ausreichend, in Regionen mit bewegtem Relief könnten 80 m erforderlich sein. Dies ist standortbezogen zu prüfen.

5.4.2 Verbotstatbestand Tötung gemäß § 44 Abs. 1 Nr. 1 BNatSchG

Nach den vorliegenden Untersuchungen kann ein signifikant erhöhtes Schlagrisiko für den Graureiher am Standort Oldenbroker Feld nicht nachgewiesen werden. Der überwiegende Anteil an Flugbewegungen erfolgte in einer Höhe von (zum Teil deutlich) weniger als 50 m. Im unmittelbaren Umfeld der Kolonie liegt allerdings eine extrem hohe Konzentration von Flugbewegungen vor, die zum Teil mit sehr „aufgeregtem“ Flugverhalten der Reiher bei der Ankunft in der Kolonie einhergehen. Auch diese Flüge spielen sich zumeist nur in geringen Flughöhen ab (knapp über Baumwipfelhöhe).

Vor dem Hintergrund der oben genannten Sachverhalte und Beobachtungen kann aus Sicht der Autoren bei der artenschutzrechtlichen Beurteilung des Konfliktes Windkraftnutzung und Graureiherkolonie davon ausgegangen werden, dass der Verbotstatbestand nach § 44 Abs. 1 Nr. 1 BNatSchG (Tötungsverbot) im vorliegenden Fall nicht berührt wird. Den Erkenntnissen der vorliegenden Studie zufolge kann dies durch den hier vorliegenden Mindestabstand sichergestellt werden. Eine generelle Reduzierung der bisher in den verschiedenen Leitfäden empfohlenen Abstände von 1.000 m ist aus Sicht der Autoren fachlich gerechtfertigt. Wie weit eine solche Reduzierung gehen kann und ob sie je nach der zu beurteilenden Konstellation variieren sollte, bleibt noch zu prüfen.

5.4.3 Verbotstatbestand Störung gemäß § 44 Abs. 1 Nr. 2 BNatSchG

Das Störungsverbot ist dann einschlägig, wenn Auswirkungen auf den lokalen Bestand zu erwarten sind. Dies kann bei einer deutlichen Zunahme des Bestandes von 30 auf 65 Brutpaare in einem Zeitraum, in dem zwölf zusätzliche WEA (nächstgelegener Brutplatz in 230 m Entfernung zur Kolonie) gebaut und in Betrieb genommen wurden, verneint werden.

Auch ist aus den Untersuchungen nicht erkennbar, dass die Erweiterung des Windparks Einfluss auf die Nutzung der Nahrungshabitate der Kolonie hat. Hier spielt dagegen die landwirtschaftliche Nutzung eine wesentliche Rolle. So konnten beispielsweise bei einer Grünlandmahd bis zu 24 Graureiher auf dem entsprechenden Grünland angetroffen werden.

Die hier untersuchte Graureiherkolonie ist gekennzeichnet durch ihre Lage in einer grünlandgeprägten Marschenlandschaft, die von einem dichten Gewässernetz durchzogen ist. Für eine derartige Konstellation ist festzuhalten, dass sich durch die Windenergienutzung keine Störungseinflüsse ergeben. Zu den Standortbesonderheiten gehört sicherlich, dass die gesamte umgebende Landschaft ein gutes Nahrungshabitat für die Graureiher darstellt und die Vögel nicht die Notwendigkeit haben, gezielt isolierte, besonders geeignete Schwerpunktgebiete für die Nahrungssuche anzufliegen. Allerdings wäre gerade in einer solch „komfortablen“ Situation zu erwarten gewesen, dass bei einem angenommenen Störeinfluss der WEA die Graureiher in signifikanter Weise die Anlagen meiden und ihre Nahrungssuche auf gleichermaßen geeignete Räume ohne Störeinflüsse verlagern. Die vorliegende Untersuchung zeigt jedoch deutlich, dass dieses Verhalten nicht eingetreten ist. Gleichwohl ist die Aufgabe jeglichen Abstands zu einer Graureiherkolonie nicht geboten. Tests mit einer Drohne zur Ermittlung der Zahl der besetzten Horste in der Kolonie etwa haben eine sehr hohe Störempfindlichkeit der Tiere innerhalb der Kolonie ergeben. Bei den immer größer werdenden Rotordurchmessern moderner WEA ist daher auf die oben genannten Abstände zu achten, um eine unmittelbare Störung am Brutplatz zu vermeiden.

Literatur

Aus Umfangsgründen steht das ausführliche Literaturverzeichnis unter Webcode NuL2231 zur Verfügung.

KONTAKT

Dr. Hanjo Steinborn ist diplomierter Landschaftsökologe und Büroleiter im Büro Sinning, Büro für Ökologie, Naturschutz und räumliche Planung. Langjährige Erfahrung als Ornithologe und ökologischer Gutachter, zahlreiche Gutachten und Publikationen zum Thema Windkraft und Vögel. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Umweltgutachten, Koordination, Planung, Feldarbeit, Monitoring und statistische Datenanalyse.

> hanjo.steinborn@buero-sinning.de

M. Sc. Tammo Koopmann ist Landschaftsökologe und angestellt im Büro Sinning, Büro für Ökologie, Naturschutz und räumliche Planung. Seit 2011 Tätigkeit als ökologischer Gutachter in der Naturschutzbranche, neben weiteren Vorhabentypen mehrjährige Erfahrung in der Thematik Windkraft und Vögel. Schwerpunkte: Feldarbeit, Monitoring, Geoinformatik, statistische Datenanalyse und Planung.

> tammo.koopmann@buero-sinning.de

Dipl.-Ing. Martin Sprötge ist Landschaftsarchitekt und geschäftsführender Gesellschafter der planungsgruppe grün gmbh. Langjährige Erfahrung als ökologischer Gutachter. Seit 1993 mit Windenergieprojekten beschäftigt (Feldarbeit, Monitoring, Umweltgutachten, Bauleitplanung, Genehmigungsverfahren, Beratung in Gerichtsverfahren). Veröffentlichungen und Vorträge sowie Qualitätssicherung in Forschungsprojekten zu Fragen der Bewältigung des Konfliktes Windenergie und Naturschutz. Mitarbeit am Leitfaden „Umsetzung des Artenschutzes bei der Planung und Genehmigung von Windenergieanlagen in Niedersachsen“.

> sproetge@pgg.de